Birgisson | Die Landschaft hat immer recht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Birgisson Die Landschaft hat immer recht


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7017-4568-5
Verlag: Residenz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4568-5
Verlag: Residenz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



An der einsamsten Küste Islands, in einem kleinen Dorf in den Westfjorden, in dem die Zeit stillzustehen scheint, lebt Halldór, genannt Dóri, als Fischer. Täglich fährt er auf einem kleinen Kutter hinaus und zieht Kabeljau, Seehasen oder Hering aus dem Meer. In seinem Tagebuch schreibt Dóri über das Wetter und die Natur, die sein Leben bestimmen, über philosophische Fragen, die ihn beschäftigen, und über seine Suche nach der Liebe. Der alte, weise Jónmundur, der selbst nach einem Schlaganfall ans Bett gefesselt ist, ist es, der dem jungen Mann die Schönheit der Welt offenbart. Als Dóri vor einer großen Entscheidung steht, ermutigt ihn Jónmundur, um die Frau seines Lebens zu kämpfen.

Bergsveinn Birgisson, geboren 1971 in Rejkjavik, studierte altnordische Literatur in Bergen (Norwegen) und forscht vor allem zur Dichtung des skandinavischen Mittelalters. Er publizierte zwei Gedichtbande und mehrere Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Sein Romandebut 'Die Landschaft hat immer recht' (Landslag er aldrei asnalegt) erschien 2003 und wurde für den Isländischen Literaturpreis nominiert, mit seinem dritten Roman 'var vid brefi Helgu' wurde er 2012 für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Bergsveinn Birgisson lebt in Bergen, wo er auch an der Universität lehrt. In norwegischer Übersetzung erscheinen Birgissons Romane im ausgewählten Literaturprogramm des Pelikanen Forlag, der von Karl Ove Knausgard geleitet wird.
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Das Begräbnis von Snæfríður und Überlegungen zur nächsten Welt


Kein Wetter zum Hinausfahren in den letzten Tagen. Eine Windfront aus Westen und Nordwesten im Fjord und die Seehunde wälzen sich auf den Schären und warten auf ein Wunder. Die Wolken sehen nicht viel anders aus als auf den Heiligenbildchen der Sonntagsschule, die wir als Kinder gesammelt haben und auf denen Christus gerade im Begriff war, vom Himmel herabzusteigen. Weiße, dicke Pölster mit Löchern aus dem Blau des Frühlingshimmels dazwischen. Hierher ist dennoch kein Christus gekommen, und auch keine anderen Touristen, andererseits ist die alte Snæfríður von Kúvíkurnes ihren Weg gegangen. Sie wurde am Sonntag beerdigt und wir Küstenfischer erschienen zahlreich zu ihrem Begräbnis.

Der Körper der alten Snæfríður war völlig gekrümmt nach einem langen Leben voll harter Arbeit, in dem sie sich über sonnengetrockneten Salzfisch gebeugt, Kühe gemolken und um dreizehn Kinder gekümmert hatte, die alle das Erwachsenenalter erreichten. Diese rückenkrumme Frau, die das Leben geschunden und gebeugt und zu einem großen Fragezeichen geformt hatte, strickte ohne Unterlass bis zu ihrem letzten Atemzug weiter, wie gesagt wird, und aller Wahrscheinlichkeit nach starb sie mitten in einem Socken.

Das alte Ehepaar, Snæfríður und Þorsteinn, wohnte zusammen in einem Keller auf Kúvíkurnes, aber ihr Sohn und seine Familie leben auf dem Hof. Jetzt ist es eher traurig in Þorsteinns Umgebung. Er hat sicher ein paar Alterswehwehchen, aber er kennt eine unglaubliche Menge Strophen und Lieder aus alter Zeit. Þorsteinn hatte sich sicher eine ganze Weile darüber gewundert, dass seine Snæfríður nicht aufwachen und zu den Stricknadeln greifen wollte. Als die Leute auf dem Hof ihm sagten, dass Snæfríður gestorben sei, sprach er diese unvergesslichen Worte: Ach so, ist sie tot? Sie ist bis jetzt noch nie gestorben.

Und das war genau genommen ganz richtig, was Þorsteinn da sagte.

Der Wiesenrand um die Kirche war sattgrün geworden, und das Meer draußen blau und der Himmel, wie schon gesagt, mit weißen Kissen überzogen, bereit für Christus. Es herrschte ein ziemlicher Seegang und das Brausen der Brandung mischte sich in die Rede des Pfarrers, der über das Leben nach dem Tod sprach und wie wichtig es sei, vom Wasser des Lebens gekostet zu haben, so wie die selige Snæfríður, bevor man in der nächsten Welt ankomme.

Die Schafe blökten und grasten rund um die Kirche und man konnte sich gut vorstellen, dass sie Engel waren.

Ebbi und Bensi sind im Kirchenchor, so wie auch zwei Ehepaare von weiter fjordeinwärts, und es ist die größte Merkwürdigkeit, wie sehr ihre Stimmen zusammenklingen, wenn sie singen. Obwohl alles im Erscheinungsbild dieser Brüder gegensätzlich und widersprüchlich ist, bilden ihre Stimmen eine wunderschöne Harmonie, die alles Gegensätzliche auslöscht. Wenn sie an der Orgel stehen und das Herz der Kirche zu schlagen beginnt und ein Gebet in das Gewölbe darüber schickt, dann werden sie wie zwei Algenbüschel in der Brandungszone, die sich in völliger Übereinstimmung wellen. Gusi saß neben mir und summte mit. Wie würde Gusi die Kirche einrichten, wenn seine Religion das entscheiden dürfte? Einen glänzenden Heilbutt als Altarbild, ein Seehundfell auf das Kreuz gespannt?

So wurde gesungen in der kleinen Holzkirche am Meer und die Brandung stimmte in jeden Vers ein und durch die Wolken blitzte der Himmel und dichte Sonnenstrahlen streiften die Inseln weiter draußen.

Was wird aus uns?

Ich meine, wohin geht das Leben nach dem Tod und was soll man in der nächsten Welt tun? Geht das Leben vielleicht nirgendwohin? Ist das vielleicht so, wie man sich satt auf eine Bank legt und einschläft und aufwacht und dann ist die Sattheit dahin? Verlässt einen das Leben wie die Sattheit und ist nicht mehr? Oder verlässt man vielleicht den Körper? Muss man umherwandern wie ein Geist, oder warum heißt es in dem Psalm, den wir sangen:

,

,

.

Wird Gott uns vielleicht lange, nachdem wir begraben wurden, aus der Erde holen? Ich lege keinen Wert darauf, auf diesem Friedhof mitten in der Nacht einer Schar frisch aus den Gräbern Gestiegener zu begegnen. Vielleicht erhalten wir dann diesen sogenannten geistigen Leib, und ob das wohl dasselbe ist wie das, was manche Seele nennen?

Über all das begann ich während der Messe auf der Kirchenbank nachzudenken und kam auf keinen grünen Zweig mit meinen Gedanken. Þorfinnur, der Organist, schlug die Orgel zu den Psalmen, was falsch klang. Er gab der Orgel die Schuld – wie ein schlechter Ruderer dem Paddel die Schuld gibt.

Ich ging als Letzter aus der Kirche und der Pfarrer schüttelte mir in der Tür die Hand. Da fiel mir ein, ich könnte meine Nachweltüberlegungen mit ihm besprechen, aber das Gespräch lief aus dem Ruder:

Ich: Ach, ja, nein. Das wird sich schon noch zeigen …

Pfarrer: Gut, gut, Halldór. Das ist alles, was zu sagen ist.

Sind Schafe Engel?

Das hängt davon ab, wie man es betrachtet, lieber Halldór. Sie sind dicklich und lockig. Und dienen dem Menschen, sodass die Frage sicherlich Hand und Fuß hat. Und dann lachte der Pfarrer und es klang so, wie wenn ein Blasebalg Luft ansaugt oder wie wenn man auf einen halbtoten Seehasen steigt.

Wir machten auf dem Heimweg auf Hneitistaðir halt. Noch mehr Kaffee. Noch mehr hauchdünne Pfannkuchen. Am Küchentisch auf Hneitistaðir herrscht überbordendes Leben in jedem Winkel. Anna, die Frau des Bauern Grímur, lacht über jeden Satz, der geäußert wird, wodurch der Satz sofort lächerlich wird. Und ihr Doppelkinn schwingt hin und her, wenn sie lacht. Dann ist da auch die alte Sigurveig, die auf einem Hocker beim Herd sitzt und schon lange mit der Einrichtung eins geworden ist. Sie sitzt zuerst ganz regungslos da, während gesprochen wird, und reckt den Kopf ein wenig, sodass sie in vielem an einen Goldregenpfeifer erinnert, der innehält und nach dem Wurm horcht. Dann sagt man etwas Komisches, das sie versteht, und dann sagt sie: Gott Allmächtiger, und lacht auf und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie es auch so meint.

Ich war wohl ein wenig verkatert und begann, darüber nachzudenken, dass die nächste Welt wahrscheinlich ähnlich wäre wie diese: In einem Zustand verkaterter Idiotie zwischen Bauernhöfen herumgefahren zu werden, auf denen schwergewichtige Hausfrauen Pfannkuchen backen und einem immer die saftigsten Geschichten von den benachbarten Höfen als Draufgabe aufgetischt werden. Und das Doppelkinn der Hausfrauen schwabbelt, wenn sie lachen.

Das wäre ja eine brauchbare Welt danach.

Nein, da schau her, es ist ziemlich sinnlos, darüber nachzudenken, mein lieber Dóri, sagte Ebbi und zuckerte sich seinen Pfannkuchen. Sieh mal, keiner weiß, was nach dem Leben passiert, aber alle werden es eines Tages wissen. Es bringt nichts, mitten im Winter darüber nachzudenken, wie das Gras im nächsten Sommer sprießt. Im Gegenteil, im Gegenteil, kam es da von seiner anderen Hälfte, wenn du dir nie ein Bild vom Leben nach dem Tod gemacht hast und nichts ersehnst, dann ist es auch nicht sicher, dass sich irgendetwas bei dir ereignen wird. Zuerst muss man einen Traum haben, und dann an ihn glauben, bis er wahr wird. Ja, ich meine, genau so ist es, und Annas Doppelkinn wackelte und die alte Sigurveig sagte: Gott Allmächtiger. Die Gardine wellte sich in der westlichen Brise. Es war sonnig geworden.

Tja, das wäre wenigstens ein Paradies, von deinen Kindereien befreit zu werden, sagte Ebbi. Bensi: Kindereien! Und damit hob der Gesang dieser Stimmen an, die entweder Einklang oder Misston produzieren, und Doppelkinn und Gott Allmächtiger tanzten wie nie zuvor.

Als wir nach Hause kamen, ging ich hinunter zu meinem Boot und da war Gusi auf der »Seeadler« beim Knüpfen der Fangleinen. Jetzt stand der Wind aus Westen und Gusi erzählte mir die Geschichte, als er im Weststurm vor einem Jahr auf die Nase gefallen war, sechs Seemeilen östlich der Heljarschären. Nie hatte er ähnlich heftige Seitenwinde erlebt. Plötzlich war es, als sei der ganze Himmel in Bewegung geraten, und die Wolken, die am ehesten noch fetten, nackten Weibern glichen, lösten sich in Ungeheuer auf, die auf die Bucht hinaus hetzten. Das nannte er eine große Tat. Kurze Zeit später kam eine kalte Wand auf ihn zu, Wellen, so scharf, dass er das Boot aus dem Brecher lenken musste, um nicht geradeaus einzutauchen und den Schwall an Deck zu bekommen. So hielt er eine Weile das Boot an derselben Stelle, bis er sah, dass das Land näherkam. Und was machte da der Alte?

Sein Boot, die »Seeadler«, war bei Gegenwind immer so stabil gewesen, doch jetzt drehte er sie mit...



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