E-Book, Deutsch, Band 1, 516 Seiten
Reihe: Ein Roman über die Anderen
Bishop In Blut geschrieben
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95991-610-3
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 516 Seiten
Reihe: Ein Roman über die Anderen
ISBN: 978-3-95991-610-3
Verlag: Drachenmond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Bishop ist eine New York Time Bestseller Autorin und Gewinnerin des RT Book Reviews 2013 Career Achievement Award in der Kategorie SF/Fantasy. Weiterhin gewann sie den William L. Crawford Memorial Fantasy Award für die 'Schwarze Juwelen' Trilogie. Ihren ersten Roman 'Daughter of the Blood' veröffentlichte sie 1998. Wenn Anne nicht schreibt, genießt sie Gartenarbeit, Lesen und Musik.
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5. Kapitel
Am nächsten Tag warteten acht Ponys auf Post und Mohrrüben. Meg füllte ihre Körbe und verteilte die Leckerbissen, erleichtert, dass sie gerade genug für alle dabei gehabt hatte. Sie war sich nicht sicher, ob die Ponys zählen konnten und daher bemerkt hatten, dass das letzte von ihnen nur eines statt zwei Stückchen abbekommen hatte. Dieses Risiko wollte sie das nächste Mal lieber nicht eingehen.
Sie winkte den davontrottenden Ponys hinterher, schloss die Tür hinter ihnen, wusch sich die Hände und machte sich wieder an das Post sortieren. Offenbar gab es am Wassertag wenige Menschenlieferungen, doch dafür umso mehr Lieferwagen mit dem Erd-Ureinwohner-Symbol. Diese hielten jedoch nicht am Verbindungsbüro, sondern fuhren durch die Zufahrtsstraße zwischen dem Verbindungsbüro und dem Konsulat auf den Lieferbereich des Marktplatzes.
Merri Lee hatte ihr erklärt, dass der Lakeside-Courtyard von den Terra Indigene als Zwischenstation genutzt wurde, wenn sie Menschengüter beziehen wollten, ohne sich in direkten Kontakt mit Menschen zu begeben. Fleisch, Milchprodukte und landwirtschaftliche Erzeugnisse wurden von den Höfen, die die Anderen im Umland betrieben, angeliefert. Sachen wie Kleidung, Bücher, Filme und sonstige Dinge, die sie schätzten, wurden von dort bezogen.
Meg schaute sich die vergessenen Pakete im Sortierraum näher an. Zu Händen des Lakeside-Courtyards, stand darauf. Sollten diese zusammen mit den anderen Lieferungen in die Terra Indigene-Siedlungen gehen? Sie wollte Henry damit nicht belästigen. Außerdem ging der sowieso selten ans Telefon. Und bei dem großen bösen Wolf wollte sie schon gar keine Auskunft einholen. Doch irgendjemanden musste Meg nun mal leider fragen. Also rief sie im Buchladen an und wartete, während es in der Leitung klingelte und klingelte.
»Vielleicht ist er von einem Baum umgenietet worden«, murmelte Meg und stellte sich vor, wie ein gewisser Wolf von einem bergab rollenden Baumstamm plattgewalzt wurde. Es passierte in einigen der Videos, die man ihr gezeigt hatte, also konnte so was passieren – oder? Der Gedanke heiterte sie jedenfalls so sehr auf, dass sie sich das gleich noch einmal vorstellte. Diesmal ließ sie den Baumstamm zu einer Kuchenrolle werden, der den Wolf zu dünnem, pelzigen Plätzchenteig ausrollte.
»Howling Good Reads«, meldete sich eine Männerstimme, die definitiv nicht seine war.
Es dauerte eine Sekunde, bis Meg sich gesammelt hatte. »Hier ist Meg Corbyn.«
»Wollen Sie mit Simon sprechen?«
»Nein.«
»Oh.«
Sie versuchte an eine Frage zu denken, die jeder im Laden beantworten konnte, damit sie wieder auflegen konnte, bevor er von ihrem Anruf erfahren hatte. Dann schaute sie die Pakete an.
Re-Erinnerung. Eine Frau in einem Karton – ein ganz besonderes Überraschungsgeschenk. Leider hatte keiner gewusst, was sich in dem Karton befand, und niemand hatte den Eilvermerk darauf beachtet, als die Kiste nicht sofort weitergeleitet wurde.
Die Mädchen mochten sich nicht an den Wortlaut der Prophezeiungen erinnern, die sie aussprachen, aber die Bilder blieben. Sie wurden aufgenommen wie die Trainingsbilder, die etwas Erinnertes mit etwas verbanden, das gerade geschah. Jean nannte diese Bilder Re-Erinnerungen, weil sie mehr waren als Trainingsbilder, aber weniger als persönliche Erinnerungen.
Zwar befand sich in keiner der vergessenen Kisten eine Frau und es waren auch in keinem anderen Karton irgendwelche Todesfälle zu beklagen. Doch irgendwie umgab jedes dieser Pakete eine Aura der Enttäuschung.
»Kann mir irgendjemand sagen, ob die Pakete, die sich hier in meinem Büro befinden, in den Erd-Ureinwohner-Lkws mit ausgeliefert werden sollen?«
Eine Pause. »Jemand anderes als Simon?«, fragte eine Stimme vorsichtig.
»Ja.«
Gedämpftes Stimmengemurmel. Offenbar hatte man am anderen Ende eine Hand über den Hörer gelegt, doch Meg konnte immer noch den Nachdruck in der Stimme hören und fragte sich, wie viele Probleme sie mal wieder verursachte.
Es folgte eine solche Totenstille, dass sie zuerst dachte, jemand hätte den Hörer aufgelegt. Aber dann meldete sich die Stimme wieder und sagte: »Vlad schaut gleich mal vorbei.«
»Danke«.
Meg legte auf und ging wieder an die Arbeit. Sie war sich nicht sicher, dass sie mit Vlad besser bedient sein würde als mit ihm, aber wenigstens hatte er sie nicht angeschrien. Noch nicht.
Vlad lehnte lässig an der Bürotür und lächelte auf eine Art und Weise, die Simons Fangzähne instinktiv länger und spitzer werden ließen und seine Fingernägel zu harten, scharfen Krallen verlängerten.
»Ich geh dann mal rüber ins Verbindungsbüro,«, sagte Vlad im Plauderton.
»Warum?«, fragte Simon.
»Weil es so aussieht, als ob Meg ziemlich nachtragend ist und es ablehnt, mit dir zu sprechen. Und irgendwie hab ich das Gefühl, dass du ganz genau weißt, was sie dir nachträgt. Sonst würdest du nicht den gesamten Morgen freiwillige Strafarbeit an deinem Schreibtisch leisten.«
»Ich leiste überhaupt keine Strafarbeit!«
»Na, dafür hast du aber gestern ganz schön Stunk gemacht.«
»Sie hat Stunk gemacht.«
»Ist mir gleichgültig, wie du die Geschichte erzählst«, sagte Vlad und löste sich vom Türrahmen. »Das ändert jedenfalls nichts an den Tatsachen.«
»Ach, hau doch ab.«
»Das habe ich auch vor. Wer hält es denn heute schon in deiner Nähe aus?«
Simon schoss aus dem Stuhl hoch.
Vlad starrte Simon an, hob dann aber beschwichtigend die Hände. »Ich gehe da auf ihre Bitte hin, um ihr eine Frage zu beantworten. Das ist alles. Du hast mein Ehrenwort, Simon Wolfgard.«
Es war dumm, mit einem Freund zu streiten. Simon kannte Vlad gut genug, um zu wissen, dass der ihn nur wegen seines gestrigen Verhaltens aufzog. Und es wäre ohnehin dümmer als dumm, mit einem der Sanguinati Streit anzufangen. Doch es kostete ihn mehr Mühe als sonst, Vlads Ehrenwort zu akzeptieren.
Simon zwang sich, wieder komplette Menschengestalt anzunehmen. Dann setzte er sich, griff zu einem Kugelschreiber und sagte betont gleichgültig: »Dann ist’s ja gut. Und wenn du unbedingt jemanden probieren willst, tu uns allen einen Gefallen und versuch’s mal mit Asia Crane.«
Vlad lachte. »Jetzt bist du aber wirklich gemein.«
Anhand der Bilder, die sie während ihres Identifikationstrainings gesehen hatte, wäre Vlad, ein hochgewachsener, dunkelhaariger Fremder, als ein gefährlicher Nervenkitzel klassifiziert worden.
Vlad machte ihr Angst. Seine Bewegungen waren noch geschmeidiger als die der anderen Terra Indigene, die sie bisher gesehen hatte. Die hatten ihre Raubtiernatur jedenfalls offen sichtbar vor sich hergetragen. Bei Vlad bemerkte man das wahrscheinlich erst, wenn es schon viel zu spät war.
Und doch gebärdete er sich höflich und vermied es, ihr zu nahe zu treten, während er sich die Adressen auf den Paketen ansah, die sie für ihn zur Seite gestellt hatte. Er stimmte ihr zu, dass diese auf die Lieferwagen der Terra Indigene gehörten.
Dann rief Vlad Jester an und bestellte einen Ponyschlitten für die Pakete. Während sie darauf warteten, erklärte er Meg, dass die betreffenden Fahrer am besten wussten, welches Paket auf welchen Wagen gehörte.
Jester kam mit einem Pony namens Wirbelwind. Er half Vlad beim Verladen der Pakete. Dann machte sich Wirbelwind auf den Weg zum Lieferbereich, auf dem die Wagen standen.
»Wenn das alles war, mache ich mich jetzt wieder auf den Weg zum Buchladen. Simon kümmert sich gerade um Papierkram, daher wird er heute kaum Kundenkontakt haben«, lächelte Vlad. »Und ich bin ziemlich sicher, dass er um die Mittagszeit einen kleinen Spaziergang machen wird«, bemerkte er leichthin beim Weggehen.
Das bedeutete wahrscheinlich, dass er seine Nase hier in die Tür stecken und wieder was zum Kritisieren finden würde. Was ein Simon Wolfgard halt so alles für kritikwürdig befand.
»Was machen wir mit diesen Paketen?«, fragte Jester mit einem Blick auf die Post, die noch auf dem Handkarren verblieben war. »Soll ich Wirbelwind noch mal herbestellen?«
»Nein«, sagte Meg schnell. »Ich denke, ich nehm mal das KAR und liefere sie selbst aus. Sie haben selbst gesagt, dass ich das tun kann.«
»Stimmt, das hab ich gesagt.« Das spitzbübische Glitzern in seinen Augen ließ deutlich durchblicken, dass ihm sonnenklar war, warum sie ihre Mittagspause unbedingt dafür verwenden wollte. »Haben Sie es schon von der Ladestation abgekoppelt?«
Meg schüttelte den Kopf. Das war wieder eines dieser Dinge, die sie noch nicht versucht hatte.
»Dann mach ich das dieses Mal und bring es hier vorbei.«
»Ist es okay, wenn ich den Lageplan mitnehme, um mich zurechtzufinden?«
Diesmal lachte er nicht. »Den sollten Sie dann aber nicht verlieren.«
Oder jemand anderem geben. »Ich pass drauf auf«, sagte Meg laut.
Nun lag eine andere Art von Lachen in seinen Augen. Gerissen und beinahe raubtierhaft. »Ich geh mal bei 3P vorbei und mach noch ein Exemplar bei Lorne. Der ist zwar ein Mensch, aber man kann ihm trotzdem vertrauen.« Man konnte Jesters grimmigem Lächeln deutlich entnehmen, dass sich durchaus nicht alle Menschen, die für die Anderen gearbeitet hatten, als vertrauenswürdig erwiesen hatten. »3P steht für Post, Presse und Papier. Lorne verkauft Schreibwaren und alles Nötige, um Post außerhalb des Courtyards zu verschicken. Und er gibt die Wochenzeitung heraus.«
»Es gibt eine Zeitung?«, entfuhr es Meg...




