Prolog
New Orleans, Louisiana
April 1847
Christien Lenoir wartete am Eingang des Théâtre d’Orléans. Die Daumen lässig in seinen Westentaschen und den Rücken an eine der dorischen Säulen gelehnt, war er bis aufs Äußerste angespannt. Die erhoffte Dame sollte jeden Augenblick erscheinen. Ein einziger Augenaufschlag würde ihm genügen, um zu entscheiden, ob er weitermachen oder die Angelegenheit auf sich beruhen lassen würde.
Während er noch in der Eingangshalle stand, strömte um ihn herum die High Society des Vieux Carré aus dem Theater und verlor sich in der feuchtwarmen Nacht. In kleinen Gruppen, bestehend aus Paaren mit ihren Anstandsdamen, Familien, Witwen und ledigen Herren, bewegte sich der Menschenschwarm an ihm vorbei, zurück in die Straßen der Stadt, eingehüllt in Gesprächsfetzen und das Summen der eben gehörten Melodie aus L’elisir d’amore. Die flackernden Gaslampen an den Arkaden der Eingangshalle verbreiteten ein warmes Licht, in dem die Juwelen, die Seiden- und Satinstoffe, der Samt sowie das feine Linnen der Operngäste glänzten. Auf der Straße spiegelte sich das Licht des Theaters in den Pfützen und auf den nassen Kutschen, deren fluchende Fahrer sich bereit machten, ihre Herrschaft wieder nach Hause zu bringen. Während der Vorstellung hatte es geregnet und die Wasserlachen, die sich auf dem unebenen Straßenpflaster gebildet hatten, kräuselten sich zu glitzernden Wellen, als die Kutschenräder und Pferdehufe durch sie hindurchpflügten.
Christien nahm Haltung an, denn plötzlich tauchte Madame Reine Marie Cassard Pingre in Begleitung ihrer kleinen Tochter auf. Sie kamen beide näher und gingen so knapp an Christien vorbei, dass er das Rauschen der seidenen Unterröcke hören konnte und den zarten Duft von Rosenwasser und Lavendel wahrnahm. Den Blick geradeaus gerichtet, schien Madame Pingre direkt die nahe gelegene Straßenecke anzuvisieren, wo sich die Rue d’Orléans mit der Rue Royale kreuzte.
Sie war wunderschön, so wie alle unerreichbaren Dinge besonders reizvoll und anziehend sind. Christien folgte ihr mit geschärftem Blick und fühlte ein Prickeln in seinem Nacken, dem Gefühl ähnlich, das er verspürte, wenn er einem unberechenbaren Gegner gegenüberstand.
Mutter und Tochter sahen einander verblüffend ähnlich. Die hellbraunen Haare zeigten einen Schimmer von Gold und endeten in lockigen Strähnen, die sanft über ihre zarten Wangen strichen. Ihre raffinierten Hochsteckfrisuren, geschickt von feinen Nadeln zusammengehalten, wurden durch einen Kopfschmuck von rosa Kamelien gekrönt. Beide hatten große, neugierige Augen, eine wohlgeformte Nasen und ein Kinn, das eine gewisse Entschiedenheit erkennen ließ. Ihre schlanken Körper waren von lavendelfarbenen Seidenstoffen umhüllt. Die eleganten, modisch geschnittenen Kleider ließen dabei jedoch kaum mehr die angemessene Trauer erahnen. Ihre gegenseitige Zuneigung war auf den ersten Blick zu erkennen. Madame Pingre blickte mit Liebe auf ihre wohl erst vier oder fünf Jahre alte Tochter hinunter, deren zarte, mit einem weißen Handschuh bekleidete Hand vertrauensvoll in der ihrigen lag.
Christiens Nerven waren bis aufs Äußerste angespannt. Die Straßenlaternen schienen heller zu leuchten als zuvor, die Nacht fühlte sich kühler an, und das Gemurmel der Opernbesucher kam ihm wie ein Tosen vor. Sein Herzschlag beschleunigte sich immer mehr, während sich in seinen Lenden ein stechender Schmerz breitmachte.
Er wunderte sich über diese plötzliche Regung seines Herzens. Als maître d’armes, einer der berühmtesten Waffenmeister der Stadt, waren seine Tage mit den typischen Aktivitäten, denen ein Mann nachzugehen pflegte, ausgefüllt. Dabei blieb wenig Zeit für weibliche Gesellschaft, schon gar nicht für den Umgang mit angesehenen Damen. Er hatte jeglichen Gefühlen abgeschworen und war darin geübt, ohne zarte Bande auszukommen. Derartige Anwandlungen verbannte er konsequent aus seinen Gedanken, denn er wollte einfach nicht der Sklave seiner Gefühle werden. Er glaubte, gegen den berühmten coup de foudre immun zu sein, diesem Donnerschlag der Liebe, der aus gestandenen Männern willenlose Narren machte.
Allerdings hatte er nicht die Kraft der weiblichen Anziehung berücksichtigt, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er bereits seit geraumer Zeit alleine war. Dies könnte sich als verhängnisvolle Nachlässigkeit herausstellen.
Obwohl rein körperliches Verlangen nicht wirklich das Problem war, vermochte er es nicht, seine Augen von der Dame abzuwenden; er fühlte, wie es ihn nach ihrem Geruch dürstete, nach dem Gefühl, seinen Körper an ihrem zu spüren. Noch stärker aber war das brennende Verlangen, neben Mutter und Tochter zu stehen, sie nach Hause zu begleiten, sie zu beschützen und ein Teil ihrer kleinen Familie zu werden.
Christien schluckte, denn er hatte plötzlich das Gefühl, dass es ihm die Kehle zuschnüren wollte. Er war sich wohl bewusst, wer diese beiden waren, welchen Status Mutter und Tochter innerhalb der französischen Gesellschaft von New Orleans hatten, und dass er aufgrund seiner Herkunft in ihrem engen Bekanntenkreis keinen Platz haben konnte. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, war nicht neu für ihn, doch in diesem Fall machte es sich besonders schmerzvoll bemerkbar.
Madame Pingre war nun schon das zweite Jahr verwitwet, sodass sie nun langsam die zur Schau getragene Trauer ablegen konnte. Das Gemunkel über den Tod ihres Mannes war Christien nicht unbekannt. Es kursierten Gerüchte über einen blutigen Mord, der ihr angeblich sehr gelegen kam. Sie gehörte durchaus zu der Sorte Frau, die einen Mann dazu bringen konnte, zu töten, um sie zu besitzen; doch noch glaubte er an ihre Unschuld, denn dies war die einzige Möglichkeit, die Angelegenheit erfolgreich zu Ende zu bringen.
Mutter und Tochter lebten in einem der Stadthäuser in der Rue Royale, in einer Zweitwohnung, die man sich für die saison des visites leistete, der jährlichen Flucht vom Landleben in die Ballsaison der Stadt, wo man mondäner Unterhaltung inmitten des aufkommenden Frühlings frönen konnte. Für die beiden ergab sich somit keine Notwendigkeit, mit den anderen Gästen der Oper herumzustehen und auf eine der Kutschen zu warten, die sich ihren Weg durch den Straßenschlamm bahnen mussten. Sie würden einfach auf dem noch etwas nassen Bürgersteig entlang nach Hause gehen.
Madame Pingres Aufmerksamkeit war ganz auf ihre Tochter gerichtet, und sie hatte für die anderen Leute kaum einen Blick übrig. Sie schien sich in einer Aura der Zurückgezogenheit zu bewegen und dies auch zu bevorzugen.
Nichtsdestoweniger wäre eine männliche Begleitung angebracht, sinnierte Christien vor sich hin. Sicherlich müsste ihr Vater, Monsieur Cassard, in der Nähe sein, doch er verspätete sich, da er sich nicht von dem Gespräch mit seinen Bekannten lösen wollte. Auf diese Weise waren Madame Pingre und ihre Tochter für einen Augenblick ohne Schutz. Angesichts dieser Tatsache konnte Christien seinen Ärger und seine Besorgnis nicht verbergen.
Direkt vor ihr ging eine Witwe in einem moosgrünen Samtkleid und mit einer üppigen Perlenkette um den Hals, die sich spontan umdrehte und Madame Pingre einen freundlichen Gruß zurief. Diese errötete leicht und blieb stehen, um mit der Dame zu plaudern, wobei letztere wohl auch noch einige Beschwerden über die schauspielerische Leistung des soeben gehörten Tenors in einem Wortschwall über die beiden ergoss. Die kleine Marguerite Pingre stand indessen gelangweilt neben ihrer Mutter, schaute in die Gegend und schwang die Hand ihrer Mutter in großem Bogen hin und her.
Sie blickte spontan in die Richtung, in der Christien stand, vielleicht, weil dieser so angespannt die Situation beobachtet hatte. Sie blinzelte ihm zu, wandte sich dann aber in demonstrativ feierlichem Interesse der Unterhaltung der beiden Damen zu. Christien lächelte und beugte seinen Kopf in einer betont galanten Manier zum Gruße.
Die kleine Marguerite verzog die Mundwinkel nach unten und kehrte ihm wieder den Rücken zu. Sie schnappte sich die Finger ihrer Mutter mit beiden Händen und drückte ihre Stirn gegen den gebauschten Bund ihrer weißen Opernhandschuhe. Für einige Sekunden versteckte sie auf diese Weise ihr Gesicht vor dem merkwürdigen Beobachter, dann aber riskierte sie doch wieder einen kurzen Blick über die Schulter.
Es schien Christien wie ein großer Sieg, viel schmeichelhafter als ein kokettes Zurschaustellen von unverhohlenem Interesse. Unwillkürlich musste er lächeln.
Der Blick der Kleinen wanderte umher. Plötzlich hielt sie in ihrer Bewegung inne und wurde ganz starr, die Farbe wich aus ihrem Gesicht, und mit einem schrillen Schrei befreite sie sich von der Hand ihrer Mutter. Mit flatternden Röcken und weißen Satinschuhen sprang sie vom Bürgersteig auf die Fahrbahn. In diesem Augenblick bog ein offener Zweispänner, gezogen von zwei prächtigen Apfelschimmeln, in raschem Tempo um die Straßenecke. Während die Kutsche auf das Theater zuraste, stand das Mädchen auf Zehenspitzen im Straßenschlamm und hielt eine kleine, verschmutzte Statue in der Hand.
Madame Pingre drehte sich alarmiert um und...