E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Blake Mr. Frosty Pants
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96089-489-6
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-96089-489-6
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kann eine echte Liebe ein gefrorenes Herz wieder erwärmen? Als Casey Stevens vor vier Jahren wegzog, um zu studieren, ghostete er seinen besten Freund Joel Vreeland. Er hatte die Hoffnung, dass die Entfernung ihn seine unerwiderten Gefühle vergessen lassen würde, doch alles, was passierte, war, dass er Joel immer mehr vermisste. Als Casey über die Feiertage nach Hause kommt und sehr frostig von Joel begrüßt wird, wird Casey erneut klar, wie hart er schon dafür hatte kämpfen müssen, um überhaupt mit Joel befreundet zu sein. Da bedürfte es schon eines Weihnachtswunders, um Joels kühle Fassade zu durchdringen. Doch Joel ist gar nicht so hetero, wie Casey denkt. Und die Jahre, die er nichts von Casey gehört hat, haben ihn verletzt und einsam werden lassen. Nicht fähig, jemandem zu vertrauen, mit Ausnahme seines Hundes Bruno, glaubt er nicht, dass er für Casey je mehr sein kann als eine kurze Affäre. Und trotzdem ist zwischen ihnen etwas Magisches, das keiner von beiden ignorieren kann.
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Kapitel Eins
Wenn Casey Stevens die kitschigen, bunten Weihnachtsbeleuchtungen ignorierte, die die Büsche und Bäume übersäten, und den riesigen, aufblasbaren und leuchtenden Weihnachtsmann, der immer wieder aus einer großen, grünen Kiste im Vorgarten sprang, sah sein altes Haus genauso aus wie vor seinem Auszug. Auch wenn sein Vater missbilligend den Mund verziehen würde, wenn er sähe, wie die neuen Besitzer es für die Feiertage dekoriert hatten. In Caseys ganzem Leben hatte Jonathan Stevens darauf bestanden, Weihnachten „stilvoll“ zu halten: einzelne weiße, elektrische Kerzen in jedem Fenster, teures Grün auf den Fensterbänken, und ein großer Kranz an der Eingangstür. Für Caseys Vater waren Lichterketten überall im Haus der Inbegriff der Geschmacklosigkeit. Und bunte? Nun, die waren geradezu Schund.
Casey verlangsamte seinen Lexus RX, das Weihnachtsgeschenk von seinen Eltern letztes Jahr, als er an seinem alten Zuhause vorbeifuhr. Die Nostalgie bohrte sich mit einem bittersüßen Griff in seine Finger. Seine Eltern waren im Herbst aus dem aufstrebenden Viertel Manor Crest in die wahnsinnig vornehme Gemeinde Pearlwood gezogen, nachdem er zur NYU aufgebrochen war. Das hier war sein erster Besuch in Knoxville seit fast vier Jahren. Die neue Gegend seiner Eltern war ganz okay, voller schimmernder Beinahepaläste, aber sie stellte ihn nicht zufrieden oder fühlte sich nach Zuhause an. Nicht in der Art, wie es das alte Haus in Manor Crest getan hatte. Im neuen Haus hatte Casey kein eigenes Zimmer mehr. Stattdessen durfte er in einem generischen, perfekt ausgestatteten Gästezimmer pennen, inklusive cremefarbener Wände, cremefarbener Bettwäsche und cremefarbenem Teppich. Unpersönlich und bedrohlich in seiner Reinlichkeit war es das komplette Gegenteil seines unordentlichen Zimmers im Manor-Crest-Haus, in dem er bei YouTube-Videos von Katzen, die in Kartons kletterten und Eichhörnchen, die Vogelhäuser plünderten, gechillt hatte. Der Ort, an dem er sich zum ersten Mal einen runtergeholt hatte, genervt davon, dass er dabei an Joel gedacht hatte, und an dem er sich den Ängsten der ersten (und einzigen) Verliebtheit gestellt hatte.
Casey ließ sein altes Zuhause hinter sich und fuhr über den nächsten Hügel. Seine Augen verschlangen dabei die alten, familiären Anblicke. Dies waren die Straßen, auf denen er als Kind Fahrrad gefahren war, die Häuser, an denen er jeden Tag auf dem Weg zur Bushaltestelle vorbeigelaufen war, und die Nachbarn, die er letztendlich aus den Augen verloren hatte.
Er bemerkte, dass Mrs. Weinstein, wie jedes Jahr, ihre Menora im Fenster stehen hatte. Und Mr. Maples hatte wieder sein gigantisches, leuchtendes Krippenspiel aufgestellt. Das gleiche, von dem Casey und Joel im Senior Year das Christkind gestohlen hatten. Sie hatten es für ein oder zwei Nächte in Joels Garage versteckt und es dann an Heiligabend, eingewickelt in eine große rote Schleife, in Mr. Maples’ Garten zurückgebracht. Caseys Magen flatterte, während er sich an Joels Lachen erinnerte, als sie in den Schutz der dunklen Nacht geflüchtet waren, das Christkind hinter sich lassend, wo es hingehörte. Joels schiefes Lächeln hatte wie ein Messer in der Dunkelheit geglänzt.
Joel.
Casey hielt das Auto an und starrte zu Mr. Maples’ beinahe lebensgroßem Krippenspiel. Die strahlende Maria war hübsch mit ihren langen, braunen, aufgemalten Haaren und dem blauen, aufgemalten Kleid. Ihre rosigen, heiligen Lippen waren in erstaunter Freude geöffnet, als sie auf das Kind in der Krippe hinunterblickte. Caseys Wangen erröteten. Das waren die Lippen, die er irrsinnigerweise nach Joels Herausforderung in der Nacht „zu Übungszwecken“ geküsst hatte, in der sie das Christkind gestohlen hatten. Joel hatte feierlich vor der Krippe gehockt, seine blasse Haut war leuchtend und das dunkle Haar durcheinander gewesen. Das Christkind hatte er mit seinen Armen umklammert, als er Caseys plumpen Versuch mit glühenden Augen beobachtet hatte. Casey würde niemals vergessen, wie sein bezaubernd asymmetrisches Gesicht seine für gewöhnlich mürrische Irritation verloren hatte.
Ein Schauder lief über Caseys Rücken, wie jedes Mal, wenn er an diese Nacht dachte: die Klarheit der Gefühle in Joels leuchtendem Blick. Er hatte ebenfalls heilig ausgesehen, sogar heiliger als Maria, angestrahlt durch die leuchtende, leere Krippe unter ihm. In diesem Moment hatte Casey beinahe den Gedanken zugelassen … Ja, für eine Sekunde hatte er wirklich geglaubt, es wäre möglich, dass seine eigenen, zarten Gefühle zurückgekehrt waren. Es war etwas so Unbestreitbares in Joels Augen gewesen, etwas, das er nie zuvor darin gesehen und das sich nie wiedergefunden hatte. Gott, Joels Augen. Während einer Stunde seines Wahlfachs Poesie an der NYU hatte er einmal versucht, sie zu beschreiben. Das Beste, was ihm eingefallen war, war eine traurige Metapher, die Joels Augen mit Schlammwasser verglichen hatte: dunkel, reflektierend, aber klar. Ganz offensichtlich hatte das Gedicht niemals das Tageslicht erblickt. Er war besser im Schreiben von Werbetexten als bei der skurrilen Ergründung seiner Gefühle und fantasiereichen Beschreibungen der Natur. Der Poesiekurs hatte sich zu etwas Ähnlichem entwickelt wie das Leben allgemein für Casey: Einer Übung, so zu tun, als würde man alles preisgeben, während man eigentlich so wenig wie möglich preisgab. Was der Grund war, weshalb er einen Abschluss in Marketing gemacht hatte. Er konnte Scheiße in Gold verwandeln wie kein anderer. Vielleicht weil er bei Aufträgen für Werbetexte, Design und Branding andere Leute mit einbeziehen wollte. Im täglichen Leben hatte er vor langer Zeit gelernt, „den Schein zu wahren“ und Menschen auf Abstand zu halten. Ann, seine Therapeutin in New York, hatte gesagt, dass er ein Meister darin wäre, eine glatte, sympathische Fassade zu wahren, statt seine rohe Menschlichkeit zu zeigen. Und er stimmte ihr zu. Schließlich gab es dafür einen Grund. Er war in einem Haushalt aufgewachsen, das Image über die Realität stellte. Es war nicht so, dass sich die Leute darum reißen würden, seinen persönlichen Scheiß zu erfahren, weder seine Eltern noch seine Bekanntschaften an der NYU, und so gut wie keiner der Kerle, die er gedatet hatte. Nicht einmal sein Coming-out hatte etwas daran geändert, wie einsam er sich fühlte. Da war etwas, das ihn zurückhielt und daran hinderte, Verbindungen aufzubauen. Etwas, wovon er fest überzeugt war, es ändern zu müssen. Denn das war ein weiteres Problem, an dem er mit Ann arbeitete: Damit klarzukommen, dass er mit zweiundzwanzig Jahren niemandem außer sich selbst länger die Schuld für seine abgekoppelte Einsamkeit geben konnte. Das Ding war, dass es lediglich eine Person gegeben hatte, bei der er versucht hatte, er selbst zu sein. Trotz des Gedankens im Hinterkopf, dass das Ganze in einer Demütigung für ihn enden würde. Aber er hatte den Schwanz eingezogen und Joel mit beiden Händen weggestoßen.
Er legte den Gang wieder ein und bewegte sich vorsichtig an Mr. Maples’ Krippenspiel und dann an Mrs. Westfields Haus vorbei, das mit goldenen Schleifen und Stechpalmen geschmückt war. Sie hielt es auch eher stilvoll, fand er. Schneeflocken schwebten in schwankenden Kreisen und legten sich auf seine Windschutzscheibe. Nicht genug, um die Scheibenwischer anzustellen, und definitiv nicht genug, dass sie liegen blieben. Nur der übliche Vorgeschmack auf den Winter in Tennessee.
Er zuckte zusammen, als er an seinen Ex-Freund Theo dachte, wie er die kleine Kiste mit Dingen gepackt hatte, die in Caseys Wohnung gewesen waren. Mit dir zusammen zu sein, ist nur ein Vorgeschmack auf die wahre Sache, Babe. Du liebst mich nicht. Du tust so, als würdest du es, aber du tust es nicht. Theo war sich mit der Hand durch die wilden schwarzen Locken auf seinem Kopf gefahren und hatte frustriert geseufzt. Um ehrlich zu sein, liebe ich dich auch nicht. Wir beide verdienen jemanden, der mehr will, als ‚es könnte schlimmer sein’. Er hatte mitfühlend gelächelt, seine weißen Zähne waren strahlend und im starken Kontrast zu seiner dunklen Haut gewesen. Wir verdienen jemanden, nach dem wir verrückt sind.
Er hatte nicht ganz unrecht gehabt. Casey hatte nicht einmal geweint, als Theo ihn endgültig verlassen hatte, und er vermutete, dass das etwas aussagte. Nein, es sagte alles. Sechs Monate waren vergangen, seit Theo ihre ein Jahr lange On-off-Beziehung beendet hatte. Casey vermisste ihn tatsächlich nicht sehr, eher das Gefühl, zu wissen, dass da jemand war, auf den er sich verlassen konnte. Mit dem er seine Wochenenden verbringen konnte. Jemand, der bedeutete, dass die Freitag- und Samstagabende verplant waren. Jemand, den er sexuell genoss und als Person mochte, auch wenn er nicht verliebt war. In einer Stadt, die so groß und lebhaft war wie New York, war bereits der Anschein von Intimität etwas. Es war besser, als allein zu sein.
Er war geneigt, Ann in ihrer Meinung zuzustimmen, dass seine Eltern ihm während seines Senior Year keinen Gefallen damit getan hatten, ihm eine Wohnung zu besorgen, statt ihn im Wohnheim leben zu lassen. Dadurch hätte er wenigstens mehr Leute kennengelernt. Wahrscheinlich. Aber Jonathan Stevens hatte nichts davon hören wollen. Nicht, wenn er sich etwas „Besseres“ leisten konnte. Nicht für seinen Sohn. Doch jetzt, Monate nach seiner Trennung von Theo, fühlte sich Caseys unfassbar teure Einzimmerwohnung, nur ein paar Blocks vom belebten Washington Square, so einsam an, dass er, trotz Anns Warnung, er würde es bereuen, die Einladung seiner Mutter und seines Vaters begeistert angenommen hatte, über Weihnachten nach Hause zu kommen. Zeit mit der...




