E-Book, Deutsch, 540 Seiten
Blake Smoky Mountain Dreams
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96089-359-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 540 Seiten
ISBN: 978-3-96089-359-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manchmal bedeutet festhalten, loszulassen. Nachdem Christopher Ryder seine Karriere als Countrysänger in Nashville aufgegeben hat, gibt er sich zufrieden, gelegentlich im Smoky Mountain Dreams-Themenpark in Tennessee aufzutreten. Aber während seine Großmutter ihn so liebt, wie er ist, fühlt sich Christopher für alle anderen schmerzlich unsichtbar. Selbst wenn er im Mittelpunkt steht, sehnt er sich danach, dass jemand den wahren Christopher sieht. Der bisexuelle Jesse Birch hat weder das Bedürfnis noch die Zeit, um sich zu verabreden. Nach einem tragischen Unfall, der die Mutter seiner Kinder aus dem Leben gerissen hat, und dem anschließenden Familiendrama, reicht es nur für ein paar gelegentliche Verabredungen. Er will sich ganz bestimmt nicht in seinen Lieblingssänger verlieben, aber als Christopher sein Schmuckstudio betritt, hört Jesse ein neues Lied in seinem Herzen ...
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Kapitel zwei
Jesse bog in die Einfahrt seiner Schwiegereltern ein und parkte vor ihrem graublauen Schindelhaus. Es war sieben Uhr sechs. Er durchsuchte seinen Schlüsselbund nach dem richtigen Schlüssel und ließ sich selbst hinein. Es war kein riesiges Haus, aber es war der Ort auf der Welt, an dem er sich am wohlsten fühlte. Abgesehen von dem gelegentlichen Schmuckstück oder einer der neuen Tonkreationen von Nova hatte sich hier nicht viel verändert, seit er das erste Mal mit fünfzehn Jahren hier gewesen war. Kaum zu glauben, dass es jetzt siebzehn Jahre her war. Die dreißig Jahre alten Möbel, die Familienbilder an der Wand und das Gefühl des Friedens, das von der Decke bis zu den Dielen zu strahlen schien, waren die gleichen wie zuvor.
Der Geruch von Spaghetti und Knoblauchbrot erfüllte die Luft und sein Magen knurrte. Er hatte nicht vorgehabt, auf das Mittagessen zu verzichten, aber er hatte sich so sehr auf das zarte Geflecht konzentriert, das er dem Ehering hinzugefügt hatte, an dem er arbeitete, dass er jegliches Zeitgefühl verlor. Hinterher fing er mit den Blumenverzierungen am Brautring an und fügte die winzigen Diamanten und Amethysten hinzu.
Es sollte nur eine Blume sein, aber er hatte das Ensemble fertiggestellt, bevor er es überhaupt bemerkt hatte.
„Dad, du bist zu spät“, sagte Brigid kühl, als er die Küche seiner Schwiegereltern betrat.
Er überquerte den grob behauenen Holzboden und strich mit der Hand über ihr glänzendes, tiefbraunes Haar. Es hatte die Farbe seiner eigenen Haare und die Textur der ihrer Mutter. Sie drehte sich von ihm weg und funkelte ihn mit dunklen Augen an. „Hast du überhaupt eine Ausrede?“, fragte sie scharf, ihre Lippen zitterten. Ihr Gesichtsausdruck ähnelte Marcys so sehr, wenn sie wütend war.
Für einen Moment sah Jesse sie an, ohne dass sein Blick von den Erinnerungen an das Baby, das er in seinen Armen gehalten hatte, getrübt wurde. Er erkannte, wie sehr sie im letzten Jahr hochgeschossen war und nun fast nur noch aus schlaksigen Armen und Beinen bestand. Ihre Nase und ihr Mund sahen nicht mehr so aus, als würden sie in ihr Gesicht passen. Er konnte nicht glauben, dass sie schon zwölf war, obwohl er sich kaum daran erinnern konnte, wie sein Leben ohne sie und Will gewesen war.
„Ich weiß, Brigid. Es tut mir leid“, sagte er. „Ich habe die Zeit vergessen. Es tut mir wirklich leid.“ Brigid schien von seiner Entschuldigung nicht beeindruckt zu sein und er konnte es ihr nicht verübeln.
„Hey, Dad“, sagte Will mit einem Mund voller Spaghetti. „Ich habe eine Drei in dem Mathetest bekommen!“
„Großartig!“, antwortete Jesse.
Es war toll. Mit neun war Will in vielen Dingen gut, aber Schule gehörte nicht dazu. Soweit Jesse es beurteilen konnte, bestand Wills Begabung darin, einfach nur Will zu sein. Jesse war sich nicht sicher, was für eine Karriere sich daraus ergeben würde, wenn er größer werden würde, aber er machte sich keine allzu großen Sorgen. Will kümmerte sich um Menschen und wusste, wie er Menschen dazu brachte, sich ihm zu öffnen. Ihm würde es gut gehen.
Er versuchte, seinen Sohn mit der gleichen unerwarteten Distanz zu sehen, mit der er Brigid betrachtet hatte, aber er schaffte es nicht. Will hatte immer noch an einigen Stellen Babyspeck. Mit unordentlichem, hellbraunem Haar, leuchtenden haselnussbraunen Augen hatte er immer den Hauch einer kaum zurückgehaltenen Wildheit. Marcy sagte immer, Will sehe aus wie Jesses lange verstorbene Großmutter. Aber als Jesse den Jungen ansah, sah er nur jemanden, den er mehr liebte als sein Leben.
„Was hast du heute den Tag so gemacht?“, fragte er und stellte fest, dass Wills Steelers Trikot bis auf einen Schmutzfleck an seiner Schulter größtenteils sauber war.
„Schule. Fußball bei FJ zuhause. Dann hat Oma mich abgeholt. Und jetzt Spaghetti!“
„Klingt nach einem super Tag.“
Will nickte und steckte sich noch mehr Nudeln in den Mund, glücklich und entspannt wie immer.
„Ein Last-Minute-Kunde?“, fragte Nova und bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Sie wischte ihren Mund mit einer Serviette ab und lächelte ihn an. Er hatte schon immer die funkelnden braunen Augen seiner Schwiegermutter geliebt – nicht nur, weil sie an Marcy und dann an Brigid weitergegeben worden waren, sondern weil sie ihm immer das Gefühl gaben, geliebt und akzeptiert zu sein.
Jesse zuckte nur mit den Schultern und lächelte zurück, als er den Holzstuhl neben Brigid hervorzog. Normalerweise hätte er Nova gerne von dem Design erzählt, an dem er arbeitete, aber er hatte keine Lust zu erklären, dass es etwas an diesem bestimmten Paar und diesen bestimmten Ringen gab, das Erinnerungen an einen Tag im April vor zwölf Jahren weckte.
Die Hartriegelbäume hatten in voller Blüte gestanden, blühten weiß wie das seidige Kleid, das Marcy getragen hatte, als sie auf dem Bergpfad, den sie erst einen Monat zuvor für die Hochzeit ausgesucht hatten, erschien. Sie hatten sich diesen Ort noch während ihres Urlaubs in Italien ausgesucht, als Marcy auf den positiven Schwangerschaftstest sah, der das Ausbleiben ihrer Periode zum Vorboten für ein neues Leben machte.
An diesem Tag, umgeben von ihren Familien, mit den Bäumen um sie herum, die sich förmlich um sie gewunden hatten, hatte er sich gefühlt, als ob Marcy und die Berge ihn heirateten. Es war der perfekte Neuanfang. Ein neuer Anfang für ein neues, gemeinsames Leben. Es schien so lange her und doch, als wäre es erst gestern gewesen.
„Hast du keinen Hunger, mein Sohn?“, fragte Tim. Sein Haar war zu einem langen grau-blonden Zopf geflochten, der auf der Vorderseite seines gebatikten T-Shirts ruhte, seine Brille auf dem Kopf hochgeschoben. „Hol dir einen Teller. Iss reichlich.“
Iss reichlich.
Jesse lächelte. „Ich erinnere mich an das erste Mal, als du das gesagt hast.“
„Das tue ich auch.“ Tim lächelte liebevoll und zwinkerte ihm zu. „Du warst damals nur ein dürrer Junge.“
„Das war ich.“ Jesse griff nach den Spaghetti, als Will über den übermenschlichen Pass sprach, den sein Freund FJ, die Kurzform für Frankie-Jones, früher am Tag geworfen hatte.
„Es mussten über hundert Meter gewesen sein!“, erklärte er. „Nein, dreihundert!“
Der komplette Garten von Frankie-Jones’ Eltern war höchstens dreißig Meter lang, wenn Jesse sich richtig erinnerte.
„Das ist mal ein Pass“, sagte Tim mit einem Augenzwinkern.
„Im Ernst, Opa, ich dachte, er würde ihn verfehlen und ein weiterer Ball wäre verloren.“
Jesse lächelte, als sein Schwiegervater Will daran erinnerte, nicht in den Schluchten nach Bällen zu suchen. „Sie sind steiler als sie aussehen. Außerdem schlagen sich die Bären zu dieser Jahreszeit die Bäuche voll. Du darfst ihnen nichts Leckeres wie dich zum Essen anbieten.“ Tim streckte die Hand aus und strich über Wills Haare. „Wir können uns einen neuen Ball besorgen, aber wir können uns keinen neuen Willen holen.“
Wills Augen leuchteten interessiert bei der Erwähnung von Bären auf und Jesse seufzte, ziemlich sicher, dass er das Kind noch einmal an die wirkliche Gefahr erinnern musste, mit den Bestien zu interagieren.
Nova nutzte diesen Moment, um Brigid nach ihrer Freundin Charity zu fragen. „Wir haben in letzter Zeit nicht viel von ihr gehört. Wie geht es ihr?“
Brigid zuckte die Achseln. „Sie ist beschäftigt. Wir sehen uns nicht mehr viel.“
Nova runzelte die Stirn und blickte zu Jesse. Er spürte, wie sich ein kleiner Schub an Frustration in sein Herz bohrte. Offensichtlich sollte er das wissen und wie immer hatte er etwas Wichtiges verpasst, wenn es um seine Tochter ging. Die Wahrheit war, dass obwohl er Brigid mehr liebte, als er es ausdrücken konnte, er Probleme damit hatte, sie und ihre Gefühle zu verstehen. Sie war nicht wie Marcy und auch nicht wie er. Schlimmer noch, Mädchen waren für ihn größtenteils immer ein Rätsel gewesen und keines, das er jemals hätte lösen wollen.
„Womit ist Charity beschäftigt?“, fragte er.
Brigids Schultern hoben und senkten sich wieder. „Andere Freunde.“
„Hattet ihr zwei Streit?“
„Nicht wirklich. Sie hat es einfach nicht verstanden.“
„Was nicht verstanden?“, fragte Jesse.
„Die Papierkraniche. Sie sagt, sie ist es leid, Kraniche zu falten. Das ist in Ordnung. In der Pause kann sie gerne was Anderes machen. Es ist mir egal.“
Jesse hielt mit seiner Gabel nahe am Mund inne, hob sie dann an und nahm dann einen Bissen. Er dachte über Brigids Worte nach, während er an die einhundertsiebenundvierzig Kraniche aus Papier dachte, die in einer Kiste im Flur vor Brigids Zimmer standen.
„Schatz, denkst du nicht, du hättest mehr Spaß, mit Charity zu spielen als die Kraniche zu basteln?“, fragte Nova.
„Nein.“
Jesse blickte zu Nova und zuckte die Achseln. Brigid hatte sich zum Ziel gesetzt, vor Weihnachten zweitausend Kraniche aus Papier zu basteln und er fühlte sich hin und her gerissen, ihr zu sagen, dass ihre Besessenheit ungesund sei, zugleich applaudierte er ihr, dass sie auch in schwierigen Zeiten daran festhalten wolle. Jeder Kranich nahm in ihren kleinen Händen etwas mehr als zwei Minuten in Anspruch und Jesse hatte einige Berechnungen angestellt – um ihr Ziel zu erreichen, musste sie insgesamt einhundert Stunden falten. In weniger als hundert Tagen vor Weihnachten musste sie mindestens eine Stunde am Tag für ihr Projekt aufwenden. Es war nicht ganz normal, dass seine Tochter sich so auf etwas Vergängliches konzentrierte, oder? Besonders auf Kosten der Spielzeit mit ihrer...




