E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
Bodenmann / Klingler Stark gegen Stress
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03875-603-3
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mehr Lebensqualität im Alltag
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
ISBN: 978-3-03875-603-3
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Guy Bodenmann ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Er ist spezialisiert auf Stressforschung und entwickelte diverse Programme zur Bewältigung von Stress bei Individuen und Paaren.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich an Menschen, die Stress im Alltag besser bewältigen und ihre Resilienz mit einfachen, wissenschaftlich fundierten Strategien stärken möchten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Stress früher, Stress heute
Stress gibt es in allen Lebensbereichen. Deshalb bringt es langfristig nicht viel, situativ anzusetzen. Wer hingegen den eigenen Mechanismen auf die Schliche kommt, der profitiert von dieser Erkenntnis und kann seine Stressresistenz nachhaltig stärken.
Stress ist kein neues Phänomen. Früher waren die Menschen Stress genauso ausgesetzt: enormen Belastungen wie Kriegen, Hungersnöten und Seuchen, die meist existenzieller Natur waren. Das Leben war hart, Überleben ein ständiger Kampf. In unserer modernen Gesellschaft wird Stress nicht mehr primär mit lebensbedrohlichen Situationen in Zusammenhang gebracht, sondern mit Überforderung, Multitasking, Zeitdruck, Leistungsdruck, Unsicherheiten. Das Gesicht des Stresses hat sich gewandelt, doch weniger relevant ist er nicht geworden.
Multitasking, tägliche Widrigkeiten und sozialer Vergleich
Noch nie wurde das Wort Stress so häufig in den Mund genommen wie heute – bereits Kindern und Jugendlichen kommt es ganz selbstverständlich über die Lippen, und auch ältere Menschen klagen nach der Pensionierung weiter über Stress. Stress ist ein Lebensgefühl geworden: das Gefühl, alles gleichzeitig erledigen zu müssen, nicht ausreichend Zeit zu haben, etwas zu verpassen, nicht zu genügen, überzeugt zu sein, dass andere es besser haben, schöner und erfolgreicher sind. Eine wichtige Rolle spielen hier die Social Media: Sie halten einem konstant den Spiegel vor, was andere im gleichen Alter bereits erreicht haben, wie viel fitter, hübscher, erfolgreicher und reicher sie sind. Stress hat heute sehr viel mit sozialem Vergleich zu tun.
HINWEIS | Allgegenwärtige Social Media Nicht nur für Kinder und Jugendliche, auch für Erwachsene sind Social Media zu einem hochrelevanten Stressfaktor geworden. Ihre Nutzung frisst viel Zeit, geht auf Kosten des Schlafs und verschlechtert dessen Qualität. Am folgenreichsten ist jedoch der ständige soziale Vergleich und die ständig erwartete Präsenz. Denn wer nicht sofort reagiert, ist schnell out.
Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene tauschen sich praktisch pausenlos am Smartphone aus, jedes Erlebnis wird sogleich gepostet. Man will dazu gehören, originell, kreativ und witzig sein. Was für die Jungen gilt, hat sich auch auf die älteren Generationen ausgeweitet: Kaum ist man am Ferienort angekommen, werden erste Fotos auf Facebook oder Instagram gepostet, Videos auf Tiktok veröffentlicht. Man muss ständig alles mit allen teilen. Der durch Social Media verursachte Stress begleitet einen überall hin.
Im Beruf wird oft die Verfügbarkeit rund um die Uhr erwartet. Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice verschärfen das Phänomen. Wer nicht sogleich auf eine Mail oder SMS antwortet, gerät leicht in Verdacht, zu faulenzen anstatt zu arbeiten. Um auf der Karriereleiter weiterzukommen, muss man ständig reagieren. Eine gesunde Trennung zwischen Beruf und Freizeit fällt vor diesem Hintergrund schwer. Nie abschalten zu können ist ein Steilpass für Stresssymptome.
Die Dosis macht das Gift
Zwar gibt es immer wieder Vorkommnisse, die unvermittelt von aussen über uns hereinbrechen, zum Beispiel Klimaereignisse (Überschwemmungen, Erdrutsche, Lawinenniedergänge, Dürren), Wirtschaftskrisen (umfassender Stellenabbau, Wirtschaftskriege, Inflation usw.) oder persönliche Schicksale (Tod eines geliebten Menschen, Unfall, schwere Krankheit, Behinderung usw.). Solche Ereignisse stellen oft Zäsuren dar, sind erschütternd und erfordern hohe Anpassungsleistungen. Sie sind massive Stresserfahrungen.
Rein quantitativ betrachtet sind allerdings die sogenannten daily hassles, die täglichen Widrigkeiten, relevanter: im Stau stehen, Spannungen mit Mitarbeitenden am Arbeitsplatz, Kritik durch Vorgesetzte, Zeitdruck, Hektik, Mehrfachbelastungen, geghostet werden usw. Wie Studien zeigen, sind diese kleinen, oft banalen Ereignisse in ihren Folgen für Gesundheit und soziale Beziehungen häufig destruktiver als kritische Lebensereignisse.
HINWEIS | Daily hassles Heute stressen uns vor allem die kleineren und grösseren Widrigkeiten des ganz gewöhnlichen Alltags. Sie prägen unser Leben in der Regel mehr als kritische Lebensereignisse. Besonders schlimm ist es, wenn beide gemeinsam auftreten. Kritische Lebensereignisse und tägliche Widrigkeiten – eine solche Kumulation kann auch stressresistente Menschen überfordern.
Zwischendurch mal gar nichts tun?
Nicht nur im Beruf herrschen Hektik und Leistungsdruck; wer nicht als Langweiler, als Langweilerin gelten will oder keine «leeren» Zeiten erträgt, plant auch die Freizeit durch. Momente der Musse, des Nichtstuns sind rar und tragen vermeintlich den Makel der Faulheit, des Nichtgebrauchtwerdens, der Unwichtigkeit. Mal ehrlich: Wie gut halten Sie es aus, im Tram oder im Wartezimmer bei der Ärztin zu sitzen, ohne sich Häppchenlektüre zuzuführen oder mit dem Smartphone herumzuspielen? Wer sieht beim Zugfahren noch aus dem Fenster, liest ein Buch oder geniesst einfach das Nichtstun?
TIPP | Musse geniessen Ob Sie nun angestellt, selbständig erwerbend oder pensioniert sind, Studentin oder Hausmann: Erlauben Sie es sich, auch mal unproduktiv zu sein. Geniessen Sie solche Momente, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Wer nie den Anschein erweckt, von einer vollen Agenda terrorisiert zu werden, setzt sich dem Verdacht aus, weder ehrgeizig noch fleissig noch besonders interessant zu sein – dafür ganz sicher unwichtig und bedeutungslos. Wenn Sie also von sich sagen, Sie seien gestresst, schwingt möglicherweise auch die Botschaft mit, dass Sie eine unentbehrliche und besonders gefragte Person sind.
Auch Unterforderung ist Stress
«Ich bin im Stress»: Wer dies sagt, meint selten, dass er sich besonders wohl, weil motiviert und beflügelt fühlt. Allerdings: Gar keinen Stress zu haben ist auch nicht gut. Eine gewisse Dosis braucht der Mensch, sonst erlahmt der Antrieb. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das höchste Leistungsniveau bei mittlerem Stress vorliegt. Ist der Stress zu gering, fehlt der nötige Kick für eine gute Leistung; bei zu viel Stress dagegen kommt es häufig zu Blockaden, zu Gefühlen der Überforderung und zu Fehlleistungen (Black-out). Andauernde Unterforderung ist genauso schädlich wie anhaltende Überforderung; Menschen leiden unter beiden Zuständen. Doch Stress per se ist nicht negativ, sondern wie so vieles eine Frage des guten Masses.
Weder Über- noch Unterforderung – ein gutes Mittelmass an Stress kann beflügelnd wirken.
Eine Frage der Souveränität?
Vermutlich werden Sie genau überlegen, in welchem Rahmen Sie Ihren Stress offenbaren und wem gegenüber Sie ihn mit Vorteil überspielen. Zuzugeben, dass Sie unter Stress leiden, verträgt sich schlecht mit der Ausstrahlung von Kompetenz und Souveränität im Arbeitsalltag. Erwerbstätige, die ihren Stress nicht hinter einer tauglichen Fassade versteckt halten können, müssen befürchten, als überfordert oder gar als unfähig zu gelten. Vielleicht denken sie sogar selbst, dass sie unzulänglich sind, weil sie es nicht schaffen, ihr Pensum mit links zu bewältigen. Auch Führungskräfte, die in Gegenwart der Belegschaft oder in der Öffentlichkeit Anzeichen von Anspannung zeigen, wirken wenig überzeugend, strahlen Schwäche aus. Stress zu haben ist hier verpönt; man spricht im Arbeitskontext vielmehr von «guter Auslastung», «vollem Terminkalender» usw.
HINWEIS | Eine Frage der Dosis Stress wird erst dann schädlich, wenn er chronisch und zu intensiv ist.
Dauernde Erreichbarkeit und häufige Unterbrechungen: Was im Job herausfordert
Aktuelle Studien wie die Stressstudie des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO und der jährlich veröffentlichte Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz belegen, dass die Belastung am Arbeitsplatz hierzulande gross ist. Rund ein Drittel der Erwerbstätigen fühlt sich emotional erschöpft und ein Viertel hat Schwierigkeiten, nach der Arbeit abzuschalten. Wichtige arbeitsbezogene und organisationale Belastungsfaktoren sind:
- ¦ hohe Arbeitsintensität, Zeitdruck, u. a. mit Wochenendarbeit
- ¦ arbeitsorganisatorische Probleme
- ¦ Unklarheiten bezüglich der Arbeitsaufgaben, Ineffizienz
- ¦ Interferenzen zwischen Arbeits- und Privatleben, d.h. eine weniger klare Abtrennung beider Bereiche (z. B. durch dauernde Erreichbarkeit)
- ¦ qualitative Überforderung
- ¦ mangelnde Partizipationsmöglichkeit
- ¦ mangelhafte Kommunikation
- ¦ dauernde Unterbrechungen
- ¦ fehlende Wertschätzung
- ¦ schlechte Stimmung am Arbeitsplatz
- ¦ soziale Belastungen durch Vorgesetzte und...




