E-Book, Deutsch, Band 3, 172 Seiten
Reihe: kurze form kf
Böhm Supermilch
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95732-527-3
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, Band 3, 172 Seiten
Reihe: kurze form kf
ISBN: 978-3-95732-527-3
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Philipp Böhm wurde 1988 in Ludwigshafen geboren. Sein Debütroman »Schellenmann« erschien 2019 im Verbrecher Verlag. Er ist Mitglied der Redaktion des Literatur- und Kulturmagazins metamorphosen, schreibt für die Wochenzeitung Jungle World und arbeitet für das Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage. Er lebt und arbeitet in Berlin.
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DIE BERGE UNTER DER STADT
»Moby Fett!«, sagte Rocko und deutete auf den Berg. Er hatte seine Handschuhe abgestreift, sodass die Tätowierung des bösen Hasen aus Watership Down auf seinem Handrücken gut zu sehen war.
Achill nickte: »Er ist wirklich sehr groß.«
»Kapierst du nicht? Moby Fett so wie Moby Dick. Weil er weiß ist.« Rocko lachte meckernd. »Wie das riecht, wie das riecht. Fick mich hart. Verstehst du wirklich nicht?«
Achill nickte noch einmal. Er verstand den Witz nicht. Der Witz interessierte ihn nicht. Ihn interessierte der Berg. Für diesen Berg war er hinabgestiegen zu den dunklen Flüssen unter der Stadt. Für diesen Berg war er hier, für diese stinkende, geronnene Masse. Dieser Berg war seine Aufgabe.
Achill räusperte sich: »Wir müssen nach der weichen Stelle suchen.«
So fing es meistens an: mit der Suche nach einer weichen Stelle, an der das Fett noch nicht vollständig hart geworden war. Erst kamen die Hochdruckreiniger, dann die Pickel. Wenn es Zeit für die Pickel wurde, fing die wahre Plackerei an.
Achill ging langsam um den Berg herum. Es war nicht sein erster. Sie hatten in den letzten Jahren zugenommen, immer häufiger wurde er per Nachricht hinab in die Kanalisation geschickt, wenn eines dieser Objekte den Fluss des Abwassersystems unterbrach. Achill hatte gedacht, er würde sich an ihren Anblick mit der Zeit gewöhnen, doch er musste jedes Mal innehalten.
Rocko hatte ihm am Morgen eine aufgeregte Textnachricht geschickt und von einem richtigen »Big Boy« geschrieben, einem »Big Bad Boy«, einem richtigen Koloss. Er hatte nicht gelogen. Achill schätzte ihn auf vielleicht sechzig Kubikmeter, wie er da vor ihm lag, die Zuflüsse verstopfte und im Licht der Scheinwerfer glitzerte. Eine feste, glänzende Masse, voller Kerben und Beulen, harten Kanten und glatten Flächen, schmierig schimmernd hier und matt geronnen dort, ein Massiv, das den ganzen Schacht ausfüllte. Ein ganzer Berg aus Fett.
Berge wuchsen langsam. Achill hatte bei seinem ersten Einsatz vor drei Jahren ein kurzes Dokument einer Expertin gelesen, die irgendwo im Norden studiert hatte und sich mit Abflusssystemen beschäftigte, mit ihren Strömen, ihren Dämmen und ihren verzweigten Tunneln. Sie sprach in ihrem Paper andauernd von Verseifung, was Achill nicht verstand, weil Seife nicht der Faktor war, der die Berge wachsen ließ. Es war das Öl, das literweise in die Abflüsse gegossen wurde, altes Öl, ehemaliges Frittierfett, ranzige Ströme, die nicht versiegen wollten. Irgendwo in den Schächten unter der Stadt trafen diese Ströme auf feuchtes Toilettenpapier und hinabgespülte Damenbinden, Material, das nicht zerfiel, und fanden dort die Oberfläche, an der sie gerinnen konnten. Berge wuchsen langsam. Irgendwo blieb das Fett hängen und zog weitere Elemente an sich, immer mehr kleine Partikel verfingen sich an der Oberfläche und wurden ins Innere der Masse gezogen, die sich erweiterte und heranwuchs. Achill hätte dieses Wachstum sehr gerne beobachtet, doch was er sah, war nur das Verschwinden.
Etwas auf der Oberfläche des Bergs erregte seine Aufmerksamkeit.
»Wächst da etwas?«
»Kann sein«, nuschelte Rocko und tippte auf seinem Phone herum. »Vielleicht sind es aber auch nur Haare, die sich da gesammelt haben. Letztes Mal waren auch Haare drauf.«
Er betrachtete sich auf seinem Phone und schoss ein Selfie vor dem Fettberg: »Eine kleine falsche Perücke für unseren gestrandeten Wal.«
Achill suchte weiter nach Fragmenten des Lebens, die hier in geronnenem Fett eingeschlossen waren, doch er sah nur eine Masse.
»Wann kommt jetzt diese Künstlerin?«
Sie hatte geschrieben. Nach vier oder fünf falschen Adressen war sie tatsächlich bei Achills Abteilung gelandet und hatte seinen Chef davon überzeugt, ihr die Erlaubnis zu geben, die Arbeit an den Bergen zu filmen.
Wie sie auf die beiden aufmerksam geworden war, hatte sie in ihrer sehr freundlichen E-Mail nicht geschrieben, aber Achill wusste, dass es mit ihm zu tun hatte.
Achill war ein Meme geworden. Ohne dass er zunächst etwas davon mitbekam, war er zu einer mittelgroßen Berühmtheit herangereift, Tausende hatten sein Bild mit weißer Schrift versehen, geteilt und wieder geteilt, hatten ihn in immer wieder neue digitale Räume gestellt, 107 Kilobyte mit seinem Gesicht und dem Schriftzug »Weg vom Gebirge!«.
Ein Screenshot einer Dokumentation. Das war das letzte Kamerateam gewesen, das sie hier unten besucht hatte, hier unten bei den dunklen Flüssen. Bevor er den Hochdruckreiniger anwarf, hatte sich Achill noch einmal umgedreht und den Kameramann angewiesen zurückzutreten: »Weg vom Gebirge!«
Monatelang hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht, was dieser Satz einmal bedeuten könnte. Jeden Morgen hatte er einen neuen Song gehört und war hinabgestiegen, wenn es etwas zu tun gab, wenn die dunklen Flüsse nicht mehr fließen konnten.
Doch jemand hatte die Dokumentation aus schwerer Langeweile in einer schlaflosen Nacht angesehen und ihn darin erblickt: ein schwitzendes, aufgeregtes Gesicht, das diese Worte sprach: »Weg vom Gebirge!«
Vielleicht waren es seine weit aufgerissenen Augen gewesen, seine glänzende Stirn oder der massive Fettberg im Hintergrund. Achills Bild hatte eine Reise begonnen, die 107 Kilobyte wurden vervielfältigt und verbreitet und er selbst wuchs zu einer Berühmtheit heran, warnte vor Sexbots und Clickbait-Seiten, vor ermüdenden Blockchain-Diskussionen und nachbearbeiteten Porträts, ohne dass er davon etwas erfuhr. Achill wurde zu einer namenlosen Berühmtheit, hatte einen eigenen Eintrag bei knowyourmeme.com und fuhr doch jeden Tag in den Vorort hinaus, wo keine Bäume an den Straßen wuchsen.
»Wenn wir den Berg anstrahlen und euch dann als Schatten davor bei eurer Arbeit zeigen – das ist das Bild, das ich haben will.«
»Was?«
»Euch als Schatten vor dem Berg.«
Achill blinzelte. Die Künstlerin lief nickend vor dem Berg auf und ab. Das Licht ihrer Stirnlampe flackerte durch den Schacht. An der Decke bildeten sich Fett-Stalaktiten dort, wo ein Teil des Bergs abgebrochen war.
»Euch als Schatten vor dem Berg – das ist das Bild und dann filmen wir das. Richtig lange. Könnt ihr die Jacken ausziehen? Diese Streifen stören.«
»Die Jacken sind Vorschrift«, murmelte Achill, während ihm Rocko zuzwinkerte.
Sie stellte sich als Mady vor und sprach sofort von ihrem Projekt, dass noch Scheinwerfer fehlten, und fragte, wo der Rest des Teams sei.
»Mir geht es vor allem um die Abfälle, um ihre Oberfläche«, sagte Mady.
»Okay«, sagte Achill.
»Das wird das Backdrop für eine experimentelle Komposition werden. Der Berg verschwindet im Rhythmus der Musik. Oder vielleicht lassen wir die Aufnahmen auch zurücklaufen: Der Berg wächst im Rhythmus der Musik.« Sie schüttelte den Kopf mehrmals hin und her. »Das hängt natürlich auch vom Stück ab, ob alles eher anwächst oder zusammenfällt. Aber wir brauchen die Bewegung.«
»Okay«, sagte Achill.
»Wunderschön«, sagte Rocko und schoss ein Bild von ihr, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Achill dachte, dass die Berge nicht deshalb interessant waren, weil sie die Ausscheidungen der Stadt über ihnen einfingen, sondern weil sie sie verbargen. Das Fett nahm alles auf und verschloss es in seinem Inneren, bildete feste Krusten darüber, hinter denen alles verschwand, alle Formen und Farben: Dreck, Kot, Papier, verstorbene kleine Haustiere. Am Ende bildete sich eine Masse, ein wachsender Block. Niemand konnte mehr erkennen, wer das alles einmal verursacht hatte, keine Spur führte von hier nach oben, kein Alltag wurde in den Überbleibseln sichtbar. Das gefiel ihm: ein großes, alltägliches Verschwinden im Fettgebirge.
Achill dachte, dass es gut war, dass es irgendwo einen Ort gab, an dem Dinge verschwanden. Dinge sollten irgendwann verschwinden.
Jede Woche bekam er neue Mails. Journalisten wollten eine Reportage über ihn schreiben. Eine neue Auflage von: der Mensch hinter dem Meme. Das Schicksal, das Leben, das Konkrete, das Echte. Podcaster wollten Gespräche mit ihm führen. Alle wollten ganz nah herankommen. Sie hatten damals schon Dimitri den Nihilisten aufgespürt, den Hundemann und den Elephantiasis-Jungen, aber die Möglichkeit einer neuen Geschichte scheuchte sie alle wieder auf und Achill konnte nicht verschwinden. Nur wenn er hier unten war. Bei den dunklen Flüssen stand er in ewigem Gestank, sprach nicht, und was sich ihm näherte, waren Ratten, Spinnen und andere Dinge, die sich bewegten, aber keine Menschen mit Interesse an ihm. Hier unten war der Puls...




