E-Book, Deutsch, 374 Seiten
Boehncke / Sarkowicz Die Geschichte Hessens
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8438-0680-0
Verlag: Waldemar Kramer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Von den Neandertalern bis Ende 2020
E-Book, Deutsch, 374 Seiten
ISBN: 978-3-8438-0680-0
Verlag: Waldemar Kramer Verlag
Format: EPUB
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Heiner Boehncke, geboren 1944, ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er ist künstlerischer Leiter des Rheingau Literatur Festivals und Vorstandsmitglied der Frankfurter Romanfabrik. Heiner Boehncke ist Träger der Goethe-Plakette des Landes Hessen und erhielt gemeinsam mit Hans Sarkowicz den Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises. Hans Sarkowicz, geboren 1955, leitet das hr2-Ressort Literatur und Hörspiel beim Hessischen Rundfunk. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu kulturhistorischen Themen, ist Herausgeber des publizistischen Werks von Erich Kästner. Mit Heiner Boehncke zusammen hob er das erfolgreiche Projekt 'Literaturland Hessen' mit dem alle zwei Jahre stattfindenden 'Tag für die hessische Literatur' aus der Taufe. Prof. Dr. Walter Mühlhausen, geb. 1956, ist Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg. Er studierte Germanistik, Geschichte, Politik und Pädagogik und promovierte in Kassel. Seit 2006 ist er apl. Professor an der TU Darmstadt. Er ist Mitglied der Kommission für Politische und Parlamentarische Geschichte des Landes Hessen beim Hessischen Landtag, des wissenschaftlichen Beirats Weimarer Republik e. V. und der Hessischen Historischen Kommission (Darmstadt), der Historischen Kommission für Nassau (Wiesbaden) und der Historischen Kommission für Hessen (Marburg).
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Von der Steinzeit bis zur Herausbildung Hessens
»Da die Urgeschichte keine schriftlichen Nachrichten hinterlassen hat«, schreibt der Archäologe Lutz Fiedler, »ist es unmöglich, irgendwelche Bedürfnisse, Motive oder Schicksale einzelner oder bestimmter Gruppen zu erfahren. Sie bleiben anonym, unsere Fragen richten sich daher nach dem Allgemeinen«1. In der Tat haben Archäologen keine leichte Aufgabe, wenn sie den Ursprüngen der Menschheit nachforschen und verlässliche Informationen gewinnen wollen. Sie sind auf kleinste Hinweise angewiesen, auf Funde im Geröll, auf dunkle Schatten im Erdboden, die auf organische Verfüllungen hindeuten, auf Grabbeigaben und natürlich immer wieder auf Tierknochen und Pflanzenreste, die Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen der frühen Menschen zulassen. Die Archäologen und ihre Kollegen von der Vor- und Frühgeschichte versuchen uns aus dem Wenigen, das ihnen zur Verfügung steht, ein möglichst plastisches Bild von dem Lebenskampf zu zeichnen, den unsere Vorfahren in ihrer noch kurzen Lebensspanne zu bestehen hatten. Wer einmal einen in der Regel wenig spektakulären Ausgrabungsort besucht hat, wird später mit Hochachtung vermerken, welche Erkenntnisse die Forscher aus dem Wenigen gewinnen konnten.
Wir gehen heute davon aus, dass noch affenähnliche Lebewesen vor etwa 2,5 Millionen Jahren mit der Herstellung von Werkzeugen begonnen haben. Das war der erste wichtige Schritt auf dem langen Weg zum modernen Menschen. Der Ursprung des Menschen liegt aber noch viel weiter in der Vergangenheit. Funde in Afrika deuten auf eine Zeitspanne von mindestens fünf Millionen Jahre hin, wenn nicht sogar auf sieben Millionen Jahre oder noch mehr. In Hessen scheinen die ältesten Menschen, der Homo erectus, vor rund 500 000 Jahren gelebt zu haben. Einfache Steinwerkzeuge, die bei Münzenberg in der Wetterau gefunden wurden, werden entsprechend datiert. Danach waren die ersten Hessen Jäger und Sammler, die in einfachsten Behausungen lebten, sich, wie in den gängigen Vorstellungen von Steinzeitmenschen, in Felle kleideten und schon das Feuer kannten. Sie jagten mit Fallgruben und Holzlanzen. Damit wagten sie sich selbst an große Tiere heran, wie an Mammut, Bär und Wollnashorn, die dann mit primitiven Steinwerkzeugen zerlegt wurden. Für die Zeit vor 300 000 bis etwa 100 000 Jahren sind mehrere Siedlungsplätze in Hessen belegt, etwa im nördlichen Vogelsberg, in der Schwalm und in der Waberner Senke. Sie zeigen, dass sich die Jagdgruppen gern an Flussufern niederließen, schon in zeltartigen Hütten wohnten und selbst eiszeitliche Kaltphasen überstehen konnten.
Aus dem Homo erectus entwickelte sich der Neandertaler, der sich in Hessen erstmals vor 120 000 Jahren nachweisen lässt. Besonders gut untersucht ist eine Jagdstation bei Edertal-Buhlen, die auf einem kleinen Vorsprung an der Netze lag und offenbar über einen längeren Zeitraum als Rastplatz diente. Die Werkzeuge aus Kieselschiefer, Karneol und Quarzit wurden dabei im Lauf der Zeit immer weiter verfeinert. Aus Funden außerhalb Hessens wissen wir, dass die Neandertaler schon Bestattungsriten kannten. Ob dabei auch religiöse Vorstellungen eine Rolle spielten, ist allerdings nicht bekannt und wird wohl auch nie mit Sicherheit nachgewiesen werden können.
Vor etwa 40 000 Jahren tauchten in Europa die ersten modernen Menschen auf, die als Cro-Magnon bezeichnet werden. »Der Jetztmensch scheint plötzlich da zu sein«, so Lutz Fiedler. Er kam vermutlich wieder aus Afrika. Vor ca. 500 000 Jahren hatten sich die Entwicklungslinien von Mensch und Neandertaler getrennt. Trotzdem unterscheidet sich das Erbgut eines Neandertalers von dem eines modernen Menschen nur um 0,2 %. Trotz dieser so geringen Abweichung starb der Neandertaler vor ca. 30 000 Jahren aus. Die Ursachen dafür sind bis heute ungeklärt. Jüngste Forschungen haben allerdings nachgewiesen, dass es zu sexuellen Kontakten zwischen beiden Gattungen gekommen sein muss. Auch wenn das gemeinsame genetische Erbe nur einen Bruchteil heutiger europäischer und asiatischer Menschen ausmacht, so handelt es sich bei der Entdeckung doch um eine Sensation. Eine Vermischung war schließlich noch bis vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten worden.
Der moderne Mensch entwickelte neue Bearbeitungstechniken für Stein-, Knochen- und Geweihgeräte, er schuf neue Formen von Jagdwaffen, wie eine Speerschleuder, deren Reste in der Wildhaus-Höhle bei Steeden an der Lahn gefunden wurden, er nähte sich Kleidung und betätigte sich, wohl noch in einem sehr bescheidenen Maß, auch künstlerisch. So war er gut gerüstet für die tiefgreifenden klimatischen Änderungen am Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10 000 Jahren.
Neolithische Revolution – Der Mensch wird sesshaft
Zu Beginn der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, kam es zu tiefgreifenden Veränderungen, die der Historiker Rolf Gensen als »den wohl bedeutendsten Fortschritt der Menschheitsgeschichte – vergleichbar allenfalls mit der Industrialisierung Mitteleuropas«3 bezeichnet. Aus Jägern und Sammlern wurden Ackerbauern und Viehzüchter. Was diese Entwicklung in Hessen vor 7000 Jahren auslöste (und damit wesentlich später als im Vorderen Orient), bleibt weitgehend Spekulationen überlassen. Die neue Kultur der Sesshaften scheint sich aber nicht langsam entwickelt zu haben, sie trat bereits in voller Blüte hervor. Das deutet darauf hin, dass sie sich nicht vor Ort ausgebildet hatte, sondern durch einen Transfer nach Hessen gelangte. Zu den Neuerungen gehörten neben dorfartigen Siedlungen mit großen Häusern der Getreideanbau, die Viehzucht und die Herstellung gebrannter Gefäße. Den Hund hatte es schon länger als Haustier gegeben, jetzt kamen Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine hinzu, die wohl aus dem Vorderen Orient mitgebracht wurden. Einkreuzungen mit einheimischen Wildrindern und Wildschweinen waren aber keine Seltenheit. Nach dem bandartigen Muster auf ihrem Geschirr werden die ersten Bauern in Hessen »Bandkeramiker« genannt.
Ihre bevorzugten Siedlungsgebiete waren die fruchtbaren Ebenen, auf denen sich Emmer, Einkorn und Gerste anbauen ließen, Futterpflanzen für die Nutztiere wuchsen und Nüsse oder Früchte gesammelt werden konnten. Zum Süßen verwendeten die Bandkeramiker wohl schon Honig. Auch das Salz und Wildkräuter zum Würzen waren ihnen vertraut. So nutzten sie zum Beispiel den Vogelknöterich wie wir heute den Pfeffer.
Da Düngung noch unbekannt war, verließen die Familien- oder Stammesgruppen wohl nach einiger Zeit ihre Plätze, um eventuell nach Jahren wiederzukommen. Das Leben muss in dieser Zeit extrem beschwerlich gewesen sein. Die Kindersterblichkeit war hoch, und so betrug die durchschnittliche Lebenserwartung nur 25 Jahre. Erwachsene konnten allerdings auch 40 Jahre oder mehr werden, wenn sie nicht vorher eine der zahlreichen Krankheiten, gegen die man nur selten Mittel kannte, hinweggerafft hatte. Denn die Ernährung war trotz Fleisch, Getreideprodukten und Früchten sehr einseitig. Aus Knochenuntersuchungen wissen wir, dass es einen deutlich erkennbaren Vitaminmangel gab, aus dem typische Krankheiten resultierten.
Bei der Kleidung waren die Bandkeramiker nicht nur auf Leder und Felle angewiesen. Wie Jens Lüning in dem Katalog zu der Ausstellung auf dem Hessentag 2004 in Heppenheim berichtet, besaßen die frühen Bauern »zwei neue Materialien, die Leinenfasern (Flachs) und Wolle. Lein wurde in vielen Siedlungen angebaut, und auf einem verbrannten Lehmstück aus Nordhessen sind Abdrücke eines leinwandbindigen Gewebes aus Lein festgestellt worden. Ob die bandkeramischen Schafe schon genügend Wolle in ihrem Haarkleid hatten, ist umstritten, doch auch Haare lassen sich gut verspinnen, und Unterwolle besaßen die Tiere in jedem Fall. Funde von Spinnwirteln zeigen, dass Flachs und Wolle versponnen werden konnten, und Webgewichte, dass daraus auf einem Gewichtswebstuhl Gewebe hergestellt wurden«4.
Das tägliche Leben der frühen Bauern dürfte in jeder Hinsicht beschwerlich gewesen sein. Und es kam noch etwas Weiteres hinzu. In den Gräbern häufen sich Waffen und Werkzeuge zur Herstellung von Waffen als Beigaben. Das deutet darauf hin, dass sich die kleinen Gemeinschaften gegen äußere Feinde verteidigen mussten. Denn im...




