Bordage | Krieger der Stille | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 752 Seiten

Bordage Krieger der Stille

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08429-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 752 Seiten

ISBN: 978-3-641-08429-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einzig die Krieger der Stille können die Bedrohung abwenden - doch werden sie eingreifen?

Die intergalaktische Konföderation Naflin ist vom Untergang bedroht: Die mit übersinnlichen Kräften ausgestatteten Scaythen haben die planetaren Regierungen infiltriert und kennen nur ein Ziel – die Vernichtung der Menschheit. Einzig die Krieger der Stille könnten sie aufhalten, doch der uralte Orden wird durch interne Machtkämpfe gespalten, und ihr Gegner scheint übermächtig …

Pierre Bordage, 1955 im Département Vendée geboren, studierte Literaturwissenschaft in Nantes. Mit seinem ersten Roman Die Krieger der Stille landete er auf Anhieb einen riesigen Publikumserfolg. Das Buch wurde mehrfach preisgekrönt, unter anderem mit dem renommierten Grand Prix de l’Imaginaire. Der Autor lebt mit seiner Familie in Boussay an der Atlantikküste.
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ZWEITES KAPITEL


Von heute an bin ich Angestellter des Intergalaktischen Transportunternehmens und widme ihm im Bewusstsein des mirgewährten Privilegs mein ganzes Leben.

Ich komme meinen Aufgaben zum Wohle der Kunden, die mit dem Intergalaktischen Transportunternehmen reisen, mit größtem Eifer nach.

Ich bin im Voraus mit jeder Versetzung auf einen anderen Planeten einverstanden, sollte das Entscheidungskollegium eine solche Maßnahme zum Gedeihen des Intergalaktischen Transportunternehmens für notwendig erachten.

Ich bin ein Mitglied der großen Familie Galaktischer Transportunternehmen und als solches respektiere ich …

Auszug aus der Airain-Charta, der ethischen Pflichtenlehre des InTra-Amtseid, der vor der Einstellung vor dem Entscheidungskollegium auf dem Planten Oursse abgelegt werden muss.

Auf dem Planeten Zwei-Jahreszeiten kursierte hartnäckig ein Gerücht: Es hieß, der Dauerregen werde bald aufhören, und somit sei bald das Ende der Regenzeit gekommen.

Tixu Oty, der Oranger, fläzte in seinem abgenutzten, verstaubten Sessel in einer Dependance der Reiseagentur InTra und starrte mit dem stumpfen Blick einer himmlischen Kuh auf den strömenden Regen draußen vor dem Fenster.

Während der fünf oder sechs Standardjahre, die Tixu Oty auf den Zwei-Jahreszeiten lebte, hatte er sich in eine zottelige, träge, von Alkohol und Langeweile getränkte Masse verwandelt. Seiner zerknitterten, ehemals hellgrünen Uniform entströmte ein widerwärtiger Geruch, der an diese riesigen Echsen erinnerte, die Bewohner der Flüsse während der Regenzeit.

Wenn sich – was selten genug vorkam – ein Kunde in die vergammelte Agentur verirrte, wurde er von Tixu Oty mit einem derart scheelen Blick bedacht, dass er schnell eine Entschuldigung stammelte und wieder abzog. Welchen Eindruck mussten die unglücklichen Reisenden nur von dieser Firma haben, dem »wichtigsten Reiseveranstalter des bekannten und des unbekannten Universums«?! Von dem InTra, mit seinen Abertausenden Niederlassungen auf Hunderten Planeten der Naflin-Konföderation, inbegriffen die auf den entlegenen Welten der Marken. Das allmächtige InTra, das mithilfe einprägsamer Slogans und Mauscheleien zwischen Politik und Finanzwelt zum Quasi-Monopolisten innerhalb des galaktischen Transportsektors geworden war.

Gefangen in seiner Lethargie wusste Tixu jedoch, dass früher oder später ein Inspobot – ein Inspektor-Roboter – im Auftrag des Entscheidungskollegiums bei ihm erscheinen und seine Arbeit überprüfen würde. Die Direktion kümmerte sich um jede Agentur, auch wenn sie an den Grenzen des registrierten Universums lag. Wenn er viel Glück hatte, würde man ihn einfach nur rausschmeißen, wie man jeden anderen Faulenzer aus einer verantwortungsvollen Stellung entlassen hätte. Allein, diese Vorstellung entsprach seinem Wunschdenken. Viel wahrscheinlicher war, dass er vor dem Ethiktribunal des InTtra erscheinen musste, wo sein gesamtes Versagen in beruflicher Hinsicht offenkundig werden würde. Und da das InTra äußerst empfindlich war, wenn es um das Renommee seines Unternehmens ging, würde man ein Exempel an ihm statutieren, was bedeutete, dass er zu zehn bis fünfzehn Jahren Dienst in einer der Recyclingwerkstätten auf dem Planeten Oursse verurteilt werden würde. Dort würde er dann die Wahl haben, als Versuchspilot – Mortalitätsrate: 30,3 Prozent – zu arbeiten, oder im Strahlenlabor – Mortalitätsrate: 26,7 Prozent –, um Anomalien jedweder Art aufzudecken.

Doch Tixu war es dank seines bewundernswerten Phlegmas gelungen, diese Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen: den Eid, den er auf die Airain-Charta geleistet hatte; die Inspobots; die Maxime: der Kunde ist König; und das deprimierende Schicksal, das ihn erwartete … Ihn interessierte nur eins: der Augenblick, an dem die Computerstimme der Hostess des internen Senders die Schließung aller Reiseagenturen in der Zone 1098-A der Marken verkündete.

Reflexartig tippte Tixu dann auf der veralteten Tastatur den Geheimcode ein, drückte auf den Knopf, der die magnetische Schutzvorrichtung aktivierte, hievte seine immense Körpermasse aus dem Sessel und vergaß jedes Mal die altmodische holografische Leuchtschrift auszuschalten, bei der seit Ewigkeiten die Hälfte der Buchstaben fehlte. Dieses Reisebüro war wahrscheinlich das heruntergekommenste des bekannten und unbekannten Universums.

Dann machte sich Tixu träge auf den Weg und schlurfte durch die dunklen und verschlungenen Gassen der Innenstadt. Bald musste er auf schmale Stege ausweichen, die zur Regenzeit kleine Seen, Bäche und Flüsse überbrückten. Die Wassermassen reflektierten, zerbrochenem Spiegelglas gleich, den fahlen Schein der Lichtblasen, die vom Wind geschüttelt wurden. Manchmal tauchte plötzlich in der Gischt eine der Flussechsen auf, ein etwa zehn Meter langes, fleischfressendes Reptil. Sein gelb geschuppter Leib und seine kleinen rubinroten Augen leuchteten im grauen Zwielicht und wenn es sein Maul öffnete, glänzte eine Dreierreihe spitzer Zähne, während sein kräftiger Schwanz wütend die Wasseroberfläche peitschte.

Schon oft hatte eine Windbö einen betrunkenen oder vom Fieber geschwächten Passanten von einem der Stege geworfen. Der Mann hatte keine Chance, mit dem Leben davonzukommen. Immer lauerte eine Echse in der Nähe, und sie verschlang ohne Zögern ihre unverhoffte Beute (Todesrate: 100 Prozent).

Manchmal beobachtete Tixu diese Wassermonster eine Weile. Dann hielt er sich immer an den an den Stegen angebrachten Seilen fest. Nicht, dass er übermäßig am Leben hing, aber immerhin hielt er sich an dem fest, was sich ihm bot, und in dem Fall war es eben ein Seil.

Die Ureinwohner der Zwei-Jahreszeiten, die Sadumbas, glaubten, dass die Flussechsen Wassergottheiten seien. Vor der Ankunft der Kolonisten aus der Konföderation auf ihrem Planeten hatten sie den Echsen einige ihrer Neugeborenen in einem Ritual geopfert. Und obwohl das Konföderierte Recht einheimische kulturelle und ethische Gebräuche schützte, waren diese jahrhundertealten Praktiken verboten worden, weil man sie für barbarisch und einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig hielt.

Tixu schritt auf schwankenden Stegen über die unter ihm lauernden Geschöpfe, die aufmerksam jede seiner Bewegungen über die rutschigen Planken verfolgten. Auch wenn der Regen ihm nun ins Gesicht peitschte, lies er sich davon nicht aus seiner gleichgültigen Haltung bringen. Jetzt strebte er dem einzigen Ort der Siedlung zu, wo Alkohol ausgeschenkt wurde: eine Baracke, auf morschen Pfählen errichtet; kein sehr vertrauenerweckendes Etablissement. Unter einem verwitterten Wirtshausschild neigte sich eine baufällige Terrasse in bedrohlichem Winkel auf den unter ihr gurgelnden Bach zu. Wahrscheinlich war dies die heruntergekommenste Kneipe des bekannten und unbekannten Universums.

Tixu gesellte sich jeden Abend zu den zahlreichen Liebhabern einer einheimischen Spezialität, eines alkoholischen Getränks namens Mumbë, eine zweifelhafte Mixtur aus Säure und Gift, die jedem normalen Individuum die Gedärme zerfressen hätte. Tixu jedoch leerte schweigsam Glas um Glas, ohne den Blick zu heben. Die anderen Säufer standen an der Bar oder flegelten sich an roh zubehauenen Tischen, auch sie tranken schweigend. Ihre glänzenden, rot geäderten Augen starrten ins Leere. Die Kellner, drei Brüder vom Planeten Roter-Punkt, füllten schweigend die Becher und Gläser nach. Nur ihre Hände grabschten gierig nach den auf die Theke geworfenen Münzen.

Die Taverne der Drei Brüder – so wurde sie genannt, weil niemand das Wirtshausschild entziffern konnte – diente vor allem als Umschlagplatz für geschmuggelten Tabak aus den Skoj-Welten und künstlichem Alkohol. Beides war bereits per Gesetz der Konföderation seit mehr als einhundertsechzig Standardjahren verboten.

Von Zeit zu Zeit tauchten ein paar schrille Frauen in der verräucherten Kaschemme auf. Sie hatten bunt gefärbte Haare, und ihre hauchdünnen Negligés enthüllten schlaffes Fleisch, hängende Brüste, fette Beine und kahle Venushügel  – heruntergekommene Prostituierte, die nicht die Mittel hatten, sich einer Verjüngungskur zu unterziehen. Sie verkauften sich an die Optalium-Sucher, an korrupte Beamte oder an dubiose Geschäftsleute.

Auch Tixu war in Momenten tiefster Verzweiflung schon ihren zweifelhaften Angeboten erlegen. Diese flüchtigen Begegnungen fanden in einem im ersten Stock gelegenen Zimmer statt, mitten in einem Schwarm aggressiver schwarzer Moskitos. Da diese Frauen äußerst professionell vorgingen, dauerte der gesamte Akt, von der Geldübergabe bis zur Ejakulation, nie länger als dreißig Sekunden. Und jedes Mal hatte Tixu nichts anderes in Erinnerung behalten als den widerlichen Geruch des Desinfektionsmittels auf der fleckigen Matratze.

Manchmal schnappte er Fetzen einer Unterhaltung oder eines Gedankens auf.

»Scheißregen! Das dauert jetzt schon länger als zwanzig Jahre. Eine-Jahreszeit, so müsste dieses Loch heißen!«

»Ja. Und der arme Morteen Olligrain … Dass er so enden musste. Hat sich einfach von einer dreckigen Echse fressen lassen …«

»Dabei habe ich ihm gesagt, nicht so nahe am Wasser zu graben. Erst mal, weil es in der Nähe des Wassers überhaupt kein Optalium gibt. Und dann, weil ich ja gesehen habe, dass das alles zusammenbrechen würde …«

»Er war eben stur … Aber so sind sie alle, diese Dickschädel von Artilex. Immer müssen sie recht haben.«

»He, du Oranger, da drüben! Wenn ich einen guten Fund mache, komme ich sofort zu dir. Und dann steckst du mich in deine beschissene Maschine und ich bin sofort zu Hause. Und dazu noch...


Bordage, Pierre
Pierre Bordage, 1955 im Département Vendée geboren, studierte Literaturwissenschaft in Nantes. Mit seinem ersten Roman Die Krieger der Stille landete er auf Anhieb einen riesigen Publikumserfolg. Das Buch wurde mehrfach preisgekrönt, unter anderem mit dem renommierten Grand Prix de l’Imaginaire. Der Autor lebt mit seiner Familie in Boussay an der Atlantikküste.



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