E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Bornhorn Am Scheideweg
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6748-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7578-6748-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es gibt mehrere Modelle, nach denen man die Erinnerung ordnen könnte. Das einfachste wäre jenes der chronologischen Vorgehensweise: strikt geradeaus, linear. Bei der 'topologischen' Vorgehensweise hingegen, die assoziativ Themen, Orte, Namen verknüpft, laufen die Fäden des Netzes, das die Zeit einfängt, in der Gegenwart zusammen. Wenn ich hier also Ereignisse aus jenen Jahren rekonstruiere (modischer: dekonstruiere), inneren Erfahrungen nachsinne, nachfühle...(Wer spricht hier? Wer spricht wo? Wer spricht wann?) Eine Dreiecksgeschichte, ein Mann zwischen zwei Frauen, zwischen Marseille und Moskau. (Liebe als einzige Antwort auf das tägliche Kriegsgeschehen). Eine Liebesgeschichte also: Zerrissenheit, Aufgewühltsein, Rausch, dem Alltag zeitweise enthoben, eine Geschichte von'Liebe und Tod' (die Versuchung zu sagen: noch eine).
11.7. 1950 Geburt in Dinklage, Südoldenburg, Niedersachsen - Okt. 1968 Jugendlager der Olympischen Spiele, Mexico - 1991 - 94 Marseille. Photographien, Frottagen, Gipsabdrücke und Texte im und über den Marseiller Hafen - 1992 Lesereise durch Deutschland mit dem Buch: "Eine Liebe zu Frankreich" - 2000 Reise nach Goa, Indien; Reise nach Santiago de Cuba und Havanna. Seitdem: freier Autor, Übersetzer und Fotograf
Autoren/Hrsg.
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I
Der Traum vom Weizenfeld Es gibt mehrere Modelle, nach denen man die Erinnerung ordnen könnte. Das einfachste wäre jenes der chronologischen Vorgehensweise: strikt geradeaus, linear. Bei der „topologischen“ Vorgehensweise hingegen, die assoziativ Themen, Orte, Namen verknüpft, laufen die Fäden des Netzes, das die Zeit einfängt, in der Gegenwart zusammen. Zu beginnen mit Sätzen wie: „Ich wohnte damals in Frankfurt, in der Elkenbachstraße 10, in der Nähe des chinesischen Gartens. Mein Mitbewohner, Rolf Stein...“ ist mir nicht mehr möglich. Die eingestreuten Tagebuchnotizen aus jener Zeit (1988, 89) gehören der physikalischen, vierdimensionalen Raumzeit an, Ort und Zeitangabe sind genau bestimmt (Man denke nur an den Anfang des „Mannes ohne Eigenschaften“). Eine Falle, Färbung bei jeglicher Form der Erinnerung ist das, was oberflächlich mit „Nostalgie“, „Melancholie“ bezeichnet wird. Wenn ich hier also Ereignisse aus jenen Jahren rekonstruiere (modischer: dekonstruiere), inneren Erfahrungen nachsinne, nachfühle...(Wer spricht hier? Wer spricht wo? Wer spricht wann?) Eine Dreiecksgeschichte, eine Liebesgeschichte, also Zerrissenheit, Aufgewühltsein, Rausch, dem Alltag zeitweise enthoben, eine Geschichte von „Liebe und Tod“ (die Versuchung zu sagen: noch eine). Die einzige Möglichkeit, dies alles (alles?) zu erzählen, ist die offene Form, so offen wie nur möglich (selbst dann ist die Motivation noch nicht ganz geklärt, erklärt). November 88 Elkenbachstraße Mir gegenüber sitzt Stefan B., mein (junger) Verleger. Kennengelernt haben wir uns zwei Jahre zuvor, im Jardin du Luxembourg. Er hörte Derrida, seine Freundin, Hutmacherin, durchlief eine Ausbildung in Paris... Stefan sitzt in dem einzigen Prunkstück des Zimmers, einem altrosa bespannten Ohrensessel. Der Raum ist zu klein für zwei Personen (es sei denn, sie liebten sich: was sich später, mit Natascha, erfüllen sollte). Das kreischende, sich im Gehirn einnistende Sägen, Singen (Oskar!) der Glasschneiderei unten im Hof hat ausgesetzt, wie jeden Abend. Stefan fragt mich, ob ich eine Wohnung wisse, wo ein polnisches Künstlerehepaar für einige Tage unterkommen könne, die Zeit, die sie für die Hängung der Werke und die Vernissage benötigten. Ich biete ihm mein, dies Zimmer an, Teil der kleinen Wohnung, die ich mit einem älteren, beleibten Mann teile. Derweil könne ich zu einem Freund ziehen... Das Karma (der guten Tat) nimmt seinen Lauf... Stefan B. und andere, besser: anderswo auftretende Personen werden im Verlauf des sich vertiefenden, verdichtenden Netzwerks an Kontur, an Schärfe gewinnen. Das Erzählen mitzuerzählen, in dem Maße, in dem die Erzählung voranschreitet, macht für mich, den Autor, vielleicht den größten Reiz aus. (Es kann, im Bedarfsfall, die Erzähl“maschine“ wieder in Gang gesetzt werden; vor allem erlaubt das Miterzählen aber, jederzeit einzugreifen, erlaubt das Zitat, gewährt größtmögliche Freiheit: ein Balanceakt, der nicht in Bevormundung des Lesers umschlagen darf). Und dies: In dem Maße, in dem der Erzählstrom einsetzt, ein existentielles Aufgehobensein, ein Beisichsein. Von jetzt an erzählt „es“ sich, erzählt es sich „von allein“; ein Wort gibt das andere. Oft gefallen mir die Skizzen und Vorstudien eines Malers besser als das „endgültige“ Bild, sie sind spontaner, immaterieller, transparenter. (So wurde das Portrait, das Michael K. im Château Noir nahe Aix-en-Provence von mir anfertigte, im Verlauf mehrerer Sitzungen von Mal zu Mal pastoser. Zum Glück hielt ich die verschiedenen Stadien des Portraits photographisch fest.) Der Eindruck existentiellen Aufgehobenseins mag damit zusammenhängen, dass die Erzählung auf das „Seelenniveau“ einstimmt. Dort fließen „vergangene“ und gegenwärtige Erfahrungen zusammen, Verästelungen tun sich auf. Ereignisse aus der „Außenwelt“ werden einbezogen, finden ihren Platz in einer sich vertiefenden, „magischen“ Weltsicht, Weltwahrnehmung. Tout tombe en place. Things are falling into place. Alles findet/hat seinen Platz. Galerie am Palmengarten Vorweihnachtszeit Vernissage des humorvollen, teilweise an Kinderzeichnungen erinnernden Werkes des polnischen Ehepaars (sie sind jung, voller esprit...) Natascha, eine junge Russin (sechsundzwanzig Jahre ist sie alt, erfahre ich im Verlauf der nächsten Tage), in einem folkloreartigen, eher rigiden Kostüm. Diese Rigidität fällt mir auch in ihrer Sprechweise, ihrem Verhalten auf. Schon an diesem ersten Abend werde ich sie deshalb necken... Der Abend geht zu Ende, die meisten Besucher sind gegangen, übrig sind: Jutta K. und ihr Freund, bei denen Natascha wohnt während ihres Frankfurtaufenthalts, das polnische Paar, der Galerist, die Russin und ich. Wir sitzen auf dem Teppichboden, an die Galeriewände gelehnt. Natascha möchte wissen, wie lange ich in Frankfurt bin, bevor ich in die Provence fahre (ich habe ihr von meiner bevorstehenden Reise erzählt). Wir verabreden uns für den nächsten Abend im Bockenheimer Depot. Bockenheimer Depot Sie isst wenig, trinkt viel Kaffee, raucht lange, starke Zigaretten (Yves Saint Laurent? Davidoff?), nicht diese feinen, langfiltrigen, die das weibliche Gewissen beruhigen sollen. Haben die Zigaretten zu ihrem späteren kurzzeitigen Herzversagen beigetragen? Erste längere Gespräche. Ihr englischer Wortschatz ist reich an Vokabeln, ihre Aussprache „gepflegt“ (ihre Mutter ist Englischlehrerin). Beziehungen zur Familie Tarkowskijs (dessen Filme ich liebe), das Leben in Moskau, Fahrten auf der Wolga... El Pacifico Ein Tag geht über in den nächsten, genauer wäre: Eine Nacht folgt der andern, die Tage sind kurz, das Dunkel verstärkt die Intimität, hilft mir, ihrem Wesen näher zu kommen. Wir haben „unsere“ Bar gefunden, sie ist bis weit in die Nacht geöffnet, mexicanische Tacos, wiederum Kaffee, Zigaretten... Was geschieht mit den Erinnerungen, während wir von ihnen erzählen? Werden sie lebendiger, nur um dann ihr Leben auszuhauchen, nachdem sie es an die Schrift abgegeben haben? Ist es so? Gibt es sie danach nur noch auf dem Papier, auf der Festplatte? Befreiung und Verlust zugleich. So erlischt ganz allmählich (aber ganz anders als in der Alzheimerschen Krankheit) das persönliche Gedächtnis. Die Spuren werden gelöscht, die Neuronen und Synpasen werden frei für andere Botschaften 86? Am Ende der Tagesschau (es muss die Weihnachtszeit sein) Bilder vom verschneiten Roten Platz in Moskau. Dazu Stings Song: „The Russians love their children too“ Mir kommen dabei die Tränen (wie überhaupt bei jeglicher Form der Versöhnung mir leicht die Tränen kommen). Eine Vorahnung der Begegnung mit Natascha? Versöhnung, Aussöhnung: ein Leitmotiv, das mein Leben durchzieht. Atemlos schreiben, so atemlos wie mein Vater das letzte Jahrzehnt seines Lebens durchlebte? Nach seinem Tod sagte die Ärztin, er müsse schon vorher, vor dem alles zerreißenden Infarkt, einen stillen Infarkt gehabt haben. In der Zeit, in der ich seine Notizen überarbeitete, nahm er beständig blutverdünnende Mittel. Erinnerungen: sie mit einem Netzwerk einfangen sie wie ein Mosaik zusammensetzen sie (teilweise) erfinden Merianplatz Mitternacht zwischen Weihnachten und Neujahr 88/89 Der Platz liegt auf halbem Weg zwischen der Wittelsbacher Allee (wo sie bei den Freunden nächtigt) und der Elkenbachstraße. Ich halte sie umfangen, trage sie, so will mir jetzt scheinen, bis ins Zimmer hinauf (sie war ohnehin ein Leichtgewicht), es wird unsere erste Nacht. Morgen muss sie sehr früh raus, sie hat ein Interview im Hessischen Rundfunk. Als mein Vater begann, seine Erinnerungen an die Jugendtage im Südoldenburgischen, insbesondere aber an die Jahre im besetzten Paris 40 bis 42 zu notieren (ich komme darauf zurück), stellte er mit Erstaunen fest, dass im Verlauf des Sich-Erinnerns die Erinnerungen immer zahlreicher und präziser wurden. Birkenallee Bundeswehrlazarett 96 Hier, mit Blick auf die Allee und den Trakt, in dem mein Vater seine letzten Tage verbrachte, habe ich nach dem Armbruch Streckübungen gemacht. So oft ich auch hier vorbeikam, zu Fuß oder mit dem Rad, habe ich an ihn gedacht. Den Friedhof hingegen, wo seine „sterblichen Überreste“ ruhen, besuche ich nur ungern. Wichtig ist nur der Ort, an dem ich ihn zuletzt lebend sah... Kehl Sommer 88 Beim Warten auf den Anschlusszug nach Offenburg (und dann nach Frankfurt) komme ich ins Gespräch mit einem spitzbärtigen, beleibten, schon älteren Mann. Schwul, links (ehemals links? Er hat Fischer, Cohn-Bendit gekannt), spricht er ununterbrochen; dies sollte auch später so bleiben). Da er Geld benötigt, und ich eine Bleibe, sind wir uns schnell einig. Frankfurt 88, 89 In seinem Zimmer hängen Photographien, auf denen er selbst abgebildet ist, in...




