Bove | Ein Mann, der wusste | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 190 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

Bove Ein Mann, der wusste

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86034-578-8
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 190 Seiten

Reihe: Werkausgabe Emmanuel Bove

ISBN: 978-3-86034-578-8
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Maurice Lesca wohnt mit seiner Schwester Emily in einer kleinen Wohnung an der Rue de Rivoli in Paris. Einst war er Arzt ohne Berufung, heute geht er keiner Beschäftigung mehr nach. Er ist arm und lebt von den gelegentlichen Zuwendungen einiger großzügiger Bekannter aus früheren Zeiten. Was hat es mit seiner jämmerlichen Untüchtigkeit und seiner unbeholfenen Art auf sich, die er im Umgang mit seiner Schwester etwa oder mit Madame Male, die er regelmäßig in ihrem Buchladen besucht, so meisterhaft einzusetzen versteht? Geld ist ihm gleichgültig. Behauptet er. Und doch spinnt sich das ganze Geschehen um eine Intrige - oder ist es doch keine Intrige? -, bei der Geld im Spiel ist. Was geht hier vor? Wer ist Maurice Lesca? 'Der Schriftsteller als Stoffsammler im eigenen Leben.' [Quelle: Manuela Reichart, Berliner Zeitung] Zum Weiterlesen: 'Emmanuel Bove. Eine Biographie' von Raymond Cousse und Jean-Luc Bitton ISBN 9783860347096

1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling 'Meine Freunde' hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten. Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges ?uvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.
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Es war zehn Uhr morgens. Maurice Lesca nahm die Tasche aus Wachstuch, faltete sie zusammen und klemmte sie unter den Arm. Er schloss die Tür der kleinen Küche. Lesca war ein Mann von siebenundfünfzig Jahren, dem seine große Statur und seine Kraft im Laufe des Lebens eher hinderlich denn dienlich gewesen waren. Er hatte ebenso viele weiße wie braune Haare. Je nach Licht traten die einen oder die andern stärker hervor und ließen ihn älter oder jünger erscheinen. Die Enttäuschungen einer bereits langen Existenz standen ihm ins Gesicht geschrieben. Er trug einen altersschlappen Hut, den er nicht nur über die Augen, sondern auch über die Ohren und den Nacken gezogen hatte. Sein graugrüner Überzieher war weit. Auf der Straße erkannte man Maurice Lesca schon von weitem an der Art, wie er seine Hände in die senkrechten Tascheneingriffe grub und diese nach vorn zog, als verstecke er etwas, das zu voluminös wäre für eine Manteltasche. Damit man nicht merke, dass er weder Kragen noch Krawatte trug, hatte er einen Schal über der Brust gekreuzt. Seine Hose war zu lang und verdeckte die Absätze. Seine abgetragenen Schuhe besaßen keine deutliche Form mehr und waren nicht einmal genau gleich.

»Ich gehe einkaufen«, sagte er zu seiner Schwester, die seit sieben Monaten im anderen Zimmer der Wohnung logierte.

Er bekam keine Antwort. Er wunderte sich nicht weiter und ging hinaus. Er begann, die vier feuchten Etagen dieses Hauses an der Rue de Rivoli gegenüber dem Kaufhaus La Samaritaine hinunterzusteigen, wo er vor siebzehn Jahren eingezogen war. Über den Treppenabsatz des zweiten Stocks ging er auf Zehenspitzen. Dort winselte hinter einer Tür ein Hund, den man den ganzen Tag alleine ließ, sobald er Schritte hörte. Maurice Lesca konnte es nicht ertragen. Vor der Pförtnerloge hielt er einen Augenblick inne, um einen Blick auf die zwischen Scheibe und Vorhang der Tür geschobenen Briefe zu werfen. Trotz des Regens, eines unsichtbaren Nieselregens, war die Straße voller Menschen. Unter dem Portal blieb er unschlüssig stehen. Gewöhnlich schaute er, wie das Wetter war, bevor er ausging. Heute Morgen hatte er nicht daran gedacht. »Das kommt davon, wenn man immer ans Gleiche denkt.« Er ging rasch die Häuserzeile entlang bis zur Ecke einer engen Straße, wo sich ein kleines Café-Restaurant befand. Er trank etwas am Schanktisch, zündete sich eine Zigarette an, wechselte einige Worte mit dem Wirt und ging wieder hinaus. Kurz darauf stieß er die Tür zu einer Wäscherei auf und fragte, ohne einzutreten, ob seine Wäsche bereit sei. Als man bejahte, sagte er, er werde sie auf dem Rückweg abholen. Dann machte er ein paar Einkäufe für sein Mittagessen. In jedem Geschäft wartete er geduldig, bis er an der Reihe war. Erst wenn die Händlerin sich an ihn wandte, ließ er sich bedienen. Seit siebzehn Jahren verhielt er sich unter den Hausfrauen des Stadtviertels wie ein Neuankömmling, der nicht beschuldigt werden möchte, er wolle sich vordrängen. Im winzigen Laden einer Zeitungshändlerin weinte ein Kind. Man sah es in der stickigen kleinen Kammer, die der hintere Teil des Ladens bildete, inmitten von Papierfetzen auf dem Boden sitzen.

»Aber was ist denn, was ist denn?«, fragte Lesca, während er versuchte, das Kind mit Gesten abzulenken.

Das Kind hörte auf zu weinen. Seine Mutter nahm es auf den Arm.

»Gib dem Herrn Doktor die Hand.«

Lesca lächelte.

Fast sogleich verließ er den Laden. Der Anblick eingeschlossener Kinder tat ihm weh. Er stieg langsam die vier Stockwerke hoch. Auf jedem Treppenabsatz blieb er stehen, seines Herzens wegen. Endlich langte er bei seiner Wohnung an. Er ging in die Küche, um die Einkaufstasche abzustellen. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück und setzte sich in einen großen Ledersessel, ein altes Modell mit gedrechselten Beinen auf Rollen. Das ganze Mobiliar war wie dieser Sessel. Vor siebzehn Jahren war er während eines Spaziergangs zufällig auf einen kleinen Trödler gestoßen und hatte ihm gesagt: »Beschaffen Sie mir alles Notwendige, um zwei Zimmer zu möblieren.« Einige Tage später hatte ihm der Trödler gemeldet: »Ich habe, was Sie brauchen.« Lesca hatte sich nie selber bemühen wollen. »Ich bin sicher, es wird bestens passen. Lassen Sie alles zu mir bringen.«

Er hielt eine auseinandergefaltete Zeitung in der Hand. Er hatte weder Überzieher noch Hut abgelegt. Von Zeit zu Zeit schaute er nach draußen. Es schien ihm jedes Mal, der Regen habe nachgelassen, dann sah er ihn plötzlich dichter fallen als zuvor.

»Emily, ich bin zurück«, sagte er nach einer Weile zu seiner Schwester.

Niemand antwortete. Dabei stand die Tür zum andern Zimmer offen. Die Autobusse ließen die Scheiben erzittern. Die Wohnung war nicht gelüftet worden. Man lüftete sie nie. Die Luft, die zwischen den Fensterritzen durchdrang, genügte, um einem am Abend, wenn man nach Hause kam, ein Gefühl von Erneuerung zu geben. Lesca kniff die Nasenflügel zusammen und behielt dann die Finger unter der Nase. Er liebte den Geruch von Tabak, der sich mit dem Geruch der Haut vermischte. Unvermittelt stand er auf, zog seinen Überzieher aus und legte den Hut ab. Er hatte seine Morgentoilette noch nicht gemacht und fühlte sich hässlich und schmutzig. Er begann auf und ab zu gehen. Seit mehreren Monaten schon warf er keinen Blick mehr in das Zimmer, das seine Schwester jetzt bewohnte. Als er es leid war, ziellos umherzugehen, setzte er sich hinter einen Schreibtisch, der in einer Ecke des Zimmers stand. Wie pompös und armselig doch alles um ihn herum war, dieses Büfett aus massivem Eichenholz, diese Matratze in einer Ecke, die geschnitzte Bettstatt hinter einer Tür, der Esstisch mit den abgerundeten Ecken, und vor allem dieser Schreibtisch, mit seinen verstaubten Nippsachen und seiner grässlichen Schublade auf der Seite, die in mehrere Fächer aufgeteilt war für das Kleingeld, denn eigentlich war es eher ein Zahltisch als ein Schreibtisch! Minutenlang ruhte sein Blick auf dem monumentalen Tintenfass, der kupfernen Miniatur eines Brunnens von Dijon. Dann stand er auf und begann erneut auf und ab zu gehen.

»Emily.«

Er erhielt immer noch keine Antwort. Er setzte sich wieder in den Ledersessel. »Auch das«, murmelte er, »ist ein gutes Stück von einst.« Er zündete eine neue Zigarette an, ließ das Streichholz ganz herunterbrennen. Jedes Mal war eine Zigarette weniger im Päckchen. Aber man konnte schließlich nicht auf alles verzichten. Man konnte sich schließlich nicht jedes Mal, wenn man Lust hatte zu rauchen, sagen, dass man es eigentlich lassen sollte. Er schaute zum Fenster. Vielleicht regnete es nicht mehr. Auf jeden Fall sah man nichts, wegen des Beschlags auf den Scheiben. Es war nicht zu glauben! Da führte er also das Leben eines kleinen Ruheständlers, der selber für sein Mittagessen einkauft, der kocht, seine Wäsche wäscht, seine Knöpfe annäht. Ein kleiner Ruheständler! Nicht einmal das. Er hatte keine Pension mehr. Wer hätte sie ihm überweisen sollen? Er war nie in der Verwaltung gewesen. Er war nirgendwo gewesen. Er war auch kein kleiner Rentner. Er hatte keine Rente. Und doch glaubten alle, er sei ein kleiner Rentner. Wenn man da nicht wütend werden konnte. So ganz und gar wie etwas wirken und keinen der entsprechenden Vorteile genießen. Sechzehnhundert Franc pro Jahr! Die Miete betrug nur sechzehnhundert Franc, und nicht einmal die konnte er aufbringen. Bei jedem Fälligkeitstermin begann wieder die gleiche Geschichte. Er lehnte sich zurück. Seine Augen waren auf die Kranzleiste des Büfetts gerichtet. Der Blick weilte anderswo. Die bedeutenden Männer, die intelligenten Männer, jene mit Charakter vor allem, hatten allesamt Erfolg. Ach! Wäre er dem Weg gefolgt, der sich in seiner Jugend vor ihm aufgetan hatte, wäre er geduldig gewesen, hätte er sich damit begnügt, jedes Jahr ein bisschen reicher, ein bisschen angesehener zu werden als im Jahr zuvor – er wäre heute genauso glücklich wie der Professor. Er würde in einer schönen Wohnung leben. Man würde ihn bedienen. Er hätte eine elegante Frau, die in der Gesellschaft von ihm reden würde, usw. Das Unglück war nur, dass er all das lächerlich gefunden hatte. Er konnte sich also nicht beklagen. Und wenn er heute, anstatt eine ebenso wichtige Persönlichkeit wie der Professor zu sein, von ebendiesem Professor jeden Monat einige hundert Franc borgen musste (nicht ohne jedes Mal zu befürchten, es sei zu früh, er falle ihm auf die Nerven, er gehe zu weit), so war das nur natürlich. Und wenn es heute vorkam, dass ihn der Schwiegersohn jenes Professors empfing und er den zweiten Ehemann der Frau, die einst seine, Lescas, Gattin gewesen war, um die paar hundert Franc angehen musste, die er brauchte, so war das, so außergewöhnlich es scheinen mochte, ebenfalls ganz natürlich. Man begegnete im Leben noch weit außergewöhnlicheren Dingen.

Maurice Lesca richtete sich auf.

»Emily«, sagte er.

Sie antwortete nicht einmal. Hätte sie geantwortet, wenn seine Situation eine andere gewesen wäre? Man musste gerecht sein. Sie hätte vielleicht auch dann nicht geantwortet. Nein, er konnte sich nicht beklagen. Es war nur recht und billig, dass ein Mann, der Anerkennung sucht und dessen Gang, dessen Stimme und Gebärden von diesem Bestreben geprägt sind, gezwungen ist, demütigende Schritte zu unternehmen! Er war dafür geschaffen, Ratschläge zu erteilen, zu beschützen, und stattdessen musste er die Leute um Unterstützung bitten. Es gab keinen anderen Weg. Man musste leben. Manche bereuten aufrichtig, ihm nicht mehr geben zu können. Aber nicht alle waren so. Man musste alles ertragen. Man musste sich hinsetzen, warten, musste sich Ratschläge anhören – sie anhören, wo man doch selber so gerne welche gab. Man musste liebenswürdig sein, musste gegen...


1898 als Sohn eines russischen Lebemanns und eines Luxemburger Dienstmädchens in Paris geboren, schlug sich Emmanuel Bove mit verschiedenen Arbeiten durch, bevor er als Journalist und Schriftsteller sein Auskommen fand. Mit seinem Erstling "Meine Freunde" hatte er einen überwältigenden Erfolg, dem innerhalb von zwei Jahrzehnten 23 Romane und über 30 Erzählungen folgten.
Nach seinem Tod 1945 gerieten der Autor und sein gewaltiges Œuvre in Vergessenheit, bis er in den siebziger Jahren in Frankreich und in den achtziger Jahren durch Peter Handke für den deutschsprachigen Raum wiederentdeckt wurde. Heute gilt Emmanuel Bove als Klassiker der Moderne.



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