Boyd | Stars und Bars | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Boyd Stars und Bars


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70270-2
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-311-70270-2
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der schüchterne britische Kunsthistoriker Henderson Dores reist nach New York. Alles, was er will, ist dazugehören, Teil der amerikanischen Gesellschaft werden, denn amerikanisch sein, so denkt er, heißt, ein unbeschwertes Leben führen. Keine leichte Aufgabe für einen steifen Briten, wie Dores einer ist, verloren in einem Land voller extrovertierter Sonderlinge, wie ihm scheint. Seine Reise führt ihn von New York City bis in den Süden Atlantas. Seine Versuche, die kulturellen Unterschiede zu begreifen - zwischen seiner englischen Heimat und den USA, zwischen New York und den Südstaaten -, bringen sein Leben gehörig durcheinander und die Leser dieses hochkomischen Romans immer wieder zum Lachen.

William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält - er geht für sein Leben gern spazieren.
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Erster Teil Vierundzwanzig Stunden in New York


Erstes Kapitel


Schauen Sie, da geht Henderson Dores die Park Avenue in New York hinauf. Ich komme zu spät, denkt er, und das stimmt, er kommt zu spät zur Arbeit. Er trägt seine Säbel in einem schmalen Beutel über der rechten Schulter und bemüht sich, ruhig und lässig zu erscheinen, aber der Ausdruck nachhaltiger Besorgnis auf dem kantigen, offenen Gesicht verrät seine wahre Verfassung. Die Scharen von ordentlichen und gut gekleideten Amerikanern schreiten zielstrebig an ihm vorüber, ohne Eile, voller Selbstvertrauen.

Henderson geht weiter. Er ist fast vierzig Jahre alt – sein Geburtstag steht kurz bevor – und nicht ganz eins achtzig groß. Er ist von kräftiger Statur, und sein Gesicht wirkt freundlich und recht anziehend. Zu seiner ständigen Überraschung sind die Menschen geneigt, ihn auf den ersten Blick zu mögen. Er ist höflich, flott gekleidet und scheint, abgesehen von dieser leicht gerunzelten Stirn, so ruhig und unbekümmert wie Hinz und Kunz. Doch Henderson leidet unter einem Groll, einer Bitterkeit von der tiefsitzenden, heimtückischen Art. Er mag sich nicht mehr, ist nicht zufrieden mit der Persönlichkeit, die ihm mitgegeben wurde, ganz und gar nicht. Etwas an ihm ist nicht auf der Höhe, taugt nichts. Das Fleisch würde er ja gern behalten, aber den Geist würde er lieber tauschen, wenn’s recht ist. Er will ein anderer werden, will anders sein, als er jetzt ist. Und deshalb eigentlich ist er überhaupt hier.

Er fährt sich mit der Hand durch das dichte, blonde Haar, das kurz ist, aber gewissermaßen lang geschnitten, auf die englische Art. In der Tat deutet für den geübten Beobachter alles an ihm auf den typischen Engländer hin. Der bereits erwähnte Haarschnitt, die Augen mit den hellen Wimpern, der Flaum auf den unrasierten Wangenknochen, der alte blaue Zweireiher, der abgewetzte goldene Siegelring am kleinen Finger der linken Hand, die marineblauen, knöchellangen Socken (nur Butler und Chauffeure tragen Schwarz) und die glänzenden, von vielen Knittern überzogenen geschnürten Halbschuhe mit den Kappen an den Spitzen.

Dieses Wissen – dass er so leicht von den anderen zu unterscheiden ist – muss ihn einfach bekümmern, ist es doch sein großer und einziger Traum, sich anzupassen, dazuzugehören, zu verschmelzen mit der Identität dieser ernsthaften, beneidenswerten Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Einfach auch so in Manhattan leben, sagt er sich, während er die Säbel auf die linke Schulter nimmt, wie alle anderen hier. Er runzelt wieder ein wenig die Stirn und geht etwas langsamer. Sein Problem ist folgendes: Er liebt Amerika, aber wird Amerika seine Liebe erwidern? Da vorn wartet der Verrückte.

»Der Kürschner um Mitternacht glaubt, seine Hände seien voller Wolken.«

»Bitte, gehen Sie.«

»Der Kürschner um Mitternacht glaubt, seine Hände seien voller Wolken.«

Gewöhnlich sprach Henderson Dores nicht mit Verrückten. Nach seiner Erfahrung war es möglich, selbst noch das giftigste Gerede zu ignorieren, wenn man so tat, als existierte die andere Person nicht – als wäre sie gar nicht Das war ein Trick, den er zuerst furchtsame Professoren in Oxford hatte anwenden sehen, wenn sie in schmalen Gassen von Betrunkenen belästigt wurden. Starres Lächeln, Augen geradeaus, und – Abrakadabra – weg war der Betrunkene. Und so zauberte er mit einer kleinen Willensanstrengung den Verrückten fort, zwang sein Gesicht zu dem erforderlichen sanften, gekünstelten Lächeln, trat zwei Schritte nach links und ging weiter.

Der Verrückte hopste neben ihm her.

Nicht stehen bleiben, lautete die Regel. Er hätte gar nicht erst stehen bleiben sollen, aber was der Verrückte da sagte, ergab irgendwie einen perversen Sinn.

Er ließ den Blick schweifen, versuchte den üblen Gefährten an seiner Seite zu ignorieren. An diesem sonnigen Aprilmorgen schien New York tief durchzuatmen und in der klaren, sauberen Luft zu jubilieren. Es war in seiner Terminologie ein »Baisertag«: knusprig, raffiniert, zerbrechlich.

Es zupfte mehrmals an seinem Ellbogen. Du bist nicht da, sagte sich Henderson, deshalb kannst du mich auch nicht am Ellbogen zupfen. Sein Arm wurde fest gepackt. Er blieb stehen. Eine vage Furcht stimulierte seinen Pulsschlag. Der nicht eben geruchsfreie Verrückte trug einen beigen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen, einen Schal, einen zerknautschten Filzhut und eine Sonnenbrille, und er hatte einen schwarzen Regenschirm aufgespannt. Henderson sah, dass ihm unter dem Hut der Schweiß hervorrann.

»Bitte lassen Sie mich in Ruhe«, sagte Henderson mit fester Stimme.

Die Menge wirbelte um das Verkehrshindernis herum.

»Charmante Leute haben etwas zu verbergen.« Der Verrückte sprach mit einer weiblichen Singsangstimme. Sein Gesicht war zu nah; sein Atem roch eigenartig nach alten Zitronen.

»Lassen Sie mich in Ruhe, oder ich rufe die Polizei.«

»Ach, verpiss dich, Arschloch.«

Das passte schon eher ins Bild. Der Verrückte trat zurück und zielte mit dem Finger nach ihm, den Daumen hochgereckt.

»Peng!«

Henderson zuckte in ungespieltem Schrecken zusammen, wandte sich um und schritt weiter. »Peng! Peng! Peng!«, verklang es hinter ihm. Er erschauerte. Du liebe Güte, dachte er, was für eine widerwärtige Begegnung. Er hob den Beutel mit den Säbeln an und vergewisserte sich, dass der Riemen seinen Anzug nicht zerknitterte. Der Kürschner um Mitternacht glaubt, seine Hände seien voller Wolken. Das ist eigentlich gar nicht so übel für einen Irren, dachte er und beruhigte sich ein wenig. Das klang wie ein Erkennungsspruch bei einem Agententreff oder wie eine Zeile aus einem besseren symbolistischen Gedicht.

Er stapfte den leichten Anstieg der Park Avenue hinauf. Jüngere Leute überholten ihn, unter ihnen ein hübsches Mädchen in einem eleganten pilzfarbenen Seidenkostüm mit gar nicht dazu passenden Trainingsschuhen. Ihre Brüste wippten unter dem glänzenden Stoff der Bluse. Ihr von gefärbten Strähnen durchzogenes blondes Haar wurde von einem Bügel mit winzigen Kopfhörern im Zaum gehalten. Sie verzog das Gesicht im Rhythmus des Liedes, das nur sie allein hörte. Henderson fragte sich, ob er ihr einen »schönen Tag« wünschen sollte. Derlei konnte man hier machen: irgendeinem vorübergehenden Fremden einen fröhlichen Gruß zukommen lassen. »Hey, viel Spaß an der Musik!«, konnte er rufen. Oder »Guten Appetit beim Lunch!« oder »Alles Gute!« Er schüttelte bewundernd den Kopf und sagte nichts.

Er beschleunigte seinen Schritt. Mit der Kuppe eines Zeigefingers strich er Feuchtigkeit aus seinen borstigen blonden Brauen. Diese Brauen begannen ihm Sorgen zu machen. Bis vor Kurzem waren sie ganz normal und unauffällig gewesen, aber neuerdings waren sie buschig und störrisch geworden, und einzelne Haare wuchsen sogar heraus und lockten sich: Sie entwickelten sich zu einem Gesichtsteil für sich. Ärger bereiteten ihm auch seine Brustwarzen. Er rief sich zur Ordnung: Heb dir die Sorgen für den Heimweg auf.

Sein Heim war ein kleines Apartment in der East Sixty-second Street zwischen der Lexington und der Second Avenue. Es lag nicht allzu weit vom Büro entfernt, und stieg der Weg dorthin auch ein wenig an, so stellte das Hinabschlendern am Abend doch eine Entschädigung für die morgendliche Anstrengung dar. Er sah wieder auf die Uhr. Ja, er kam tatsächlich zu spät. Ebenso erstaunlicher- wie erfreulicherweise war er kurz nach fünf Uhr noch einmal fest eingeschlafen und erst um acht aufgewacht, ohne Erinnerung an irgendwelche Träume. Er hatte in der Kehle ein Schluchzen der Erleichterung gespürt: Vielleicht wurde das jetzt endlich anders, vielleicht war dies ein Zeichen – Amerika übte tatsächlich seine Wirkung aus …

Er achtete zurzeit auf Zeichen; er analysierte sie mit dem Eifer eines Oberpriesterlehrlings. Und zunächst schienen sie alle Günstiges zu verheißen.

Er war vor etwa zwei Monaten in Amerika eingetroffen. Es hatte geregnet, als seine Maschine auf dem John F. Kennedy International Airport landete. Vor den Fenstern des Flughafengebäudes fielen schwere, im Kunstlicht gelb schimmernde Tropfen. Er hatte kurz daran gedacht, dem Beispiel des Papstes folgend, den Boden zu küssen (hätte er sich einen Moment lang unbeobachtet gefühlt), doch er schritt schnurstracks aus der Maschine in einen schäbigen Korridor hinein. Er gelangte in sanfter Trance an dem mürrischen Einwanderungsbeamten und dem wortkargen Zöllner vorbei: diese schleppenden Laute, diese unmöglichen Namen, die echte Knarre an der echten Polizistenhüfte.

Draußen regnete es inzwischen noch heftiger. Ein großer, sehr zorniger Schwarzer in einer glänzenden Ölhaut brachte mit heiserer Stimme und herrischen Gesten Ordnung in das Gedrängel zu den Taxis. Warteschlange und Fahrzeuge bildeten zwei folgsame Reihen. Die leuchtenden, zerbeulten gelben Taxis …

Henderson stand eine Weile neben dem Taxiordner. Das Warten machte ihm nichts aus. Der Mann murmelte etwas vor sich hin. Henderson blickte von der Seite auf seinen Schnurrbart und die dicken, wulstigen Lippen und bemerkte, dass der Mann ständig in Bewegung zu sein schien, obwohl er stillstand. Wasser tropfte ihm stetig vom Mützenschild.

»Es könnte schlimmer sein«, sagte der freundliche Henderson. »In England schneit es.«

Der Taxiordner wandte sich um; das Weiße in seinen Augen war so gelb wie Butter.

»Scheiß auf England«, sagte er.

Henderson nickte. »Scheiß auf England«, pflichtete er ihm bei....


Boyd, William
William Boyd, 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana geboren, ist dort und in Nigeria aufgewachsen, bevor er in Großbritannien zur Schule ging und studierte. Dass er sich in keiner Kultur ganz zu Hause fühlt, sei für einen Schriftsteller eine gute Voraussetzung, sagt Boyd. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1981, heute gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Erzähler der zeitgenössischen Literatur. William Boyd lebt mit seiner Frau in London und im südfranzösischen Bergerac, wo er auch Wein anbaut. Wo immer er sich gerade aufhält – er geht für sein Leben gern spazieren.



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