Boyle | Willkommen in Wellville | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 552 Seiten

Boyle Willkommen in Wellville

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-446-24527-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 552 Seiten

ISBN: 978-3-446-24527-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dr. John Harvey Kellogg, Erfinder von Cornflakes, Erdnussbutter und 75 weiteren gastrisch einwandfreien Lebensmitteln, ist angetreten, den uralten Traum der Menschheit vom ewigen Leben zu erfüllen. Zu seinem Tempel der Gesundheit wallfahrtet die gesundheitsbewußte Oberschicht Amerikas. Während eine kuriose Gruppe von Gesundheitsaposteln, Körnchenfressern und Sonnenanbetern sich um das Wohl der Patienten bemüht, versuchen Abenteurer und Scharlatane aller Couleur ebenfalls von dem gesunden Wahn zu profitieren und den Rahm des Geschäfts mit der Magermilch abzuschöpfen. Das Buch wurde 1994 von Alan Parker mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt.

T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, ist der Autor von zahlreichen Romanen und Erzählungen, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Bis 2012 lehrte er Creative Writing an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt »Das wilde Kind« (Erzählung, 2010), »Wenn das Schlachten vorbei ist« (Roman, 2012), »San Miguel« (Roman, 2013), die Neuübersetzung von »Wassermusik« (Roman, 2014), »Hart auf hart« (Roman, 2015), die Neuübersetzung von »Grün ist die Hoffnung« (Roman, 2016), »Die Terranauten« (Roman, 2017), »Good Home« (Stories, 2018), »Das Licht« (Roman, 2019), »Sind wir nicht Menschen« (Stories, 2020), »Sprich mit mir« (Roman, 2021) sowie »Blue Skies« (Roman, 2023).
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2.
MÜLLSCHLUCKER DES MEERES


Ohne die kleine, zierliche, dreizackige Gabel zur Kenntnis zu nehmen, hob Charlie Ossining die Auster an den Mund, brachte die Schale in Schräglage und verleibte sich das Weichtier mit einem raschen, geübten Schürzen der Lippen ein. Vor ihm, auf einem Bett aus zerstoßenem Eis, lagen elf weitere Austern, schimmernd im Saft des Lebens. Er nahm sich die zweite vor, würzte sie mit einem Spritzer Cocktailsoße und Zitronensaft, bevor er sie zu ihrer Schwester ins Bett schickte; der Augenblick steigerte sich durch ein warmes gastrisches Glühen, als er genüsslich an seinem Pommery & Greno, Jahrgang 96, nippte und den ansprechenden grünen Flaschenhals betrachtete, der aus der eisigen Krippe herausragte. So macht das Leben Spaß, dachte er und tupfte sich die Lippen mit einem Tuch aus schneeweißem Leinen ab, dann ließ er den Blick müßig in die funkelnde Tiefe des Waggons schweifen.
Die Landschaft, die draußen an den Fenstern vorbeizog, war so kalt und freudlos wie die Speiseröhre einer Auster – hatten Austern Speiseröhren?, fragte er sich kurz, bevor er die nächste verschlang –, aber hier, im sanft beleuchteten Speisewagen, war alles Mahagoni und Kristall. Wirklich erstaunlich. Kaum zu glauben, dass sie mit nahezu vierzig Meilen pro Stunde dahinschossen – der Waggon bebte kaum merklich, der Champagner schwappte nicht über den Rand des Glases, auch nicht, wenn die Topfpalme gelassen über seinem Tisch schwankte. Er konnte die vibrierenden Gleise spüren, selbstverständlich, aber das war nichts als ein weit entferntes Pochen; es kam ihm vor, als ob seidene Fäden ihn durch die trostlose Landschaft zögen.
Er hatte die Platte mit den Austern halb geleert – sechs nackte Schalen, sechs volle –, als der schwarze Kellner den Gang entlang auf ihn zustolzierte, zwei Speisekarten an die Brust gedrückt, ein ausgezehrtes Paar im Schlepptau. Charlie sah sich schnell um und musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass sein Tisch der einzige für vier Personen war, an dem nur ein Gast saß, und außerdem musste er feststellen, dass sie direkt auf ihn zusteuerten. So viel zu einsamen Vergnügungen.
»’Tschuldigung, Sir«, sagte der Neger und senkte besänftigend den Kopf, dann rückte er der Frau den Stuhl gegenüber Charlie zurecht (sie war in den Dreißigern, zu blass, zu dünn, hübsche Augen, ein dreistöckiger Hut, schief wie der Turm von Pisa, verziert mit künstlichem Obst, Spitzen, Bändern, einem Sortiment Tand und einem kleinen, bleichen toten Vogel mit Glasaugen, der auf einem Zweig aus Draht thronte) und den Stuhl neben ihr für den Mann (zu große Nase, widerspenstiges Haar, gekleidet wie ein Prinz auf dem Weg zur Oper). Charlie waren sie augenblicklich unsympathisch, aber dann wurde er etwas milder gestimmt; war wie immer gewillt, den Reichen Konzessionen zu machen.
»Guten Abend«, offerierte Charlie. Er trug einen Anzug aus blauer Serge – ein bisschen fusselig vielleicht, aber das rosa-weiß gestreifte Hemd hatte er höchstens drei- oder viermal getragen, und die Manschetten und den Kragen hatte er erst am Morgen gekauft.
Die Frau lächelte – sie hatte auch hübsche Zähne. Und Lippen. »Abend«, murmelte der Mann und reichte dem Kellner die Weinkarte zurück, als wäre es Abfall, dann legte er die Speisekarte verkehrt herum auf den Tisch, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Er fixierte Charlie mit einem kaum merklichen Silberblick, sah ihn vielleicht einen Augenblick zu lange an und brach in ein Grinsen aus. Plötzlich schoss eine fleischlose Hand, gefolgt von einem knochigen Gelenk, über den Tisch, und Charlie nahm sie überrascht in die seine. »Will Lightbody«, sagte der Mann mit einer vor übermäßiger Begeisterung dröhnenden Stimme.
Charlie nannte seinen Namen, entzog ihm die Hand und wandte sich der Frau zu.
»Mr. Ossining«, sprach Will, und seine Stimme klang jetzt seltsam hohl, als spräche er vom Grund eines Brunnens, »darf ich Ihnen meine Frau vorstellen, Eleanor.«
Der hoch aufragende Hut erbebte unter seinen Auswüchsen, ein Paar scharfer, spöttischer Augen hielten Charlie fest wie eine Pinzette, und Eleanor Lightbody murmelte einen Standardgruß. Es folgte Schweigen, Eleanor blickte auf ihre Speisekarte hinunter, Will grinste unangemessen, hemmungslos, ein dreißigjähriger Schuljunge mit einem neuen Spielzeug. Charlie begann sich zu fragen, ob er nicht ein wenig gestört sei.
»Austern«, sagte Will plötzlich. Eleanor sah von der Speisekarte auf.
Charlie blickte auf das halbe Dutzend Schalentiere auf seinem Teller und dann auf Wills grinsendes Pferdegebiss. »Ja. Bluepoints. Sie sind köstlich, richtig süß … Möchten Sie eine probieren?«
Das Grinsen erlosch. Wills Unterlippe schien zu zittern. Er sah zum Fenster hinaus. Es war Eleanor, die diesmal das Schweigen brach. »Es ist wegen seines Magens«, sagte sie.
Sein Magen. Charlie zögerte, überlegte, welches die angemessene Reaktion sei. Mitgefühl? Überraschung? Eine geistreiche Apologie der verdauungsfördernden Eigenschaften der Austern? Er sah wehmütig auf seinen Teller – die Atmosphäre musste bereinigt werden, bevor er die nächste Schale in Angriff nehmen konnte, so viel stand fest. »Dyspepsie?«, fragte er sich laut.
»Ich habe seit drei Wochen nicht mehr geschlafen«, sagte Will. Er fummelte an den Ecken der Speisekarte herum und fing an, unter dem Tisch nervös mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen. Ohne das vorteilhafte Grinsen war sein Gesicht länger und schmaler, die Augen hatten sich in ihre Höhlen zurückgezogen, und unter den Backenknochen zeichneten sich zwei ausgeprägte Einbuchtungen ab. Er sah aus, als stünde er mit einem Bein im Grab.
»Wirklich? Was Sie nicht sagen.« Charlie blickte von Mann zu Frau und wieder zurück. Sie hatte auffallend schöne Augen, wirklich, aber der spöttische Glanz war daraus verschwunden, erloschen wie das Grinsen ihres Mannes. »Drei Wochen?«
Will schüttelte betrübt den Kopf. »Leider. Ich liege im Bett und starre zur Decke hinauf, und mein Magen ist wie eine Dampfmaschine, wie ein kochender Kessel, und dann sehe ich im Dunkeln diese Visionen …« Er beugte sich vor. »Pasteten, Orangen, Steaks – und alle haben Arme und Beine, tanzen durchs Zimmer und machen sich über mich lustig. Verstehen Sie, was ich meine?«
In diesem Augenblick kam der Kellner wieder, blieb vor ihrem Tisch stehen, den Bestellblock in der Hand, und ersparte Charlie die Peinlichkeit einer Antwort. »Haben Sie sich entschieden, Sir? Madame?«
Jenseits der Fenster wurde es Nacht, der tote graue Himmel senkte sich auf die tote graue Landschaft herab, die Schatten vertieften sich, Bäume gerieten in Vergessenheit, der Fluss wurde schwarz. Plötzlich bemerkte Charlie sein Spiegelbild, das ihm entgegenstarrte – er sah einen hungrigen Mann in einem fusseligen blauen Anzug, der vor einem Teller mit Austern kauerte. Er nutzte die momentane Ablenkung, ließ hastig eine Auster seine Kehle hinuntergleiten, leerte sein Glas und füllte es erneut; der kalte Flaschenhals fühlte sich angenehmer an als irgendetwas, was er je gehalten hatte.
»Die Suppe«, sagte Eleanor, »sie ist doch mit Lauch, nicht wahr?«
»Ja, Madame.«
»Keine Rinder- oder Hühnerbrühe –« Ihre Stimme hatte einen warnenden Tonfall angenommen, den der Kellner sofort erkannte.
»O nein, Ma’am – reine Gemüsebrühe.«
»Ja. In Ordnung. Die Hauptgerichte kommen alle nicht in Frage – würden Sie mir bitte verschiedene Gemüse bringen? Vermutlich servieren Sie es nicht roh?«
Dem Kellner war unbehaglich zumute. Er trat von einem Bein auf das andere. Sein weißes Jackett war so hell, dass es zu glühen schien. »Ich versichere Ihnen, wir haben hier nur das Beste vom Besten, Ma’am …« Er stockte. »Ich werde beim Koch nachfragen.« Und dann, nachdem er sich einen Augenblick suchend auf dem Boden umgesehen hatte, fügte er hinzu: »Wir haben heute Abend einen hervorragenden Gurkensalat.«
Eleanor seufzte gequält. »Also gut, den Gurkensalat. Und ein Glas Wasser.« Als sie sich vorbeugte, um dem Kellner die Speisekarte zu reichen, schien ihr noch etwas anderes einzufallen. »Ach«, sagte sie, »und eine Schale Kleie. Um sie auf den Salat zu streuen.«
»Kleie?« Der Kellner blickte verwirrt drein. »Ich werde sofort beim Koch nachfragen, Ma’am.«
Sie machte ein leises, paffendes Geräusch mit den Lippen. »Ach, nein«, sagte sie. »Nur die Suppe und den Salat.«
Der Kellner wirkte erleichtert, als er die Speisekarte entgegennahm, sich vorneigte und aufmerksam in Will Lightbodys zur Decke gewandtes Gesicht sah. »Und für den Herrn?«
Als Charlie eine weitere Auster nahm, konnte er nicht umhin, den Ausdruck von Panik zu bemerken, der sich in den kaum merklichen Silberblick seines Tischgesellen geschlichen hatte. Will winkte beiläufig mit der Hand ab, als wäre er überhaupt nicht zum Essen hergekommen, als handelte es sich nicht um den Speisewagen der Twentieth Century Limited, des modernsten Zugs der Welt, der sich der besten Küche und des besten Service der Welt rühmte. »Oh, für mich nichts. Etwas Toast vielleicht.«
»Toast, Sir?«
»Toast.«
Während der Kellner über diese Bestellung nachdachte, herrschte Schweigen. Man befand sich in einer Ära herzhaften und kultivierten Essens, zwölfgängiger Menüs, von Suppen, Soßen und Bratensaft, von drei Fleischgängen und einem Fischgang, ganz zu schweigen von den Strömen aus Wein – Sherrys, Bordeaux, Portweine, Zinfandel und Niersteiner – und einer reichen Folge deftiger Desserts. Die Küche ächzte unter Rippenspeeren, gebratenen Gänsen und...


Boyle, T.C.
T. Coraghessan Boyle, 1948 in Peekskill, N.Y., geboren, unterrichtete an der University of Southern California in Los Angeles. Bei Hanser erschienen zuletzt Willkommen in Wellville (Roman, 1993), América (Roman, 1996), Riven Rock (Roman, 1998), Fleischeslust (Erzählungen, 1999), Ein Freund der Erde (Roman, 2001), Schluß mit cool (Erzählungen, 2002), Drop City (Roman, 2003), Dr. Sex (Roman, 2005), Talk Talk (Roman, 2006), Zähne und Klauen (Erzählungen, 2008), Die Frauen (Roman, 2009), Das wilde Kind (Erzählung, 2010), Wenn das Schlachten vorbei ist (Roman, 2012), San Miguel (Roman, 2013), die Neuübersetzung von Wassermusik (Roman, 2014), Hart auf hart (Roman, 2015), die Neuübersetzung von Grün ist die Hoffnung (Roman, 2016), Die Terranauten (Roman, 2017) und Good Home (Erzählungen, 2018).

Grube, Anette
Anette Grube studierte Amerikanistik und Politik. Seit 1988 arbeitet sie als literarische Übersetzerin. Sie hat u.a. Werke von Kate Atkinson, T.C. Boyle, Yiyun Li, Arundhati Roy, Vikram Seth und Richard Yates übersetzt. Sie lebt in Berlin.

T.C. Boyle wurde 1948 in Peekskill, New York, geboren. Er war Lehrer an der dortigen High-School und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten. Heute lebt er in Kalifornien und unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles Creative Writing. Sein 1987 erschienener Roman World's End brachte ihm höchstes Lob der Kritik. Noch im selben Jahr erhielt Boyle den PEN/Faulkner-Preis.



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