Bozsa / Schmid / Bucher | Jeder Fall liegt anders | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 364 Seiten

Bozsa / Schmid / Bucher Jeder Fall liegt anders

Ethnologische Provenienzforschung am Museum der Kulturen Basel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7757-6253-3
Verlag: Hatje Cantz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ethnologische Provenienzforschung am Museum der Kulturen Basel

E-Book, Deutsch, 364 Seiten

ISBN: 978-3-7757-6253-3
Verlag: Hatje Cantz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Provenienzforschung ist so viel mehr als die Suche nach Herkunft: Sie öffnet Perspektiven auf Objekte, Sammlungen, ihre Geschichten und die facettenreichen Beziehungen, die in ihnen angelegt sind.
Das Museum der Kulturen Basel untersucht seine Sammlung systematisch auf Kolonialität und verdeutlicht, wie zentral die Zusammenarbeit mit Communities des Globalen Südens ist. Dabei zeigt sich auch, wie vielschichtig und fordernd ethnologische Provenienzforschung ist. Dieser Band wirft „wegweisende Fragen auf, die in den kommenden Jahrzehnten die ethnologische Provenienzforschung prägen werden“ (George Meiu).Das Museum der Kulturen Basel ist eines der fünf staatlichen Museen des Kantons Basel-Stadt und mit einer Sammlung von über 340.000 Objekten aus allen Regionen der Welt das größte ethnologische Museum der Schweiz. Die Bewirtschaftung dieses Bestandes – das Ergänzen, Bewahren und Sichern, Ausstellen und Vermitteln der Sammlung – ist die Kernaufgabe, auf die sich die Aktivitäten des Hauses konzentrieren. In den letzten Jahren nahm Provenienzforschung und die Zusammenarbeit mit sogenannten Herkunftsgesellschaften breiten Raum ein.

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Weitere Infos & Material


Abdeckung
Titelseite anhalten
Titelblatt
Inhalt
Einführung
Grundlagen und Methodisches
Reisen und Sammeln
Erwerbsumstände und Aneignungspraktiken
Marktlogiken und Handelspraktiken
Mittelspersonen und Counterparts
Communities of implication
Gewaltkontexte
Fehlstellen und Lücken
Aktuelle Relevanz
Oktopudisch
Epilog
Dank
Anhang
Impressum


Ordnen, Katalogisieren, Kategorisieren – Eine Strukturgeschichte des Museums Basil Bucher


Dem Bericht über die öffentlichen naturwissenschaftlichen Sammlungen in Basel von 1835 ist zu entnehmen, dass in der zoologischen Sammlung, neben Reptilien, Vögeln, Fischen und Säugetieren «eine ägyptische Mumie aufgestellt [war], ein Geschenk der Herren Gebrüder Geigy».1 Diese Mumie und der dazugehörige Sarkophag sind die ältesten bekannten Bestände des heutigen mkb. Die Mumie gehört zwar zum Bestand des mkb, seit 2005 ist sie jedoch an das Naturhistorische Museum Basel ausgeliehen. Der Sarkophag befindet sich ebenfalls seit 2004 als Leihgabe im Antikenmuseum Basel. Die Mumientücher sind im mkb verblieben. Diese Verteilung zeugt von strukturellen Veränderungen des Museums. Die Mumie hat zahlreiche Entwicklungen des Museums miterlebt, war Teil mehrerer Ausstellungen, wurde von Dutzenden Menschen bewegt und betreut. Sie tritt also bei wichtigen Eckpunkten der Strukturgeschichte des Museums immer wieder in Erscheinung.

Erste Gesetze: 1821–1836


Die Anfänge der öffentlichen Sammlungen des Kantons Basel-Stadt liegen in dem 1661 von der Stadt und der Universität erworbenen Amerbach-Kabinett, das ab 1671 im Haus Zur Mücke in der öffentlichen Bibliothek zugänglich war. Mit der Reorganisation der Universität Basel im Jahr 1818 wurde die naturhistorische Sammlung aus der Bibliothek herausgelöst, um sie 1821 beim neu geschaffenen Lehrstuhl für Naturgeschichte im Falkensteinerhof anzusiedeln. Für dieses naturwissenschaftliche Museum wurde erstmals ein Museumsgesetz verfasst, das 1822 von der Regenz der Universität Basel genehmigt wurde. Das Gesetz regelte den Betrieb, die Zusammensetzung der Kommission sowie das Verhältnis zwischen Sammlung und öffentlichen Institutionen. Es hielt zudem fest, dass die Museumskommission Teile der Sammlungen veräussern konnte.2 Die Erfahrungen der Kantonstrennung von 1833 führten zur Formulierung eines neuen Gesetzes über das Universitätsgut, das 1836 von der Basler Regierung verabschiedet wurde. Der Teilungsbeschluss von 1833 sah vor, dass das Universitätsvermögen als Teil des Staatsvermögens gemäss der Bevölkerungszahl zu zwei Dritteln an Basel-Landschaft gehen sollte. In der Folge musste die Stadt ein Inventar der gesamten Universitätsgüter anfertigen – einschliesslich der Sammlungen3 – und Basel-Landschaft den entsprechenden Anteil entweder überlassen oder auszahlen.4 Die Mumie verblieb in Basel. Unter dem Eindruck eines möglichen Verlustes band das neue Gesetz das Universitätsgut an die Örtlichkeit der Stadt Basel. Der Historiker Flavio Häner spricht deshalb auch von einer faktischen Verstaatlichung der Sammlung.5 Ab diesem Zeitpunkt unterstanden sämtliche Sammlungen dem Erziehungskollegium; das heisst, bei Beschlüssen über ihre Verwendung war die Zustimmung der Regierung nötig. Die Regenz der Universität Basel hatte die Aufsicht über die Sammlungen und bestimmte eine Kommission, die jährlich über Zustand und Entwicklung berichten sollte.6

Ein bürgerliches Projekt: 1836–1849


Die Folgen der Kantonstrennung führten zu einem grösseren Bewusstsein über die Bedeutung der Sammlungen bei der Bevölkerung Basels. In den folgenden Jahren wurden die Historische Gesellschaft (1836), der Kunstverein (1839) und die Antiquarische Gesellschaft (1842) gegründet.7 Die Bestände wuchsen, sodass der zunehmende Platzmangel die Notwendigkeit eines neuen Museums offensichtlich machte. Die Gründung einer Kommission für das neue Museum 1841 sollte dieses Projekt vorantreiben. Die Initiatoren aus dem Basler Grossbürgertum waren politisch und gesellschaftlich gut vernetzt und in Gelehrten- und Kulturgesellschaften aktiv.8 In einer Tageszeitung propagierten sie die «Erbauung eines neuen Museums».9 Ziel des Projekts war es, auf dem Areal des ehemaligen Augustinerklosters Sammlungen, Bibliothek und Hörsäle in einem Gebäude zu vereinen, um seine «Bestimmung als Tempel der Wissenschaft und Kunst»10 zu erfüllen. Den Zuschlag für das Bauprojekt erhielt der Architekt Melchior Berri (1801–1854), der sich bei seinen Plänen an den klassizistischen Museumsbauten in Berlin orientierte. 1843 wurde das Augustinerkloster abgebrochen, ein Jahr später erfolgte die Grundsteinlegung. Der Bau wurde 1848 fertiggestellt und im November 1849 das Universalmuseum feierlich eröffnet. Das Museum sollte breit in Basel verankert werden, indem es das fortschrittliche, gewerbliche und industrielle Bürgertum einbezog. Als ‹Tempel der Wissenschaft und Kunst› sollte es in das kulturelle Selbstverständnis Basels eingebettet werden.

Im obersten Stockwerk waren Kunstsammlungen und Antiquitäten untergebracht. Neben Galerien mit Münzen und Medaillen, Gemälden, Stichen und Zeichnungen sowie einem Saal für die Gipsabgüsse wurde auch das ‹mexikanische Kabinett› eingerichtet. Vermutlich fand auch die Mumie mit ihrem Sarkophag dort ihren Platz.11 Das neue Museum wurde 1854 in Karl Baedekers Reiseführer erwähnt, allerdings stiessen die Sammlungen auf wenig Begeisterung: «Ausser den Holbein’schen Bildern ist für den, der die rechten Sammlungen in den deutschen Hauptstädten kennt, in der Basler Galerie wenig Bemerkenswerthes. Ein anstossendes Zimmer enthält altmexikanische Götzenbilder u.A. Die Münz-, Kupferstich- und Raritätensammlung, die ethnographische Sammlung, die naturhistorische Sammlung, sind nicht bedeutend».12

Teil des Universalmuseums: 1849–1878


Das ‹mexikanische Kabinett› beinhaltete die Sammlung von Lukas Vischer (1780–1840). Der Basler Seidenbandhändler lebte von 1823 bis 1828 in den usa und anschliessend bis 1837 in Mexiko. Während seines Aufenthaltes legte er eine umfangreiche Sammlung an. Seine Erben schenkten einen Teil der Sammlung 1844 der Universität, woraufhin dieser im Museum an der Augustinergasse ausgestellt wurde. Diese altamerikanische Sammlung bildete den Grundstein des ethnografischen Bestandes und wurde von der Kommission der antiquarischen Sammlung 13 betreut.14

Die Basler Bevölkerung besuchte das Museum an der Augustinergasse, und immer mehr Basler*innen waren bereit, dem Museum Dinge zu schenken.15 Das Wachstum der ethnografischen Sammlung hing mit Lokalpatriotismus, aber auch mit globalen Entwicklungen zusammen. Ab den 1850er Jahren entstanden in europäischen Metropolen ethnografische Museen, was einerseits die Herausbildung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin und andererseits das öffentliche Interesse für diese Sammlungen beförderte.16 Der fortschreitende europäische Imperialismus ermöglichte auch für Schweizer*innen das Erschliessen neuer Märkte. Technische und technologische Errungenschaften in der Schifffahrt, der Bau des Suezkanals sowie das Entstehen von Reisegesellschaften gestatteten es wohlhabenden Basler*innen, Weltreisen zu unternehmen und dabei für das Museum Dinge zu erwerben (vgl. Greber 109–112). Die Gründung der Basler Mission 1815 führte zu weiteren Verbindungen in die Kolonien, von wo Missionare ebenfalls Dinge nach Basel brachten.17

Die Herausbildung einer ethnografischen Sammlung: 1878–1893


Über den Arzt und Naturwissenschaftler Carl Gustav Bernoulli (1834–1878) kamen 1878 die sogenannten Tikal-Tafeln ins Museum, dabei handelte es sich um Türstürze mit Glyphenschrift aus Tikal aus dem 8. Jahrhundert, die die ethnografische Sammlung Basels auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machten.18 Obwohl die Sammlung wuchs und dank der Türstürze eine gewisse internationale Anerkennung genoss, spielte sie innerhalb der Kommission der antiquarischen Sammlung nur eine untergeordnete Rolle. Die schlagartige Vergrösserung durch eine Sammlung, die Johann Rudolf Geigy-Schlumberger (1862–1943) gemeinsam mit seinem Vetter während ihrer Weltreise zusammentrug und 1888 dem Museum überliess, sowie die Sammlungen von Fritz und Paul Sarasin (1859–1942 bzw. 1856–1929) führten dazu, dass die ethnografische Sammlung Ende der 1880er Jahre eine Grösse erreicht hatte, die auch die Kommission der antiquarischen Sammlung nicht länger ignorieren konnte. Die Kommission betraute 1888 den Geografen Rudolf Hotz (1852–1917) als neues Mitglied mit der Betreuung der ethnografischen Sammlung.19 Hotz forderte, dass – analog zur Antiquarischen oder Naturforschenden – auch eine Ethnografische Gesellschaft gegründet und dass dieser Sammlung mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Die Kommission lehnte dieses erste Anliegen ab,20 dem zweiten entsprach sie insofern, als sie Hotz ein Budget von 200–300 Franken für den Ankauf ethnografischer Objekte zur Verfügung stellte.21

Trotz dieses Vorstosses und den neuen finanziellen Möglichkeiten hatte Hotz in den Folgejahren nur wenig Einfluss in der Kommission und auf die Sammlung.22 Erst die Umnutzung der Barfüsserkirche zu einem Historischen Museum, in dem auch die Antiquarische Sammlung untergebracht werden sollte, brachte ein Nachdenken über den Verbleib und die Verwaltung der ethnografischen Sammlung.23 Im November 1892 rief schliesslich die Regenz eine eigenständige ethnografische Kommission ins Leben. Das Historische Museum übernahm die griechischen, römischen, keltischen und germanischen Bestände sowie Dinge des Mittelalters und der Neuzeit, während die altägyptische Sammlung (Mumie), Altertümer der Pfahlbauzeit sowie aussereuropäische Gegenstände der ethnografischen Sammlung zugeordnet blieben.24

Die Katalogisierung der Sammlung: 1893–1896


Im Januar 1893 kam die Kommission der ethnografischen...



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