E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Breitenfellner Bevor die Welt unterging
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7117-5353-3
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7117-5353-3
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kirstin Breitenfellner wurde 1966 in Wien geboren. Ihr erster Berufswunsch war Kinderbuchautorin. Es sollte einige Jahre und den Umweg über ein Studium der Germanistik, Philosophie und Slawistik, drei Romane und einen Gedichtband erfordern, bis sie dieses Ziel erreichte. Daneben arbeitet sie als Literaturkritikerin, Journalistin und Yogalehrerin. Im Picus Verlag erschienen ihre Kinderbücher »Das Echo des Schiffs heißt Fisch« (gemeinsam mit Raoul Krischanitz), »Lisa und Lila dürfen bleiben« (gemeinsam mit Mathias Nemec) und »Das Geheimnis der Schnee-Eule« (gemeinsam mit Bianca Tschaikner). Außerdem sind ihre Romane »Bevor die Welt unterging« und zuletzt 2022 »Maria malt« im Picus Verlag erschienen.
Autoren/Hrsg.
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VORSPIEL
1979
»Wir sehen uns im nächsten Jahrzehnt!« Die Worte des Geografielehrers waren die ganzen Weihnachtsferien durch ihren Kopf gehallt. Judith hatte im Herbst ihren dreizehnten Geburtstag gefeiert und fühlte sich seitdem erwachsen. Trotzdem war sie erschrocken.
Im nächsten Jahrzehnt, das bedeutete, dass sie alt genug war, in Jahrzehnten zu denken, dass sie alt genug war, sich zu erinnern. Natürlich war sie noch nicht erwachsen. Sie wollte nicht einmal erwachsen werden, denn es fiel ihr nichts ein, was daran erstrebenswert sein sollte, außer vielleicht der Freiheit. Zu tun und zu lassen, was man wollte. Sie lebte in einem freien Land, und das war gut so.
Was Judith nicht wusste: Das vor ihr liegende Jahrzehnt sollte aus Blei gemacht sein und nach neun Jahren ein vorzeitiges Ende finden. Wenn sie dann eines Tages wirklich erwachsen sein würde, würde sich niemand mehr nach Freiheit sehnen, sondern alle nur noch nach Regeln schreien. Nicht nur dafür, wie groß Gurken sein mussten und wo man rauchen durfte, sondern auch, welche Wörter man zu verwenden hatte – und demnach, wie man denken sollte. Alle würden nach Sicherheit rufen, weil es noch schwerer sein würde, Krieg und Frieden zu unterscheiden als damals, in den achtziger Jahren, als der Krieg noch kalt war und in einem heißen Blitz zu enden drohte.
Bis ihr Leben losging, würde es noch etliche weitere, zähe Jahre dauern, in denen es scheinen sollte, als ob es zu Ende wäre, bevor es begonnen hatte. Judith gehörte zu denen danach. Das große Fest der Revolution war vorbei und damit der Glaube, dass immer alles besser werden würde. Dieser Glaube einte, ohne dass sie es wussten, die verfeindeten Generationen ihrer Eltern, der fleißigen Kinder des Krieges, des Hungers und des Schweigens, und die der jungen Lehrer, die wütend von den Universitäten an die Schulen geströmt waren, um den Kindern die Zukunft zu bringen: frei von Fesseln, frei zur Lust, frei für den Frieden.
Dazu brauche man nur zu reden, meinten sie, und alles würde gut. Und wenn nicht, dann müsse man eben kämpfen für den Frieden. Notfalls mit Gewalt. Wenn nur der Staat, die Kirche, die Regeln und die Hierarchien niedergerissen sein würden, würde alles gut werden, glaubten die Lehrer mit den langen Haaren und lauten Hoffnungen. Judith war nur allzu bereit, ihnen zu vertrauen.
Es wurde aufgerüstet. Osten und Westen, Gleichheit und Freiheit, standen einander unversöhnlich gegenüber, der Osten stolz und starr wie Beton, der Westen überheblich und flink, auf der Überholspur seiner selbst. Bald wollte der Wald sterben. Kurze Zeit später sollten ihre jungen Lehrer sie hohnlachen. Obwohl sie im Jahrzehnt der sexuellen Befreiung geboren worden waren, sollte es für sie vorbei sein mit der wilden Liebe.
Eine Seuche stand am Horizont, ein Loch tat sich auf im Himmel, durch das die Sonne ungefiltert in ihre Haut brannte. »Make love, not war« wurde heruntergebrochen auf »Petting statt Pershing«. Sie schützten sich mit Sonnencreme. Sie waren nicht mehr immun gegen Kritik, so wie ihre jungen, wütenden Lehrer.
Sie waren geschwächt. Sie waren frei, aber sie wussten nicht mehr, wozu. »No Future« wurde zu ihrem Slogan. Aber wer keine Zukunft hat, hat auch keine Gegenwart.
Sie sollten erst spät Kinder bekommen, zumindest jene von ihnen, die durchgehalten hatten. Die sich durchgerungen hatten, Platz zu nehmen in einem Leben, das weder dem entsprach, was ihnen versprochen worden war, noch dem, wovor sie gewarnt worden waren. Fleiß und Wut brachten einen nirgendwo mehr hin. Denn Jobs und Pensionen hatten sich verflüchtigt.
In fünf Jahren sollte der erste grüne Minister in Turnschuhen sein Amt antreten, um die Wälder und die Freiheit zu retten. Er endete als Lobbyist für die Autoindustrie. Der dicke Kanzler, über den man so wohlfeil spotten, der Boss der Bosse, den man so herrlich hassen konnte, schrieb sich nicht nur erfolgreich die Rettung des deutschen Waldes auf die Fahnen, sondern durfte sich später auch den Fall des Eisernen Vorhangs ans Revers heften.
Während Judith sich auf die Reifeprüfung vorbereiten sollte, sollte der russische Reaktor in die Luft gehen. »Atomkraft? Nein danke!« Die Buttons hatten nichts genutzt.
Es sollte eintreten, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatten. Es sollte eintreten, was die Lehrer prophezeit und von dem die Eltern gesagt hatten, dass es nie eintreten würde.
Ihr Leben sollte zu Ende sein, bevor es begonnen hatte. Um drei Jahre später erst richtig anzufangen. Judith sollte sich ins Abenteuer des Denkens stürzen, um dieser Realität beizukommen. Oder um ihr zu entfliehen?
Silvester 1979 hatte sie ihren ersten Schluck Alkohol getrunken. Ihr Vater hatte ihr das Sektglas gereicht mit den Worten:
»Auf deine Zukunft!«
Judith hatte husten müssen, als die Perlen aus Luft und Lust ihren Hals passiert hatten. Schon als Kind hatte sie Kohlensäure nicht vertragen.
Judiths Vater glaubte fest daran, dass Judith dieselben Chancen haben würde wie er, wenn sie sich nur genug anstrengen würde. Schließlich hatte es bei ihm selbst auch geklappt. Leistung machte sich bezahlt, Leistung bedeutete Wachstum, Wachstum bedeutete Fortschritt, Fortschritt bedeutete Reichtum. Das Wichtigste war, dass einem nichts mehr passieren konnte.
»Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von anderen. So bleibt dir mancher Ärger erspart.«
Diesen Spruch von Konfuzius hatte Papa in Judiths Poesiealbum geschrieben. Er sollte sie vor Enttäuschungen schützen und lag ihr wie ein Stein im Magen. Er würde sie daran hindern, sich ins Leben zu stürzen.
Sauer waren die Bläschen zurück in Judiths Speiseröhre und von da aus in ihre Augen gestoßen. Beim Flaschendrehen im Hobbykeller hatte sie vor wenigen Minuten den ersten Jungen geküsst, den Sohn der Bekannten, die jedes Jahr mit ihnen feierten.
Sie war schon seit mehreren Jahren in ihn verliebt gewesen. Trotzdem hatte sie nichts gespürt außer Abscheu vor seinen feuchten, schmalen Lippen und seinen geröteten Wangen. Sie war sicher, dass er ebenfalls nichts gespürt hatte. Nichts, was auch nur annähernd dem nahe kam, was Liebe sein musste.
Am Morgen darauf saß sie mit trockenen Lippen beim Frühstück und drehte den Ehering ihrer Mutter in den Fingern. »April 1966« stand da. Und der Name ihres Vaters. Judith wurde heiß. Dann wich das Blut aus ihren Wangen, und ein kaltes, böses Lächeln schlich sich in ihre Augen.
»Mamaaa …«
»Ja?«
»Wenn ich im September geboren wurde und ihr im April geheiratet habt, dann fehlen da irgendwo ein paar Monate …«
Jetzt war es an ihrer Mutter, rote Wangen zu bekommen. Sie stammelte etwas wie »Jetzt weißt du es« und »Du bist ja groß genug, das zu verstehen«.
Judith grinste. Sie genoss die Wirkung ihrer Worte, die ihr gar nicht viel bedeuteten, genauso wenig wie die Erkenntnis, dass sie vor der Ehe gezeugt worden war, sie überraschte. Musste es nicht so sein? In den Büchern, die Judith jede Woche aus der Bücherei auslieh, stand nirgends, dass man mit irgendetwas bis zur Ehe warten musste.
Aufklärung war kein Thema für Judith, vielleicht, weil es überall Thema war. In den Kinderbüchern, die ihre Freundin Birte besaß, war alles zu sehen: Mama und Papa lagen aufeinander, das heißt, sie steckten ineinander, das heißt, Papa steckte sein Glied in Mama. Und heraus kam: ein Baby. Aus Mama natürlich. Später. Dann.
Es gab Dr. Sommer und seine Ratschläge, wie man das verhinderte. Indem man ganz einfach zum Frauenarzt ging und sich die Pille verschreiben ließ. Birte kaufte sich heimlich die .
Ihr Vater war Lehrer, hatte einen Bart und kinnlange Haare und war trotzdem viel strenger als Judiths Vater, der sich jeden Tag rasierte, am Morgen abweisend scharf nach Aftershave roch und in der chemischen Industrie arbeitete.
Judith wusste noch nicht, dass sie die chemische Industrie bald für die meisten Übel der Welt verantwortlich machen und in allen Menschen, die dort arbeiteten, Unmenschen sehen würde. Genauso wenig wie sie wusste, dass der Wald bald sterben würde und dann dreißig Jahre später immer noch nicht gestorben sein sollte, genauso wie die Flüsse, in denen man zwanzig Jahre später sogar wieder würde schwimmen können, wenigstens in manchen von ihnen.
»Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«
Diesen Spruch kannte Judith noch nicht und auch nicht die unzähligen anderen Sprüche, die ihre Buttons und Aufkleber und Taschen zieren sollten und an denen sie sich festhielten, auch wenn sie wussten, dass sie nicht von weisen Indianern ersonnen worden waren, sondern von...




