E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Brenner Das Erbe eines Sommers
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-24727-0
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-641-24727-0
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sommer in Sag Harbor, Long Island. Für Emma, die im American Hotel die Gäste empfängt, bedeutet das Hochsaison. Auch ihr guter Freund, der Maler Henry Wyatt, kam einst als Sommergast – und blieb. Als er unerwartet stirbt, vermacht er seine Villa mitsamt allen Kunstwerken Emmas Tochter Penny. Diese ist ebenso überrascht wie Henrys einstige Geliebte Bea. Was hat er sich bei diesem Testament nur gedacht? Bald stößt Bea auf eine Spur: Offenbar hat Henry an verschiedenen Orten in Sag Harbor Zeichnungen hinterlassen. Zeichnungen, die eine Botschaft enthalten und ihrer aller Leben für immer verändern werden ...
Jamie Brenner entdeckte schon als Kind ihre Liebe zu Büchern. Später studierte sie Literaturwissenschaften und ging nach New York, um in der Verlagsbranche zu arbeiten. Heute ist sie selbst Autorin und kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Jamie Brenner lebt mit ihrer Familie in New York.
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Kapitel eins
An den Sommerwochenenden hatte man das Gefühl, das American Hotel in Sag Harbor sei der Nabel der Welt. Die Einheimischen kamen, um sich einen Drink zu genehmigen, und die Touristen in der Hoffnung, eins der acht Zimmer zu ergattern.
Es war der Freitag vor dem Memorial Day, also noch nicht offiziell Sommer, aber doch beinahe. Die Busse der Hampton-Jitney-Linie hielten direkt vor dem Hotel und spuckten stündlich eine neue Ladung Besucher aus Manhattan aus.
Emma Mapson, die in Sag Harbor geboren war, beobachtete schon lange, wie der sommerliche Touristenstrom von Jahr zu Jahr anschwoll. Sie hatte gesehen, wie immer noch schickere Restaurants und an der Main Street immer noch mehr Luxusboutiquen eröffnet worden waren. Eines aber war über die Jahre gleich geblieben, und das war das American Hotel. Der Kolonialbau aus rotem Backstein mit den antiken Holzmöbeln, den Gemälden mit maritimen Motiven an den Wänden und den Tiffany-Leuchtern sah noch genauso aus und fühlte sich auch noch genauso an wie zu der Zeit, als Emma ein junges Mädchen gewesen war. Im Empfangsbereich standen dieselbe abgewetzte Couch und derselbe Backgammontisch, an dem sie von ihrem Vater Backgammon gelernt und sie selbst es ihrer eigenen Tochter beigebracht hatte. Alles schien sie aufzufordern: So hatte es sich jedenfalls bisher angefühlt.
Eine Frau näherte sich dem Empfang und sagte: »Es gibt da ein paar Dinge, die mich an meinem Zimmer stören.«
»Oh, das tut mir leid«, erwiderte Emma, warf einen Blick auf das von Hand ausgefüllte Reservierungsbuch und versuchte herauszufinden, mit welchem Gast sie es zu tun hatte. »Was genau stört Sie denn?«
»Einfach alles!«, antwortete die Frau. »Es gibt keine einzige Steckdose, damit ich mein Telefon aufladen kann, es gibt keinen Fernseher und keinen Wandschrank.«
Emma setzte routiniert eine neutrale Miene auf. Zu verständnisvoll, und es kam einem Eingeständnis gleich, dass tatsächlich einiges im Argen lag; zu verwirrt, und der Gast fühlte sich provoziert. Eine ausdruckslose Miene war das Unverfänglichste.
»Ihr Name, Ma’am?«, fragte Emma.
»Stoward.« Sie sagte es so langsam und deutlich, als hätte sie es mit jemandem zu tun, der gerade erst lesen und schreiben gelernt hatte.
Emma sah die Einträge im Reservierungsbuch durch. Die Frau war im Cooper-Zimmer untergebracht. Es stimmte schon, einen Fernseher gab es dort nicht, genauso wenig wie in allen anderen Zimmern. Und einen Wandschrank gab es auch nicht, aber dafür einen großen antiken Schrank. Steckdosen allerdings hatte es genug. Ihr war völlig schleierhaft, wieso die Frau keine finden konnte.
»Mrs Stoward, ich …« Emma schaute auf. Ihr Blick fiel auf einen vertrauten dunklen Lockenkopf auf der anderen Seite der Halle.
Nirgendwo in der Stadt konnte man die Leute besser beobachten als vom Empfang des American Hotel aus. Emma wusste nie, wer es sich als Nächstes auf dem Sofa bequem machen würde, von dem aus man sowohl einen Blick auf die Main Street als auch auf die immer volle Hotelbar hatte. Manchmal schaute sie auf und sah den Hafenmeister der Stadt dort sitzen, vielleicht auch einen Touristen aus dem Mittleren Westen, einen Promi-Koch oder Billy Joel, einen Einheimischen. Am glücklichsten aber war sie, wenn es sich bei der Person, die auf dem begehrten Platz saß, um ihre vierzehnjährige Tochter Penny handelte – so wie jetzt gerade.
Pennys schmale Gestalt war wie üblich über einen Zeichenblock gebeugt. Emma konnte ihr Gesicht nicht sehen, weil es von ihren Haaren verdeckt wurde. Oh, diese Haare! Als Penny noch ganz klein war, hatten die Leute auf der Straße sie immer auf die Lockenpracht ihrer Tochter angesprochen. Emma sah zu ihr hin, als könnte sie sie durch bloße Willenskraft dazu bewegen aufzuschauen. Ein Blick in Pennys Augen – große, dunkle Augen, ganz anders als ihre eigenen – genügte, und Emma wusste, wie ihre Tochter gelaunt war. Lag es an dem schwierigen Alter oder an Pennys Charakter? Die Geschwindigkeit, mit der ihre Launen wechselten, war jedenfalls nicht zu unterschätzen.
Emma wandte sich wieder dem Hotelgast zu. »Ich komme gleich zu Ihnen rauf und werde sehen, was ich tun kann. Nur einen kleinen Augenblick, ja?«, sagte sie lächelnd, um Zeit zu gewinnen. Sie musste wissen, weshalb Penny so früh aus der Schule zurück war. Als die Frau außer Sichtweite war, schlüpfte sie hinter dem Empfang hervor.
Penny, die in ihrer Schultasche kramte, schien ihre Mutter nicht zu bemerken.
»Hi, Schatz«, sagte Emma. »Wieso bist du nicht in der Schule?«
Penny hob ihren Kopf und schob sich ihre Locken aus dem Gesicht.
»Heute war doch nur vormittags Unterricht. Verlängertes Wochenende. Vergessen?«
Richtig! »Stimmt, das hab ich in der Tat.« Sie beugte sich hinunter und wollte ihre Tochter in die Arme nehmen, aber Penny entzog sich ihr. Emma richtete sich wieder auf und versuchte, nicht verletzt zu wirken. »Okay. Und, was hast du für Pläne?«
»Ich werde mich zu Mr Wyatt setzen. Aber erst muss ich noch ein Buch kaufen.« Sie sah ihre Mutter mit jenem treuherzigen Hundeblick an, der besagte:
Emma seufzte. »Kannst du es nicht in der Bücherei ausleihen?«
»Die haben es noch nicht, und ich will es Mr Wyatt unbedingt heute noch zeigen.«
Emma drehte sich um und sah zu der Ecke hinüber, wo der alte Mann, ein weltberühmter Künstler, mit dem sich Penny trotz des Altersunterschieds angefreundet hatte, spätnachmittags immer saß. »Na schön. Aber stör ihn jetzt nicht, er unterhält sich gerade.« Sie ging mit Penny zur Rezeption hinüber, wo sie ihr einen Zwanziger zusteckte. Ihre Tochter beugte sich vor und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
»Jetzt weiß ich wenigstens, was es kostet, in der Öffentlichkeit ein kleines Zeichen deiner Zuneigung zu bekommen«, bemerkte Emma trocken.
Penny verdrehte die Augen und eilte Richtung Ausgang.
Das Telefon läutete. Emma hob ab, nahm eine Zimmerreservierung entgegen und ging dann in den zweiten Stock hinauf, um zu sehen, was sie für ihren unzufriedenen Gast tun konnte.
»Na endlich«, empfing Mrs Stoward sie. Sie war nicht allein im Zimmer. Auf der Kante eines der beiden Messingbetten saß ein Mann – Mr Stoward vielleicht? – und tippte eifrig auf seinem Handy herum. Er blickte nicht einmal auf.
»Verstehen Sie jetzt, was ich meine?« Mrs Stoward machte eine weit ausholende Handbewegung, als wollte sie sagen:
Emma ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Ein antiker Ganzkörperspiegel, eine Couch mit rot-golden gestreiftem Bezug, zwei Dominy-Stühle. Außerdem ein wunderschöner Schrank, groß genug für eine komplette Garderobe.
Es machte sie rasend, wenn Sommergäste den Charme des Hotels nicht zu schätzen wussten. Es war 1843 erbaut worden, aber die Leute erwarteten die Annehmlichkeiten eines modernen Four Seasons. Sag Harbor war eine geschichtsträchtige kleine Stadt, doch das interessierte die wenigsten. Wussten sie, dass von hier aus einst Walfänger mit ihren Booten in See gestochen waren? Es an diesem Ort eine Schriftstellerkolonie gab? Eine historische afroamerikanische Gemeinde, die Teil der Underground Railroad war, dem Netzwerk, das Sklaven zur Flucht verholfen hatte? Dass John Steinbeck hier gewohnt hatte? Nein, das Einzige, was die Touristen interessierte, waren Restaurantempfehlungen.
»Hier ist eine Steckdose, sehen Sie?« Emma bückte sich und zeigte auf eine, die vom Bein eines Holzschreibtischs verdeckt wurde.
»Schön, damit wäre Problem gelöst«, bemerkte Mrs Stoward, die Hände in die Hüften gestemmt.
Emma ging zum Schrank und öffnete ihn. »Ich kann Ihnen gern noch mehr Kleiderbügel bringen lassen. Sie werden sehen, hier geht eine Menge rein.«
Mrs Stoward musterte den Schrank misstrauisch. »Ist das Zedernholz?«
»Benutz den verdammten Schrank doch einfach, Susan«, murmelte der Mann.
»Und was ist mit dem Fernseher?«, wollte Mrs Stoward wissen.
Jetzt hob der Mann den Kopf und sah Emma gereizt an. »Ja, wir brauchen einen Fernseher hier drin. Um sieben wird ein Spiel übertragen.«
Emma wollte gerade zu der Erklärung ansetzen, dass es im Hotel keine Fernseher gab, als von unten ein gellender Schrei heraufdrang.
»Entschuldigen Sie mich bitte.« Emma eilte aus dem Zimmer und zur Treppe, wo ihr eine Servicekraft entgegengelaufen kam.
»In der Bar ist jemand umgekippt!«, keuchte sie.
Umgekippt? Es war noch früh am Nachmittag. Hatte trotzdem schon jemand zu tief ins Glas geschaut? War alles schon passiert.
»Habt ihr einen Krankenwagen gerufen?« Emma rannte die Treppe hinunter und stieß die Holztür zwischen Treppenhaus und Eingangshalle auf, obwohl sie wusste, dass nicht selten ein Teewagen oder ein Tisch dort stand und den Zugang verbarrikadierte. Aber die Verandatür zu benutzen und außen herum zum Vordereingang zu gehen würde zu viel Zeit kosten.
Zum Glück stand heute nichts im Weg. Emma eilte zur Rezeption, wo das schwarze Festnetztelefon stand, und wählte die 911.
»Hier ist Emma Mapson vom American Hotel. Schicken Sie bitte einen Krankenwagen, einer unserer Gäste ist ohnmächtig geworden.« Der Koordinator in der Notrufzentrale wollte Näheres wissen, aber von ihrem Platz aus konnte sie den am Boden Liegenden nicht sehen, und ihr Telefon war kein schnurloses. Manchmal stellten die...




