E-Book, Deutsch, 190 Seiten
Brenner Dünnes Eis - Die Grenzpolizei
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-70905-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
(Nicht nur) Lustige Dialoge, Anekdoten und Erkenntnisse aus dem Polizeialltag - erzählt von jemandem der es wissen muss
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-347-70905-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Brenner, als Kind der 80er irgendwo im bayerischen Nirgendwo geboren. Seit frühester Kindheit ein Hansdampf in allen Gassen, begann er nach dem Abitur und dem Wehrdienst seine Karriere bei der Polizei. Dort hatte er in über 20 Dienstjahren, nahezu alle Bereiche des Polizeidienstes kennengelernt und kann es sich deshalb auch anmaßen, darüber Bücher zu schreiben.
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Kapitel II
"Königlich Bayerische" Grenzpolizei
Der Freistaat Bayern ist das einzige Bundesland das sich bis nach der Jahrtausendwende den Luxus einer eigenen Grenzpolizei geleistet hat. In allen anderen Bundesländern war die Passkontrolle der Bundespolizei (vormals Bundesgrenzschutz) vorbehalten.
So leisteten die bayerischen Grenzer bis 1990 an der innerdeutschen Grenze, bis 1995 an der deutsch- österreichischen und bis Ende des Jahre 2007 an der deutsch-tschechischen Grenze, ihren Dienst.
Zusätzlich kontrollierten sie Ein- und Ausreise auf den Flughäfen im Freistaat. Von Relevanz waren und sind hier allerdings nur die großen Airports der Landeshauptstadt München und der fränkischen Metropole Nürnberg. Auch wenn heutzutage der Flughafen in Memmingen stetig an Größe und somit auch Bedeutung zunimmt und daher wohl auch künftig einen Schwerpunkt polizeilicher Kontrollen einnehmen wird.
Erst im Jahr 2007 - nach dem die Tschechische Republik offiziell den "Schengenstandard"* bei der Kontrolle ihrer EU- Außengrenzen erfüllte, wurde die elitäre Gemeinschaft der Grenzpolizei durch eine Polizeireform zerschlagen und die Grenzer mussten sich allesamt ein neues Betätigungsfeld suchen, was dem einen mehr, dem anderen weniger erfolgreich gelungen ist.
*Das Schengener Übereinkommen regelt, dass innerhalb der Mitgliedsländer keine stationären Grenzkontrollen mehr stattfinden sollen. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist, dass die Außengrenzen entsprechend gewisser Qualitätsauflagen überwacht werden.
Einzig für die Kolleginnen und Kollegen an besagten Flughäfen änderte sich nicht die Welt, denn für sie bestand die Reform prinzipiell nur aus einem neuen Namen für die Dienststelle und nach Auflösung des Präsidiums der Grenzpolizei eben auch in der Änderung der präsidialen Zugehörigkeit.
Weniger Glück hatten die Kollegen an den Grenzübergängen, denn entgegen aller Versprechungen und Bemühungen der Führung, wurden nur wenige sozialverträglich untergebracht und viele mussten einen weiteren Arbeitsweg und ein grundverschiedenes Tätigkeitsfeld hinnehmen.
Dass man nach der Auflösung der eigenen Stammdienststelle Anspruch auf ein sogenanntes “Trennungsgeld” hat, mag auf den ersten Blick ein finanzielles Trostpflaster sein, bei näherem Hinsehen merkt man jedoch schnell, dass durch den nun in aller Regel deutlich weiteren Arbeitsweg nun auch wertvolle Lebenszeit auf der Strecke bleibt, die für kein Geld der Welt zurückgekauft werden kann.
Hinzu kommt, dass die Grenzer ein eingespieltes Team waren und der Laden lief gut. Nahezu perfekt. Vielleicht auch, weil gerade bei der Grenzpolizei ein freundschaftlicher, nahezu familiärer Umgang miteinander gepflegt wurde und sich irgendwie jeder auf seine Art mit dem Beruf identifizieren konnte.
Ein solches Nest zu verlassen fällt schwer und hinterlässt Spuren. Nicht jeder konnte sich damit abfinden und einige hatten danach echte Probleme, sich (wieder) im “normalen” Polizeileben zurechtzufinden. Und das obwohl das angeeignete Spezialwissen, vor allem im Kfz- und Urkundenbereich, in nahezu allen Situationen des Polizeidienstes von großem Nutzen sein kann.
Nachdem Stellen für Spezialisten wie die Grenzer im Polizeialltag eines Präsidiums Landespolizei mehr als dünn gesäht sind, kapitulierten viele und das Wissen ging ein für allemal verloren.
Allgemein scheint es bei der Polizei ein bedauerlicher Trend zu sein, die Dienststellen, oder die Organisation, die am besten funktionieren, durch eine Reform kaputt zu machen.
Grundsätzlich gilt hier - je besser es läuft und je mehr Geld im laufenden Rechnungsjahr investiert wurde, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Auflösung.
Dies scheint nicht nur in Bayern der Fall zu sein, auch bei anderen Polizeien der Länder und explizit auch bei der Bundespolizei trifft diese Aussage zu. Paradox an der ganzen Sache ist, dass hier häufig im Zusammenhang mit der Polizeiarbeit die Wirtschaftlichkeit genannt wird.
Klar muss die Polizei effizient sein, aber sie ist doch kein Wirtschaftsunternehmen das ein Produkt verkauft und wenn, dann ist dieses Produkt die Sicherheit der Bürger und die sollte den Entscheidungsträgern jede Summe wert sein.
Nicht umsonst ist Prävention, also die Gefahrenabwehr, die oberste Aufgabe der Polizei.
Alles andere, die Verfolgung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten beispielsweise, ist sekundär und letztenendes oft nur das Ergebnis der unzureichenden Prävention.
Aber da diese nicht messbar ist, werden nur (beliebig manipulier- und interpretierbare) Statistiken für Argumentationen der Politik und der Polizeiführung herangezogen.
Es wird solange kaputtgespart, bis es Mal wieder die Politiker sind, die um ihre Sicherheit fürchten.
Wer sich zurückerinnert, in den 70er Jahren hatte die Polizei ihre stärkste Gewerkschaft - die RAF. Damals spielte Geld plötzlich keine Rolle und es konnte(n) gar nicht genug Ausrüstung angeschafft und Polizisten eingestellt werden.
Aber ich schweife ab…
Kommen wir zurück zur Grenzpolizei.
Wie jede Unterart der Polizei hatte sie ihre Besonderheiten und ihren einschlägigen Tätigkeitsbereich.
Vor allem war das in diesem Fall die Kontrolle der Reisenden zwischen Bayern und den angrenzenden Ländern.
Für die jüngeren Leser, die mit der europäischen Union und der damit verbundenen Freizügigkeit der Reise aufgewachsen sind, will ich die Vorgehensweise an dieser Stelle einmal erläutern:
Der Schutz der Grenzen war, vor allem vor der EU- Osterweiterung, ein großes Thema.
Unkontrollierter Personen- und Warenverkehr war nicht erwünscht. Letzterer war auch mit Steuereinnahmen verbunden, weshalb auch der Zoll an den Grenzen für die Überwachung zuständig war.
In der Praxis sah das so aus, dass die Straße, die über die Grenze führte, in der Mitte von der sogenannten "Insel" geteilt wurde.
Auf der Insel wurde kontrolliert.
Die Insel bestand vor allem aus einem Gebäude mit zwei Kabinen. In der einen Kabine (in Richtung Deutschland) saßen die deutschen Grenzer und Zöllner, in der gegenüberliegenden, die Polizeikollegen aus dem Nachbarland (z.B. Tschechien) - in der Regel ebenfalls mit Zollbeamten.
Die Kabinen hatten dann auf Einreise- und Ausreiseseite jeweils einen Schalter, ähnlich wie bei einem Drive- In einer bekannten amerikanischen Fastfoodkette.
In jeder Richtung standen dann zwei STOP- Schilder:
Einmal vor dem deutschen Schalter und einmal vor dem tschechischen (beispielsweise). Analog der Fenster zum Bestellen und der Abholung des Essens.
Nur dass am Essensschalter in der Regel freiwillig und ganz ohne Schild angehalten wird, am Grenzübergang brauchte es dafür schon ab und an einen dezenten verbalen Hinweis an den Fahrer oder die Fahrerin. Aber das hatte auch seine Vorteile… dazu später mehr.
Das Schöne für die Grenzer war:
Die Arbeit kam auf einen zu, man brauchte nicht im Streifenwagen herumfahren, um sich etwas zu suchen, sondern man konnte gezielt auswählen wen und in welche Richtung man kontrollieren wollte.
Umgekehrt wusste die Kundschaft ja worauf sie sich einlässt und dass an der Grenze Kontrollen stattfinden.
Umso erstaunlicher ist, wie wenig Gedanken sich offensichtlich einige darüber gemacht haben und so kam es oft vor, dass Reisende zu unfreiwilligen Selbststellern wurden.
Von den zahlreichen Autofahrern, denen die Bedeutung eines "STOP-Schildes" offensichtlich völlig fremd war, ganz zu Schweigen.
Das Überfahren des ebensolchen war nämlich der perfekte Einstieg für eine längere Kontrolle und wurde häufig verwendet, wenn dem Grenzer langweilig war, oder er einfach mal kurz die Insel verlassen wollte.
Ganz allgemein hatten es die Reisenden aber natürlich auch nicht leicht. Schließlich hatten die meisten ein dringendes Bedürfnis, welchem sie nachgehen mussten und der Grenzübergang ("GüG") war ihnen dazu im Weg.
Diese Bedürfnisse konnten ganz unterschiedlicher Natur sein. An den allermeisten GÜGs fuhren sogenannte "TBC" Touristen - TBC für Tanken, Bumsen, Cigaretten.
Eigentlich erschreckend, wenn man bedenkt, dass die Nachbarländer doch in Wahrheit so viel mehr zu bieten haben.
Und dann die Steuereinnahmen, die dem Staat entgangen sind und auch heute noch entgehen.
An einem mittleren Grenzübergang fuhren an Spitzentagen 15000 Fahrzeuge pro Richtung.
Wenn auch nur die Hälfte davon in Tschechien vollgetankt und pro Insasse eine Stange Zigaretten gekauft hatten, dann lässt sich leicht ausrechnen, dass der Bundesrepublik Einnahmen in Milliardenhöhe durch die Lappen gingen.
Geld, dass den leichten Mädchen im ältesten Gewerbe der Welt, oder zumindest der Casinobank und den Tankstellenbetreibern zugute kam. Alles aus einer Hand sozusagen. Gefördert von der deutschen Politik.
In jedem Fall herrschte viel...




