Brich | Mords Happen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Brich Mords Happen

13 blutige Stories
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8476-8219-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

13 blutige Stories

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

ISBN: 978-3-8476-8219-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Sozialprojekt, bei dem sich die Leichen türmen, zersägte Frauen im Holzkontor oder eine Gruppe 13-Jähriger, die in der Wildnis auf einen Kinderschänder treffen: Die Geschichten in diesem Buch zeigen, dass Regionalkrimis nicht bieder sein müssen. Der Ton ist locker, doch das Blut zwischen den Seiten hat kaum Zeit zu gerinnen. Sogar Sachsens rätselhaftester Kriminalfall um eine spurlos verschwundene Frau findet in dieser Story-Sammlung eine - wenig appetitliche - Auflösung. In kurzen Making-Offs verrät der Autor zudem einiges über die Hintergründe der jeweiligen Story. Länge: zirka 300 Buchseiten.

U.L. Brich ist ein deutscher Autor, der mehrere Romane in verschiedenen Genres und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Er lebt im Gebirge, wo die Luft dünn zu werden beginnt und in den langen Wintern das Blut gefriert. Tja, und so lesen sich auch seine Stories.
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Winterer


Krischan sah heute beschissen aus.

Er war ein Mann in den Dreißigern, athletisch, mit vollem braunem Haar und dunklen Augen. Ein Frauenschwarm. Aber selbst so einer machte eine schlechte Figur, wenn ihm ein Stück Kopf fehlte. Murad hatte ihm mit dem Klappspaten ein Drittel des Schädeldachs weggehackt.

Murad war unser Türke. Ein aufgeschwemmter Dönerfresser, der von deutscher Stütze lebte, aber nichts von der Wildheit seiner Vorfahren im Pamirgebirge eingebüßt hatte, oder wie die Hügel dort unten heißen.

Vor einer Woche hatten wir unser Camp im Wald aufgeschlagen, auf dem Kamm des Erzgebirges, irgendwo im Osten. Was mich anging, konnte es ebenso gut der Pamir sein, denn es war viel zu weit von unserem Heim entfernt. Krischan und Claudia, unsere Betreuer, haben natürlich genau gewusst, auf welchem Berg wir waren. Immer alles unter Kontrolle, diese Sozialtherapeuten. Oder auch nicht, denn Krischan hatte nicht vorhergesehen, dass Murad derart ausflippen würde.

Unser Türke hatte ein Problem mit männlichen Autoritäten. Seine Brüder haben ihn jahrelang gequält, ihm Röcke angezogen und ihn den Abwasch machen lassen. Weiberarbeit! Für einen Kerl aus diesem Kulturkreis ist das die Hölle, und Murad hatte die Erniedrigungen nie verarbeitet. In Gegenwart anderer Männer war er scheu und misstrauisch, aber unter seiner teigigen Oberfläche brodelte Wut. Wenn man ihn herumschubste, explodierte er irgendwann.

Wie bei Krischan.

Ich war erwacht, weil ich Murad schnaufen hörte wie einen Wasserbüffel, der die Wasserkuh besteigt. Dann ein Geräusch wie Stahl, der auf einen Stein einhackt und ein Knirschen, das bestimmt nicht von einem Stein kam. Als ich aus dem Zelt lugte, war Krischans Kopf schon kaputt, und Murad prustete wie der Büffel, der es hingekriegt hat.

„Scheiße“, war das Scharfsinnigste, was mir einfiel.

„Scheiße“, echote Franko und blies Atemwölkchen in die kalte Luft. Wie ich war er zu spät aufgestanden, um etwas ausrichten zu können. „Verdammte Scheiße!“

Franko war ein umgänglicher Kerl. Grinste sich den ganzen Tag einen ab wie ein wichsender Schimpanse. Soweit war mit ihm alles in Ordnung. Bis auf eine Kleinigkeit. Er litt an maßloser Selbstüberschätzung. Keine Ahnung, wie die Krankheit heißt, aber wenn man Franko weismachte, er könne von der Brücke springen, ohne einen Kratzer davonzutragen, band er sich einen Gullydeckel um den Hals, ehe er runterhüpfte. Nur um zu zeigen, was für ein toller Typ er war.

Man sollte meinen, einer wie er würde nicht in einem Heim für psychisch Durchgeknallte leben. So wie unsere Gesellschaft drauf ist, hätte er es als Politiker ganz nach oben schaffen oder Chef der Deutschen Bank werden müssen. Aber Fehlanzeige. Franko war aus jedem Job geflogen, seine Frau war ihm weggelaufen, und er durfte seine kleine Tochter nicht mehr sehen. Hatte sich eingebildet, sie könne fliegen wie Supergirl, weil sie doch aus seinem Sperma gemacht ist.

„Murad ist stark“, sagte er mit einem Blick auf die Sauerei, die der Türke angerichtet hatte. „Aber ich bin stärker.“

Murad irrlichterte ihn aus wilden Augen an, aber Franko zeigte sein Affengrinsen, und der Türke beruhigte sich.

„Leg erst mal den Spaten weg“, sagte ich. Murad gehorchte: „Tut mir leid, Jo, der Kerl war fies zu mir.“

Eigentlich heiße ich Johannes, aber alle nennen mich Jo. Jo, ihr bester Kumpel. Jo, der keinem blöd kam. Der jeden für voll nahm, obwohl die Köpfe meiner beknackten Freunde ziemlich hohl waren, wie ich nur allzu gut wusste.

Und das hatte ich nun von meiner großherzigen Art: Wir waren allein in einem Wald im Erzgebirge, der Wetterbericht meldete Schneeregen, und wir hatten eine Leiche an der Backe. So wie die anderen mich anstarrten, glaubten sie, dass ich mich kümmern und alles ins Lot bringen würde.

Jo, der gute Onkel für eine Handvoll Insassen eines Heimes für Sozialtherapie aus Hinterschwabingen.

Ein gellender Schrei ließ mich herumfahren.

Claudia, unsere Psychotussi. Die hatte ich glatt ausgeblendet. Sie zeigte auf das weggesprungene Schädeldach und jammerte wie die blonde Frau hinter dem Duschvorhang in dem Film mit dem Mann und dem Messer.

„Beruhig´ dich erst mal“, sagte ich.

Letzte Nacht am Feuer hatte Claudia zu viel Glühwein getrunken. Ihre Haut war blass, ihre Lippen rot, und mit ihrem verstrubbelten schwarzen Haar sah sie aus wie Schneewittchen, das es den Zwergen besorgt hat.

Es war unpassend, so etwas zu denken, aber heimlich waren wir alle in Claudia verknallt.

Nicht, dass sie es herausgefordert hätte. Claudia war ein Bücherwurm, der sich durch armdicke Medizinschwarten bohrte. Mit Mitte dreißig wusste sie alles über Kopfkrankheiten, war aber nie auch nur in die Nähe einer Geschlechtskrankheit gekommen. Außerdem trug sie blutdrucksenkende Unterwäsche. In der zweiten Nacht hier draußen hatte ich es mit eigenen Augen gesehen. Trotzdem war Claudia schön, auf eine spröde, ihr selbst nicht bewusste Art, und kein Schlüpfer der Welt konnte das ruinieren.

„Krischan!“, schrillte sie. „Was habt ihr getan!“

Inzwischen war auch Lothar aus dem Zelt gekrochen. Er stupste Krischan an, und als der keinen Mucks von sich gab, begann er, an der Leiche zu rütteln. Als wolle er dringend wissen, was Krischan heute alles an Programm für uns geplant hatte.

Lothar war fast fünfzig. Er hatte noch nie eine Frau gehabt, was niemanden wunderte, der Lothar beim Essen gesehen hat. Über seinem Mondgesicht saß eine bunte Strickmütze, die er einem kleinen Mädchen abgenommen haben musste, was meiner Ansicht nach zeigte, dass er gewisse Bedürfnisse hatte.

Ich meine, Lothar war ein richtiger Mann. Er funktionierte, zumindest untenrum. Nur im Kopf war er zurückgeblieben. Man musste ihm jeden Handgriff vorbeten. Lothar, mach dein Bett. Lothar, geh Essen fassen. Lothar, Zeit zu kacken. Solange man nichts vergaß, kam er ganz gut klar.

„Lothar, lass Krischan in Ruhe“, sagte ich. Hinter mir schluchzte Claudia wie eine hyperventilierende Sirene. Murad stand mit gesenktem Kopf daneben, und Franko untersuchte den Klappspaten. Mir musste rasch etwas einfallen.

„Lothar“, sagte ich, „komm her.“ Ich legte seine Hand um Claudias Schulter und schob die beiden aus dem Dunstkreis der Leiche, in dem es nach Blut und Exkrementen stank, die der blöde Krischan nicht bei sich behalten hatte.

„Bring Claudia in ihr Zelt, Lothar!”

Mit sanftem Druck führte er sie weg, und Claudia ließ es geschehen. Ich sah sie zittern. Lothar streichelte sanft ihre Haare, was zumindest keine nachteilige Wirkung zeigte.

Auch Franko und Murad stellten im Augenblick keinen Blödsinn an. Ich atmete durch.

Ich fühlte mich diesem Haufen nicht wirklich zugehörig, aber es war unbestreitbar, dass auch ich einiges durchgemacht hatte und eine Auszeit brauchte, um zu mir selbst zu finden.

Ich war damals Anfang zwanzig und hatte im Haus meiner Eltern gewohnt, zusammen mit meinen jüngeren Geschwistern Kevin und Sophie. Kevin der Kotzbrocken und Sophie die Schlange. Mein kleiner Bruder litt am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, meine Schwester darunter, dass sie die Aufmerksamkeit der ganzen Welt für sich beanspruchte. Ständig schleimte sie sich bei Verwandten und Nachbarn ein, die ihr alles überließen, was sie gerade in den Händen hielten. Schokolade und Kirschen und Fünfeuroscheine. Für Kevin und mich blieb kaum was übrig.

Mein Bruder vergaß natürlich sehr schnell, welche Kostbarkeiten Sophie ihm weggeschnappt hatte. Er hampelte durchs Haus und hinterließ einen Bombenteppich aus Spielsachen, die ich nachher aufräumen musste, weil Kevin sich nicht merken konnte, wo die Star-Wars-Schurken, die Transformers und der Playstation-Kram hingehörten. Seine Krankheit machte ihn immun gegen Hausarbeit.

Meine Mutter unterstützte ihn darin. Kevin hier, Kevin da. Nur Sophie durfte sich mehr herausnehmen. Zum Kotzen. Mein Vater hätte durchgegriffen, aber er war seiner Frau nicht gewachsen. Sie hatte ihm drei Kinder abgetrotzt, danach konnte er bloß noch froh sein, dass sie sich nicht scheiden ließ und das Haus, die Autos und seine Briefmarkensammlung mitnahm. Einig waren sich die zwei nur in einem Punkt: Dass ich studieren sollte, statt als Pizzabote zu jobben. Sie verstanden das nicht. Ein Pizzajunge geht nie hungrig zu Bett. Außerdem kommt er ganz schön herum.

Wie dem auch sei, eines Nachts hatte ich ein paar Bier gekippt und kam zu spät nach Hause. Ich sah die Flammen schon von Weitem. Unser Haus glühte wie der Schlot des Krakataus. In der fettigen Asche, die vom Himmel rieselte, waren Teile meiner Familie drin. Sie verbrannten alle.

Die Polizei fand heraus, dass das Feuer zwei Stunden nach Mitternacht ausgebrochen war. Ursache war ein defektes elektrisches Gerät, ein alter Radiowecker, der nie richtig funktioniert hatte. Mein Vater hatte das Ding auf seinem Briefmarkenalbum stehen, das als erstes Feuer fing. Falls er eine Mauritius besessen hatte, war der Wert der anderen Marken dieser Sorte in jener Nacht explodiert.

Für einen Jungen wie mich war es ein traumatisches Erlebnis, auf einen Schlag seine gesamte Familie und vielleicht sein wertvollstes Erbstück zu verlieren. Sie brachten mich ins Heim, wo ich Lothar, Franko und die anderen Wirrköpfe kennen lernte. Wir alle waren ein bisschen neben der Spur, und Leute wie Krischan und Claudia sollten machen, dass wir wieder in Tritt kamen.

Aus naheliegenden Gründen regelten die beiden im Moment jedoch überhaupt nichts, und so musste ich mir etwas einfallen lassen, damit sich die Dinge hier draußen im Wald...


Brich, U.L.
U.L. Brich ist ein deutscher Autor, der mehrere Romane in verschiedenen Genres und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Er lebt im Gebirge, wo die Luft dünn zu werden beginnt und in den langen Wintern das Blut gefriert. Tja, und so lesen sich auch seine Stories.



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