Brontë Jane Eyre
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19215-0
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 608 Seiten
ISBN: 978-3-641-19215-0
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach dem Tod ihrer Eltern wächst die Waise Jane Eyre bei ihrer hartherzigen Tante auf. Doch für Mrs. Reed ist Jane eine Bürde, die sie schnellstmöglich wieder loswerden will. So wird Jane erst in ein spartanisches Mädcheninternat geschickt und nimmt schließlich eine bescheidene Stelle als Gouvernante auf Thornfield Hall an. Dort weiß sie ihren Dienstherren, den finsteren Mr. Rochester, mit ihrer Klugheit, ihrer Ehrlichkeit und ihrem Witz zu beeindrucken. Als er ihr seine Liebe gesteht und ihr einen Antrag macht, scheint Janes Leben endlich eine glückliche Wendung zu nehmen. Doch die Mauern des Landsitzes bergen ein furchtbares Geheimnis ...
Charlotte Brontë (1816-1855) war neben Emily und Anne die Dritte im Bunde der literarisch hochbegabten Schwestern. Nach dem frühen Tod der Mutter übernahm sie die Fürsorge für die jüngeren Geschwister. Zwei Jahre unterrichtete sie an einem Brüsseler Internat, kehrte jedoch dann für den Rest ihres kurzen Lebens in die heimische englische Moorlandschaft zurück. In der Abgeschiedenheit des väterlichen Pfarrhauses widmete sie sich neben familiären Pflichten ganz dem Schreiben.
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KAPITEL 11
Ein neues Kapitel in einem Roman ist so etwas wie eine neue Szene in einem Drama. Wenn sich diesmal der Vorhang hebt, lieber Leser, musst du dir einen Raum im «George Inn» in Millcote vorstellen, mit den für Gasthöfe typischen groß gemusterten Tapeten, Teppichen, Möbeln, Nippesfigürchen auf dem Kaminsims und Drucken an der Wand, darunter Porträts von George III und dem Prinzen von Wales, außerdem eine Darstellung des Sterbens von General Wolfe32. All dies siehst du im Schein einer Öllampe, die von der Decke hängt, und eines hellen Feuers, vor dem ich in Haube und Umhang sitze. Muff und Regenschirm liegen auf dem Tisch, und ich verscheuche die Starre und Kälte nach einem sechzehn Stunden langen, nasskalten Oktobertag mit Wärme. Ich habe Lowton um vier Uhr morgens verlassen, und soeben schlägt die Rathausuhr von Millcote achtmal.
Es wirkt zwar so, als sei ich komfortabel untergebracht, lieber Leser, aber besonders gelassen bin ich nicht. Als die Kutsche hier hielt, war ich darauf eingestellt, dass mich jemand abholt; während ich das Holztreppchen hinunterstieg, das mir der Hausknecht fürsorglich herangeschoben hatte, blickte ich mich zaghaft um, denn ich erwartete, meinen Namen zu hören und etwas wie eine Kutsche auszumachen, die mich nach Thornfield bringen sollte. Doch es war nichts dergleichen zu entdecken, und als ich einen Diener fragte, ob jemand nach Miss Eyre gefragt habe, erhielt ich eine abschlägige Antwort. So blieb mir nichts übrig, als um ein Zimmer zu bitten, und hier sitze ich nun und warte, von allerhand Zweifeln und Befürchtungen heimgesucht.
Es ist ein äußerst merkwürdiges Gefühl für einen unerfahrenen jungen Menschen, wenn er auf einmal ganz allein in der Welt steht, abgeschnitten von allen Verbindungen, unsicher, ob er den angestrebten Hafen je erreichen wird, und von allerlei Hemmnissen an der Rückkehr in seinen Heimathafen gehindert. Der Reiz des Abenteuers versüßt dieses Gefühl, und glühender Stolz wärmt es, und doch stört da ein ängstliches Herzklopfen, und als eine halbe Stunde verstrichen und ich immer noch allein war, wurde die Angst in mir übermächtig. Ich beschloss zu klingeln.
«Gibt es hier in der Gegend ein Anwesen namens Thornfield?», fragte ich den Hausdiener, der auf mein Läuten erschien.
«Thornfield? Weiß ich nicht, Ma’am; ich frag mal am Ausschank.» Er verschwand, kam jedoch gleich wieder. «Heißen Sie Eyre, Miss?»
«Ja.»
«Da wartet jemand auf Sie.»
Ich sprang auf, nahm Muff und Schirm und eilte in den Flur des Gasthauses. Dort stand ein Mann neben der offenen Tür, und auf der von Laternen erhellten Straße erkannte ich ganz vage einen Einspänner.
«Das ist wohl Ihr Gepäck?», fragte der Mann ziemlich kurz angebunden, als er mich sah, und zeigte auf meinen Koffer im Flur.
«Ja.»
Er hob ihn auf das Gefährt, einen zweirädrigen, geschlossenen Wagen, und ich stieg ein. Bevor er die Tür zuschlug, fragte ich, wie weit es nach Thornfield sei.
«Sechs Meilen.»
«Wie lange brauchen wir bis dahin?»
«Ungefähr eineinhalb Stunden.»
Er verriegelte den Schlag und kletterte auf den Bock, dann fuhren wir los. Wir bewegten uns recht gemächlich voran, und mir blieb reichlich Zeit zum Nachdenken. Ich war froh, endlich so kurz vor dem Ziel meiner Reise zu sein, lehnte mich in dem bequemen, wenn auch nicht eleganten Fahrzeug zurück und überließ mich in aller Ruhe meinen Gedanken.
«Nach dem einfältigen Dienstboten und der schlichten Kutsche zu urteilen, ist Mrs. Fairfax wohl keine besonders vornehme Frau – na, umso besser. Ich habe erst ein Mal bei vornehmen Leuten gewohnt und mich dort hundeelend gefühlt. Ob sie wohl mit dem kleinen Mädchen allein lebt? Wenn ja und wenn sie einigermaßen liebenswürdig ist, komme ich gewiss gut mit ihr zurecht. Ich werde mein Bestes tun. Leider reicht das nicht immer. In Lowood hatte ich es mir vorgenommen, hatte es durchgehalten und tatsächlich Anklang gefunden; aber von Mrs. Reed wurden meine Bemühungen immer verächtlich zurückgewiesen. Ich bete zu Gott, dass Mrs. Fairfax sich nicht als zweite Mrs. Reed entpuppt; aber wenn doch, muss ich ja nicht bei ihr bleiben. Schlimmstenfalls kann ich eine neue Anzeige aufgeben. Wie weit wir wohl schon sind?»
Ich ließ das Fenster herunter und schaute hinaus. Millcote lag hinter uns; nach den zahlreichen Lichtern zu schließen, schien es ein recht großer Ort zu sein, viel größer als Lowton. Soweit ich sehen konnte, fuhren wir noch über Gemeindeland, auch wenn immer wieder Häuser auftauchten; die Gegend war ganz anders als die von Lowood, dichter besiedelt und weniger malerisch, viel belebter und weniger romantisch.
Die Straßen waren aufgeweicht, die Nacht war neblig; mein Führer ließ das Pferd die ganze Zeit im Schritt gehen, und aus den anderthalb Stunden wurden gewiss zwei. Endlich drehte sich der Mann auf seinem Sitz um und sagte: «Jetzt is es nimmer weit nach Thornfield.»
Wieder schaute ich hinaus. Wir kamen gerade an einer Kirche vorbei; der niedrige, gedrungene Turm hob sich gegen den Himmel ab, und die Glocke schlug eine Viertelstunde. An einem Abhang sah ich eine schmale Milchstraße aus Lichtern, die auf ein Dorf oder einen Weiler hindeuteten. Etwa zehn Minuten später stieg der Kutscher ab und öffnete ein Tor, wir fuhren hindurch, und die Flügel schlossen sich hinter uns. Wir zockelten eine Auffahrt hinauf bis vor die Front eines langgestreckten Hauses. Durch die Vorhänge eines Erkerfensters schimmerte Kerzenlicht, alles andere lag im Dunkeln. Der Wagen hielt vor der Haustür; ein Dienstmädchen öffnete, ich stieg aus und ging hinein.
«Bitte hier entlang, Ma’am», sagte das Mädchen, und ich folgte ihr durch eine quadratische Halle mit hohen Türen ringsum. Sie führte mich in ein Zimmer, und nach der Dunkelheit, an die sich meine Augen in den letzten zwei Stunden gewöhnt hatten, war ich wie geblendet von der doppelten Beleuchtung aus Kaminfeuer und Kerzenlicht. Doch als ich wieder sehen konnte, bot sich meinen Blicken ein behagliches, angenehmes Bild: ein gemütliches kleines Zimmer, ein runder Tisch vor einem munteren Feuer und ein altmodischer Lehnstuhl mit hohem Rücken, in dem eine kleine, musterhaft adrette ältere Dame saß, mit Witwenhaube, schwarzem Seidenkleid und schneeweißer Musselinschürze, genau wie ich mir Mrs. Fairfax vorgestellt hatte, nur sanftmütiger und weniger stattlich. Sie strickte, und zu ihren Füßen saß gelassen eine große Katze – kurz, es fehlte nichts zum schönen Idealbild häuslichen Behagens. Ein beruhigenderer erster Eindruck auf eine neue Gouvernante ließ sich kaum denken: keine überwältigende Vornehmheit, keine einschüchternde Pracht, und als ich eintrat, erhob sich die alte Dame und kam freundlich geradewegs auf mich zu.
«Guten Abend, meine Liebe. Ich fürchte, das war eine ermüdende Reise; John fährt immer so langsam. Sie frieren bestimmt, kommen Sie ans Feuer.»
«Sie sind Mrs. Fairfax?», fragte ich.
«Ja, genau. Setzen Sie sich doch.»
Sie führte mich zu ihrem Sessel und wollte mir den Umhang abnehmen und die Haubenbänder aufknoten. Ich bat sie, sich nicht zu bemühen.
«Aber das ist doch keine Mühe. Ihre Hände sind bestimmt steif vor Kälte. Leah, bring ein wenig Glühwein und ein paar Brote, hier ist der Schlüssel zur Speisekammer.»
Sie zog einen höchst hausfraulichen Schlüsselbund aus der Tasche und übergab ihn dem Dienstmädchen.
«So, jetzt rücken Sie näher ans Feuer, meine Liebe», fuhr sie fort. «Sie haben Ihr Gepäck bestimmt schon dabei?»
«Ja, Ma’am.»
«Dann kümmere ich mich darum, dass es auf Ihr Zimmer gebracht wird», sagte sie und eilte geschäftig hinaus.
«Sie behandelt mich wie einen Gast», dachte ich. «Solch einen Empfang habe ich nicht erwartet, eher Kälte und Gezwungenheit. Das passt nicht zu dem, was ich über den Umgang mit Gouvernanten gehört habe. Aber ich darf nicht zu früh frohlocken.»
Sie kam zurück, räumte eigenhändig ihr Strickzeug und ein paar Bücher vom Tisch, um Platz zu schaffen für das Tablett mit dem Imbiss, den Leah brachte, und bediente mich. Es verwirrte mich, dass ich hier Ziel einer Aufmerksamkeit war, wie ich sie noch nie erfahren hatte, und das auch noch vonseiten meiner Dienstherrin und Vorgesetzten; aber sie selbst schien nicht der Ansicht, als handle sie außergewöhnlich, und so war es wohl besser, wenn ich mir ihre Höflichkeiten stillschweigend gefallen ließ.
«Werde ich das Vergnügen haben, Miss Fairfax heute Abend noch zu sehen?», fragte ich, als ich von allem Angebotenen genommen hatte.
«Wie meinen Sie, meine Liebe? Ich bin ein wenig schwerhörig», erwiderte die gute Dame und brachte ihr Ohr näher an meinen Mund.
Ich wiederholte die Frage deutlicher.
«Miss Fairfax? Ach, Sie meinen Miss Varens! Ihre zukünftige Schülerin heißt Varens.»
«Ach so! Sie ist also nicht Ihre Tochter?»
«Nein, ich habe keine Familie.»
Ich hätte meine erste Frage gern wiederholt und mich auch erkundigt, in welcher Verbindung Miss Varens zu ihr stand, aber ich hielt mir vor Augen, dass es nicht höflich war, so viele Fragen zu stellen; außerdem würde ich alles rechtzeitig erfahren.
«Ich bin so froh», fuhr sie fort, als sie sich mir gegenübersetzte und die Katze auf den Schoß nahm, «ich bin so froh, dass Sie gekommen sind; mit einer Gefährtin wird das Leben hier sehr angenehm sein. Es ist natürlich immer angenehm, denn Thornfield ist ein schönes altes Herrenhaus, vielleicht in den letzten Jahren etwas vernachlässigt, doch immer noch...




