Brophy | Der Schneeball | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Brophy Der Schneeball

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7317-0028-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7317-0028-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Perücken ragen aus der tanzenden Menge, Schönheitspflaster kleben über Altersflecken, von der Decke regnet es Minzkonfekt, und am Rand beobachten Putten das ausgelassene Treiben: Mit einem opulenten Maskenball feiert die bessere Londoner Gesellschaft das neue Jahr. Als es Mitternacht schlägt, wird die als Donna Anna verkleidete Anna K. von einem mysteriösen Don Giovanni geküsst. Zuerst ergreift sie die Flucht, dann macht sie sich neugierig auf die Suche nach dem Unbekannten. Gleichzeitig führt die junge Ruth akribisch Aufzeichnungen über ihren ersten Ball - und erlebt draußen, im Bentley ihres Vaters, eine weitere Premiere. Das konventionelle Repertoire von Flirt und Erotik persiflierend, lässt Brophy ihre Figuren einander umtanzen, umwerben, umsäuseln und necken, bis man schließlich nicht mehr weiß, wer hier eigentlich wen verführt. In einer üppigen, kunstvollen Sprache erzählt sie die Geschichte einer Nacht voller Extravaganz und Exzesse - und von Menschen, die beim Versuch, sich hinter einer Maske zu verbergen, nur umso mehr von sich preisgeben. Zur Zeit seiner Veröffentlichung gleichermaßen Skandal wie literarische Sensation, ist Der Schneeball ein opulentes Fest für die Sinne. Ein schillernder Kultroman, der jede Generation von Leser:innen aufs Neue verführt.

Brigid Brophy, 1929 in London geboren, schrieb Romane, Essays, Kritiken, Polemiken und nicht zuletzt eine beachtliche Studie über Mozart, der ihrem fünften Roman Der Schneeball (1964) sein Thema gibt: Don Giovanni. Von der Kritik wurde sie als eine englische Colette gefeiert. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit engagierte Brophy sich für soziale Reformen, unter anderem für die Gleichstellung von Homosexuellen, Pazifismus, Vegetarismus und Tierrechte. Sie schrieb regelmäßig Zeitungsbeiträge, trat im Fernsehen auf und galt als eine wichtige Figur des öffentlichen und kulturellen Lebens im England der 1960er und 1970er Jahre. Sie starb im Alter von 66 Jahren in Louth, Lincolnshire.
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Erster Teil


1


Die Flügeltüren am Ende des Ballsaals wurden aufgestoßen. Einige der Leute, die der Stoß in den Rücken traf, hielten unwillig einen Augenblick dagegen, dann begriffen sie und gaben den Weg frei. Platz entstand, und eine Stille breitete sich aus, als würde jeden Augenblick eine sehr wichtige oder sehr schwere Person eintreten, neben der nichts von geringerem Gewicht Aufmerksamkeit beanspruchen durfte. Endlich wurde im Laufschritt eine Sänfte hereingetragen.

Auf ihrem Dach, das schwarz und vermutlich geteert war, lagen einige Schneeflocken.

Als Anna das von oben sah – sie stand auf der Empore der Musiker –, hielt sie vor Entzücken den Atem an, bis die Flocken geschmolzen waren.

Die Sänfte wurde abgesetzt, die Leute umschlossen sie, wirbelten um sie herum, ihrerseits wie Schneeflocken, und machten es der Frau im Innern schwer, die Tür zu öffnen, als hätte sich wirklich eine Schneewehe davor aufgetürmt. Und alle lachten in der ausgelassenen Art von Leuten, die plötzlich entdecken, dass es geschneit hat.

Ein Mann ließ sich von der Strömung der Menge nicht mitziehen; er beachtete die Ankunft der Sänfte nicht, er war offensichtlich allein und suchte auch keine Begleitung. Er hatte einen dicken Bauch, darüber eine Weste aus schillernder chinesischer Seide, und Anna fand, dass er von oben wie ein gekochtes Ei auf einem Frühstückstisch aussah, ein gekochtes Ei in einem hübschen chinesischen Eierwärmer. Er hielt eine kleine Tasse Kaffee in Höhe seiner Schulter, und seine einzige Sorge schien zu sein, das Tässchen im Gedränge zu schützen.

Annas Hand strich prüfend über ihren langen Rock. Doch sie wartete noch einen Augenblick auf der Empore. Die Frau in der Sänfte lächelte weiter durch das Fenster, in gespielter Verzweiflung darüber, dass sie weder die Tür öffnen konnte noch den Fächer, den sie offenbar zu benutzen wünschte; ihr Gesicht war bereits gerötet. Der dickbäuchige Mann hatte mittlerweile beschlossen, es sei sicherer weiterzugehen, und wackelte zum Rand des Ballsaals, wo er einen leeren Platz auf einer Bank fand. Während er seinen Kaffee noch höher als zuvor hielt – tatsächlich über seinen Kopf –, ließ er sich langsam nieder. Er machte mit seiner freien Hand eine Bewegung, als wollte er die Hosen raffen, dann fiel ihm ein, dass er Kniehosen trug.

Anna schritt die breite Treppe hinab, wohl wissend, dass Voltaire und Lady Hamilton in der Menge unten auf sie warteten. Das Stimmengewirr, die Gerüche, selbst die Wärme der menschlichen Körper, die ihr entgegenschlugen, gehörten unverkennbar ins zwanzigste Jahrhundert. Eine auf der Empore montierte Filmkamera mit Rundumsicht hätte nicht einen Augenblick der Illusion eingefangen. Als Zuschauer hätte man lediglich geurteilt: Was für ein Kostümfest, wie wenig Zeitempfinden, wie übertrieben das alles!

Sie tippte Lady Hamilton von hinten auf die Schulter.

»Hast du die Sänfte gesehen?«

»Nein.« Lady Hamilton spähte in die Richtung, in die Anna zeigte, in den Ballsaal, dessen Flügeltüren am anderen Ende die ganze Zeit offen gestanden hatten. Aber zu ebener Erde konnte man vor lauter Leuten nicht hinübersehen. Anna fürchtete, Lady Hamilton würde folgern, dass sie von oben heruntergeschaut hatte. Und wirklich fragte Lady Hamilton: »Wo warst du denn?«, aber Anna sagte rasch:

»Auf ihrem Dach lag Schnee.«

»Scheint zu schneien, draußen«, sagte Voltaire.

»Scheint so.«

»Scheint so.«

Über die Köpfe der Herren hätte man vielleicht hinwegschauen können, denn die meisten Männer wirkten an diesem Abend gestutzt; knapp sitzende, strenge Perücken schnitten ihre Gestalt oben ab, skalpierten sie fast. Aber die Damen waren umso stärker aufgestockt. Ihr hochgetürmtes Haar ließ vage an einen Fetischistenball denken, so als trügen sie hohe Hacken auf ihren Köpfen.

Man hörte die kratzenden, schabenden Geräusche von Stühlen und Geigenbögen. Offensichtlich hatte die Kapelle – die wegen der Enge dort nicht die Empore besetzte – ihren Platz auf einer niedrigen Bühne an der einen Seite des Ballsaals wieder eingenommen.

»Der erste Schnee des Jahres«, sagte Voltaire.

»Einerlei, welchen Jahres.«

»O nein«, erwiderte er, suchte auf seinem Handgelenk nach der Uhr und zog diese dann aus der Hosentasche, wohin er sie aus Gründen der Stiltreue gesteckt hatte, »es ist noch nicht …«

Eine Bewegung der Menge hinter ihnen hob Anna hinfort und setzte sie im Ballsaal nieder, wo Leute, die sie nicht kannte, ihr bedeuteten, sie müsse mitmachen, sonst würde sie das Spiel verderben, eine Ermahnung, die sie nicht verstand, bis das Gekratze der Kapelle in einen schottischen Tanz überging.

Sie begann, auf der Stelle zu hüpfen, das war alles, was man im Moment von ihr verlangte.

Laut Voltaire musste es auf Mitternacht zugehen, allerdings ging seine Uhr in der Hosentasche vielleicht langsamer; die Nähe der Mitternacht färbte bereits auf die Musik ab.

Anna kannte die Tanzfiguren nicht, aber sie nahm an, man würde ihr sagen, wann sie an der Reihe war, in die Mitte zu tanzen. Vorausgesetzt, es schlug nicht vorher zwölf.

Einmal im Jahr redete die eiserne Zunge der Mitternacht mit schottischem Akzent.

Sie war sich bewusst, dass sie nicht nur lächerlich wirkte, sondern dass es auch lächerlich , hierbei mitzumachen. Mit zwanzig hätte sie die Nase gerümpft und sich geweigert, gute Miene zum dummen Spiel zu machen.

»Ich hasse Neujahrsfeiern«, sagte eine Männerstimme im Vorbeitanzen und stülpte eine höfliche und spaßhafte Miene über sein wahres Gefühl.

Der Mann in der Reihe gegenüber Anna trug einen Kilt, einen schwarzsamtenen Rock, und über der Brust hing ein weißes Spitzenjabot. Er war gedrungen und von den Jahren ausgehöhlt; seine Felltasche hüpfte hektisch, hüpfte atemlos auf und ab und kam doch mit der leichteren Spitze des Jabots nicht mit.

Annas Lächerlichkeit bestand darin, dass sie mitmachte, obwohl sie das Gesicht und die Trinkgewohnheiten einer Frau mittleren Alters besaß. Der unverdünnte Whisky, den sie getrunken hatte, ließ ihr das Herz nicht bis zum Hals schlagen, sondern, weit beschwerlicher, bis zum flachen Teil oberhalb ihrer Brust, genauer gesagt bis zum Schlüsselbein.

Selbst die traditionelle Musik, die eigentlich zeitlos hätte sein müssen, schien ihr so unverwechselbar aus dem zwanzigsten Jahrhundert zu stammen wie die Gesichter, die auf und nieder sprangen – einmal in Wirklichkeit und dann in Annas Vorstellung – und den Ball Lügen straften.

Jemandes Finger pikste sie unsanft, und sie eilte zur Mitte, um eine ihr unbekannte Pompadour nicht zu enttäuschen, die bereits an einem leeren Treffpunkt wartete. Mit in der Höhe verschränkten Händen trippelten sie um einen imaginären Maibaum herum, niemals ganz im Takt der Musik. Dabei waren sie selbst, hochfrisiert, steif und ungeübt, wie Maibäume.

Zu den Dingen, die man für übertrieben halten konnte, gehörten die Schönheitsflecken. Man hätte meinen können, sie wären in einem schwarzen Schneesturm freigebig auf die Gesichter der Frauen verteilt worden.

Nun waren zwei andere Frauen an der Reihe.

Vermutlich fühlte jede dieser Frauen das Gleiche wie Anna: Erschöpfung, ein Bewusstsein für die Lächerlichkeit des Alters und die Ankunft eines weiteren Jahres. Alle wurden sie in der Neujahrsnacht auf einmal ein Jahr älter, selbst die, die tags zuvor Geburtstag gehabt hatten. Sie versammelten sich, so befand Anna, zum Trost und trugen historische Kostüme, um dem Fortgang der Geschichte zu entgehen.

Nicht einmal das liebloseste Kostümfest hätte eine alternde Marie Antoinette der Lächerlichkeit ausgesetzt, zu einem Rendezvous trippeln zu müssen und dort eine andere alternde Marie Antoinette zu treffen.

Angenommen, die Filmkamera auf der Empore würde mit einer Tonspur auch Annas Gedanken aufnehmen. Nur unter großen Schwierigkeiten könnte die Kamera Anna unter den Damen überhaupt finden. Das Auge der Kamera müsste hinunterfahren, sich den Gesichtern nähern, sie abtasten; hier einen Schönheitsfleck prüfen, dort das schlaffe, hüpfende Wangenfleisch einer beliebigen Marie Antoinette untersuchen, die Linse in die Spirale jener über Schläfen fallenden Schillerlocken richten. Hier würde sie mit einer trunkenen Haarpracht rutschen, dort mit den Trägern eines Kleides hinabgleiten; sie würde stolpern und wieder hochkommen. Der Blick der Kamera würde sich in der alles schmelzenden Hitze allmählich auflösen, und indem er sich auf der Suche nach einem glitzernden, taumelnden, zu Boden kreiselnden Ohrring vorneigte, würde er, während die Edelsteine ihren Glanz verlören, in einem Schneegestöber von schwarzen Schönheitsflecken untergehen, die, vom Schweiß gelöst, stürmisch herabwirbelten …

Anna fing sich jedoch wieder, indem sie die entfernte Wand ansah, die, wie sie wusste, obgleich sie es nicht wahrnehmen konnte, nicht auf und nieder tanzte; sie...


Brophy, Brigid
Brigid Brophy, 1929 in London geboren, schrieb Romane, Essays, Kritiken, Polemiken und nicht zuletzt eine beachtliche Studie über Mozart, der ihrem fünften Roman Der Schneeball (1964) sein Thema gibt: Don Giovanni. Von der Kritik wurde sie als eine englische Colette gefeiert. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit engagierte Brophy sich für soziale Reformen, unter anderem für die Gleichstellung von Homosexuellen, Pazifismus, Vegetarismus und Tierrechte. Sie schrieb regelmäßig Zeitungsbeiträge, trat im Fernsehen auf und galt als eine wichtige Figur des öffentlichen und kulturellen Lebens im England der 1960er und 1970er Jahre. Sie starb im Alter von 66 Jahren in Louth, Lincolnshire.

Madlung, Mirjam
Mirjam Madlung studierte Literaturwissenschaften, arbeitete in Verlagen, lebt als freiberufliche Lektorin in Schleswig-Holstein und u¨bersetzt aus dem Niederländischen, Englischen und Französischen.

Kalow, Marianne
Marianne Kalow (1931–2018) arbeitete in Verlagen sowie als freiberufliche Lektorin und übersetzte aus dem Englischen und Französischen.

Brigid Brophy, 1929 in London geboren, schrieb Romane, Essays, Kritiken, Polemiken und nicht zuletzt eine beachtliche Studie über Mozart, der ihrem fünften Roman Der Schneeball (1964) sein Thema gibt: Don Giovanni. Von der Kritik wurde sie als eine englische Colette gefeiert. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit engagierte Brophy sich für soziale Reformen, unter anderem für die Gleichstellung von Homosexuellen, Pazifismus, Vegetarismus und Tierrechte. Sie schrieb regelmäßig Zeitungsbeiträge, trat im Fernsehen auf und galt als eine wichtige Figur des öffentlichen und kulturellen Lebens im England der 1960er und 1970er Jahre. Sie starb im Alter von 66 Jahren in Louth, Lincolnshire.



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