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Kaum war die junge Frau auf den Bahnsteig von Austin getreten, schlug ihr die Wärme eines sonnigschwülen Septembertages entgegen. Im Zug war es heiß gewesen, glutheiß wie in einem Backofen. Ihr sonst porzellanheller Teint schimmerte rosig erhitzt, winzige kohlschwarze Locken hatten sich aus ihrem streng frisierten Chignon gelöst und kringelten sich feucht unter den Bändern ihres Sommerhuts. Sie fächelte sich mit einem Spitzentaschentuch ein wenig Luft zu, während ihr Blick über die Menschenmenge glitt, auf der Suche nach dem hochgewachsenen, weißhaarigen Mann mit dem braunen Stetson.
Nach der Ankunft des Nachmittagszuges aus Fort Worth drängten sich die Leute auf dem kleinen Bahnhof. Die einen umarmten ihre heimkehrenden Angehörigen, andere wiederum winkten ihren Lieben zum Abschied. Hektisches Stimmengewirr in Englisch und Spanisch, untermalt vom dampfenden Zischen und Pfeifen der Lokomotive, steigerte sich zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie. Kofferträger eilten geschäftig hin und her, manövrierten Gepäckkarren durch das Gewühl alter Damen, Geschäftsleute und Kinder.
Mexikanische Frauen in weiten, farbenfrohen Kleidern schoben sich über den Bahnsteig und boten Süßigkeiten, Blumen und texanische Souvenirs zum Verkauf. Vaqueros – spanische Cowboys – lehnten lässig an der Bahnhofsmauer, spielten mit ihren Lassos, drehten Zigaretten oder spähten missmutig zu dem wartenden Zug. Sie zogen einen wilden Pferderitt durch die texanischen Weiten den engen Eisenbahnabteilen allemal vor.
Heimlich beobachteten sie die junge Frau, die ihren schwanengleichen Hals nach jeder ankommenden Kutsche reckte. Ihre hellwachen grauen Augen umwölkten sich zusehends, zumal der Bahnhof sich langsam leerte. Mit raschelnden Röcken trippelte sie in ihren hochgeknöpften Stiefeln ziellos auf dem Bahnsteig hin und her.
Als Letzte schwangen sich die Vaqueros in den Zug, der nach Fort Worth zurückfuhr. Die meisten warfen vorher noch einen begehrlich-lasziven Blick zu der Fremden, die trotz der Hitze und ihrer erkennbaren Nervosität kühle Gelassenheit zur Schau trug.
Ein langer, schriller Pfiff, Stahl kreischte auf Stahl, und der Zug ruckelte in einer beißenden Qualmwolke über das Gleis, nahm Fahrt auf und verschwand.
Die Passanten zerstreuten sich. Die mexikanischen Händlerinnen bedeckten die Waren in ihren Körben mit Tüchern, die Gepäckträger zogen ihre Karren in den Schatten des Bahnhofsgebäudes und hielten Siesta.
Die junge Reisende in dem marineblauen Sergekostüm mit weißer Bluse und Strohhut stand schließlich einsam und allein neben ihrem wenigen Gepäck.
Sobald er das junge Mädchen entdeckte, schob Ed Travers sich aus der Tür des Bahnhofsgebäudes. Zog hastig die Weste über dem beachtlichen Leibesumfang stramm und stampfte zu ihr.
»Miss Holbrook?«, erkundigte er sich höflich. »Miss Lauren Holbrook?«
Als sie ihren Namen hörte, hellte sich ihr Gesicht auf. »Ja«, antwortete sie lächelnd und enthüllte makellos weiße Zähne. »Ja, ich bin Lauren Holbrook. Hat Ben … ähm … Mr. Lockett Sie geschickt, um mich abzuholen?«
Ed Travers ließ sich seine Verblüffung nicht anmerken. Stattdessen grinste er freundlich. »Nein, Miss Holbrook, nicht direkt. Ich bin Ed Travers, der Bahnhofsvorsteher. Tut mir leid, dass Sie warten mussten, aber ich hatte Probleme mit dem Telegrafiergerät …« Er hielt inne und hätte sich auf die Zunge beißen mögen, dass er die ohnehin heikle Situation zusätzlich komplizierte. »Bedaure, dass Sie hier draußen in der Gluthitze warten mussten. Kommen Sie mit, ich erkläre Ihnen alles.« Er winkte einem Kofferträger, der sich widerstrebend aus dem Schatten löste und Laurens Gepäck auflud.
Mr. Travers deutete zum Ende des Bahnsteigs und bot ihr höflich seinen Arm. Lauren zögerte. »Aber Mr. Lockett sagte doch …«
»Mr. Lockett wollte sie abholen, Miss Holbrook, das ist richtig, aber er ist krank geworden und bat mich …«
»Ben ist krank?«, fragte sie hastig. Sie wurde blass und umklammerte hektisch den Arm des Stationsvorstehers.
Ihre Reaktion verwunderte Ed Travers. Wieso fing sie dauernd von Ben Lockett an? Was verband das Mädchen mit dem alten Schwerenöter? Sie war hübsch, keine Frage. Und Ben hatte seit jeher einen Blick für schöne Frauen gehabt. Jeder in Texas wusste, was für eine Ehe Ben mit Olivia führte, trotzdem gab ihm dieses Mädchen Rätsel auf. Woher stammte sie? Und wieso kam sie nach Texas, um Ben Lockett zu besuchen? Sie war höchstens zwanzig und Ben gut über sechzig. Vielleicht Verwandtschaft? Wie ein Flittchen sah sie nicht aus. Und weshalb sollte Ben sich eine Geliebte halten? Er hatte …
»Mr. Travers, bitte.« Lauren, die händeringend auf seine Erklärung wartete, fragte sich im Stillen, warum der nette, freundliche Herr sie derart unverhohlen taxierte. Heimlich ärgerte sie sich, dass Ben nicht gekommen war, nachdem sie die anstrengende Reise von North Carolina auf sich genommen hatte. Sicher, er hatte ihr seinerzeit erklärt, dass er jemand anderen zum Bahnhof schicken werde, falls er in Coronado verhindert sei. »Ist Mr. Lockett krank?«, wiederholte sie.
»Sie meinen Ben?«, murmelte Travers abwesend. Dann räusperte er sich und setzte hinzu: »Nein, Jared sollte Sie vom Bahnhof abholen, aber der ist krank geworden.«
Er schob seine Hand unter ihren Ellbogen, führte sie gentlemanlike über die verwitterten Holzbohlen der Plattform.
»Jared?«, fragte sie erstaunt.
Grundgütiger! Sie kannte Jared nicht?! Aber dann – dann kam diese reizende junge Frau ja tatsächlich wegen Ben. Was führte er dieses Mal im Schilde? Er war berühmt-berüchtigt für seine makabren Scherze und bösen Streiche, mit denen er seine Mitmenschen des Öfteren in peinliche Bedrängnis brachte. Trotzdem ging Bens bisweilen makabrer Humor bestimmt nicht so weit, dass er seinen Schabernack mit der braven kleinen Miss Holbrook trieb, oder? Ed Travers hatte gleich gemerkt, dass sie ungewöhnlich naiv und vertrauensselig war – selbst im Jahr 1903 eine Seltenheit.
»Jared ist Bens Sohn, Miss Holbrook«, antwortete er geduldig. »Hat Ben ihn denn nie erwähnt?«
Lauren lachte fröhlich. »Aber ja, das hat er. Der Name war mir bloß entfallen.« Unversehens verdüsterte Besorgnis ihre Miene. »Jared ist krank?«
»Kann man so sagen«, grummelte Travers. Er fasste ihren Arm fester und führte sie die Treppe hinunter. Laurens Blick fiel auf ein am Straßenrand abgestelltes Fuhrwerk. Die grüne Farbe blätterte von den Seitenwänden, die Räder waren lehmverkrustet. Die beiden Gespannpferde standen unter einem hohen Pekannussbaum, wo sie an ein paar vertrockneten Grasbüscheln rupften.
Ein drittes Pferd, ein prachtvoller Palomino, war am Ende des Wagens festgebunden. Er warf seine helle Mähne temperamentvoll nach hinten und wieherte, als protestierte er gegen die Unverschämtheit, an einem derartigen Wrack festgemacht zu sein.
»Miss Holbrook, offen gestanden kam Jared schon gestern Abend in die Stadt, um Sie abzuholen. Heute Morgen fühlte er sich … ähm, tja … nicht wohl und bat mich, Sie nach Coronado zu bringen. Ich fürchte, die Fahrt wird nicht besonders angenehm. Bitte nehmen Sie es mir nicht krumm, aber dieses altersschwache Vehikel war das einzige, was ich auf die Schnelle auftreiben konnte.«
»Ach, das macht doch nichts.« Sie lächelte. Ed Travers wurde schwindlig von ihrem strahlenden Gesicht und ihrer sanften Stimme. Armer Irrer, schalt er sich und hastete zu dem Wagen.
Der Bahnhofsvorsteher half Lauren auf den Kutschbock. Als der Träger ihr Gepäck schwungvoll auf den grob gezimmerten Holzboden knallte, vernahm sie ein gedämpftes Stöhnen.
Sie drehte sich um und machte große Augen, als sie den hoch gewachsenen Mann gewahrte, der lang ausgestreckt auf der Ladefläche lag. »Mr. Travers!«, entfuhr es ihr. »Er ist doch nicht etwa verletzt, oder?«
»Nein«, antwortete Travers. »Nur ein bisschen indisponiert. Er wird es überleben, auch wenn er sich derzeit wünscht, er wäre lieber tot.« Letzteres brummelte er so leise, dass Lauren es nicht mitbekam.
Sie sank auf die wacklige Sitzbank. Das zerschlissene braune Lederpolster wies an manchen Stellen tiefe Risse auf, aus denen die Füllung hervorquoll. Die verrosteten Sprungfedern ächzten unter ihrem geringen Gewicht. Sie hielt den Blick stur auf die Straße gerichtet.
»Ich muss noch mal kurz in mein Büro, Miss Holbrook, um meine Vertretung einzuweisen. Danach geht es sofort los.« Ed Travers tippte sich abermals an den Hut und stapfte zurück ins Bahnhofsgebäude. Der Träger schlurfte hinterher.
Lauren seufzte. Hmm, ein schöner Empfang, aber was soll’s? Öfter mal was Neues, giggelte sie in sich hinein. Froh und erleichtert, dass sie die Reise nach Texas heil überstanden hatte. War es wirklich erst drei Wochen her, dass sie sich von Ben verabschiedet hatte? Ihr kam es vor wie eine halbe Ewigkeit. Seit seinem Besuch bei ihren Pflegeeltern und der spontanen Einladung nach Coronado war eine Menge passiert.
Sie hatten zusammen im Salon des Pfarrhauses gesessen. Lauren servierte den Tee, wie jedes Mal, wenn Reverend Abel Prather und seine Frau Sybil Gäste hatten. Die beiden waren mittleren Alters und hatten Lauren zu sich genommen, als ihr Vater, selbst Geistlicher, vor acht Jahren verstorben war. Sie hing an den Prathers, die tief gläubig und konservativ waren. Wenn sie Besuch hatten, dann meistens befreundete Seelsorger oder Mitglieder aus der kleinen Gemeinde.
Ihr Gast an dem betreffenden Tag war eine der seltenen Ausnahmen von der Regel gewesen. Ben...