Brown Rage - Zorn
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-10338-5
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-10338-5
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Psychopath. Zwei unschuldige Opfer. Nur 72 Stunden zum Überleben.
Paris Gibson lebt in der Nacht – sie ist ihr Versteck, ihre Zuflucht. Paris’ einziges Tor zur Außenwelt ist ihre beliebte Radiosendung. Bis eines Abends ein Hörer sie beschuldigt, mit ihren Ratschlägen seine Beziehung zerstört zu haben. Der Mann schwört Rache: Drei Tage hat Paris Zeit, bevor er erst seine Freundin, dann sie selbst lustvoll tötet. Nur 72 fieberhafte Stunden, die der Polizei – und dem Kriminalpsychologen Dean Malloy – bleiben, Paris’ Geheimnis und den vor Zorn rasenden Killer zu identifizieren …
Sandra Brown arbeitete als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman »Trügerischer Spiegel«auf Anhieb einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem ihrer Bücher die Spitzenplätze der »New York Times«-Bestsellerliste erreicht! Ihr endgültiger Durchbruch als Thrillerautorin gelang Sandra Brown mit dem Roman »Die Zeugin«, der auch in Deutschland zum Bestseller wurde. Seither konnte sie mit vielen weiteren Romanen ihre Leser und Leserinnen weltweit begeistern. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.
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Prolog
Bis sechs Minuten vor Schluss war es eine ganz normale Sendung gewesen.
»Es ist eine heiße Nacht hier im Hill Country. Vielen Dank, dass Sie mir auf 101.3 Gesellschaft geleistet haben. Es war mir wie jeden Abend von Montag bis Freitag ein Vergnügen, Sie unterhalten zu dürfen. Ich bin Paris Gibson, und ich bringe Ihnen klassische Lovesongs.
Heute Abend möchte ich mich mit drei von meinen Lieblingssongs verabschieden. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Songs gemeinsam mit einem geliebten Menschen hören können. Bleiben Sie einander treu.«
Sie drückte den Knopf auf dem Mischpult, um ihr Mikrofon zuzumachen. Die drei Stücke würden ohne Unterbrechung bis 1 Uhr 59:30 laufen. Während der dreißig letzten Sekunden vor zwei Uhr würde sie ihren Zuhörern noch einmal danken, ihnen eine gute Nacht wünschen und sich verabschieden.
Während Yesterday spielte, schloss sie die Augen und rollte ihren Kopf hin und her, um die verspannten Schultern zu lockern. Verglichen mit einem acht- bis neunstündigen Arbeitstag könnte man eine vierstündige Radiosendung für einen lockeren Spaziergang halten. Weit gefehlt. Bis zum Ende der Sendung war sie regelmäßig auch mit ihren Kräften am Ende.
Sie arbeitete allein und moderierte die Titel, die sie vor der Show ausgewählt und in die Playlist eingespeichert hatte, auch selbst an. Die eingehenden Zuhörerwünsche erforderten ständige Änderungen der Playlist, weshalb sie die Studiouhr im Auge behalten musste. Obendrein beantwortete sie alle eingehenden Anrufe persönlich.
Die notwendigen Handgriffe erledigte sie dabei wie im Schlaf, aber das galt nicht für ihre Ansagen. Sie erlaubte sich nie, in Routine abzugleiten oder schludrig zu werden. Paris Gibson hatte, teils unterstützt von Stimmlehrern, teils allein, schwer daran gearbeitet, den unverkennbaren »Paris-Gibson-Sound« zu perfektionieren, für den sie inzwischen berühmt war.
Diesen perfekten Klang und Tonfall zu treffen, kostete sie mehr Kraft, als sie selbst merkte, denn nach zweihundertvierzig Minuten vor dem Mikrofon schmerzten ihre Nacken- und Schultermuskeln regelmäßig vor Müdigkeit. Dieser brennende Schmerz war ein Beweis dafür, wie gut sie gewesen war.
Etwa nach der Hälfte des Beatles-Klassikers zeigte eine Telefontaste mit einem roten Blinken einen Anruf an. Sie fühlte sich versucht, den Anrufer zu ignorieren, aber offiziell blieben noch sechs Minuten Sendezeit, und sie stand bei ihren Zuhörern im Wort, dass sie ihre Anrufe bis um zwei Uhr morgens entgegennahm. Es war schon zu spät, um den Anrufer noch auf Sendung zu nehmen, aber sie musste das Gespräch zumindest annehmen.
Sie drückte auf die blinkende Taste. »Sie sprechen mit Paris.«
»Hallo, Paris. Ich bin’s, Valentino.«
Sie kannte ihn vom Namen her. Er rief in regelmäßigen Abständen an, und sein ungewöhnlicher Name blieb leicht im Gedächtnis haften. Auch seine Stimme war einprägsam, kaum mehr als ein Flüstern, wahrscheinlich um des Effektes willen oder weil er nicht erkannt werden wollte.
Sie sprach in das Mikrofon über dem Mischpult, das gleichzeitig auch als Telefonmikro diente, wenn sie gerade nicht auf Sendung war. Auf diese Weise hatte sie beide Hände zum Arbeiten frei, während sie mit ihren Zuhörern redete.
»Wie geht es Ihnen heute Abend, Valentino?«
»Nicht gut.«
»Das tut mir Leid.«
»Allerdings. Das wird es.«
Die Beatles machten Anne Murrays Broken Hearted Me Platz.
Paris warf einen kurzen Blick auf den Monitor im Mischpult und registrierte automatisch, dass damit der zweite der drei Songs begonnen hatte. Sie war nicht sicher, ob sie Valentino richtig verstanden hatte. »Verzeihung?«
»Ich sagte, das wird dir Leid tun«, sagte er.
Der dramatische Unterton war typisch für Valentino. Wenn er anrief, war er entweder total aufgedreht oder zu Tode betrübt; so gut wie nie bewegte er sich auf einer emotionalen Zwischenebene. Bei ihm wusste sie nie, was sie erwarten würde, allein schon aus diesem Grund war er ein interessanter Anrufer. Heute Abend klang er jedoch Unheil verkündend, und das war neu.
»Ich verstehe nicht.«
»Ich habe alles genauso gemacht, wie du mir geraten hast, Paris.«
»Ich habe Ihnen etwas geraten? Wann denn?«
»Immer wenn ich angerufen habe. Du sagst doch immer – nicht nur zu mir, sondern zu jedem, der bei dir anruft –, dass wir die Menschen, die wir lieben, respektieren sollen.«
»Das stimmt. Ich glaube –«
»Tja, mit Respekt kommt man nicht weiter, deshalb pfeife ich von jetzt an darauf, was du meinst.«
Sie war keine Psychologin und keine staatlich geprüfte Therapeutin, sondern nur Radiomoderatorin. Eine Ausbildung, die darüber hinausgegangen wäre, hatte sie nicht. Trotzdem nahm sie ihre Rolle als spätabendliche Freundin ernst.
Wenn ein Anrufer außer ihr keinen Menschen hatte, mit dem er oder sie reden konnte, war sie seine anonyme Seelentrösterin. Ihre Zuhörer kannten nur ihre Stimme, aber sie vertrauten ihr. Paris diente ihnen als Vertrauensperson, als Ratgeberin, als Beichtpfarrerin.
Die Menschen teilten ihre Freuden mit ihr, sie schilderten ihre Sorgen, und hin und wieder offenbarten sie ihre Seele. Die Anrufe, die sie nach sorgfältiger Überlegung auf Sendung nahm, erweckten das Mitgefühl der anderen Hörer, lösten Glückwünsche aus und bisweilen auch hitzige Kontroversen.
Oft wollten die Anrufer lediglich ihrem Ärger Luft machen. Sie diente als Puffer. Sie war ein praktisches Ventil für Menschen, die schlicht und einfach stinksauer auf diese Welt waren. So gut wie nie war sie die Zielscheibe des Zorns, aber diesmal war das offensichtlich anders, und das war durchaus beunruhigend.
Falls Valentino am Rande eines Nervenzusammenbruchs stand, dann könnte sie zwar nichts an den Ursachen ändern, aber eventuell könnte sie ihn vom Abgrund wegführen und ihn überreden, professionelle Hilfe zu suchen.
»Sprechen wir darüber, Valentino. Was beschäftigt Sie so?«
»Ich respektiere die Frauen. Wenn ich eine feste Freundin habe, dann ist sie meine Göttin. Ich behandle sie wie eine Prinzessin. Aber das reicht ihnen nicht. Frauen können nicht treu sein. Jede einzelne betrügt mich vor meinen Augen. Und wenn sie mich schließlich verlässt, rufe ich bei dir an, und du erklärst mir dann, dass es nicht meine Schuld war.«
»Valentino, ich –«
»Du sagst, ich hätte nichts falsch gemacht, es wäre nicht meine Schuld, dass sie mich verlassen hat. Und weißt du was? Du hast ganz Recht. Ich bin nicht schuld, Paris. Sondern du. Diesmal bist du schuld.«
Paris sah kurz über ihre Schulter auf die schalldichte Studiotür. Natürlich war sie zu. Der Korridor hinter den Fenstern zum Gang hatte noch nie so düster ausgesehen, obwohl das Gebäude während ihrer Nachtsendungen immer im Dunkeln lag.
Sie wünschte, Stan würde zufällig vorbeikommen. Sogar Marvin wäre ihr ein willkommener Anblick gewesen. Sie wünschte, irgendwer, egal wer, würde diesen Anruf mithören und ihr helfen, ihn richtig zu deuten.
Sie überlegte, ob sie einfach auflegen sollte. Niemand wusste, wo sie lebte, niemand wusste auch nur, wie sie aussah. Das hatte sie in ihrem Vertrag mit dem Radiosender zur Bedingung gemacht: Sie hatte keine Liveauftritte. Genauso wenig durfte ihr Bild zu Werbezwecken verwendet werden, worunter Zeitungsanzeigen, Fernsehwerbung und Reklametafeln fielen, ohne dass es sich darauf beschränkt hätte. Paris Gibson war nur ein Name und eine Stimme, sie hatte kein Gesicht.
Trotzdem konnte sie guten Gewissens nicht einfach auflegen. Wenn er sich etwas zu Herzen genommen hatte, das sie während einer Sendung gesagt hatte, und schlecht damit gefahren war, dann war es verständlich, dass er wütend auf sie war.
Andererseits hätte jeder halbwegs vernünftige Mensch, wenn er mit einem ihrer Ratschläge nicht einverstanden wäre, die Sache schlicht auf sich beruhen lassen. Valentino hatte ihr eine größere Rolle in seinem Leben eingeräumt, als sie einnehmen sollte oder wollte.
»Erklären Sie mir, inwiefern es meine Schuld war, Valentino.«
»Du hast ihr geraten, sie soll mir den Laufpass geben.«
»Das habe ich bestimmt nicht –«
»Ich habe es selbst gehört! Sie hat vorgestern Abend angerufen. Ich hatte das Radio an. Sie hat nicht gesagt, wie sie heißt, aber ich habe sie an ihrer Stimme erkannt. Sie hat dir unsere ganze Geschichte erzählt. Dann hat sie gesagt, ich wäre eifersüchtig und besitzergreifend.
Du hast ihr geantwortet, wenn sie das Gefühl hätte, unsere Beziehung würde sie einengen, sollte sie etwas dagegen unternehmen. Mit anderen Worten, du hast ihr geraten, mich in die Wüste zu schicken.« Er verstummte kurz und sagte dann: »Dass du ihr das geraten hast, wird dir noch Leid tun.«
Paris’ Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Sie moderierte schon seit vielen Jahren, aber so etwas war ihr noch nie passiert. »Valentino, lassen Sie uns die Sache in aller Ruhe bereden, okay?«
»Ich bin ruhig, Paris. Ganz ruhig. Es gibt nichts zu bereden. Ich habe sie an einen Ort gebracht, wo sie niemand finden wird. Sie kann mir nicht entkommen.«
Diese Bemerkung war nicht mehr bloß Unheil verkündend, sondern geradezu beängstigend. Was er da gesagt hatte, war doch hoffentlich nicht wörtlich gemeint.
Aber noch ehe sie diesen Gedanken aussprechen konnte, erklärte er: »Sie wird in drei Tagen sterben, Paris. Dann werde ich sie töten, und du wirst ihren Tod auf dem Gewissen haben.«
Inzwischen spielte der letzte Song in dem Musikblock. Der Countdown auf der Uhr des Computermonitors tickte dem Ende der Sendung...




