E-Book, Deutsch, 249 Seiten
Browner Alles geschieht heute
Novität
ISBN: 978-3-7725-4017-2
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 249 Seiten
ISBN: 978-3-7725-4017-2
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jesse Browner ist Schriftsteller, Gastro-Journalist und preisgekrönter Übersetzer von u.a. Jean Cocteau und Rainer Maria Rilke. Seine Romane 'Conglomeros' (1992), 'Turnaway' (1996) und 'The Uncertain Hour' (2007) wurden bei Random House und Bloomsbury verlegt. Als freier Journalist veröffentlicht er Beiträge in 'The New York Times Book Review', 'New York magazine', 'Food & Wine' und 'Gastronomica'. Sein Roman 'Everything happens today' ist 2011 erschienen. Jesse Browner lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Manhattan.
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«Hi, Mom. Wie geht es dir?»
«Wes? Komm her, Schatz.»
Wes ging zu ihrem Bett, das so eingestellt war, dass ihr Oberkörper aufgerichtet war, damit sie besser sehen konnte. Die Bettdecke war glatt gestrichen und oben umgeschlagen, was Nora morgens gemacht haben musste, und ihre Arme steckten über der Decke in den dünnen, billigen Ärmeln eines Krankenhauskittels. Ihr Kopf ruhte in einer Wiege aus frisch aufgeschüttelten Kissen, ihr Haar war mittlerweile so dünn und farblos, dass die weißen Bezüge durchschienen. Wes stellte sich auf Zehenspitzen an die hohe Bettkante und beugte sich vor, um seine Mutter forschend anzusehen.
«Und, wie geht’s dir?»
«Prima.» Sie näselte pfeifend, als müsste sie ihre Stimme durch ein Strohsieb pressen, aber sie hörte sich kräftiger an als noch vor einem Monat. Außerdem nuschelte sie nicht mehr so arg. «Wie steht’s mit dir, Schatz?»
Wes wusste nie so genau, worauf sie mit dieser Frage hinauswollte. Manchmal hörte sie tatsächlich aufmerksam zu, doch in den meisten Fällen sprach nur die Krankheit aus ihr, als wäre sie die Puppe eines Bauchredners und als wollte sie eigentlich nur sagen: «Tu einfach so, als wäre alles in Ordnung.» Normalerweise hielt er sich damit zurück, sie herauszufordern, doch heute ließ er einen Hauch von Mehrdeutigkeit in seine Antwort einfließen.
«Ganz gut, Mom.»
«Ist was, Schatz?»
«Ach, Mom, ich weiß nicht, ich …»
«Du, ich habe ein bisschen Hunger. Kannst du mir Pudding bringen?»
«Hat Nora dir nicht schon Frühstück gemacht?»
«Nein, hat sie nicht, die kleine Ratte.»
«Sie hat dir kein Frühstück gemacht?»
«Wes, muss ich das wirklich zweimal sagen? Sie hat mir kein Frühstück gemacht, verdammt.»
«Okay, okay, reg dich nicht auf. Ich kümmere mich darum. Kann ich kurz das Licht anschalten?»
«Es tut mir in den Augen weh.»
«Nur kurz. Du kannst sie ja so lange schließen. Ich will mir deine Haut ansehen.»
«Nur zu.»
Als Wes aufstand und sich zur Nachttischlampe drehte, stieß er mit der Stange der elektrischen Hebevorrichtung zusammen. Es tat nicht weh, aber er verfluchte das Gerät. Es war eine Art Schaukel, die man quer über das Bett spannte, doch bestand sie aus einem Nylongeschirr, wie es bei Rettungsaktionen von einem Hubschrauber heruntergelassen wird. Theoretisch konnte sich seine Mutter auf die Seite wälzen, das Geschirr unter ihren Po schieben, auf einen Knopf drücken und in ihren Rollstuhl gleiten, der neben dem Bett stand. Eigentlich sollte es dazu dienen, dass sie sich unabhängiger fühlte, aber da sie große Probleme hatte, das Geschirr richtig unter sich zu ziehen, war es seit Monaten nicht zur Anwendung gekommen. Er und Nora wollten damit spielen, als sie im Krankenhaus lag, doch es hatte überhaupt keinen Spaß gemacht. Sie hatten es nur für den Fall dabehalten, wenn sie nicht mehr allein zur Toilette gehen konnte, nicht einmal auf eins ihrer Kinder gestützt, und darum hasste Wes das blaugrau-metallisch lackierte Ding mit den grellgelben, orange umrandeten Warnaufklebern. Als sie mit dem Versicherungsvertreter am Esstisch gesessen hatten, hatte er gesagt, es wäre günstiger, die Vorrichtung dazulassen, als sie abzubauen und wegzugeben, wenn sie sie doch nach einem halben Jahr erneut installieren müssten.
Wes knipste die Lampe an und wandte sich wieder seiner Mutter zu. Ihr Gesicht konnte einem unter dem Kranz farbloser Strähnen einen Schrecken einjagen, doch Wes bemerkte es kaum, weil der Verfall so schleichend gekommen war. Er konnte sich nur sehr vage daran erinnern, wie sie als gesunde Frau ausgesehen hatte – irgendwo am Strand, wo sie sich auf den Ellbogen gestützt und er durch die Sonnenbrille ihre lächelnden Augen gesehen hatte; oder als sie ihn hin und wieder zur Schule gebracht hatte – damals hatte sie gesungen und seine Hand gehalten; oder in einem hellen Büro in Midtown, wo sie an riesigen Bildschirmen Schutzumschläge für Bücher entworfen und ihm gezeigt hatte, wie man mit der Software digitale Collagen herstellte. Er glaubte sich daran zu erinnern, dass sie gesellig gewesen war und gerne bunte Schals getragen hatte, die sie um den Kopf geschlungen und im Nacken zusammengebunden hatte, und dass sie bei . geweint hatte. Er wusste auch noch, dass sie unten auf dem Klavier Songs aus Shows gespielt hatte. Schon komisch, wie begrenzt seine Erinnerungen waren, wenn er bedachte, dass er bereits sieben oder acht gewesen war, als die ersten Krankheitssymptome bei ihr aufgetaucht waren; wahrscheinlich hatte sein Geist diesen Teil seiner Erinnerungen völlig verdrängt. Es fühlte sich an, als wäre sie immer schon krank gewesen. Niemand sprach jemals davon, dass sie gesund werden würde, nicht einmal annähernd. Nur sehr selten, wenn er Nora bei der intensiven Betrachtung der Familienalben Gesellschaft leistete und die Fotos der einzige Beweis dafür waren, dass ihre Mutter nicht immer eine dermaßen reduzierte Invalidin gewesen war, betonte der starke Kontrast zwischen vorher und nachher, wie schlecht es ihr ging. Ihre rot geäderten Augen von der Farbe vergilbten Porzellans lagen tief in den Höhlen, die rauen, eingesunkenen Lippen wurden beständig von einer galligen, suchenden Zunge beleckt – all das bemerkte Wes mit Schrecken, um es jedoch sofort zu verdrängen. Im Schein der Lampe galt sein einziges Interesse der Farbe ihrer Haut. Die Entzündung des Sehnervs, die kürzlich ihr gesundes Auge befallen hatte, war mit massiven Steroiddosen behandelt worden. Davon war ihre Haut gelb geworden. Sie war immer noch so trocken und durchscheinend wie Transparentpapier, doch offenbar hatte sie die meisten Gifte bereits ausgeschieden – genau ließ sich das bei diesem Licht nicht beurteilen. Wes küsste seine Mutter auf die Wange, knipste die Lampe aus und lehnte sich an den erhöhten Teil ihrer Matratze.
Sie sah sich im Fernsehen an, und Wes setzte sich neben sie, um ein paar Minuten zuzuschauen. Ihre besessene Vorliebe für «Freude am Malen» hatte als eine Art Familienwitz begonnen, als Wes eines Tages nach Hause gekommen war und Nora eine Folge unbedingt zu Ende sehen wollte. Eine Zeit lang hatten sie es zur Familientradition erklärt und sich über Bob Ross’ Afro-Frisur, seine Fixierung auf kleine Waldtiere und die ewigen Phrasen lustig gemacht. Unaufhörlich hatten sie «Das ist Ihre Welt» und «Schlagen Sie den Pinsel grün und blau» gesagt, und Wes hatte Nora sogar eine Weile seine «fröhliche kleine Wolke» genannt. Doch erst nachdem seine Mutter endgültig bettlägerig geworden war, hatte sie Wes ausdrücklich gebeten, Folgen von «Freude am Malen» im Kabelfernsehen für sie zu suchen, die er dann aufgezeichnet hatte. Doch schon damals kam die Show nur noch einmal wöchentlich und er hatte sich erboten, DVDs davon zu kaufen. Schlussendlich war es jedoch gar nicht mehr so wichtig, weil es ihr nichts ausmachte, die wenigen Folgen immer wieder anzusehen. Sie war oft aufgeregt und es war nicht ganz klar, warum, und ob sie überhaupt richtig sehen konnte, was im Fernsehen vorging. Doch die sanfte, monotone Sprechweise von Bob Ross beruhigte sie. Mittlerweile sah sie sich außer «Gossip Girl», für das sie fast ebenso schwärmte wie Nora, selten etwas anderes an. Wes musste zugeben, dass auch er Bob Ross faszinierend fand – er hatte sogar erwogen, den Protagonisten seines ersten Romans nach diesem Vorbild zu gestalten, aber er hatte Angst, deswegen verklagt zu werden, und scheute das Risiko.
Als er neben seiner Mutter saß und zusah, wie Bob Ross das abscheuliche Bild einer Wildnis in Alaska zusammenpanschte, dachte Wes an die Tausende fröhlicher Hausfrauen und Rentner in ihren umgebauten Garagenateliers überall im Land, die jede Bewegung von Ross mit ihren eigenen Fächerpinseln in Karmesinrot kopierten, und dann dachte er an seine Mutter, die in diesem Zimmer gefangen war und immer kränker wurde. Er war fest davon überzeugt, dass sie niemals eine Sendung von Bob Ross gesehen hätte, wenn sie gesund geblieben wäre. Es war alles so schrecklich ungerecht, aber man konnte schließlich schlecht sagen, dass ein Mensch mehr wert war als ein anderer oder dass die Leute, die mit Bob Ross malten, mehr aus dem Trost machten, den er anbot, als jemand, der den ganzen Tag im Bett lag und sich die zwölf Jahre alte Staffel immer wieder von vorn ansah. Wes dachte an das Kinderspiel, das man mit sechs oder sieben spielt, wenn man sich zum ersten Mal der Sterblichkeit und der ethischen Bedeutung von Entscheidungen bewusst wird. «Wenn einer mit einem Gewehr kommt und deine Mutter oder deine Schwester töten will, wen soll er nehmen?» Es ging nie darum, wen man mehr liebte, und es gab immer eine richtige Antwort. Wenn man die Wahl hatte, seine Schwester oder seine Mutter zu retten, entschied man sich für die Schwester, weil sie jünger war und noch länger leben würde. Wenn man sich...




