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E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Brunner Der Schockwellenreiter

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-10148-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

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ISBN: 978-3-641-10148-0
Verlag: Heyne
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Wenn es ein Phänomen wie das absolute Böse überhaupt gibt, dann besteht es darin, einen Menschen wie ein Ding zu behandeln. (John Brunner)

Doch in unserer Zukunft ist der Einzelne nicht mehr als eine Ansammlung von Daten, Einsen und Nullen im Netz, verwaltet von entsetzlich tüchtigen Leuten. Die Menschen sind nur noch eine numerische Größe, die hin- und hergeschoben wird, sogar gelöscht werden kann, bis die Bilanz am Ende wieder stimmt. Nick Haflinger kam als Kind nach Turnover, eine Anstalt für besonders begabte Schüler, doch als er erkennt, dass die Regierung Genexperimente mit ihnen durchführt, flieht er. Er ist ein begabter Hacker und kann sich so der Verfolgung lange entziehen. Doch die Beamten sind ihm auf der Spur, und am Ende gerät die Regierung so unter Druck, dass sie nur noch einen Ausweg sieht: brutale Gewalt.

John Brunner wurde 1934 in Preston Crowmarsh, Oxfordshire, England geboren und studierte moderne Sprachen. Er begann sehr früh mit dem Schreiben und konnte im Alter von 17 Jahren, seinen ersten Roman verkaufen. In den Sechzigerjahren war er einer der ersten Autoren, die auf die Gefahren der Umweltzerstörung hinwiesen und den Datenmissbrauch sowie den modernen Kolonialismus der Industriestaaten und die rücksichtslose Ausbeutung der Dritten Welt anprangerten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er in der englischen Anti-Atomwaffen-Bewegung tätig. Er starb am 24. August 1995 in Glasgow.
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Gedanke zum Tage


Nimm sie am kleinen Finger, und sie machen dir die Hölle heiß.

Methode zur Daten-Reschablonstruktion


Der Mann im ungepolsterten Metallstuhl war so nackt wie die Wände des Zimmers. Man hatte seinen Kopf und auch den gesamten Körper vollständig rasiert; nur die Wimpern waren geblieben. An einem Dutzend Stellen seines Schädels hielten kleine Streifen von Heftpflaster Sensoren fest, ebenso an den Schläfen nahe der Augenwinkel, an beiden Seiten des Mundes, an seiner Kehle, überm Herzen, dem Solarplexus und an allen wichtigen Ganglien bis hinab zu den Knöcheln.

Von jedem Sensor führte eine Leitung, fein wie Sommerfäden, zum einzigen Gegenstand, wovon sich – außer dem Metallstuhl und zwei Sesseln, beide weich gepolstert – sagen ließ, dass er den Raum in Beschlag nahm. Dabei handelte es sich um eine Konsole zur Datenanalyse von ungefähr zwei Metern Breite und eineinhalb Metern Höhe, deren abgeschrägte Oberseite Bildschirme und Signallämpchen aufwies; von einem der Polstersessel aus ließ die Anlage sich leicht bedienen.

Außerdem gab es in dem Raum an verstellbaren Gestängen, die aus der Rücklehne des Metallstuhls ragten, Mikrofone und eine 3d-Fernsehkamera.

Der Geschorene war nicht allein. Drei andere Personen waren ebenfalls anwesend: eine junge Frau in schickem weißen Overall, deren Aufgabe darin bestand, den Sitz der Sensoren zu überprüfen; ein Schwarzer in modischem dunkelroten Anzug mit Weste, an dessen Brusttasche eine Karte mit seinem Bild und dem Namen Paul T. Freeman geklammert war; und ein untersetzter Weißer von etwa fünfzig Jahren, gekleidet in Dunkelblau, den seine gleichartige Karte als Ralph C. Hartz bezeichnete.

Nach langer Begutachtung des gebotenen Anblicks öffnete Hartz den Mund. »Das ist also der Schwindler, der es weiter und ärger und obendrein länger getrieben hat als irgendein anderer.«

»Haflingers Laufbahn ist durchaus ein wenig eindrucksvoll«, sagte Freeman nachsichtig. »Sie haben seine Unterlagen eingesehen?«

»Natürlich. Deshalb bin ich hier. Es mag eine atavistische Anwandlung sein, aber ich konnte mich nicht davon zurückhalten, mir mit eigenen Augen den Menschen anzuschauen, der eine so verblüffende Vielfalt unterschiedlicher Personenrollen zu spielen vermochte. Man könnte wohl eher danach fragen, was er noch nicht gemacht, als danach, was er gemacht hat. Utopia-Designer, Lebensstil-Berater, Delphi-Hasardeur, ComputerSabotage-Spezialist, Systemrationalisator … und Gott weiß, was noch alles.«

»Und Priester«, ergänzte Freeman. »In diesen Bereich dringen wir heute vor. Aber am bemerkenswertesten ist nicht die Anzahl der verschiedenartigen Tätigkeiten, denen er nachgegangen ist. Am beachtlichsten ist vielmehr der Kontrast zwischen den sukzessiven Versionen seiner Selbst.«

»Aber es war doch sicherlich zu erwarten, dass er seine Spur jedes Mal so gründlich wie möglich verwischt hat?«

»Sie verfehlen den wesentlichen Punkt. Die Tatsache nämlich, dass er uns so lange entgehen konnte, lässt sich darauf zurückführen, dass er es gelernt hat, mit seinen Überflutungs-Reflexen zu leben und sie in gewissem Maße sogar einzudämmen, indem er die gleichen Sorten handelsüblicher Beruhigungsmittel einnahm, die Sie und ich verwenden, um beispielsweise den Schock eines Umzugs zu mildern, und er schluckte auch keine großen Mengen.«

»Hmm …« Hartz überlegte. »Sie haben recht. Das ist erstaunlich. Sind Sie soweit, um mit der heutigen Sitzung anzufangen? Ich habe hier im Tarnover nicht sonderlich viel Zeit zur Verfügung, müssen Sie wissen.«

»Ja, Sir«, sagte das Mädchen im weißen Plastik, ohne den Blick zu heben. »Er ist im Fertig-Status.«

Das Mädchen entfernte sich zur Tür. »Müssen Sie ihm keine Spritzen zur Aufmunterung oder so etwas geben?«, fragte Hartz unschlüssig, während er auf eine diesbezügliche Geste Freemans hin Platz nahm. »Er wirkt momentan stark ruhiggestellt.«

Freeman setzte sich im Sessel vor der Analysenkonsole bequem zurecht. »Nein, das ist keine Frage von Drogen. Wir arbeiten mit Induktionsstrom in den motorischen Zentren. Eine unserer Spezialitäten, wie ich Ihnen verraten darf. Ich brauche nur diesen Schalter zu betätigen, und er kommt zu Bewusstsein – aber natürlich nicht in dem Umfang, dass er dazu fähig wäre, etwas anzustellen. Gerade genug, dass er in genügender Ausführlichkeit antworten kann. Doch bevor ich ihn einschalte, sollte ich Sie kurz über den Einstieg informieren. Gestern habe ich Schluss gemacht, als ich an etwas geriet, was mir ein außergewöhnlich belastungsstarkes Erinnerungsbild zu sein schien, also werde ich ihn nun zum entsprechenden Zeitpunkt regressivieren und diese Einstellung wählen, so dass wir verfolgen können, was sich daraus entwickelt.«

»Was für ein Erinnerungsbild?«

»Von einem Mädchen im Alter von etwa zehn Jahren, das wie besessen durch die Finsternis läuft.«

Zum Zwecke der Identifikation


Gegenwärtig bin ich Arthur Edward Lazarus, Beruf Geistlicher, Alter sechsundvierzig Jahre, ledig; Gründer und Inhaber der Kirche der Unendlichen Einsicht, eines vormaligen Autokinos (und womit könnte eine Kirche ihren Anfang besser machen als mit einer erfolgreichen Bekehrung?) in der Nähe von Toledo in Ohio, das vorher schon jahrelang außer Betrieb war, jedoch weniger, weil die Leute das Kinogehen im wesentlichen eingestellt hatten – man dreht noch Filme, denn es findet sich immer eine Zuschauerschaft für die Breitwand-Pornos jener Art, die die 3dF-Programme aus den Kreisbahnen der Piratensatelliten nahezu im Handumdrehen abschmettert –, sondern mehr deshalb, weil der Standort sich auf Land befindet, das umstritten ist zwischen Billys Brüderlichen Baptisten, einer protestantischen, und den Gralsrittern, einer katholischen Rotte. Niemand ist scharf darauf, sein Eigentum einem Klüngel zuzuschlagen. Kirchen pflegen sie normalerweise aber zu respektieren, und der Einflussbereich der nächsten islamischen Rotte, den Kindern Jiads, liegt fünfzehn Kilometer weiter westlich.

Meine Code-Nummer beginnt natürlich mit 4GH, und so war es während der vergangenen sechs Jahre.

Vormerken: Herausfinden, ob es mittlerweile Veränderungen im Status eines 4GH gegeben hat, vor allem jedoch, ob inzwischen etwas Besseres eingeführt worden ist … irgendein Schuh, den man sich von Herzen gern anzieht.

Katz und Maus


Blind vor Kummer lief sie unter einem Himmel dahin, der von tausend zusätzlichen Sternchen prunkte, die ihn schneller umkreisten als Minutenzeiger. Die Juniluft raute ihre Kehle mit Staub auf, in ihren Beinen schmerzte jeder Muskel, auch in ihrem Leib, sogar den Armen, aber sie rannte unentwegt mit aller Kraft, die sie aufbieten konnte, immer weiter. Es war so heiß, dass ihre Tränen, die ihr aus den Augen kullerten, im gleichen Moment trockneten, da sie flossen.

Manchmal lief sie über mehr oder weniger ebenen Straßenbelag, seit Jahren nicht ausgebessert, aber noch ziemlich fest; bisweilen überquerte sie holprigen Untergrund, vielleicht einstige Gelände von Fabriken, deren Eigentümer ihre Unternehmen in den Orbit verlagert hatten, oder von Häusern, schon vor langem während irgendeiner Unruhe durch irgendeine Rotte restlos verrottet.

Voraus glommen düstere Lichter und erleuchtete Schilder, die einen Highway säumten, durch die Schwärze. Drei der Schilder wiesen auf eine Kirche hin und verhießen den eingetragenen Mitgliedern ihrer Glaubensgemeinschaft kostenfreie Delphi-Beratung.

Sie starrte wild umher und blinzelte, um ihr Blickfeld zu klären, und da sah sie eine ungeheuer große, bunte Kuppel, die wirkte, als habe jemand einen Lampenschirm aus einem Kugelfisch zu solcher Größe aufgeblasen, dass er die Maße eines Wales übertraf.

In angemessenem Abstand observierte sie ein Mann in einem Elektro-Auto, indem er sich an der Anzeige des Funkindikators orientierte, der im Papierkleid verborgen war, das allein sie außer Sandalen trug, und hoffte, während er immer wieder ein Gähnen unterdrücken musste, dass die Verfolgung wenigstens am heutigen Sonntag nicht zu ausgedehnt oder zu langweilig sein werde.

Kleiner Gewinn im Bauch des großen Wals


Hochwürden Lazarus war nicht nur das Oberhaupt seiner Kirche, er wohnte auch darin: sein Heim war ein Wohnwagen, der hinterm Kosmorama-Altar geparkt stand – früher die Projektionsfläche, zwanzig Meter hoch. Wie anders hätte ein Mann mit der Befugnis eines Geistlichen sich soviel Zurückgezogenheit und zugleich soviel Platz leisten können?

Umgeben vom Nonstop-Summen des Kompressors, der seine vielfarbige Plastikkuppel aufgeblasen hielt – dreihundert mal zweihundert Meter mal neunzig Meter in der Höhe –, saß er allein an seinem Schreibtisch im Vorderabteil des Wohnwagens, seinem winzigen Büro, und computerte das Ergebnis der heutigen Kollekte. Er hatte Grund zur Besorgnis. Seine Vereinbarung mit der Coley-Group, die zu seinen Gottesdiensten die Musik lieferte, beruhte zwar auf einem Prozentanteil, aber ein Tausender war garantiert, und der Besuch ließ mit der Geschwindigkeit nach, wie sich die Neuartigkeit seiner Kirche verschliss. Heute waren nur rund siebenhundert Menschen gekommen; es hatte nicht einmal einen Stau gegeben, als sie zurück auf den Highway fuhren.

Zudem hatte die Kollekte heute zum ersten Mal seit der Gründung der Kirche vor neun Monaten mehr Währungs-Scrips eingebracht als Bargeld. Zwar befand sich Bargeld nicht...


Brunner, John
John Brunner wurde 1934 in Preston Crowmarsh, Oxfordshire, England geboren und studierte moderne Sprachen. Er begann sehr früh mit dem Schreiben und konnte im Alter von 17 Jahren, seinen ersten Roman verkaufen. In den Sechzigerjahren war er einer der ersten Autoren, die auf die Gefahren der Umweltzerstörung hinwiesen und den Datenmissbrauch sowie den modernen Kolonialismus der Industriestaaten und die rücksichtslose Ausbeutung der Dritten Welt anprangerten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er in der englischen Anti-Atomwaffen-Bewegung tätig. Er starb am 24. August 1995 in Glasgow.



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