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E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Brunner Kinder des Donners

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-09799-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

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ISBN: 978-3-641-09799-8
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Sie sorgen selbst für ihre Zukunft

Die Kinder des Donners denken an ihre Zukunft: Sie wollen es nicht hinnehmen, wie ihre Eltern – wir – die Erde weiterhin zerstören aus kurzsichtiger Profitgier und gedankenlosem Streben nach Luxus. Sie wachsen verstreut an verschiedenen Orten Großbritanniens auf und haben zwei Dinge gemeinsam: Ihre Mütter wurden künstlich befruchtet. Und sie haben die unheimliche Gabe, ihre Mitmenschen selbst gegen ihren Willen von etwas zu überzeugen und mitzureißen. Davon machen die Kinder des Donners auch gnadenlosen Gebrauch, um zu überleben – erst alleine, später als Gruppe.

John Brunner wurde 1934 in Preston Crowmarsh, Oxfordshire, England geboren und studierte moderne Sprachen. Er begann sehr früh mit dem Schreiben und konnte im Alter von 17 Jahren, seinen ersten Roman verkaufen. In den Sechzigerjahren war er einer der ersten Autoren, die auf die Gefahren der Umweltzerstörung hinwiesen und den Datenmissbrauch sowie den modernen Kolonialismus der Industriestaaten und die rücksichtslose Ausbeutung der Dritten Welt anprangerten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er in der englischen Anti-Atomwaffen-Bewegung tätig. Er starb am 24. August 1995 in Glasgow.
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Der Swimmingpool war leer, abgesehen von dem Abfall, den der Wind hergeweht hatte. Die meisten privaten Schwimmbecken im Silicon Valley wurden in diesem Jahr nicht benutzt, trotz der Hitze des kalifornischen Sommers. Zu viele Industriechemikalien hatten das Grundwasser der Gegend verunreinigt, und der Preis für Kläranlagen, die geeignet waren, sie herauszufiltern, hatte sich in den vergangenen drei Monaten verdreifacht.

Trotzdem – vielleicht, weil sie erst vor zu kurzer Zeit aus Großbritannien angekommen waren, um nicht jeden Sonnentag so auszukosten, als ob es morgen schneien könnte – hatten Harry und Alice Shay die langweilige alte Nervensäge von einem Besuch am Swimmingpool empfangen, in Segeltuchstühlen mit ihren Namen in Schablonenschrift auf den Rückenlehnen.

Von seinem persönlichen kleinen Reich im Privatflügel des Hauses aus belauerte sie David, der beinah vierzehn Jahre alt war, durch die Schlitze einer Jalousie. Aus dieser Entfernung konnte er nichts hören, doch wusste er viele sachkundige Mutmaßungen über die Unterhaltung anzustellen. Shaytronix Inc. machte etwas durch, das man höflicherweise als ›Liquidationskrise‹ bezeichnete, und der Besucher war Herman Goldfarb, der Oberbuchhalter der Firma, ein gediegener, Brille tragender Mittfünfziger und das typische Musterexemplar eines widerlichen alten Sacks, der dauernd sagte: »Ich kann mich noch erinnern, als …«

Aus mindestens zwei Gründen machte er den Eindruck, als ob ihm äußerst unbehaglich zumute wäre. Sein dunkler Anzug war zweifellos angemessen für ein Büro, in dem die Klimaanlage auf höchster Stufe lief, doch fürs Freie war er lächerlich, und daran änderte auch nichts, dass ihm ein großes Erfrischungsgetränk und der Schatten eines gestreiften Sonnenschirms angeboten worden war. Bis jetzt hatte er noch nicht einmal das Jackett abgelegt, und was noch erschwerend hinzukam …

Der an der Westküste seit langem gepflegte Kult der schönen nackten Körper entwickelte sich wegen der immer stärker werdenden Strahlen, die durch die beschädigte Ozonschicht der Erde drangen, zu einem Risiko. Dessen ungeachtet huldigten die Shays ihm immer noch mit Hingabe. Obwohl er fast im gleichen Alter war wie Goldfarb und bereits bis zur Brustbehaarung hin grau wurde, hatte sich Harry hervorragend in Form gehalten und machte sich nichts daraus, wenn jemand sein Alter kannte. Er trug einen winzigen französischen Badeslip und eine dunkle Sonnenbrille. Desgleichen Alice – ergänzt durch eine glänzende Schicht Sonnencreme. Harry gefiel es, wenn sie bewundert wurde. Er war über alle Maßen stolz darauf, dass er sie geheiratet hatte, als er vierzig war und sie gerade zwanzig.

Er neigte dazu, leichten Sinnes über die Tatsache hinwegzusehen, dass er seine erste Frau und zwei halbwüchsige Kinder verlassen hatte, um dieses Vorhaben durchzuführen.

Eine Zeitlang machte es David – der überhaupt nichts anhatte – Spaß zu beobachten, wie Goldfarb so tat, als würde er den Busen seiner Mutter nicht anstarren. Doch der Spaß ließ bald nach, und er wandte sich wieder seinem Computer zu. Er war an einem Modem angeschlossen, der ihm den Zugriff auf ein internationales Datennetz ermöglichte, und er arbeitete mit einem Programm, das er sich selbst ausgearbeitet hatte und von denn er sich interessante Ergebnisse versprach.

Dieser große, kühle, niedrige Raum, der im rechten Winkel an den älteren Hauptteil des Hauses angebaut war, war sein persönliches Königreich. Ein Vorhang vor einer Nische verbarg sein Bett und die Tür zum angrenzenden Badezimmer. Regale an allen Wänden waren vollgepackt mit Büchern und Tonbändern, so dass kaum noch Platz blieb für seine Stereoanlage und den Fernsehapparat; der letztere murmelte mit heruntergedrehter Lautstärke vor sich hin. In der Mitte der Fläche stand ein Schreibtisch mit seinem Computer darauf; aus den halb aufgezogenen Schubladen quollen unordentlich Papiere. Der übrige Raum war zum größten Teil angefüllt mit Erinnerungsstücken an vergangene und gegenwärtige Interessen: entlang einer Wand ein umfangreiches Heimlabor, einschließlich eines gebraucht erstandenen Elektronik-Mikroskops und einer Ausrüstung zur Genanalyse und Bastelei mit Enzymen und Ribozymen; auf einer anderen Seite eine Werkbank mit einer Reihe von versenkten Holzbearbeitungswerkzeugen; an einer anderen Stelle ein zusammengebrochener Heimroboter, den er halbwegs repariert und abgewandelt hatte; in der hintersten Ecke eine Staffelei mit einem verlassenen Porträt und daneben Gläser mit Pinseln, an denen die Farbe vor etwa sechs Monaten getrocknet war …

Die Luft war angefüllt mit sanfter Musik. Aus einer Laune heraus hatte er seinem Auto-Composer eingegeben, eine Fuge nach einem eigenen Thema unter Benutzung der traditionellen Instrumente einer Dixieland-Jazzband zu erschaffen. Das Ergebnis, so fand er, war ziemlich eindrucksvoll.

Das Computerprogramm schien noch ein ganzes Stück vom Ende seines Durchlaufs entfernt zu sein. Als der Fernsehapparat etwas kaum Hörbares erzählte von Aufständen in einem halben Dutzend Großstädten, blickte David gelangweilt zum Bildschirm. Eine Meute, die sich hauptsächlich aus jugendlichen Farbigen zusammensetzte, schleuderte Steine in ein Schaufenster. Als er mit der Fernbedienung den Ton lauter stellte, schnappte er den Namen eines Softdrinks auf und kräuselte die Lippen. Sie protestierten also gegen den Erlass der Food And Drug Administration, mit dem CrusAde verboten worden war. Dummheit auf der ganzen Linie! Etwas an der Art, wie für das Zeug geworben worden war, hatte ihn stutzig gemacht, und es war nicht nur die Behauptung, dass man durch den Kauf eine gottgefällige Sache unterstützte – angeblich floss die Hälfte des Gewinns einer Fundamentalistenkirche zu, die inzwischen schon so viel wert war wie eine Fußballmannschaft der Unterliga. Daraufhin hatte er sich eine Dose gekauft, nicht etwa zum Trinken, sondern zum Analysieren, und einige Wochen zuvor hatten die Prüfer der FDA die darin enthaltene Spur einer Designer-Droge gefunden; es handelte sich dabei weniger um ein Aufputsch- als um ein reines Suchtmittel.

Er hatte keine Mühe, die Droge zu identifizieren. Es war eine seiner eigenen Erfindungen und erfreute sich bei den Dealern, die er damit belieferte, besonderer Beliebtheit, weil es die Verbraucher fast genauso schnell abhängig machte wie Crack – fast so schnell, um genau zu sein, wie das legendäre (nach Davids Ansicht zum Mythos hochstilisierte) Big L.

Wie sich die Hersteller von CrusAde jemals einbilden konnten, ungeschoren davonzukommen, das mochte der Himmel wissen. Vielleicht hatten sie einfach darauf gehofft, sich den Vorteil des ständig wachsenden Misstrauens der Bevölkerung zur Regierung und deren Unbeliebtheit zunutze machen zu können.

Und/oder die immer weiter reichende Immunität, die die Kirchen durch das Inkrafttreten eines neuen Gesetzes genossen.

Der Computer piepte. Er drehte sich wieder zu ihm um. Und raufte sich wütend die Haare. Entweder enthielt sein Programm einen Haken, was er bezweifelte, oder die Daten, auf die er scharf war, waren einfach nicht zu knacken. Oder, das konnte natürlich auch sein, sie waren on-line nicht verfügbar. Das letztere erschien ihm am wahrscheinlichsten, wenn man bedachte, welch vertraulicher Natur sie waren.

Nun, damit war die Sache besiegelt. Harry Shay musste mit seiner Familie für eine gewisse Weile wieder nach Großbritannien zurückkehren, ob das nun die totale Pleite für Shaytronix Inc. zur Folge hatte oder nicht. Tatsächlich, das war Davids Meinung, würde es dem alten Kotzbrocken recht geschehen, wenn seine Herrschaft über die Firma, die er gegründet hatte, zu Ende wäre. Er wäre dann immer noch ein sehr wohlhabender Mann, denn er war gut im Errichten von – nun – Sicherheitspolstern. Was er sagen würde, wenn er dahinterkäme, dass es ihm David während der vergangenen achtzehn Monate nachgemacht hatte, indem er die Einkünfte aus seiner Drogenerfindung in eine Bank auf den Bahamas hatte fließen lassen, war unmöglich zu erraten. Doch wenn sich eine entsprechende Notwendigkeit ergäbe, könnte durch eine Enthüllung ein gewisser Druck ausgeübt werden; da er minderjährig war, hatte er das Geld auf den Namen seiner Eltern deponieren müssen, mit Referenzen, die Mitglieder der Geschäftsleitung von Shaytronix ohne ihr Wissen gegeben hatten, und was er getan hatte, war so offensichtlich legal, da er sich mit Fug und Recht darauf berufen konnte, dass seine neue Droge ein durch Genmanipulation gewonnenes Sekret aus Hefe war und kein synthetisches Produkt, dass diese Nachricht sofort die Aufmerksamkeit des FBI und vielleicht auch der Sicherheitspolizei auf die Firma lenken würde. Tatsächlich war das erstere bereits auf David aufmerksam geworden, wenn auch nicht auf die Firma. Doch die betreffende Abteilung würde keine Schwierigkeiten mehr machen, oder auf jeden Fall diese ganz speziellen Beamten nicht mehr … Angesichts dieser Bedrohung hätte Harry keine andere Wahl, als zu verkaufen und einer Rückkehr nach England zuzustimmen.

Doch es war wahrscheinlich gar nicht nötig, dass es soweit käme. David hegte buchstäbliches Vertrauen in seine Überredungskraft, ganz besonders nach dem Zoff, den er mit dem FBI gehabt hatte. Wenn es jedoch hart auf hart gehen sollte, hätte er keine Bedenken, diese Art von Druck auf seinen Vater auszuüben.

Er kippte seinen Stuhl nach hinten und stieß einen Seufzer aus, während er dachte: Vater – Sohn …

Seit er zehn war, hatte er einen gewissen Verdacht, und seit er zwölf war, wusste er genau, dass Harry nicht sein Vater war. Jedenfalls, wenn man seine Blutgruppe in Betracht zog, sprach alles dagegen. Harry wies mit Vorliebe darauf hin,...


Brunner, John
John Brunner wurde 1934 in Preston Crowmarsh, Oxfordshire, England geboren und studierte moderne Sprachen. Er begann sehr früh mit dem Schreiben und konnte im Alter von 17 Jahren, seinen ersten Roman verkaufen. In den Sechzigerjahren war er einer der ersten Autoren, die auf die Gefahren der Umweltzerstörung hinwiesen und den Datenmissbrauch sowie den modernen Kolonialismus der Industriestaaten und die rücksichtslose Ausbeutung der Dritten Welt anprangerten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er in der englischen Anti-Atomwaffen-Bewegung tätig. Er starb am 24. August 1995 in Glasgow.



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