2
Jenseits von links und rechts
Karl Popper (17.9.1902–28.7.1994), in Wien geboren und aufgewachsen, hat 1945 unter dem Druck der historischen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges das zweiteilige Werk
Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde geschrieben.
6 Heute, im Jahr 2019, ist die Debatte wieder genauso aktuell wie damals, allerdings sind die Herausforderungen und Ausdrucksformen an manchen Stellen neu; die Antworten, welche die Freunde der Offenen Gesellschaft geben können, allerdings nicht.
7 Die Zeitspanne zwischen dem Kriegende 1945 und dem Mauerfall 1989 war vorrangig durch Gegensätze zwischen linken und rechten Systemen geprägt. Diese Auseinandersetzung der Systemkonkurrenz geht nun zu Ende. Nicht selten sind die Unterschiede gar nicht mehr erkennbar. Damit geht aber nicht die Geschichte zu Ende, wie manch ein Betrachter gemeint hat, sondern sie beginnt hier erst wirklich.
8 Bis hierher galt der kleinste gemeinsame Nenner und nicht die
best possible practice. Das soll jetzt anders werden. Dazu kommt, dass das politische Spektrum kein Lineal ist, sondern bekanntlich ein Kreis, bei dem sich die Extreme in der Argumentation dann immer wieder treffen. Beides, der kleinste gemeinsame Nenner und die kreisförmige Bewegung der Extreme, macht eher schwindlig und kurzsichtig, als dass es uns hilft, eine wirkliche Orientierung dahingehend zu bekommen, wo die Reise hingehen soll.
Um gleich ein vordergründiges Missverständnis aufzulösen: Die Offene Gesellschaft ist nicht identisch mit Demokratie, Rechtsstaat und sozial eingehegter Marktwirtschaft.
9 Sie ist auch keine Utopie, keine Multikultiveranstaltung, bei der alles geht, also alles irgendwie »offen«, beliebig und gleichwertig ist;
10 sie ist auch kein spiel-theoretisches Konstrukt, bei welchem es allen automatisch besser geht (Win-win-Situation), und auch kein Ort, an dem es niemals regnet und alle nett zueinander sind. Sie ist auch kein Kindergeburtstag und kein Wunschkonzert. Offene Verhältnisse sind letztlich nicht einmal identisch mit dem Grundgesetz eines Landes, auch nicht mit dem der Bundesrepublik Deutschland, und selbst die Unterscheidung von »liberal« und »illiberal« trifft den Kern der Offenen Gesellschaft nicht.
Denn in den 202 offiziell gelisteten Nationen weltweit gibt es mehr oder weniger auch 202 Verfassungen, welche alles andere als gleich sind, die aber alle das Potenzial in sich tragen, zu Offenen Gesellschaften zu werden. Das heißt, das Modell einer Offenen Gesellschaft muss ausreichend formal sein, um für möglichst viele Verfassungen der Welt und für viele Menschen attraktiv zu sein. Gleichzeitig muss es aber inhaltlich konkret genug sein, damit Menschen sich prinzipiell damit identifizieren können. Beides kann die Offene Gesellschaft leisten.
Topografisch betrachtet, steht die Links-rechts-Debatte gleichsam horizontal zur Debatte um »offen« versus »geschlossen«. Hier geht es um ein regressives oder progressives Gesellschaftsmodell. Bei der Links-rechts-Debatte dagegen geht es um Ausformulierungen innerhalb dieses Modells. Das zivilisatorische Projekt der Offenen Gesellschaft ist das zukunftsgewandte, die Links-rechts-Debatte kennzeichnet dagegen das Ende der Systemkonkurrenz und hat ihre Zukunft bereits hinter sich. Aber wir müssen aufpassen, dass die Erzählung über die Wahrnehmung der Realität nicht mit der Realität selbst verwechselt wird. Nur der kritische Verstand mit seiner Fähigkeit zur Widerlegung kann diese Unterscheidung immer wieder einfordern. Denn der, der das Narrativ beherrscht, beherrscht auch die Realität.
Was wir an dieser Stelle vermeiden sollten, ist folglich die ständige Auseinandersetzung zwischen linken und rechten Positionen, da sie Gefahr läuft, in eine existenzielle Falle zu tappen. Erfahrungsgemäß führen solche Debatten nämlich in eine Diskussion um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Dies ist in Zeiten realen Wachstums, stabiler nationalstaatlicher Umverteilung, relativ geringer Umweltbelastungen, wie wir dies in der Nachkriegszeit erlebt haben, sinnvoll und rational. Aber jetzt ist eine andere Zeit. Wir verschenken viel Zeit für Fragen um diesen Minimalkonsens zwischen rechten und linken Positionen und fördern damit indirekt die Freunde einer geschlossenen Gesellschaft. Es gibt Zeiten, in denen es nicht um einen Minimalkonsens geht, sondern um ein anderes Denken und eine andere Sicht auf die Dinge, nämlich der zwischen vorwärts oder rückwärts. Dabei gilt es, einen klaren Blick, viel Disziplin und intellektuelle Bescheidenheit zu zeigen, diese, nennen wir sie die »horizontale« Debatte zwischen linken und rechten Lagern, jetzt auszusetzen und grundlegendere Fragen zu stellen. In einer solchen Zeit leben wir jetzt. Wie weit dieses Moratorium reichen soll, diese Frage werden wir uns als Freunde der Offenen Gesellschaft selbst zumuten müssen. Die Diskussion wird aber so lange andauern, bis die eigentlichen Fragen zwischen gesellschaftlicher Offenheit und Geschlossenheit sichtbar werden. Die Frage ist: »Wie weit können wir als Freunde der Offenen Gesellschaft eigene Positionsinteressen, Minderheitenrechte, Vorlieben und selektive Lobbyarbeit zurückstellen, eingefahrene Argumentationsrituale, auswendig gelernte Gedankengänge und lieb gewordene Selbstverständlichkeiten aussetzen, um uns den eigentlichen Verteidigungslinien zu stellen?« Kurz: »Was sind für eine Offene Gesellschaft im 21. Jahrhundert die wirklich wichtigen Fragen und welche Antworten gibt Karl Popper darauf? Worauf kann man derzeit eher verzichten? Was ist wirklich wichtig und was stellt eher ein ›divertimento‹, ein vernachlässigbares Vergnügen dar, welches man jetzt zunächst einmal hintenanstellen kann?« Anders formuliert: »Was kann weg, was muss jetzt nicht auf die Agenda und kann später diskutiert werden?«
Es ist diese Unterscheidung von »offen« versus »geschlossen«, die uns eine erste Landkarte und Orientierung anbietet, wie es weitergehen kann. Vielleicht ist die Unterscheidung auch zu grob, aber das lässt sich klären. Es gibt Zeiten, in denen alle anderen Unterscheidungen zu Phantom- und Scheindebatten, Nebenschauplätzen werden, in Teilen fast Zeitverschwendung. Vielleicht haben wir jetzt eine solche Zeit. Man kann auch sagen: Wir verlieren schlicht die Gestaltungsmöglichkeiten über die Gegenwart, wenn wir es uns nicht zutrauen über offene Verhältnisse, welche vor uns liegen, aktiv zu streiten. Aber wir reagieren auf die Orientierungs- und Sprachlosigkeit nicht mit einer kontemplativen Pause oder einem kritischen Reflex, sondern damit, dass wir die Geschwindigkeit der Entscheidungen exponentiell erhöhen, dabei die Kontrolle verlieren, uns ständig in Überforderungen üben und dies in nahezu allen Lebensbereichen. Das kann einfach nicht gut gehen. Wenn wir geklärt haben, was offene gesellschaftliche Verhältnisse eigentlich meinen, dann wissen deren Freunde auch, wofür sie einstehen und was potenziell verloren gehen kann.
2.1 Wir erzählen uns ständig Geschichten
Wir hatten davon gesprochen, dass Geschichten dann wichtig werden, wenn Ereignisse nicht erklärbar sind oder schlicht ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Plastiktüten, Kohlekraftwerke, exponentielles Wirtschaftswachstum, Trinkwasserqualität, extreme Wohlstandsungleichheiten, frische Luft zum Atmen und endliche Ressourcen waren in früheren Zeiten kein Thema, jetzt sind sie erklärungsbedürftig, und deshalb benötigen wir neue Narrative. Die Deutungshoheit für all jene Fragestellungen haben derzeit die Ingenieurwissenschaften, die Makro- und Agrarökonomie, die Politikwissenschaften sowie die Demografen. Ich denke allerdings, dass hinter den Erklärungen dieser Disziplinen psychologische Vorgänge sichtbar werden, die ihre Stärken und Schwächen deutlich machen können. Denn auch Narrative sind selektiv und adaptiv. Manche sind nämlich besser und manche sind schlechter. Geschichten haben eben keinen Selbstzweck, sondern sind Mittel, um Krisen zu meistern und unser Zusammenleben im besten Fall zu verbessern. Historisch ging es etwa darum, Essgewohnheiten, Hygiene, Sexualpraktiken, Quarantänemaßnahmen und Moralvorstellungen durch empirische Beobachtungen in ein noch vorwissenschaftliches, protowissenschaftliches Konzept einzubinden und dabei Regeln für unser Zusammenleben zu entwerfen.
11 Anthropologen und Bibelwissenschaftler können beispielsweise zeigen, dass das meistgelesene Buch der Welt, die Bibel, einem solchen Vorgehen folgt. Aber die Geschichten, die wir uns hier erzählen, wurden über Jahrhunderte, genauer: sogar über fast 500 Jahre, ständig angepasst, umgeschrieben und aktualisiert. Es war ein
work in progress. Bei der Bibel endet dieses Vorgehen etwa im 4. Jahrhundert nach Christus. Von nun an geht es nicht mehr darum, ein Tagebuch der Menschheit zu schreiben, sondern den gegebenen Text immer wieder neuen Deutungen zu unterwerfen. Er ist von nun an gewissermaßen schockgefroren. Fortan dominieren Kanonisierung und Deutungshoheit und nicht mehr die Wiedergabe realer Erfahrungen. Es entsteht nichts Neues mehr, sondern das Gegebene unterliegt einer Exegese. Und dies ist dann die Geburtsstunde der Experten, jener, die uns sagen, wie die Geschichte eigentlich zu deuten sei.
12 Eigentlich benötigen wir eine Erzählkultur, die es erlaubt, die praktische Lebenswirklichkeit des Menschen im 21. Jahrhundert in einer großen Geschichte einzubringen, mitzuschreiben und ständig umzuschreiben. Das heißt: »Bräuchten wir nicht eigentlich eine lebendige Geschichte, bei der jeder beteiligt ist, gleichsam ein interaktives Tagebuch im Zeitalter des Menschen?« Man kann hier mit Popper vorsichtig »Ja« sagen. Das ist eigentlich schon fast...