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Das planetarische Momentum
Die globale Coronapandemie, die im Jahr 2020 begann, hat etwas bisher Einzigartiges in Gang gesetzt: ein planetarisches Momentum, das alle Menschen gleichzeitig und auf unverrückbare Weise miteinander verbindet. Und der Moment, in dem sich die Menschheit nun findet am Ende der Pandemie, ist ein ebenso spannender wie problematischer.
Der Krieg, der hinter der Nachhaltigkeit tobt
Hinter den Kulissen der Debatten um mehr Klimaschutz und Artenreichtum, Wiederaufforstung und Entmüllung herrscht ein Kriegszustand von ganz anderer Qualität: ein Krieg der politischen Systeme um die Deutungshoheit im 21. Jahrhundert. Ein Krieg, bei dem es nicht nur um Fragen der Nachhaltigkeit geht, sondern auch um Fragen der Sicherheit, etwa der nationalen Grenzen, der Energie- und Nahrungsmittelversorgung. Es scheint sogar, als träten Sicherheitsfragen in einen Wettstreit mit Nachhaltigkeitsfragen und rückten diese in den Hintergrund: Sicherheit vor Nachhaltigkeit. Diese beiden Themenfelder gehören nicht nur zusammen, sondern bedingen sich gegenseitig. In den letzten 30 Jahren bestand in den Debatten ein grundlegender Gegensatz von Freiheit und Nachhaltigkeit. Beide galten als unversöhnlich. Der Neoliberalismus setzt auf Deregulierung und Privatisierung, die ökologische Bewegung dagegen auf Bewahrung der Umwelt und auf Verzicht. Es scheint offenbar eine ungesunde Dreiecksbeziehung zwischen Sicherheit, Freiheit und Nachhaltigkeit zu geben. Können wir stets nur einen der drei Werte haben? Oder ist diese Gegenüberstellung nicht doch vielmehr ein Pseudokonflikt?
Lesarten historischer Ereignisse
1989 war bekanntlich mit einem welthistorischen Ereignis verbunden: dem Berliner Mauerfall. Zugleich war es aber auch das Jahr, in dem auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem Tian’anmen-Platz in Peking, die Panzer rollten. Beide Ereignisse fielen in den gleichen Zeitraum, und beide Ereignisse wurden unterschiedlich interpretiert. Für den Westen bedeutete der Mauerfall das Ende der zweigeteilten Welt, und es wurde ein unipolares Momentum ausgerufen: Marktwirtschaft und Demokratie würden sich von nun an weltweit durchsetzen, gleichsam zwangsläufig. Der Aufstand am Tian’anmen-Platz passte in dieses Narrativ. Die chinesische Regierung interpretierte das Ereignis auf dem Platz des Himmlischen Friedens jedoch gänzlich anders. Die Niederschlagung war kein Versagen oder Fehltritt, sondern eine rationale Reaktion eines Einparteiensystems. Hinter der westlichen Lesart dagegen stand das Verständnis einer Konvergenz der Systeme. Auch andere autokratische und illiberale Regime würden sich früher oder später der Politik des Westens und dessen Gesellschaftsverständnis annähern (müssen), die Panzer in Peking galten als Aufbruchssignal. Eine solche Betrachtung greift allerdings zu kurz, denn jeder Fehltritt eines politischen Gegners kann als einfache Verzögerung in der Entwicklung (»Der andere ist noch nicht so weit«) gelesen werden. Da dies immer gelten kann, ist diese Konvergenztheorie in diesem Sinne nicht widerlegbar, aber auch wenig überzeugend. Es bestehen folglich berechtigte Zweifel, ob das liberale Gesellschaftsmodell überhaupt taugt, um die Zukunft hinreichend zu erklären.
Thesen auf dem Prüfstand
Aber es kommt noch schlimmer. Unser westliches Verständnis von einem geordneten und freiheitlichen Zusammenleben ist in mehrfacher Hinsicht überholt. Zum einen gilt die Modernisierungsthese als widerlegt. Sie besagt, dass sich die westliche Moderne in Bezug auf Demokratie, Marktwirtschaft, technologischen Fortschritt und Wirtschaftswachstum linear entwickelt und damit fortschreibt. Alle diese Bausteine stehen vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsfragen auf dem Prüfstand. Soziale und ökologische Ausbeutung zuungunsten Unbeteiligter (Externalitäten), Landraub (Landgrabbing) sowie forcierte, also erzwungene Migration sind nur die augenscheinlichsten. Zum anderen scheint auch die Individualisierungsthese keinen Bestand mehr zu haben. Sie geht davon aus, dass kollektive Gemeinschaften durch Bindungen und Zugehörigkeiten abgelöst werden, die jeder Einzelne autonom und individuell für sich wählt. Derzeit spricht vieles dafür, dass Gruppenbildungen ähnlich archaischer Tribalisierungen und homogene Habitate auf dem Vormarsch sind.
Die Säkularisierungsthese schließlich geht mit der Überzeugung einher, dass der Mensch keiner wirklichen religiösen Bindungen mehr bedarf, da sie durch weltliche Institutionen und säkulare, soziale Interaktionsformen abgelöst werden. Jedoch gab es noch niemals in der Geschichte mehr Menschen, die sich einer religiösen Gemeinschaft zugehörig fühlten als heute. In Zahlen: 85 Prozent der Weltbevölkerung haben eine konfessionelle Bindung.
Und auch die Ambiguitätsthese
4 greift nicht mehr. Die westliche (Post-)Moderne war angetreten, Vielfalt und Vieldeutigkeit zu respektieren und zu fördern. In mehrfacher Hinsicht haben digitale und globalisierte Wettbewerbsmärkte aber das Gegenteil erreicht: Ob Sprachen oder Dialekte, lokale Apfelsorten oder regionale Frischgetränke, sie werden zugunsten von wenigen standardisierten, dafür aber global verständlichen und zugänglichen Produkten und Dienstleistungen ersetzt. Aus Vielfalt wurde Einfalt.
Wenn nun unser westliches Gesellschaftsmodell derart in die Defensive gerät, so müssen wir klären: Haben wir das richtige Modell, um auf die drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts die richtigen Antworten zu finden? Eine solche Betrachtung lässt zwei Perspektiven zu. Es könnte sein, dass der politische Gegenspieler schlicht und objektiv die besseren Antworten hat. Damit wären digitale illiberale Autokratien fähiger als Offene Gesellschaften. Es könnte aber auch sein, dass wir uns unserer eigenen Position nicht hinreichend im Klaren sind, weil wir uns nicht genügend darauf verständigt haben, was wir eigentlich meinen, wenn wir von einer »Ordnung der Freiheit« sprechen; wenn wir von einer Freiheit sprechen, in der ein unerschöpfliches Potenzial zur Lösung der Probleme für ein langfristiges und friedliches Zusammenleben steckt. Kurz: Offene Gesellschaften wären dann besser, wir wüssten es nur noch nicht, würden nachgeben und schließlich auf einem Weg zur Knechtschaft und nicht in die Freiheit enden.
Bedeutung von Freiheit
Warum aber ist die Freiheit so wichtig? Ohne Freiheit würden sich unsere Erziehung nicht mehr an individueller Kreativität, unser Denken nicht mehr an der Fähigkeit zur Kritik und unsere Wohlfahrt nicht mehr an Mut, Leistung und Risikobereitschaft orientieren. Ohne Freiheit wären Digitalisierung, Unternehmertum und Forschung, Bildung und politische Praxis nur ein blinder Reflex, ein Algorithmus, den wir befolgen. Ohne Freiheit gäbe es keine wirkliche Verantwortung, denn sie braucht es, um sich auch gegen die Freiheit entscheiden zu können. Wenn wir anfangen, Freiheit durch Solidarität oder Gerechtigkeit oder durch Sicherheit, Tradition und Ordnung zu ersetzen – so wichtig und edel diese Tugenden sind –, dann kann es schnell passieren, dass wir in Unfreiheit solidarisch miteinander sind; dass wir in Unfreiheit Verteilungsmustern und politischen Entscheidungen zustimmen, die wir gar nicht gewollt haben; und dass wir einer Form der Sicherheit und Ordnung beipflichten, die wir vielleicht gar nicht gut finden. Ohne Freiheit führt all dies zur Knechtschaft, in die Zensur und in die Autokratie. Das können wir eigentlich nicht wollen.
Top down oder bottom up?
Dieser Text wurde für Optimisten und Neugierige geschrieben, nicht für Apokalyptiker oder Alarmisten. Uns steht nicht die eine große Endzeitstimmung bevor, sondern es sind viele und ständige Nadelstiche in Form von Schocks und Krisen, die die nächsten Jahrzehnte bestimmen werden. Deshalb ist dies ein Buch für Menschen, die aus Fehlern lernen wollen, die bereit sind, auf wissenschaftliche Evidenz zu hören, und wissen, dass wir vieles nicht wissen und mit jener Unwissenheit richtig umgehen müssen und dennoch natürlich kritisch bleiben wollen. Es ist ein Buch für alle, die an die Kraft der Freiheit glauben, gerade wenn es darum geht, sinnvolle Lösungen für die andauernde Triple-Krise
5 von Erderwärmung, Pandemien und Artenverlust zu finden. Und es ist ein Buch für alle, die Dilemmata, Polaritäten und Widersprüche nicht als intellektuelle Kapitulation oder Mangel erleben, sondern sie als das eigentliche Programm eines aufgeklärten politischen Liberalismus 2.0 im 21. Jahrhundert begreifen. Kurz: Wenn der Liberalismus nicht gleich liefert, sollten wir ihn nicht abschaffen oder ersetzen, sondern weiterentwickeln.
Die Alternative wäre: Wir setzen nicht auf individuelle Freiheitsgrade, sondern auf Kontrolle und Zwang, auf kollektivistische Lösungen und auf Konformismus und Gleichschaltung. Wir geben unsere Entscheidungsspielräume an eine politische Instanz ab und delegieren die Verantwortung an andere. Die Fürsprecher der Kontrolle werden dann sagen, dies sei effektiver. Wir verzichten auf den umständlichen Weg der öffentlichen Debatten, zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungen und die Korrekturen des Wissenschaftsbetriebs und der Medien, weil wir gar nicht mehr genügend Zeit haben. Wir sind dann einfach schneller. Top down schlägt bottom up. Wir folgen einem anderen »Multikulturalismus«, der regionale Identität und die Gleichberechtigung aller Völker respektiert, jedoch keine universellen Ansprüche mehr erhebt. Und wir bevorzugen eine Form von Außenpolitik, die weniger auf »Multilateralität« als auf bilaterale Beziehungen setzt. Das klingt zunächst alles gut. Die Fürsprecher der Kontrolle und des Zwangs werden sagen, dass ein großer Teil der Bevölkerung gerade diese...