Buchmann | Das fantastische Dutzend | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Buchmann Das fantastische Dutzend

Zwölf Fantasykurzgeschichten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7386-4190-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zwölf Fantasykurzgeschichten

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

ISBN: 978-3-7386-4190-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mal märchenhaft, mal postapokalyptisch, bisweilen heiter oder nachdenklich. In dieser Sammlung erwarten den Leser zwölf Kurzgeschichten aus dem breiten Feld der fantastischen Literatur. Mit dem Wind reisen, die Welt nach einer großen Katastrophe erneut besiedeln oder als Monster auf ganzer Linie versagen, alles ist möglich.

Anja Buchmann *1985. Mit großer Leidenschaft schreibt sie Fantasyromane und Kurzgeschichten. Der Wunsch nach schreiberischer Fortentwicklung lässt sie sich immer wieder an neuen Genres versuchen, auch wenn Fantasy den klaren Schwerpunkt der Arbeit darstellt. Einen Überblick über das gesamte Schaffen bieten anjabuchmann.de sowie facebook/AutorinAnjaBuchmann.
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DAS FUNKELN DER SEELE


Das wahrlich sehr kurze Kleid ließ mehr von den von Krampfadern durchzogenen Beinen sehen, als jedem Betrachter lieb sein konnte. Und auch die restliche Aufmachung der alten Frau war mehr als fragwürdig. Dass sich ausgerechnet jene Frau, deren Leibesfülle die Inanspruchnahme zweier Straßenbahnsitze nötig machte, köstlich darüber amüsierte, gab der ganzen Szenerie den Anstrich einer Groteske.

Sie als Zeugin des Ganzen konnte darüber nur den Kopf schütteln. Es waren gerade alltägliche Begebenheiten wie diese, die sie den Glauben an die Menschen verlieren ließen. Sie versuchte stets, sich derlei nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, doch dies fiel ihr zunehmend schwer.

Er sah ihre Reaktion, spürte ihre Resignation ob des Verhaltens der Menschen, die sie umgaben. Je länger er sie beobachtete, umso offensichtlicher wurde es: Sie war nicht geschaffen für diese Welt.

Es war ein heißer Tag gewesen und Kayleen war froh, als die abendliche Kühle einsetzte. Sie würde den Tag an ihrem Lieblingsplatz ausklingen lassen, dem etwas verwilderten Dachgarten des Mietshauses, in dem sie wohnte. Sie schien die einzige Bewohnerin zu sein, die diesen Ort regelmäßig aufsuchte, zumindest war sie hier noch nie jemandem begegnet. Dabei war es ein kleines Paradies, ein Stück Natur in der lauten Betonwüste der Stadt. Hier hinauf drang der Lärm der Straße nicht und die Luft erschien ihr frischer und klarer.

Sie setzte sich auf die Bank, deren Holz verwittert und rissig war. Als sie zum ersten Mal hier oben gewesen war, hatte sie überlegt, ob sie dem Gartenmöbel einmal mit Schleifpapier und frischer Farbe zu Leibe rücken sollte. Dann jedoch hatte sie Gefallen an der rauen Schönheit gefunden, die sich wunderbar in die wild wuchernden Pflanzen einfügte. Der Zustand des Dachgartens erlaubte es ihr, der Illusion eines verwunschenen Ortes zu erliegen, und das war das, was sie brauchte: ein Fluchtpunkt, der es ihr gestattete, für Stunden aus ihrem Leben auszubrechen, das ihr oft so grau und wenig lebenswert erschien.

Der Wind frischte auf. Sie schloss die Augen, spürte, wie der Lufthauch ihr Gesicht liebkoste. Wie die sanfte Berührung eines Liebhabers, war ihr Gedanke. Sie gab sich ganz dieser Vorstellung hin. Ein Wohlgefühl durchströmte sie, das Kribbeln reichte vom Scheitel bis in die Zehenspitzen.

Ein Kitzeln auf ihrem Handrücken unterbrach ihre Hingabe. Wahrscheinlich ein Insekt. Sie bewegte die Hand leicht, spürte es noch immer. Widerwillig öffnete sie die Augen, nur, um sie wenig später ungläubig zusammenzukneifen. Hätte sie es nicht besser gewusst, sie hätte den kleinen Feuerball, der ganz dicht über ihrer Hand schwebte, für eine Flamme gehalten, denn genau wie diese flackerte dieses seltsame Etwas bei jedem Hauch. Was war das? Ein Glühwürmchen wohl kaum. Sollte es derlei überhaupt in der Stadt geben, es hätte wohl kaum diese Größe. Was war es dann?

Sie zog ihre Hand weg, vorsichtig, um das Ding nicht zu berühren. Schwebend folgte es ihren Bewegungen, war nun direkt über ihrem Schoß. Sie spürte keinerlei Hitze. Was war das bloß? Kayleens Neugier war geweckt. Sie öffnete ihre Hände, führte sie langsam nach oben. Als habe es darauf gewartet, ließ sich die Feuerkugel fallen. Sie spürte nicht mehr als ein leichtes Prickeln, nichts, was ihr gefährlich vorkam.

Das Objekt hatte die Größe eines Tennisballs, wenn sie gewollt hätte, ihre Hände hätten es fast vollständig umschließen können. Sie aber ließ diese geöffnet, um es genauer zu betrachten. Der erste Eindruck hatte getrogen, das Licht flackerte nicht, vielmehr schien es zu pulsieren. Wenn sie sich auf den Rhythmus konzentrierte, vermeinte sie sogar, ihn zu spüren. Fast war es, als hielte sie ein schlagendes Herz in den Händen.

Ihr eigener Herzschlag verlangsamte sich, passte sich dem fremden Takt an. Und dann hörte sie sie, die Stimme. Angenehm, sanft, unverkennbar männlich.

»Kayleen, hab keine Angst. Ich bin nicht gekommen, um dir wehzutun.«

Sie merkte erst, dass sie antwortete, als sie den Klang ihrer eigenen Stimme vernahm: »Ich weiß. Ich fürchte mich nicht. Wer bist du?«

»Mein Name ist Aidan.«

»Ich habe meine Frage wohl falsch gestellt. Was bist du?«

Eine Weile blieb es still. Obgleich dieses Wesen, denn das war es offenbar, noch immer in ihren Händen ruhte, erhielt sie keine Antwort. Sie traute sich nicht, ihre Frage in die Stille hinein erneut zu stellen. Also schwieg sie und wartete auf Aidans Antwort.

Das Pulsieren wurde stärker, ging in ein Summen über. Ihre Hände, sie leuchteten, ganz so, als habe Aidan diese in sich aufgenommen, sie zu einem Teil seiner Selbst gemacht. Das Summen ergriff Besitz von ihrem Körper und das Leuchten breitete sich aus.

Ihr blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Mit dem Licht kam die Freude, maßlos und unbändig, wie sie sie noch nie gespürt hatte. Jeder Winkel von ihr war angefüllt mit purem Glück.

Sie konnte es nicht lange genießen, denn kaum hatte ihr Verstand den Zustand erfassen können, da brach tiefstes Leid über sie herein. Die Verzweiflung und der Schmerz waren so wirklich, obgleich sie deren Herkunft nicht zu ergründen vermochte. Die Kraft der sie peinigenden Gefühle war so übermächtig, dass Kayleen meinte, ihr Herz zerspränge alsbald. Wie es sich wohl anfühlte, wenn Kummer das Herz zerbersten ließ?

Das Getöse der soeben noch absoluten Emotion machte plötzlich einem sanften Rauschen Platz, das tiefe Leid ebbte ab und wurde sanfte Wehmut. Trotz ihrer leisen Töne ergriff die Melancholie nicht weniger allumfassend Besitz von Kayleen. Eine Träne rann ihre Wange hinab. Sie ließ es geschehen, ließ zu, was sie ohnehin nicht verhindern konnte. Sie ergab sich in ihr Schicksal, mutlos, kraftlos, willenlos.

Sie sank tief hinab, nur um alsdann aufgefangen zu werden. Wärme und Geborgenheit, Vertrauen und Zuversicht. Es war ein flüsterndes Gefühl, dennoch das stärkste von allen: Liebe.

Die leuchtende Aura schwand, der verbleibende Widerhall der Liebe ließ Kayleen lächeln.

Sie öffnete die Augen. Die Nacht war über die Stadt niedergesunken, doch deren Lichter erloschen nie. Aidans Feuer war vollständig aus ihr gewichen, pulsierte als kleiner Ball in ihren Händen.

»Aidan, was ist geschehen?«

»Ich habe deine Frage nach meinem Wesen beantwortet.«

Sie kam nicht dazu, Aidan nach der Bedeutung der Worte zu fragen. Innerhalb weniger Augenblicke wurde sein Licht schwächer und schwebte davon, hinein in die Nacht.

Kayleen blieb zurück, allein auf der verwitterten Bank in dem verwilderten Garten über den Dächern der Stadt, allein mit dem Nachhall der Gefühle und ihren Fragen.

Eine Weile saß sie einfach nur da, regungslos. Sie war geneigt, das Ganze als einen Traum abzutun, als Produkt ihrer überbordenden Fantasie, die Auswege aus der Tristesse des Alltags suchte.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, erschien ihr alles wie immer. Doch so sehr sie sich auf ihre täglichen Routinen zu konzentrieren suchte, Aidan ging ihr nicht aus dem Kopf. War dieses Wesen wirklich ihre Schöpfung? Warum konnte sie es dann nicht benennen, seine Art nicht ergründen, noch seinen Worten Sinn geben?

Einerseits fürchtete sie ein erneutes Zusammentreffen, andererseits verlangte es sie danach. Als es Abend wurde, beschritten ihre Füße wie von selbst den Weg hinauf aufs Dach. Von der Bank aus starrte sie konzentriert in die Dämmerung. Alles, was sie entdecken konnte, waren die Lichter der Stadt, von Menschenhand geschaffen und von Strom gespeist.

Ein Kitzeln im Nacken, dann vernahm sie seine Stimme: »Kayleen. Noch immer voller Fragen?«

»Aidan. Wie könnte ich es nicht sein, gabst du mir doch keine Antworten? Also, wer oder was bist du? Nur ein Trugbild? Eine Einbildung meinerseits?«

»Mitnichten. Habe ich dir nicht mehr als deutlich gezeigt, wer ich bin, dir nicht mein Innerstes offenbart, meine tiefsten Gefühle?«

Das alles war es gewesen, was sie gestern verspürt hatte, Aidans Emotionen. So hatte sie es noch nicht gesehen. Dann hatte er ihr wahrhaftig sein Wesen gezeigt, auf eine solch ehrliche und umfassende Weise, wie sie es noch nie erlebt hatte.

Ihr Schweigen schien Aidan eine weitere Erklärung abzunötigen. »Du willst dem, was ich bin, einen Namen geben? Dann nenn mich ein Irrlicht, denn das ist die Bezeichnung, die man den Meinen für gewöhnlich angedeihen lässt.«

»Du, ein Irrlicht? Die gibt es doch nur in Sümpfen, wo sie Wanderer in den Tod locken.«

Erneut kamen ihr Zweifel ob der Wahrhaftigkeit ihres Erlebens. War es alles nur eine Fantasie?

Der Feuerball, Aidan, das Irrlicht, oder wie immer sie dieses Wesen auch nennen sollte, hatte seinen Platz erneut in ihren hohlen Händen gefunden.

»Ich bin enttäuscht, Kayleen. Dachte ich, du vermagst, über die Äußerlichkeiten hinwegzusehen, Etiketten zu ignorieren und die wahre Natur zu erkennen. Nicht umsonst zeigte ich dir mein Innenleben. Vielleicht habe ich mich in dir getäuscht.«

Seine Anmaßung, über sie zu urteilen, machte sie wütend. Wie konnte er sich erlauben, Enttäuschung über sie zu empfinden, wo er sie doch nicht kannte. Aidan wusste überhaupt nicht, was für ein Mensch sie war.

»Möglich, kennst du mich schließlich weniger als ich dich, drängte ich dir doch nicht ungefragt all meine Seelenregungen auf.«

»Du bist wütend. Warum?«

»Weil dies mein Ort ist, du hier eindringst und es wagst, mich zu kritisieren. Dabei kennst du mich nicht einmal.«

»Ich kenne dich. Gestern, in...



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