E-Book, Deutsch, 174 Seiten
Buchmann Im Schutz des Nebels
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7392-0480-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Welten-Nebel Band II
E-Book, Deutsch, 174 Seiten
ISBN: 978-3-7392-0480-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anja Buchmann *1985. Mit großer Leidenschaft schreibt sie Fantasyromane und Kurzgeschichten. Der Wunsch nach schreiberischer Fortentwicklung lässt sie sich immer wieder an neuen Genres versuchen, auch wenn Fantasy den klaren Schwerpunkt der Arbeit darstellt. Einen Überblick über das gesamte Schaffen bieten anjabuchmann.de sowie facebook/AutorinAnjaBuchmann.
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Berührung mit fremden Gedanken
Jahr 3635 Mond 12 Tag 30, Hort der Bewahrerin, Martul
Es war die Nacht, in der das alte Jahr dem neuen Platz machte. In Martul war dies stets ein Tag von besonderer Bedeutung. Die Menschen feierten die Erfolge des vergangenen Jahres und baten die Götter um den Segen für das neue.
Ewen hatte niemanden, mit dem sie hätte feiern können. Es zog sie in die Höhle der Bücher. Seit Wilkas Tod war sie nicht mehr dort gewesen. Eine Weile schritt sie die Wände entlang und zog wahllos Bücher heraus, betrachtete sie und stellte sie wieder zurück. Was sie zu finden hoffte, wusste sie selbst nicht. Nach einer Weile wurde sie müde. Sie überlegte, ins Haus zurückzukehren, entschied sich aber dagegen und legte sich in die Mitte der Höhle.
Sie musste wohl eingeschlafen sein, denn es suchte sie ein seltsamer Traum heim. Sie fand sich in einer Umgebung wieder, die ihr in keiner Weise bekannt vorkam. Die Pflanzen, die sie umgaben, waren so ganz anders, als die, die sie kannte. Ihr Blick schweifte ziellos umher, doch nichts verriet ihr, wo sie sich befand. Als der Blick auf den Boden fiel, erkannte sie, dass es nicht ihre Augen waren, die dies alles betrachteten. Zu weit war der Abstand zum Boden. Der Mensch, dessen Sinneseindrücke sie wahrnahm, musste ein gutes Stück größer sein als sie. Wer immer es war, er schien nichts Besseres zu tun zu haben, als dazustehen und die Umgebung zu betrachten. Dies ließ ihr Zeit, nachzudenken. Was war, wenn dies kein Traum war? Vielleicht war sie, ohne es zu wollen, in den Geist einer anderen Person eingedrungen. Wie war diese Verbindung zustande gekommen? Schon einmal hatte sie sich unfreiwillig in den Gedanken eines anderen Menschen wiedergefunden, damals, als sie Zeugin von Wilkas Tod geworden war. Doch ihre jetzigen Eindrücke unterschieden sich von diesen, sie vermochte weder Gedanken noch Gefühle wahrzunehmen. War es doch nur ein Traum? Aber woher sollten die Bilder dieses Traumes stammen? Immer wenn sie träumte, bestand eine Verbindung zu Dingen, die sie selbst erlebt hatte.
Während sie grübelte, kam Bewegung in die Bilder. Statt Pflanzen sah sie nun ein unfassbar großes Gebäude und sie bewegte sich darauf zu. Noch nie hatte sie etwas Vergleichbares gesehen. Akustische Eindrücke gesellten sich zu den optischen. Sie vernahm eine Vielzahl von Stimmen, vermochte jedoch nicht, etwas zu verstehen. Nun war sie im Inneren des Gebäudes. Der Gang, in dem sie sich befand, war unglaublich hoch und scheinbar unendlich lang. Mehrere Türen säumten die Wände. Eine davon wurde nun geöffnet und sie betrat einen Raum, der wohl eine Schreibstube war. Die Ausmaße aber waren gewaltig. Sie war sicher, dass ihr ganzes Haus darin Platz gefunden hätte. Schon der Tisch, der in der Nähe der Fenster stand, war so groß, dass er ihre gesamte Schreibstube ausgefüllt hätte. Ihr blieb jedoch keine Zeit, sich weiter umzusehen, denn die Person, deren Eindrücke sie teilte, ging durch eine weitere Tür. In diesem Raum gab es nicht viel mehr als ein paar Truhen, zwei Sessel und einen Spiegel. Endlich konnte sie sehen, in wessen Geist sie, ohne es zu wollen, eingedrungen war. Es war ein Junge, der sich dort selbst im Spiegel betrachtete. Sein Haar war blond und seine Haut dunkler, als Ewen es von ihren Landsleuten gewohnt war. Das Gesicht hatte noch unverkennbar kindliche Züge, doch sein Körper zeigte Anzeichen dafür, dass er einmal zu einem stattlichen Mann heranwachsen würde. Er drehte sich vor dem Spiegel hin und her, die braunen Augen stets auf das eigene Abbild gerichtet. Was für ein eitler Mensch. Und diese Kleidung, dieses kräftige Blau und das satte Grün, wer kam auf die Idee, so etwas zu tragen? Obgleich sie noch keinerlei Eindrücke von seinem Inneren gewonnen hatte, war der Junge ihr wenig sympathisch.
Dennoch war sie neugierig, was es mit dieser zufälligen Verbindung zu ihm auf sich hatte. Wenn sie doch nur mehr von der Umgebung sehen könnte. Oder vielleicht Einblick in das Wissen des Jungen erhielte, um endlich herauszufinden, wo dieser sich befand. Auch wenn sie von Martul nur das Tausend-Bäche-Dorf und ihre Einsiedelei kannte, so war sie sich doch sicher, dass die Szene, deren Zeuge sie war, nicht in Martul stattfand. Solche Gebäude gab es hier nicht und auch die Erscheinung des Mannes wich zu sehr von der der Martuler ab. Es musste also eines der anderen vier Länder sein. Aber welches? Sie wusste zu wenig, um aus den paar Bildern einen Schluss zu ziehen.
Endlich hatte der Knabe genug von seinem eigenen Abbild. Er verließ den Raum auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war, wandte sich im Flur aber in die andere Richtung. Er betrat einen großen Raum, in dessen Mitte ein Tisch stand. An diesem saßen ein Mann und eine Frau mittleren Alters. Beide waren in feine Kleidung gehüllt. Sie nickten dem Eintretenden zu und er nahm ihnen gegenüber Platz. So konnte sie die beiden aus der Nähe betrachten. Die Frau hatte blondes Haar, während das Haar des Mannes von einem kräftigen Braun war. Beide wirkten überaus freundlich. Die Art, wie sie den Jungen ansahen, zeigte ihr, dass sie in enger Beziehung zu ihm standen. Möglicherweise waren es seine Eltern. Noch war nicht gesprochen worden, doch nun richtete der Knabe das Wort an die beiden. Sie hörte die Worte, doch der Sinn blieb ihr verborgen. Es war wohl eine fremde Sprache. Also befanden sie sich tatsächlich in einem anderen Land. Doch egal was der Junge gesagt hatte, seinen Eltern schien es nicht zu behagen. Ihre Gesichter zeigten deutliche Spuren von Sorge und Missfallen. Als die Frau das Wort ergriff, war dies ihrer Stimme auch anzuhören. Lange redete sie auf ihr Gegenüber ein. Ein Wort wiederholte sich immer wieder: Btol. Ob dies wohl der Name des Jungen war? Mehrfach versuchte dieser, den Redefluss seiner Mutter zu unterbrechen, doch mehr als ein, zwei Worte bekam er nie heraus, bevor diese weitersprach. Plötzlich spürte Ewen etwas, schwach nur, aber es war da und ging unverkennbar von dem Jungen aus: Es war Frustration, gemischt mit Wut, aber auch Verzweiflung. Sein Blick wanderte zu seinem Vater, der bis jetzt stumm geblieben war. Dieser ergriff die Hand seiner Frau und sprach Worte, die für Ewen wie eine Zustimmung klangen, auch wenn sie sie nicht verstehen konnte. Da sich der Frust des Knaben jedoch fühlbar steigerte, schien sie mit ihrer Vermutung richtig zu liegen. Er erhob sich ruckartig und verließ den Saal schnellen Schrittes. Sein Vater rief 'Btol', doch er erhöhte nur die Geschwindigkeit seiner Schritte. Sie konnte deutlich spüren, dass die Wut allmählich verrauchte, Frustration und Verzweiflung dafür umso stärker wurden. Fast fühlte sie Mitleid mit ihm. Welcher Wunsch ihm wohl abgeschlagen worden war?
So plötzlich und unerwartet die Verbindung zustande gekommen war, so abrupt riss sie wieder ab.
Es dauerte etwas, bis sie wieder vollends zu sich kam. Die Begegnung mit dem Fremden war zu verwirrend gewesen. Außer zu Wilka hatte sie nie zu jemandem eine solche Verbindung aufgebaut. Auch wenn sie nur einige wenige Gefühle mit dem jungen Mann geteilt hatte, so fühlte sie sich ihm dennoch auf eine seltsame Weise verbunden. Doch das war nicht alles. Ihr drängte sich die Frage auf, warum diese Verbindung zustande gekommen war. Es war sicher kein Zufall, sondern der Wunsch der Götter gewesen. Aber wieso?
Jahr 3636 Mond 1 Tag 1, Heet, Helwa
Er hätte es wissen müssen. Wie konnte er annehmen, dass seine Eltern ihre Meinung änderten. Ziellos wanderte er durch die Gänge des Königspalasts von Heet, der ihm immer mehr zu einem Gefängnis wurde. Obwohl er schon fast fünfzehn Jahre zählte, behandelten ihn seine Eltern noch wie ein Kind. Während Jungen in seinem Alter schon einer Arbeit nachgingen, durfte er kaum einmal den Palast verlassen. So angenehm das Leben als Prinz auch war, er sehnte sich nach Abenteuern. Stundenlang konnte er den Boten seines Vaters lauschen, wenn sie von ihren Streifzügen durch Helwa erzählten. Auch er wollte das Land entdecken. Schon seit einer Weile versuchte er seine Eltern davon zu überzeugen, dass es für seine Ausbildung zum künftigen Herrscher unerlässlich wäre, das Land kennenzulernen. Im Vorjahr hatten seine Eltern gesagt, er solle bis zum nächsten Jahr warten. Heute war der erste Tag des Jahres, daher hatte er sie an ihre Aussage erinnert. Er hatte zuvor lange überlegt, wie er es anstellen sollte, hatte sich passende Argumente zurechtgelegt, aber es war vergeblich gewesen. Dabei wäre er selbst mit einem kurzen Ausflug in die Städte der Südküste zufrieden gewesen, zumindest vorerst. Dass er insgeheim davon träumte, das Nachbarland Cytria zu besuchen, hatte er nicht zu erwähnen gewagt. Eine Seereise würden ihm seine Eltern auf keinen Fall gestatten.
Es machte ihn wütend, dass sie ihm einerseits stets von ihren eigenen Abenteuern erzählten, ihm aber andererseits selbst die kleinsten Reisen verboten. Sicher, seine Mutter Madia war drei Jahre älter gewesen, als sie von Cytria aus nach Helwa aufbrach, doch damals war es eine Reise ins Unbekannte gewesen, denn sie und ihre Gefährten hatten nur eine Karte und die Legende von Megev als Anhaltspunkte. Die Völker Cytrias und Helwas wussten damals noch nichts voneinander. Es war also viel gefährlicher als eine Reise durch Helwa. Selbst eine Überfahrt nach Cytria war in diesen Tagen eine alltägliche Sache. Regelmäßig verkehrten Handelsschiffe zwischen den beiden Ländern.
Überhaupt hatte sich vieles geändert, seit seine Eltern damals die Regierung Helwas übernommen hatten. Nach dem Tod seines Vaters hatte Elec alles daran gesetzt, den Menschen ein gerechterer und gütigerer Herrscher zu sein. Die Menschen lebten viel freier als in den vorangegangenen Jahrhunderten. Der lange verbotene Glaube an die Götter konnte wieder frei gelebt...




