E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Büchle Wohin der Wind uns trägt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96122-529-3
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-96122-529-3
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elisabeth Büchle hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und wurde für ihre Arbeit schon mehrfach ausgezeichnet. Ihr Markenzeichen ist die Mischung aus gründlich recherchiertem historischen Hintergrund, abwechslungsreicher Handlung und einem guten Schuss Romantik. Sie ist verheiratet, Mutter von fünf Kindern und lebt im süddeutschen Raum. www.elisabeth-buechle.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Die Zweige der Ligustersträucher, die den hinteren Teil des Friedhofes einsäumten, bogen sich heftig in dem immer weiter auffrischenden Wind. Hoch am Himmel zog ein Bussard seine Bahnen und nutzte die starken Winde aus, um sich minutenlang im Gleitflug dahintreiben zu lassen. Zwischen den teilweise sehr alten und verwitterten grauen Grabsteinen hatten sich die Steinmann-Frauen, einige Nachbarn und die Haussklaven versammelt, um den Toten, die endlich von Mexiko überführt worden waren, die letzte Ehre zu erweisen.
Der Pastor sprach von der Hoffnung der Auferstehung. Joanna wollte sich gerne mit diesen Worten über ihren schmerzlichen Verlust trösten lassen, doch seit der Nachricht vom Tod ihres Vaters und ihres Onkels hatte sie eine kalte Mauer aus Trauer und Angst um ihr Herz aufgebaut. Der Sturm ungeklärter Fragen wütete heftiger in ihrem Inneren als der Wind, der an ihrem schwarzen Bombasinkleid und ihren aufgesteckten braunen Locken zerrte. Der Sarg ihres Vaters wurde in die Erde hinabgelassen, und sie versuchte gar nicht erst, gegen ihre Tränen anzukämpfen. Anschließend wurde die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika vom Sarg ihres Onkels genommen, und auch er verschwand in der Tiefe.
Während Natasha erst an das eine und dann an das andere Grab trat und auch ihre Schwestern und Stewart ein wenig nach vorne rückten, beobachtete Joanna, wie die Schwarzen sich wortlos abwandten und langsam in Richtung Haus oder Nebengebäude gingen. Sebastian war sicherlich kein strenger oder gar grausamer Herr gewesen, dennoch hatte er sie in Unfreiheit gehalten, und die junge Frau wusste nicht zu sagen, ob sie tatsächlich traurig über den Tod des Mannes waren.
Ellie warf einen Strauß aus Wiesenblumen auf das Grab ihres Vaters und wandte sich heftig schluchzend um. Denise nahm sie in den Arm und gemeinsam gingen sie auf das Tor des Familienfriedhofes zu. Carole und Beckie standen noch eine Weile am offenen Grab und wandten sich dann schweigend ab. Branca nahm eine Handvoll Erde und warf sie mit einer schnellen Bewegung auf den Sarg. Mit einem unangenehm lauten Poltern fiel die Erde auf das Holz. Das Mädchen zuckte zusammen und drehte sich um, um ebenfalls zum Haus zurückzugehen.
Stewart blieb reglos stehen, und schließlich trat Joanna neben ihn. Dann nahm auch er eine Handvoll der dunklen Erde auf, presste sie mit seiner großen, schwieligen Hand zusammen und ließ sie hinunter auf den Sarg fallen. Joanna schloss gequält die Augen. Schließlich hob sie die Hand, betrachtete die zartgelbe Rose darin und warf sie ebenfalls auf das helle Holz, das den leblosen Körper ihres Vaters umgab.
„Ich muss mit dir sprechen, Jo“, flüsterte Stewart leise und blickte zu ihr hinüber.
Joanna nickte und wandte sich um. Sie ging ein paar Schritte und ließ dabei den Blick über den Garten schweifen. Der Wind drückte die Blumen nieder und brachte die Zweige der Eichen in Bewegung, sodass deren Schatten unstete Muster auf das Grün warfen.
Stewart folgte seiner Schwester mit großen Schritten. Er verschränkte die Arme vor seiner muskulösen Brust und blickte zum Herrenhaus und den dorthin schlendernden Menschen hinüber. „Wie geht es dir und den Mädchen?“, fragte er leise. Seine tiefe Stimme klang besorgt.
„Ellie ist sehr tapfer. Manchmal höre ich sie nachts weinen, aber wenn ich zu ihr hinübergehe, schickt sie mich immer wieder zu Bett. Carole will mit niemandem über Pas Tod reden. Beckie ist unendlich traurig. Sie liest viel in ihrer Bibel und scheint darin Trost zu finden. Branca ... nun, du weißt, wie sie ist. Sie scheint nie etwas zu nah an sich herankommen zu lassen. Ich denke, sie wird klarkommen. Aber Denise ...“ Joanna runzelte leicht ihre Stirn.
„Was ist mit Denise?“
„Sie hat Angst, Stewart. Arnaud Brook und sie wollten nach Vaters Heimkehr heiraten, doch Arnaud hat sich seit Wochen nicht mehr sehen lassen. Ich glaube, er war, seit die Todesnachricht auf Green Crystal ankam, nicht ein einziges Mal hier. Denise’ Gedanken waren seit Langem auf eine Ehe mit Arnaud ausgerichtet und sie hat ihre Aussteuer komplett. Sie ist fürchterlich durcheinander.“
„Brook ist aber nicht in Mexiko, oder doch?“
„In Mexiko? Ich dachte, er sei hier im Distrikt.“
„Vielleicht möchte er Denise nur Zeit lassen, mit ihrer Trauer klarzukommen.“
„Vielleicht sollte er einmal daran denken, dass sie gerade in ihrer Trauer seinen Trost und seine Unterstützung ganz besonders gebrauchen könnte“, schoss Joanna scharf zurück.
Stewart zog die Augenbrauen in die Höhe. „Und was ist mit dir?“
„Mit mir?“
„Wie kommst du zurecht? Wie geht es dir?“
„Möchtest du das wirklich wissen?“
Stewart nickte.
Joanna ging bis zum Bachufer hinüber und trat mit dem Schuh gegen einen kleinen, flachen Kieselstein, der mit einem leisen Aufklatschen in das vom Wind unruhig aufgepeitschte Wasser fiel. „Es tut so weh, Stewart. Ich habe tausend Fragen, die vielleicht niemals beantwortet werden. Ich möchte sie zurückhaben – Pa, Oliver, Onkel Sebastian –, und ich schimpfe mich eine Närrin aufgrund dieses Wunsches. Ich möchte die Mädchen trösten und brauche doch selbst Trost. Ich möchte trauern und beginne allmählich, meine Tränen zu hassen. Ich wünschte, ich könnte wie Beckie in meinen Glauben flüchten, aber ich habe mich seit Monaten nicht mehr an Gott gewandt, und ich weiß nicht, ob ich einen Gott lieben kann, der scheinbar alle Personen, die ich liebe, aus meinem Leben reißt. Ich ...“ Joanna wandte sich zu ihrem Bruder um, und er zog sie in seine Arme. Ihr Hut rutschte nach hinten und fiel schließlich herunter, um von den unruhigen Wellen des Baches davongetragen zu werden. Ein paar lose Haarsträhnen wehten nach vorne und umspielten ihr Gesicht und das ihres Bruders, das er heftig und mit schmerzlich geschlossenen Augen gegen ihre Wange drückte. Joanna vergrub ihr Gesicht an seinem Hals und fing an zu weinen.
Schließlich ließ Stewart sie wieder los, nahm ihr Gesicht zwischen seine beiden rauen Hände und blickte sie intensiv an. „Hast du jemanden, mit dem du sprechen kannst?“
„Linda. Sie kommt, sooft es ihr möglich ist, hierher. Manchmal versucht sie, mich aufzumuntern und zu trösten, indem sie mir erzählt, was sie gerade in der Bibel gelesen hat.“
„Das ist schön“, sagte Stewart und ließ sich ins Gras fallen. Joanna setzte sich neben ihren Bruder.
„Was ist mit dir, Stewart?“
„Ich bin erwachsen. Der Verlust tut natürlich weh, doch ich habe inzwischen mein eigenes Leben. Außerdem habe ich Pläne.“
„Pläne?“
„Ich werde fortziehen.“
„Wohin?“, fragte Joanna ängstlich. „Weit fort?“
„In den Westen. In ein Territorium, das sie Oregon nennen.“
Joanna warf ihrem Bruder einen entsetzten, ungläubigen Blick zu. „Oregon? An die Pazifikküste? Stewart, was hast du vor? Was willst du dort?“
„Ich werde mir Land suchen und eine eigene Existenz aufbauen“, antwortete er mit in die Ferne schweifendem Blick.
„Das kannst du auch in South Carolina.“
„Ich will weg von hier. Hier gibt es zu viele Sklaven. Ich mag weder die Institution noch die Tatsache, dass die Sklaven den einfachen weißen Männern die Arbeit wegnehmen.“
„Aber uns, deine Schwestern, magst du noch, oder nicht? Bist du schon mal auf den Gedanken gekommen, dass wir auf deine tatkräftige Hilfe angewiesen sein könnten?“
„Ihr seid hier versorgt. Die Plantage ist eine Goldgrube und dank Mr Warrens Empfehlung hat Tante Natasha ja auch einen Verwalter gefunden.“
„Ja. Schön herausgeredet, Mr Stewart Steinmann. Du wirst dich in irgendein Abenteuer stürzen, während wir Mädchen hier weiterhin auf den guten Willen anderer angewiesen sind.“
„Natasha liebt euch, als wärt ihr ihre eigenen Töchter. Mein Entschluss steht fest.“
„Und wann gedenkst du abzureisen?“
„Sobald ich weiß, dass es euch wieder besser geht.“
„Deshalb wolltest du also mit mir sprechen? Ich darf deine Spionin sein, um dir rechtzeitig mitzuteilen, wenn alle deine Schwestern den Schmerz so weit überwunden haben, dass du ohne ein schlechtes Gewissen das Weite suchen kannst?“
„Es ist mein Leben“, begehrte Stewart auf.
„Über das du selbst bestimmen darfst, Stewart, ich weiß“, entgegnete Joanna plötzlich sehr leise. „Aber ist dir schon einmal der Gedanke gekommen, dass wir Frauen diese Freiheit nicht haben?“
„Das ist Blödsinn. Ihr habt die Sicherheit einer gut gehenden Plantage, die euch versorgen wird. Denise wird in einen guten Haushalt einheiraten, und der Verwalter wird sich um alles kümmern.“
„Um Beckies Schüchternheit und um Brancas Männergeschichten? Um Carole, die nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, und um Ellie auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden?“
„Denkst du, ich habe Lust, mich mit euren Frauengeschichten auseinanderzusetzen?“, gab Stewart zurück.
„Deshalb willst du mehrere Tausend Meilen zwischen dich und uns bringen?“
„Sei nicht unverschämt, Kleine.“
„Ich bin nicht unverschämt. Ich habe dir eine Frage gestellt und erwarte eine ehrliche Antwort von dir.“
„Ich dachte, du würdest dich hier um alles kümmern. Du bist die stärkste von euch Mädchen. Pa und Onkel Sebastian haben das auch immer...




