E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Hunter Umwege der Liebe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96122-531-6
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-96122-531-6
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kristi Ann Hunter hat bereits diverse Preise für ihre Romane gewonnen. Sie ist auch als Sprecherin unterwegs und lehrt sowohl übers Schreiben als auch über biblische Themen. Sie lebt mit ihrem Ehemann und den drei Kindern im US-Bundesstaat Georgia.
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Prolog
Hertfordshire, England, 1800
Der Rhythmus des Schreibens hatte etwas Faszinierendes an sich – zumindest, wenn jemand anderes schrieb. Die Feder eintauchen … eine Zeile schreiben … die Feder eintauchen … eine Zeile schreiben … Das leise Kratzen der Feder auf dem Papier durchbrach die Stille der Nacht und wurde nur von Lady Georgina Hawthornes gleichmäßigen Atemzügen begleitet. Das kleine Mädchen zerzauste die Haare der blonden Puppe, die sie an ihre Brust gedrückt hatte.
Sie lehnte am Türrahmen und presste ihre Puppe noch fester an sich. Mutter wusste wahrscheinlich, dass sie dort stand. Mutter wusste immer alles, was im Haus vor sich ging, auch dass Georgina sich oft aus der Stube schlich, wenn ihr Kindermädchen schlief.
Ihre mitternächtlichen Ausflüge hatten jedoch nichts Anrüchiges. Die Abende, wenn ihre Mutter umgeben von Büchern, Papieren und dem flackernden Kerzenlicht an ihrem Schreibtisch saß, waren die einzige Zeit, in der sie nicht von Menschen umgeben war.
Sie war so schön, friedvoll und einfach alles, was Georgina einmal sein wollte, wenn sie groß war. Eines Tages würde sie eine Lady sein, die ihren eigenen Schreibtisch und ihre eigene Feder hatte und spätabends wichtige Briefe schrieb. Natürlich musste sie zuerst einmal lernen, den Griffel richtig zu halten und den Buchstaben A auf ihre Schreibtafel zu schreiben. Es war etwas ganz anderes, als den Pinsel zu halten, mit dem sie immer Wasserfarbenbilder malte. Ihr Kindermädchen hatte ihr versichert, dass Georgina mit der Zeit genauso flüssig schreiben würde wie ihre Mutter und ihre Schwester. Alle hatten am Anfang Probleme damit gehabt.
„Du kannst mehr sehen, wenn du dich auf den Stuhl setzt.“ Mit einem Lächeln drehte sich ihre Mutter zu Georgina um und winkte sie zu sich.
Die nackten Füßchen des Kindes waren auf dem kalten Holzboden kaum zu hören, als sie mit ihrer farbverschmierten Puppe langsam an den Schreibtisch herantrat. Sie kletterte auf den blau gepolsterten Stuhl und lugte wie gebannt über die Tischkante. Neugierig starrte sie auf die sich rhythmisch bewegende Schreibfeder in der Hand ihrer Mutter.
„Was machst du da?“
Ihre Mutter hielt inne und legte die Feder beiseite, bevor sie sanft über das Blatt blies, das mit gleichmäßigen Zeilen bedeckt war. „Ich schreibe einen Brief an deine Tante. Sie hat mir heute Morgen von einem ganz besonders schönen Fohlen geschrieben, und ich erzähle ihr von dem neuen Fächer, den du gestern bemalt hast.“
Georgina sah auf das Blatt und konnte sich nicht erklären, wie all diese schwarze Tinte ihrer Tante Elizabeth von dem grünen Fächer voller lila und goldener Blumen berichten konnte. „Warum?“
Mutter lachte und beugte sich zu Georgina, um sie auf den Kopf zu küssen. „Weil eine Dame ihre Briefe immer sofort beantwortet, meine Liebe. Vor allem, wenn es um die Korrespondenz mit der Familie geht. Auf diese Weise bringt eine Dame ihre Wertschätzung für andere zum Ausdruck. Und warum ich ihr von deinem Fächer erzähle? Nun, weil es für ein fünfjähriges Mädchen eine vorzügliche Arbeit war.“
„Oh.“ Georgina dachte an die vielen Male, die sie ihre Mutter an diesem Schreibtisch gesehen hatte, wie sie ihre Feder in das Tintenfass getaucht und stundenlang geschrieben hatte. So kam es ihr zumindest vor. „Du kennst aber viele Menschen.“
Ihre Mutter lächelte, als sie den Brief faltete und dabei sorgfältig darauf achtete, die Ecken glattzustreichen. „Wenn man eine Herzogin ist, scheint dich jeder zu irgendetwas nach deiner Meinung zu fragen, mein Schatz. Manche davon schätze ich mehr als andere, weshalb ich auch einen regen Briefwechsel mit ihnen pflege. Aber eine Dame muss immer höflich sein, auch wenn es um ihre Korrespondenz geht.“
Georgina sah über den Schreibtisch zu dem Stapel von Blättern, die bereits in gleicher Weise gefaltet waren. Links neben den gefalteten Briefen lag ein großes Buch mit Ledereinband. „Wer bekommt das da, Mutter? Diese Person schätzt du wohl am meisten.“
Ein Lachen hallte durch den Raum, als ihre Mutter das Buch zu sich zog. Aber es war ein trauriges Lachen. „Das sind die Konten unseres Anwesens.“
Georgina klemmte sich ihre Puppe unters Kinn. Das wirr abstehende gelbe Haar kitzelte sie im Gesicht. „Hast du darin auch etwas über meinen Fächer geschrieben?“
„Nein, meine Liebe.“ Diesmal klang das Lachen ihrer Mutter beschwingt und fröhlich und sie zog Georgina auf ihren Schoß.
Einen Arm um ihre kleine Tochter gelegt, schlug ihre Mutter den Buchdeckel auf, und Georgina konnte dort noch mehr beschwingte schwarze Linien und Kästchen mit Zahlen sehen.
„Das ist eine Neun.“ Das Mädchen deutete stolz auf eine Zahl auf der rechten Buchseite.
„Ja, richtig. So viel haben wir dem jungen Charles dafür gezahlt, dass er diese Woche die Kohlenbehälter gefüllt hat.“ Ihre Mutter fuhr mit dem Finger von der Zahl zu einem Wort auf der linken Seite. „Siehst du? Hier habe ich seinen Namen aufgeschrieben und wofür ich ihn bezahlt habe.“
Georgina runzelte die Stirn. „Aber letzte Woche hat Timothy meinen Kohlekasten aufgefüllt. Arbeitet er nicht mehr für uns?“
„Doch, aber Charles hat eine kranke Schwester … oder war es ein kranker Bruder?“ Ihre Mutter runzelte die Stirn und griff nach einem anderen Buch, das auf dem Regal neben dem Schreibtisch lag. Es war in hellbraunes Leder eingebunden, aber an den Ecken und am Buchrücken bereits nachgedunkelt, wodurch es sehr gebraucht aussah. Sie legte es auf den Tisch und blätterte durch die Seiten voller ordentlich geschriebener Zeilen. Nachdem sie einige Seiten umgeblättert hatte, fuhr sie mit dem Finger über die letzte Zeile. „Ah, ja, eine Schwester. Seine Schwester ist krank, und es ist sehr schwer für seine Mutter, ihre Puppen auf dem Markt zu verkaufen und sich gleichzeitig um die kleine Clara zu kümmern. Deshalb haben wir Charles eingestellt, um die Familie auf diese Weise eine Weile zu unterstützen.“
Georgina bekam große Augen. „Das weißt du alles aus einem Buch? Ist das ein Zauberbuch? Nanny hat mir eine Geschichte vorgelesen, in der Zauberstiefel vorkamen. Aber ein Zauberbuch wäre viel aufregender.“
„Nein, mein Schatz, das ist kein Zauberbuch, aber es ist mein kleines Geheimnis. Wenn du eines Tages deinen eigenen Haushalt führst und deinem Mann helfen wirst, die Pächter zu beaufsichtigen, wirst du auch ein solches Buch brauchen.“ Ihre Mutter schob das Buch zu ihr hinüber, damit Georgina es besser sehen konnte. „Jedes Mal, wenn mir etwas über einen der Menschen zu Ohren kommt, die auf unserem Anwesen leben und arbeiten, schreibe ich es hier auf. Eine Dame muss immer wissen, was sich in ihrem Haus zuträgt. Wenn sie nachlässig ist, leidet die ganze Familie darunter. Deshalb schreibe ich alles auf.“
„Alles?“ Georgina strich mit den Fingern über eine Seite, die von oben bis unten vollgeschrieben war.
Mutter nickte. „Alles. Jeder Pächter, Diener, Freund und Händler. So kann dein Bruder –“ Sie räusperte sich. „Wenn dein Bruder von der Schule nach Hause kommt, werden seine Leute das Gefühl haben, dass er sie immer noch kennt, sich um sie kümmert und bereit ist, der Herzog dieses Landes zu sein.“
„Und eines Tages werde ich auch so ein Buch haben.“
Mutter nickte. „Ja, das empfehle ich dir.“
Georgina strich über das aufgeschlagene Kontenbuch. „Und werde ich auch so ein Buch haben?“
Mutters Augen wurden feucht und sie legte ihren Arm etwas fester um Georgina. „So Gott will, wirst du nie die Konten eines Anwesens verwalten müssen. Dein Vater –“
Ihre Stimme brach, und es dauerte einige Augenblicke, bis sie in der Lage war weiterzusprechen. „Dein Vater hat sich immer darum gekümmert. Eines Tages wird dein Bruder sie von mir übernehmen. Aber bis er die Schule beendet hat, liegt es an mir, alles am Laufen zu halten. Es gibt noch ein kleineres Buch für den Haushalt. Ich werde dir eines Tages beibringen, wie man es führt.“
Georgina sah in die blauen Augen ihrer Mutter, die weiterhin feucht glänzten, aber mit festem Blick auf ihrer jüngsten Tochter ruhten. „Wenn ich groß bin, will ich auch so eine Herzogin sein wie du, Mutter.“
Ihre Mutter drückte Georgina mit einem breiten Lächeln an sich. „Es gibt nicht so viele Herzöge, du wirst dich vielleicht mit einem Grafen begnügen müssen. Aber mach dir darum keine Sorgen. Wenn du im Verborgenen dein eigenes Büchlein führst, wird jeder davon überzeugt sein, dass du eine sehr aufmerksame Dame bist. Der Adel wird dich beneiden. Wo ist denn dein Kindermädchen? Ist sie wieder beim Vorlesen eingeschlafen?“
Georgina nickte. „Die arme kleine Margery hat nur einen Schuh, aber Tommy hat zwei, und er durfte nach London gehen, Margery nicht, und deshalb ist sie sehr traurig. Aber wenigstens hat der Mann, der Tommy mit nach London genommen hat, ihr zwei Schuhe gegeben, um sie zu trösten.“
Mutter lächelte. „Wenigstens kannst du ihr morgen, wenn sie weiterliest, sagen, wo sie aufgehört hat. Apropos Schuhe, du hast deine wohl auch im Zimmer gelassen. Lass mich das hier zu Ende bringen, dann werde ich dich nach oben begleiten.“
Georgina wartete, während ihre Mutter den letzten Brief mit einem Tropfen Wachs versiegelte und die Kerzen ausblies. Im Schein der verbliebenen Laterne hatte das Schreibzimmer etwas Magisches. Es kam ihr so vor, als sei sie Teil einer der Geschichten, die ihr...




