E-Book, Deutsch, 124 Seiten
Bürgel / Stark Vom täglichen Ärger
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-9051-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Lesebuch für Zornige, Eilige, Huschelpeter und lächelnde Philosophen
E-Book, Deutsch, 124 Seiten
ISBN: 978-3-7528-9051-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bruno H. Bürgel (1875-1948) war populärwissenschaftlicher Schriftsteller und Astronom. Er lebte in Potsdam-Babelsberg. Sein Werk umfasst 22 Bücher mit einer Gesamtauflage von zwei Millionen Exemplaren, übesetzt in teilweise neun Sprachen. Hinzu kommen ca. 2000 Voträge in 350 Städten und etwa 3000 Beträge in Zeitungen und Zeitschriften. Seine Bücher waren für einige später namhafte Wissenschaftler die erste Anregung zur Beschäftigung mit der Astronomie. Durch seine kurzweilige und humorige Darstellung selbst schwieriger Sachverhalte erreichte er eine breite Leserschaft.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I Die Bosheit der Kleinigkeiten
Es wimmelt in der Welt von verrückten Kerlen, aber einer der größten Narren war wohl jener Engländer, der sich, wie die Blätter berichteten, vor einiger Zeit erhängte, weil es ihm zu dumm und zu langweilig geworden war, jeden Morgen wieder all das anzuziehen, was er am Abend vorher ausgezogen hatte. Wer erinnert sich da nicht jener Schönen, die, umgekehrt, verbittert aus dem Dasein schied, weil sie nicht genug anzuziehen hatte! Bei ihrer Leichtfertigkeit und ihrem Hang, zu gefallen, hätte sie sich des bedenklichen Wortes des gefährlichen Casanova erinnern sollen, dass die wohlgestalteten Weibsbilder umso anziehender sind, je weniger sie angezogen haben!
Auf dem Tisch jenes Engländers lag, neben der Abendzeitung und den Resten eines bescheidenen Abschiedsmahles, ein Zettel, auf dem mit Bleistift gekritzelt war:
Du lieber Gott, werden Sie sagen, was haben die Menschen für Sorgen! Aber ich will eben in diesem Büchlein den Beweis antreten, auf die Gefahr hin, für einen kompletten Narren gehalten zu werden, dass es gerade die kleinen Dinge des Alltags sind, die uns auf die Dauer so oder so um die Ecke bringen, wie es denn auch die kleinen Dinge sind, die uns beglücken und uns veranlassen, die Geschichte möglichst lange bei guter Gesundheit mitanzusehen. Um aber auf jenen verrückten Engländer zurückzukommen, so war er natürlich einer jener Junggesellen in höherem Alter, die nicht genug Gelegenheit haben, sich über andere Dinge zu ärgern, etwa über ein Weib, über die schlechten Zensuren seines Buben und über die Tatsache, dass sein Töchterlein sich nun auch schon heimlich die Lippen schminkt, Zigaretten raucht und mit den Augen zwinkert, wenn der forsche und ansehnliche….
Was wollte ich doch gleich sagen ... Ja, ich wollte sagen, dass jener Engländer eben ein spleeniger Junggeselle war, dem der vermaledeite Krempel der Kleinigkeiten über den Kopf gewachsen war, denn man fand in seinem Nachlass mehrere Dutzend Paar Strümpfe mit durchgebohrten Zehen, mit Löchern an den Hacken, durch die man eine Kartoffel hätte hindurchwerfen können; fand abgerissene Knöpfe, ausgefranste Hemdärmel, und auf dem Schrank einen rauhstruppigen Zylinderhut, in dem eine graue Hausmaus ihr Wochenbett bezogen hatte. “Das hat er nun davon!“ sagte mit schlecht verhehlter Enttäuschung die noch immer ganz ansehnliche Wittib Chitterwick, die seine Nachbarin war und noch immer gehofft hatte... „Im Grunde“, so philosophierte sie, „starb er an zerrissenen Strümpfen, abgerissenen Knöpfen etc. pp. desgl. usw.! Er starb den natürlichen Junggesellentod, den Tod des Weiberfeindes. Er hatte es über, weil er keinen über sich hatte! Der hinterlassene Zettel zeigt seine in Einsamkeit erstarrte Verworrenheit. Wie gut hätte er es haben können, denn in diesem Busen (und hier legte die Wittib eine höchst mollige, aber auch energische Hand auf eine umfangreiche Rundung) schlägt ein Herz...!“
Was mich selbst betrifft, lieber und ehrengeachteter Leser, so finde ich den Fall tragisch und aufschlussreich. Man wird sagen, dass dieser Mr. Sowieso nicht recht normal gewesen sei, aber was ist das „normal“? Und wer entscheidet darüber? War Julius Cäsar normal, der sich von dieser schillernden Schlange Kleopatra hinreißen ließ, in einem ganz unnötigen Kampf sein Leben und sein Werk zu riskieren und die unersetzliche Bibliothek zu Alexandria, das ganze Wissen über die Welt der Alten, in Flammen aufgehen zu lassen? War Napoleon normal, der in seiner Jugend um ein Haar Häusermakler geworden wäre, und den ein unersättlicher Machtwahn dazu treibt, Millionen Menschen zu opfern und endlich, von der kleinlichen Unteroffiziersseele Hudson Lowe geschurigelt, auf St. Helena endet? War Rembrandt normal, den jahrelang nur seine treue Magd Hendrikje über Wasser hält und der in ärgster Armut endete? Tolstoi, der im Alter Haus und Hof, Stiefel und Hemd verschenken will und in Nacht und Eis in den Tod flieht? Normal, hat einmal einer gesagt, sind nur treue und pensionsberechtigte Briefträger und Kanzleiräte. Das Leben ist ein verfilzter Klumpen von Freuden und Leiden, und gerade die kleinen Dinge des Alltags sind es, die uns erheitern und umbringen, denn das ganz Große ist viel zu selten, und mancher erlebt es niemals.
Eine große Zeitung hat einmal vor dem Kriege eine Umfrage gestellt, um herauszukriegen, worüber sich die Menschen freuen und was sie ärgert. Was kam dabei heraus? Lauter kleine Dinge, denn in normalen Zeiten regieren eben die bescheidenen Geschehnisse des Tages. Der eine freute sich über sein Gärtchen, der andere gab als Höhepunkt seine Sommerreise an oder das Spiel mit seinen Kindern, eine Gehaltserhöhung, seine Ruderfahrten an Sonntagen usw., usw.... Und worüber ärgerten sich die Leute? Nun, der eine über das verteufelte Hundegebell auf seinem Nachbargrundstück, der andere über Steuererhöhungen, dieser und jener über das Wetter, über Autos, über den Zigarettenrauch in der Eisenbahn, über Klatschereien seiner Nachbarn, über den unentwegten Klavierspieler in der Wohnung nebenan, und darüber, dass sein Weib unzufrieden sei mit der Bescheidenheit ihrer Lebenslage.
Nur selten streut Fortuna Gaben,
Naht Hades sich, der Fürchterliche;
Doch jeden Tag fast wirst du haben
Die Veilchen und die Mückenstiche.
Und schließlich kommt es darauf an, dass nicht mehr Mückenstiche als Veilchen für uns bereit sind, denn sonst wird das Leben ein schlechtes Geschäft, und unmutig drohen wir, „die Bude zuzumachen!“ Ach, was gibt es nicht für kleine niederträchtige Teufeleien, die uns verärgern, Wanzen, die an der Lebensfreude nagen, Bakterien, die uns trotz aller Winzigkeit mit Zorn, Erbitterung, Verdrossenheit infizieren. Man könnte Bände füllen, wollte man all diese hämischen Plagegeister, diese listigen Heimtücker, lumpigen, schuftigen, schamlosen, rüpelhaften Burschen an den Pranger stellen und aufspießen! Hol sie der Geier!
Ich weiß, dass ich unzählige, Millionen und Abermillionen Leidensgenossen habe, die das gleiche empfinden und empfanden von Tag zu Tag, und die, wie ich selbst, einen ewigen Krieg führen mit diesen Bestien. Es ist mir, wie ich diese Zeilen niederschreibe, als schütteten wir uns, lieber und ehrengeachteter Mitesser, als Kampfgenossen gegenseitig das Herz aus. „Geteiltes Leid ist halbes Leid und fördert die Erträglichkeit!“ Du hast etwas Eiliges vor; Annette erwartet dich Punkt 6 an der Normaluhr, oder du musst aufs Gericht oder zu einer Sitzung. Annette ist ein reizendes Kind, aber sie tyrannisiert dich ein bisschen und ist empört, wenn du sie warten lässt. Und nun beginnt der Kampf! In der Eile bringt man sich mit dem Rasiermesser einen Schnitt bei, es blutet wie bei einem Schlachtfest; du rast umher, um blutstillende Watte aufzulegen, du keuchst, um in deine Unaussprechlichen zu kommen, in deine Schuhe. Zufällig reißt das Schuhband nicht, aber nun reißt die Hosenträgerschlaufe. Allmächtiger! Kramerei nach den Ersatzhosenträgern. Plötzlich siehst du, dass das Oberhemd einen ärgerlichen Rotweinfleck hat. Auch das noch! Wieder herunter damit; ein neues. Das Einbringen der Manschettenknöpfe (eine der teuflischsten Erfindungen, die je gemacht wurden!) wird zu einer Odyssee, dein Auge rollt in holdem Wahnsinn, Annette dürfte die der Soldatensprache entnommenen Flüche nie hören, ohne, wie Lots Weib, zu einer Salzsäule zu erstarren.
Es flieht die Zeit,
der Zeiger kreist,
Der Knopf springt ab,
Die Schlaufe reißt;
Gelump, Gelapp,
Es sperrt sich dreist.
O wär’ ich weit; O wär’ ich weit!
Schlüssel, Geld, Handschuhe ... hast du auch alles? Halt, die Armbanduhr! O Himmel, noch sieben Minuten! Du musst den Vorortzug erwischen; gewöhnlich kommt er fünf Minuten später, diesmal ist er auf die Sekunde pünktlich. Selbstverständlich, selbstverständlich! Du jagst wie ein angeschossener Eber durch die Gassen, die Leute schauen dir kopfschüttelnd nach; natürlich will sich das Schuhband nicht lumpen lassen im allgemeinen Wirrwarr, nun geht es auf, und auf unsicherem Schlappschuh schlurfst du dahin. Einem Herzschlag nahe, bist du denn doch noch rechtzeitig im Zugabteil, aber die Wunde blutet wieder, der Kragen hat sich bereits etwas angefärbt, die Krawatte ist...




