Burger Bergkristall - Folge 246
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-2241-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Wunder von der Rossberg-Alm
E-Book, Deutsch, Band 246, 64 Seiten
Reihe: Bergkristall
ISBN: 978-3-7325-2241-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie heißt Loni Hüttner, und sie ist ein bildschönes Dirndl. Aber gerade dieser Umstand hat ihr schon viel Ärger gebracht. Zweimal schon musste sie ihren Dienstplatz verlassen, weil ihr der jeweilige Bauer zu nahe treten wollte. Jetzt ist sie auf der Rossberg-Alm gelandet, wo sie für die Holzknechte kocht und ihnen die einsame Hütte in Ordnung hält. Hier will sie, da Vater und Mutter früh gestorben sind, endlich Ruhe und Frieden finden.
Ja, Loni ist glücklich, und ihr Glück scheint perfekt, als sie erkennt, dass der fesche Flori, der Erbe des Hofes, zu dem die Rossberg-Alm gehört, ihr viel mehr als eine flüchtige Zuneigung entgegenbringt. Alles scheint gutzugehen - bis eines Nachts ein gefährlicher Wildschütz in die Hütte eindringt und die arme Loni um ihr Leben zittern muss. Flori will ihr zu Hilfe kommen. Doch er wäre dem Schuss des Wilderers zum Opfer gefallen, wenn Loni nicht ...
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Der Dilcher-Hof lag friedlich in der Abendsonne. Von der Kirche drunten im Dorf schallte das Läuten der Glocken herauf. Überall herrschte sonntägliche Ruhe.
Die alte Dilcher-Bäuerin spähte heimlich aus dem Küchenfenster. Ein zufriedenes Schmunzeln huschte über ihre faltigen, harten Züge, als sie auf der Bank unter der Linde ihren Sohn und Zilli, die Tochter des Nachbarhofs, sitzen sah.
Sie sind sich einig, die beiden, ging es Antonia Dilcher durch den Sinn. Eine bessere Frau könnte mein Bub net bekommen – und ich wüsste auch kein anderes Dirndl weit und breit, das besser zum Flori passen würde als die Bucher-Zilli!
Antonia Dilcher hatte mit fester Hand das Regiment auf dem Hof übernommen, nachdem ihr Mann vor zehn Jahren beim Heuen von einem Blitz erschlagen worden war. Seitdem hatte sich die Bäuerin ganz allmählich verändert: Aus der fröhlichen Frau, die stets zu einem Scherz aufgelegt gewesen war, war eine düstere Person geworden, die niemand mehr lachen hörte.
Vierundfünfzig Jahre zählte die Dilcher-Bäuerin jetzt, aber wer sie nicht kannte, musste sie für viel älter halten.
Kummer und Leid um den Mann, der ihr so jäh entrissen wurde, hatten tiefe Furchen in ihr Antlitz gegraben. Früher war sie heiter und gesprächig gewesen – heute tat sie nur dann den Mund auf, wenn es galt, etwas anzuordnen. Ihr Wille galt als ehernes Gesetz auf dem Dilcher-Hof, und die Hofarbeiter hatten einen höllischen Respekt vor der Bäuerin, die ihre Augen überall zu haben schien und keine noch so geringe Nachlässigkeit duldete.
Ihren einzigen Sohn, Florian, erzog die Bäuerin mit der gleichen Strenge, die sie dem Gesinde gegenüber an den Tag legte. Und Flori hatte die größte Hochachtung vor seiner Mutter. Nicht jede Frau hätte es geschafft, ganz allein den großen Hof in Schwung zu halten!
Jetzt war der Bursch vierundzwanzig Jahre alt, ein stattliches Mannsbild mit breiten Schultern und sehnigen Armen. Er hatte dunkles, leicht gewelltes Haar und graue Augen – und sooft er sich im Dorf blicken ließ, schauten sich die Mädchen von Obermoos die Augen nach ihm aus.
Aber seitdem Flori beim Schützenfest nur mit der hübschen Bucher-Zilli getanzt hatte und die Dilcher-Bäuerin wohlwollend zuschaute, da wussten alle, dass die Zilli eines Tages Bäuerin auf dem Dilcher-Hof werden würde. So manches Dirndl weinte eine stille Träne um den feschen Hofsohn, und so mancher neidvolle Gedanke galt Zilli, die es geschafft hatte, Flori für sich zu gewinnen.
Keine von ihnen ahnte, dass Flori selbst gar nicht nach Zilli ausgeschaut hatte. Der junge Dilcher dachte noch gar nicht ans Heiraten und auch nicht an eine Liebelei.
Es war seine Mutter gewesen, die ihn eines Tages ins Gebet genommen hatte.
„Du bist jetzt bald vierundzwanzig Jahre alt, Bub“, hatte die Dilcher-Bäuerin gesagt, „und so langsam wird es Zeit, dass du dir ein Madel suchst, das einmal meinen Platz einnehmen kann, wenn ich die Arbeit nimmer schaffe.“
„Das Heiraten, das hat doch gewiss noch Zeit, denke ich“, hatte Flori darauf nur achselzuckend erwidert.
Da hatte Antonia Dilcher ein Machtwort gesprochen: „Die Bucher-Zilli würde gut zu uns passen, die halte dir mal warm, Flori.“
Flori hatte sich schweigend gefügt – so, wie er es seit vielen Jahren gewohnt war. Weil er bisher die Liebe noch nicht erlebt hatte, dachte er nicht weiter nach, sondern kümmerte sich um Zilli, wie ihm seine Mutter geheißen hatte. Sie war ein hübsches und braves Dirndl, und arme Leute waren die Buchers auch nicht.
Die Mutter hat schon recht, dachte Flori manchmal. Einmal muss ich ja doch heiraten – warum also net die Zilli?
Jetzt saßen die beiden jungen Leute auf der Bank unter der Linde. Zilli schmiegte sich eng an Flori und war restlos glücklich.
Der junge Mann aber war mit seinen Gedanken bei der Bergtour zum Rossberg, die er am kommenden Sonntag unternehmen wollte. Floris einzige große Leidenschaft war das Bergsteigen. Das musste er von seinem Großvater geerbt haben, der Bergführer gewesen war.
„Am nächsten Sonntag kommst du zu uns zum Essen, gelt?“, fragte Zilli, und Flori schrak plötzlich aus seinen Gedanken hoch. „Ich koche dir was Gutes, du musst mir nur sagen, was du gern isst!“
Florian richtete sich langsam auf und fuhr sich durch das Haar.
„Wenn das Wetter schlecht wird am Sonntag, komme ich“, erwiderte er in seiner bedächtigen Art. „Aber wenn es schön und klar bleibt, dann steige ich auf den Rossberg hinauf.“
Zillis hübsches Gesicht verzog sich.
„Ist dir denn dieser damische Rossberg lieber als ich?“, murrte sie. „Wir haben so wenig voneinander, nie hast du Zeit!“
„Dann kommst du halt mit“, schlug Florian vor. „Du musst keine Angst haben. Herrlich schön ist es droben am Berg, wenn man am Gipfel steht und einen weiten Blick hat übers Land hinaus – da oben ist es so still und feierlich, als wärst du in einer Wallfahrtskirche. Und der Himmel, der ist dir so nah, als könntest du hinauffassen mit beiden Händen und dir ein paar Sterne herunterholen.“
Sprachlos starrte Zilli ihn an. So viel auf einmal hatte der Flori noch nie geredet!
„Geh, Schatz, aber am Ende musst du eh wieder hinunterkraxeln!“, konterte sie.
„Du verstehst mich halt net“, murmelte Flori.
„Schau, am Sonntag werden wir zwei ganz allein sein“, schmeichelte Zilli und schaute ihn mit einem verheißungsvollen Lächeln an. „Mein Vater will nach München fahren. Du könntest auch über Nacht bei uns bleiben“, lockte sie.
Flori schaute beiseite. Er hatte sehr wohl verstanden, was Zilli ihm da anbot. Aber sein Herz tat keinen einzigen schnellen Schlag bei der Vorstellung, dass er ganz allein und ungestört mit Zilli zusammen sein konnte.
Er hatte sie sehr gern – aber er wunderte sich manchmal selbst darüber, dass er weder Leidenschaft noch heißes Verlangen empfand.
„Bitte sei mir net böse! Schau, ich bin in diesem Jahr noch kein einziges Mal auf dem Berg gewesen. Und lange wird es nimmer anhalten, das schöne Herbstwetter.“
Zilli sprang auf.
„Rutsch mir doch den Buckel herunter!“, fuhr sie ihn heftig an. „Ich gehe jetzt heim. Du kannst es dir ja noch überlegen bis Sonntag. Gute Nacht!“
Sie ließ ihn stehen und rannte mit wehenden Röcken in Richtung Obermoos.
Florian klopfte seine Pfeife an der Schuhsohle aus und ging gemächlich ins Haus hinein.
„Wo steckt denn die Zilli?“, fragte seine Mutter prompt.
„Sie ist heimgegangen“, antwortete Flori gelassen.
„Was, ohne sich von mir zu verabschieden? Und warum hast du sie net begleitet? Ihr habt euch doch net etwa gestritten?“
Zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, war es Florian zuwider, seiner Mutter Rede und Antwort stehen zu müssen, als wäre er noch ein kleiner Bub und kein erwachsenes Mannsbild.
„Sie ist mir böse, weil ich ihr gesagt hab, dass ich am Sonntag auf den Rossberg hinaufsteigen will“, erklärte er kurz und wandte sich ab, um in seine Schlafkammer zu gehen.
Seine Mutter hielt ihn zurück.
„Du wirst net auf den Rossberg steigen, sondern zur Zilli gehen am Sonntag, verstanden?“, fuhr sie ihn an. „Bisher hab ich nix gesagt gegen deine Bergsteigerei – aber jetzt muss das einmal ein Ende haben! Du bist jetzt verlobt, und du hast dich gefälligst um deine Braut zu kümmern!“
Florian straffte sich, seine hellen Augen funkelten. In diesem Moment hatte er eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit seinem toten Vater, und der Bäuerin fuhr ein schmerzhafter Stich durchs Herz.
Sie hatte den jähen Tod ihres Mannes nie verwinden können, und ihre äußere Härte war weiter nix als ein Schutzschild, mit dem sie sich wappnete, weil sie nicht wollte, dass jemand sie schwach und verzagt sah.
Antonia Dilcher liebte ihren Sohn auf ihre wortkarge Art, und jedes Mal, wenn Flori zu einer Bergtour aufgebrochen war, verging sie fast vor Angst, dass dem Buben etwas zustoßen könnte. Aber sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als das zuzugeben.
Obwohl Flori ein großes, kräftiges Mannsbild war und hart arbeiten konnte, spürte sie dennoch, dass er im Kern seines Wesens ein stiller Träumer und Grübler war – auch darin ähnelte er ihrem Mann.
Antonia wusste schon seit längerer Zeit, dass ihre Tage auf dieser Welt gezählt waren. Sie hatte Krebs. Sie hatte lange Zeit ingrimmig ihre Schmerzen ausgehalten, hatte es sich verboten, auf die Warnsignale zu achten, die ihr Körper ausgesandt hatte. Aber dann war der Tag gekommen, an dem sie es einfach nicht mehr ausgehalten hatte und sie zum Arzt hatte gehen müssen.
Sie war ganz ruhig gewesen, als der Arzt ihr klargemacht hatte, dass ihr niemand mehr helfen konnte.
Von diesem Tage an hatten sich ihre Gedanken immer wieder darum gedreht, dass sie dafür Sorge tragen musste, ihrem Buben eine gute Frau zu verschaffen, ehe sie abtreten musste.
Alles schien jetzt geregelt zu sein – Flori und Zilli würden heiraten, sobald das Frühjahr kam, und wenn sie die Augen für immer schloss, dann wusste sie, dass der Dilcher-Hof fortbestehen würde.
Aber nun, da ihr Sohn verlobt war, sollte er nimmer auf den Rossberg steigen. Zwar wusste sie, dass er sich dort auskannte und niemals leichtsinnig war, aber selbst dem besten und erfahrensten Bergsteiger konnte ein Unglück zustoßen. Und wenn der Bub tödlich verunglückte, würde sich irgendein Fremder hier breitmachen, wenn sie starb.
„Mutter“, drang Florians...




