E-Book, Deutsch, 192 Seiten, Printausgabe 192 Seiten
Burger Luke, Mimi und das Schreckkommando
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8369-9235-0
Verlag: Gerstenberg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten, Printausgabe 192 Seiten
ISBN: 978-3-8369-9235-0
Verlag: Gerstenberg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
udith Burger ist 1972 in Halberstadt geboren und lebt seit fast dreißig Jahren in Leipzig. Sie studierte Kultur- und Theaterwissenschaften arbeitet heute für MDR Kultur. Ihre Kinderromane Gertrude grenzenlos und Roberta verliebt wurden von Presse und Lesern begeistert aufgenommen. 2019 erhielt sie für Gertrude grenzenlos den Gustav-Heinemann-Friedenspreis. www.judith-burger.de
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Ich treibe auf einem Floß mitten im Meer, die Sonne scheint, das Wasser plätschert leise. Nirgendwo Hausaufgaben in Sicht. Über mir fliegen bunte Vögel, Mantarochen begleiten mich. Wenn ich meine Hand ins Wasser halte, dann nuckeln sie sachte an meinen Fingern. Das Ufer einer Insel ist schon zu sehen, mein freundlicher Riese steht am Ufer und winkt mir zu. In der einen Hand hält er eine Schüssel mit einem Berg Spaghetti, mit der anderen langt er ins Meer und zieht mein Floß an Land. Bestimmt feiern wir gleich eine Party.
Alles totaler Quatsch. Das Floß ist mein Bett. Hier plätschert rein gar nichts und anstatt von Mantarochen bin ich umzingelt von Umzugskartons. Hier liege ich, mitten in einem fremden Zimmer, ganz ohne irgendeine Aussicht auf eine Party. Mein Leben ist komplett partylos. Der Einzige, der hier gerade Party macht, ist der blöde Mond. Es sind nämlich noch keine Vorhänge am Fenster, deshalb kann er ungehindert zu mir hereinglotzen. Alles, was ich machen kann, ist: zurückglotzen. Der Mond will nicht, dass ich einschlafe. An der einen Seite hat er eine kleine Delle. Bedeutet das, dass er zunimmt oder abnimmt? Keine Ahnung. Annette hätte das gewusst. Und sie hätte vielleicht auch gesagt, dass der Mond gar keine Seite haben kann, weil er rund ist.
Ich dreh mich auf die Seite und schon glotzt mich der Nächste an: der Umzugskarton direkt vor meinem Bett. Vielleicht bewegt er sich, wenn ich lange genug zurückglotze? Gestern habe ich den zusammen mit Hunderttausenden anderen Umzugskartons hier in den obersten Stock geschleppt. Mir tun immer noch die Arme weh. Ich strecke meinen rechten Arm lang nach oben mitten ins Mondlicht, mache eine Faust, winkle den Arm an. Vorsichtig drücke ich mit dem Zeigefinger dort rein, wo der Bizeps sein soll. Bei Annette hat es sich an dieser Stelle immer angefühlt wie ein großer, harter Avocadokern. Bei mir fühlt es sich eher an wie Avocadocreme. Schnell stopfe ich meinen Arm zurück unter die Decke. Die riecht wenigstens noch nach zu Hause. Bestimmt schlafe ich gleich ein. Bestimmt. Doch bald merke ich: Es funktioniert nicht. Denn jetzt hab ich Durst.
»Hast gewonnen«, flüstere ich dem Mond zu.
Im Flur sind rechts und links Umzugskartons gestapelt, in der Mitte ist ein schmaler Gang frei geblieben. Wann sollen wir das alles nur auspacken? Und vor allem: Wo soll das alles hin? Im Vorbeigehen kriegt einer der Kartons einen Tritt von mir. Es ertönt ein leises . Als ob zwei Gläser gegeneinanderstoßen: Prost, auf unser neues Leben in einer muffigen, kleinen, fremden Wohnung! Das leise Klingeling klingt so ganz anders als das Geschrei, das Mama und Annette veranstaltet haben, als es um die Aufteilung dieser Sachen in den Kartons ging. Bis zuletzt haben sie darüber gestritten, weil sie nicht mehr wussten, wem was genau gehört. Sie hatten es zwar vergessen, aber egal war es ihnen trotzdem nicht:
Dass Mama und ich ausgezogen sind, das kam für mich ganz schön plötzlich. Ich verstehe es bis heute nicht. Bevor wir unsere Sachen in Kisten gepackt haben, lief es lange so: Wenn ich ins Zimmer kam, haben beide sofort aufgehört zu sprechen. Mama hat dann so getan, als wäre sie ganz vertieft in eine Zeitung, dabei lag die Zeitung falschrum auf dem Tisch.
, hab ich dann gefragt. , kam nur als Antwort. . Aha. Dabei hätte jeder blinde Maulwurf gesehen, dass Mama und Annette sich nicht mehr leiden können. Keine Umarmung mehr, kein gemeinsames Lachen, nur traurige Gesichter. Und das hat sehr wohl etwas mit mir zu tun. Denn wenn Mama und Annette traurig sind oder sich streiten, geht es mir auch schlecht.
Und dann hieß es: .
Aber es ist nichts besser.
Ich bahne mir meinen Weg durch die Kartons. Plötzlich landet meine Hand auf etwas, das sich nicht wie ein Umzugskarton anfühlt. Es ist weich, ich drücke zu … »«
Oder ist es Mama, die als Erste schreit?
»Bist du wahnsinnig, Luke!«
Mama presst sich die Hand auf die Brust und japst wie nach einem Hundert-Meter-Lauf. Ich hab sie erschreckt. Dabei ist sie diejenige, die aussieht wie ein Gespenst, mit ihrem langen weißen T-Shirt.
»Huuuhuu«, mache ich.
»Kannst du auch nicht schlafen?«, fragt sie.
Zur Antwort gehe ich in die Küche. Ich nehme die einzigen zwei Gläser, die schon ausgepackt auf der Spüle stehen, und lasse sie mit Wasser volllaufen. Wir setzen uns auf den Fußboden und trinken.
»Der Mond macht mich irre«, sagt Mama nach einer Weile.
»Wir müssen die Vorhänge ans Fenster hängen«, entgegne ich.
Mama sagt nichts und ich auch nicht, wir beide wissen: So was hat sonst immer Annette gemacht: Löcher in die Wand bohren für die Gardinenstangen, Regale zusammenbauen, Dinge reparieren. Was sollen wir hier nur ohne sie tun?
Ich starre auf den einen Karton vor uns. Unter ihm auf dem Fußboden hat sich eine Pfütze gebildet. Stumm zeige ich darauf. Mama stöhnt auf.
»Was ist da drin?«
»Muss eher heißen, was WAR da drin.«
»Auch egal, das muss warten.«
Sie steht auf, wuschelt mir einmal auf dem Kopf hin und her.
»Geh schlafen, Luke.«
Wortlos schlurft sie wieder zurück in ihr Zimmer.
Es gibt hier nur ihr Zimmer, die Küche und mein Zimmer. Und ein Bad, das so klein ist, dass man, wenn man aus der Dusche steigt, mit dem Bauchnabel schon wieder an die Türklinke stößt. Von außen sieht das Haus aus wie ein alter bröckelnder Klotz. Das nennt sich . Mama betont das Wort, als hätte sie einen Schatz gefunden. Teilsaniert ist billiger. Weil wir jetzt ohne Annette nicht mehr so viel Geld haben.
»Bitte, bitte, jetzt einschlafen«, murmele ich in mein Kissen. , hat Mama früher gesagt, als ich noch klein war und nicht schlafen konnte. Aber was wäre schön? Wenn doch alles wieder wie früher wird? Wird es in den nächsten zwei Wochen überhaupt was anderes geben als Kisten auspacken und mit dieser Wohnung kämpfen? Das werden ganz sicher die blödesten Herbstferien, die ich je hatte. Julian ist mit seinen Großeltern zwei Wochen an der Ostsee, da wollte er gar nicht hin. Aber lieber mit Oma und Opa am Meer als zwei Wochen in diesem Chaos. Und Carlo hat den Hauptgewinn gezogen: Er fliegt mit seinen Eltern nach Florida. Julian und ich haben so getan, als dürfte er gerade noch so unser Freund sein, wenn er so eine klimaschädliche Flugreise antritt. Julian hat seinen ökologischen Fußabdruck vor und nach dem Urlaub berechnet. Carlo war betreten, aber gefreut hat er sich trotzdem. Ich wäre auch gern in Florida. Da gibt es Krokodile.
Stattdessen liege ich im letzten Stockwerk eines ollen Hauses, ganz oben, wo keiner sonst wohnen will wegen der vielen Stufen. Über mir höre ich plötzlich Geräusche. Sind das Schritte? Geht da jemand hin und her? Über uns wohnt keiner, da ist nur noch der Dachboden. Vielleicht sind da oben gefährliche Tiere? Vielleicht spukt es hier? Ich starre an die Decke, als könnte ich mit meinem Blick ein Loch hineinbohren.
Wenn ich früher weggefahren bin, hat sich Annette sofort gemeldet und gefragt: Aber jetzt meldet sie sich nicht! Dabei haben wir beide keinen Streit miteinander. Oder habe ich was falsch gemacht? Bin ich am Ende an allem schuld und hab nur keine Ahnung?
Ich bin gut angekommen, aber es gefällt mir nicht! Ich finde, das kann Annette ruhig wissen. Ich strecke einen Fuß aus dem Bett und hangele nach meinem Handy. Es ist ein blödes Handy, ein Kinderhandy ohne Internet, mit dem man nur telefonieren kann, richtig peinlich. Nur Mama und Annette sind eingespeichert, damit wir drei unterwegs Kontakt haben können, wenn was ist. Eigentlich sollte ich ein Smartphone kriegen, wenn ich in die 5. Klasse komme. Jetzt bin ich schon seit sechs Wochen in der Fünften, aber ein Smartphone habe ich immer noch nicht. Nicht mal das!
Ich starre eine ganze Weile auf das Display, bis ich es begreife: Annettes Nummer gibt es nicht mehr in meinem Telefon. Einfach weg. Alles von Annette in meinem Handy ist verschwunden, sogar ihre SMS-Nachrichten.
Eine Telefonnummer verschwindet nicht einfach von allein. Ich sitze in meinem Bett und starre auf das Licht, das mich aus dem Handy anspringt. Ist das wirklich wahr? Ist Mama einfach an mein Handy gegangen und hat alles von Annette gelöscht? Ohne mich zu fragen! Es kann niemand anders gewesen sein als sie. Darf sie das überhaupt?
Ich kann Annette also nicht anrufen. Auswendig weiß ich die Nummer nicht. Wütend pfeffere ich mein Handy in die Ecke. Und dann frage ich mich noch was: Warum ruft Annette nicht mal an? Hat sie meine Nummer auch nicht mehr? Oder hat sie mich vergessen? So schnell?
Am liebsten würde ich jetzt sofort zu Mama laufen und sie fragen, warum sie das gemacht hat. Aber natürlich trau ich mich nicht. Ich weiß genau, wie das ausgehen würde. Entweder Mama verfällt wieder in diesen todtraurigen Zustand und heult stundenlang. Oder sie rastet komplett aus, wie schon ein paar Mal in den letzten...




