E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Burgh Das Lied von Glück und Sommer
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-260-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-96655-260-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anita Burgh wurde 1937 in Gillingham, UK geboren und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Cornwall. Ihre 24 Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und feierten international Erfolge. Mittlerweile lebt Anita Burgh mit ihrem Mann und zwei Hunden in einem kleinen Dorf in den Cotswolds, Gloucestershire. Bei dotbooks veröffentlichte Anita Burgh ihrer Romane »Das Erbe von Respryn Hall«, »St. Edith's: Hospital der Herzen«, »Glückssucherinnen«, »Der Weg zum Herzen einer Frau«, »Wo deine Küsse mich finden«, »Das Lied von Glück und Sommer«, »Wo unsere Herzen wohnen« Außerdem veröffentlichte Anita Burgh bei dotbooks ihre Familiensaga »Die Töchter Cornwalls« mit den drei Einzelbänden: »Morgenröte«, »Sturmwind« und »Dämmerstunde«
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Kapitel 1
An Sonntagen wachte Peggy genau zur gleichen Zeit auf wie an jedem anderen Wochentag. Das war ärgerlich, vor allem, wenn sie nicht einmal den Wecker gestellt hatte. An jedem Samstagabend nahm sie sich vor, am nächsten Morgen lange zu schlafen, doch pünktlich um sieben Uhr öffnete sie die Augen. Ihr Mann Dan hatte dieses Problem nicht, er lag da und schnarchte leise neben ihr.
Peggy drehte sich in der Hoffnung um, vielleicht wieder einzuschlafen. Doch noch während sie das tat, war ihr klar, daß das nicht geschehen würde, denn sie gehörte zu jenen Menschen, deren Geist, einmal wach, sofort aktiv wurde.
Da es nicht möglich war, mit jemandem zu reden oder das Radio anzustellen, wußte sie, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis sie etwas fand, über das sie sich Sorgen machen konnte. Worüber sie sich früher gesorgt hatte, vor langer Zeit, als die Kinder noch nicht geboren waren und sie keine Verantwortung tragen mußte, war ihr entfallen. Dan behauptete, sie stehe hinsichtlich dieser Denkungsweise unter einem Zwang, doch sie spürte in ihrem tiefsten Innern, daß sie sich nicht von anderen Frauen unterschied. Mutterschaft und Sorgen schienen miteinander verbunden. Sie wußte nie vorher, worüber sie sich den Kopf zermartern würde – über den Zustand der Welt oder des Landes oder vielleicht die Höhe der Stromrechnung oder ob der Braten zäh sein oder ob das Abnehmen der Ozonschicht Einfluß auf ihr Leben haben würde. Ihre Sorgen waren, um es gelinde auszudrücken, von vielseitiger Natur. Es ging ihr immer seelisch besser, wenn sie nur eine präzise Sorge hatte. Als sie jedoch heute erwachte, hatte sie keine einzige. Und dieser Zustand versetzte sie in Angst. Warum machte sie sich keine Sorgen? Was war los? Was hielt das Schicksal für sie in petto?
Sie hätte gern das Radio eingeschaltet, doch dann würde Dan nicht mehr schlafen können. An Wochentagen stand er immer um halb sieben auf, und da konnte sie ungestört Radio hören. Das Gerät auf dem Nachttisch war stets auf Radio 4 eingestellt, obwohl sie nur halb zuhörte. Der Sender diente ihr hauptsächlich als Hintergrundgeräusch, als Vergewisserung, daß sie nicht alleine war. Sie hörte nie richtig zu, weil die Nachrichten im allgemeinen zu deprimierend waren und somit ihre Ängste nährten. Außerdem kam sie sich dann völlig unwichtig vor, denn was die Regierung auch machte, hatte mit ihr absolut nichts zu tun – ihre Meinung war bei welchen Entscheidungen auch immer nicht gefragt. Wer würde schon auf Peggy Alder hören – fünfundvierzig Jahre alt, etwas übergewichtig, Mutter von drei Kindern, in einem Vorort lebend, Verkäuferin im Einzelhandel? Nein, sie war völlig unbedeutend, was den Ablauf wichtiger Geschehnisse betraf. Wenn sie schon keine Nachrichten hören wollte, warum hörte sie dann nicht Musik? Sie liebte Musik, doch nicht früh am Morgen. Deshalb. Sie liebte die beruhigende Wirkung, die Stimmen auf sie hatten. Vor allem gewisse Stimmen, die manchmal einen Ton besaßen, der sie in Sicherheit wiegte und die bösen Geister vertrieb.
Peggy setzte sich auf, drehte ihr Kopfkissen um und legte sich seufzend wieder hin. Sie wünschte, sie hätte nicht immer so ein Theater wegen des Rauchens im Schlafzimmer gemacht, dann hätte sie sich jetzt eine Zigarette anzünden können.
Um sich von dem Drang zu rauchen abzulenken, starrte sie die Decke an und fragte sich, ob der Riß, der vom Fenster bis zur Deckenbeleuchtung ging, länger oder breiter als gestern war. Und der Staub auf dem Lampenschirm!
Sie mußte mit dem Rauchen aufhören. Das hatte sie bereits vor Monaten beschlossen. Der Entschluß war leicht gewesen. »Ich gebe es auf«, hatte sie jedem erzählt, auch ihrem Arzt, als ob das Sagen schon das Tun einschlösse. Na ja, sie war auf dem besten Weg. Hieß es nicht, daß mit dem Entschluß schon die halbe Schlacht gewonnen sei? Jetzt sparte sie für Nikotinpflaster. »Wenn ich die erst mal habe, tue ich es«, hatte sie gesagt. Doch es dauerte endlos, bis sie genug Geld für die ganze Kur zusammen hatte. Dan hatte darauf hingewiesen, daß sie das Zigarettengeld doch für die Pflaster ausgeben könne. Anstatt es zum Tabakwarenhändler zu tragen, solle sie es dem Apotheker geben. Doch so viel Willenskraft hatte Peggy nicht. Sie glaubte außerdem nicht an die Wirkung der Pflaster, und dann bliebe ihr kein Geld für Zigaretten übrig. So sah sie die Sache. Mit anderen Worten, sie komplizierte sie. Wie alles. Warum waren die Nikotinpflaster so teuer? Besteuerte die Regierung auch das Nikotin, das darin enthalten war? »Das würde mich nicht wundern. Gemeine Hunde«, sagte sie laut, ohne es zu wollen. Dan murmelte etwas, drehte sich um, und seine rechte Hand suchte nach ihr. Peggy glitt nach unten und schmiegte sich an ihn. Doch dann seufzte sie, als seine Hand plötzlich schlaff und schwer auf sie fiel. Er glitt in einen noch tieferen Schlaf.
Was wäre geschehen, wenn es sich um den Mann in dem Auto gehandelt hätte? dachte sie. Den Mann, den sie fast an jedem Arbeitstag sah. Sie zitterte bei dem Gedanken und verbannte ihn sogleich mühsam aus ihrem Kopf.
Dan drehte sich um, und sie betrachtete mit wachsendem Verlangen seinen Rücken. Sie schmiegte sich ganz eng an ihn. Sein Körper antwortete und preßte sich an ihren. Kühner geworden, glitt ihre Hand in seine Pyjamahose auf der Suche nach seinem Penis. Da lag er zwischen seinen Schenkeln wie ein kleines weiches Tier, das überwintert. Sanft begann sie ihn zu streicheln. Vielleicht braucht er bloß etwas Ermutigung, dachte sie. Warum sollte nur immer Dan den ersten Schritt tun? Seine Hand umschloß ihre. Sie merkte, daß sie vor freudiger Erwartung den Atem angehalten hatte. Beide Hände umfaßten jetzt seinen Penis. »So ist es schön«, flüsterte sie. Dann nahm er ihre Hand, hob sie über seine Hüfte und ließ sie einfach fallen. Fast wäre sie in Tränen ausgebrochen. Wie lächerlich! Er schlief doch, er wußte gar nicht, was er machte. Sie wandte sich von ihm ab und drehte ihm den Rücken zu.
Eine Frau in mittleren Jahren war beschissen dran, so viel war ihr bereits klargeworden. Als sie noch jünger war, arbeiten mußte, das Haus und die Kinder zu versorgen hatte, war sie oft viel zu erschöpft gewesen, um Dan bei seinen Annäherungsversuchen noch zu ermutigen. Und jetzt, da sie froh gewesen wäre, wenn er mehr sexuelles Interesse an ihr gezeigt hätte, schienen seine Bedürfnisse geringer zu werden. Also kam sie zu dem wohlüberlegten Schluß, daß Gott unter den sexuellen Bedürfnissen von Menschen mittleren Alters eine heillose Unordnung angerichtet hatte.
Unter der Bettdecke betastete sie ihr weiches Fleisch. Sie war auseinandergegangen, ja, das war sie. Ihr Bauch bestand aus einer Fettrolle und schien sie anzugrinsen, wenn sie einmal den Mut hatte, sich nackt vor dem Spiegel zu betrachten. Doch ihr Busen war noch immer recht ansehnlich und hing nicht wie bei einigen ihrer Freundinnen. Peggy mußte grinsen, als sie an diese Hängebusen dachte. Dan rührte sich im Schlaf und schnarchte leise.
Alles war ungerecht. Warum kümmerten sich Frauen so sehr um ihr Aussehen und Männer so selten? Warum waren sie beschämt, wenn sie keine gute Figur mehr hatten, während Männer das mit einem Achselzucken hinnahmen? Wie viele Männer gab es, die Diät hielten, wohingegen fast jede Frau es tat? Und warum hatte es Gott so eingerichtet – wieder Sein Fehler –, daß Männer Frauen schwängerten und schlank blieben, während die Hölle im Körper einer Frau los war, wenn sie nicht aufpaßte?
Sie stützte sich auf einen Ellbogen, um Dan besser betrachten zu können. Er war nicht mehr der gutaussehende junge Mann, der James Dean etwas ähnlich war, als sie ihn heiratete. Schon lange nicht mehr. An seine Stelle war ein zerfurchtes Gesicht getreten, dessen Falten es interessant machten und dessen ergrauendes Haar ihm Würde verlieh. Auf seltsame Weise war sogar sein kleiner Bauch attraktiv, fast liebenswert.
Im mittleren Lebensalter zu stehen, sollte Freude machen. Sie ließ sich in die Kissen zurücksinken. Aber was war geschehen? Gerade, wenn man glaubte, mehr Spaß haben zu können, fingen die Beschwerden an. Dan hatte Schmerzen im Knie, vor allem, wenn es regnete. Peggy litt unter Rückenbeschwerden, sie konnte nichts Schweres mehr heben. Und sie mußte zum Augenarzt gehen. Bald vermochte sie selbst mit ausgestreckter Hand nichts mehr zu lesen. Manchmal hatte sie Angst, daß die beste Zeit ihres Lebens schon vorbei sei. Aber sie hatte noch Bedürfnisse. Ja, das war es, was sie wollte – von ihrem Mann ebenso gebraucht zu werden, wie sie ihn brauchte.
Sie setzte sich wieder auf. Diese Gedanken führten zu nichts. Warum war sie so deprimiert? Hatte sie nicht genug Sex? Du meine Güte, rechne doch nur mal zusammen, wie oft wir uns in all den Jahren geliebt haben, sagte sie sich. Und wenn man Sex mit den anderen guten Dingen im Leben verglich, war er denn so bedeutend? Nein, so bedeutend war er nicht, jedenfalls nicht mehr in ihrem Alter. Plötzlich tauchte das Bild des roten Wagens vor ihr auf und löste eine Welle der Erregung in ihr aus, genau dieses Gefühl, das sie immer hatte, wenn er sich der Bushaltestelle näherte.
Geld, dachte sie flüchtig. Vielleicht hatte Dan Geldsorgen. Sie hatte gelesen, daß solche Sorgen mehr als alles andere die Libido der Männer dämpften. Zugegeben, das war ein komischer Gedanke. Bedeutete er, daß junge Männer überhaupt keine Sorgen hatten? Sie lächelte die Zimmerdecke an.
Geld? Das könnte es sein. Die letzte Stromrechnung war horrend gewesen, und das Auto hatte zwei neue Reifen gebraucht, um durch den TÜV zu kommen. Jetzt, da zwei der Kinder nicht mehr zu Hause wohnten und sie beide arbeiteten, hätte das Leben leichter sein müssen. Und warum war es das nicht? Warum...




