E-Book, Deutsch, Band 1, 290 Seiten
Reihe: Das weiße Reh
Burkhardt Das weiße Reh
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-7195-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und der Mann mit dem Pferd
E-Book, Deutsch, Band 1, 290 Seiten
Reihe: Das weiße Reh
ISBN: 978-3-7568-7195-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Versteckt im Schatten der Wälder lebt ein zartes Reh mit schneeweißem Pelz. Kaum einem hat sich die weiße Ricke je gezeigt. Doch jene erwartet die unschuldige Liebe oder der grausame Tod. Inmitten des umkämpften Königreichs Wessex zieht ein stoischer Söldner durch die Lande. Sein engster Freund, das treue Pferd stets an seiner Seite. Der Tod ist ihm längst ein vertrauter Gefährte, ebenso wie die Furcht, jemand könne entdecken, was sich unter seinen Handschuhen verbirgt. Bis er der wunderschönen weißen Ricke begegnet, welche ihn gar zu verfolgen scheint. Nach einem Überfall der Nordmänner droht sich die Legende des sagenumwobenen Tieres, unwiderruflich zu bewahrheiten. Doch was bedeutet die weiße Ricke für ihn und sein Pferd? Die unschuldige Liebe oder den grausamem Tod? Sicher ist nur, seit jeher verlangte die weiße Ricke Blut.
Sandra Burkhardt ist im August 1997 in Karlsruhe geboren und in der schönen Oberlausitz (Sachsen) aufgewachsen. Schon als kleines Mädchen haben sie die Geschichten über Pferde und ihre Reiter fasziniert. Mit ihrem 18. Geburtstag erfüllte sie sich den Wunsch eines eigenen Pferdes und begann mit der Wanderreiterei. Inzwischen zählt sie zu den bekanntesten Wanderreitern Deutschlands und hält ihre Erlebnisse und Gedanken in ihren Romanen fest, sodass ihre Geschichten eine fantastische Mischung aus Realität und Fiktion sind.
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Prolog
Der Knabe mit dem erdbraunen Haar verstand nicht, was vor sich ging. Verängstigt hielt der Junge seine jüngere Schwester fest. Seit der wütende Mob ihr Haus gestürmt hatte, versteckten sie sich zitternd unter dem Stroh im anliegenden Stall. Ihr Vater hatte gerade noch versucht, die Menge zu beruhigen, aber die Bewohner dieses Dorfes hatten ihre Meinung längst gebildet. Die Mutter des dämonischen Knaben musste es mit dem Teufel getrieben haben, um das gezeichnete Kind zu zeugen. Schließlich war der Knabe vor zwölf Wintern ihrem Leib entsprungen. Die Hebamme hatte es selbst an den Füßen herausgezogen und war vor purem Entsetzen in die Ohnmacht gekippt. Einzig die bodenlose Fassungslosigkeit der Mutter und die Beteuerungen des Vaters sowie ein ausreichendes Schweigegeld hatten das frische Leben damals geschützt. Denn der Vater brauchte einen Nachfolger, einen Sohn für den kleinen Bauernhof und angesichts seines nicht gänzlich sündenfreien Lebens, kam diese Bestrafung Gottes nicht völlig unerwartet. Inständig beteten sie zum Herren, dass dieses Mal nur eine Warnung war und keinerlei Einfluss auf das Leben des Jungen oder der Familie hatte. Doch nun, seit Einbruch des viel zu frühen Winters, plagte eine Krankheitswelle das kleine Dorf an der Küste. Als auch die letzten Geburten ausschließlich leblose, schwächliche Kinder hervorgebracht hatten, konnte es nur eine Strafe Gottes sein, dessen waren sich die ältesten Bewohner einig. Schnell fiel der Verdacht auf den gezeichneten Jungen und seine teuflische Mutter. In zorngeschürten Drohgebärden hatten die Dorfbewohner, die um Unschuld flehende Frau hinausgerissen. Die verzweifelten Einwohner warfen ihr jede sündige Schandtat vor, ohne die Möglichkeit auf Erklärung. An den Haaren zerrten sie das weinende Hexenweib hinaus, um gleich darauf auch den gezeichneten Jungen zu suchen. Aber die Mutter hatte den Tumult früh genug bemerkt und ihren Kindern befohlen, sich im benutzten Stroh des Stalles zu verstecken. Der Junge nahm seine Schwester bei der Hand, hob sie durch das Fenster zum Stall, um dann selbst hinterher zu klettern. Geängstigt von dem furchtverzogenen Ausdruck im Gesicht seiner Mutter, zog er sie in das feuchte Stroh und bedeckte sie mit dem Mist. Auch er verscharrte sich unter den Pferdeäpfeln, direkt neben den mächtigen Hufen des noch angeschirrten Ackergauls seines Vaters. Im Dreck des Tieres verharrten sie zitternd und hörten die flehenden Schreie ihrer Mutter. Dazwischen vernahm er die Stimme seines um Gnade bettelnden Vaters. Brüllend aus Verzweiflung versuchte der Gatte, sein Eheweib vor den zornigen Dorfbewohnern zu verteidigen. Doch es nützte nichts. Der Knabe streckte die Hand nach seiner kleinen Schwester aus, die sie dankbar aber weinend annahm. Als die qualvollen Rufe seiner Eltern aus dem Haus heraus auf die Straße verhallten, kamen die Hexenjäger plötzlich in die verwitterte Stallung gelaufen. Sie jagten die zwei quiekenden Schweine auf, rissen die flatternden Hennen aus ihren Nestern und traten das Holzbrett zur Bucht des jungen Ackergauls auf. Der Knabe drückte seiner wimmernden Schwester die Hand auf den Mund, innerlich flehend, dass das Pferd beide nicht zu Tode trampelte. Aber das große Tier blieb erstaunlich ruhig. Nur die Ohren zuckten aufgeregt zu den brüllenden Menschen. Es wirkte, als würde es die Kinder hinter seinem massigen Körper verbergen wollen. Die Männer drängten in die enge Bucht hinein, um das Heu und Stroh zu durchsuchen, aber der breite Hintern des Pferdes verhinderte ihr Durchkommen. Sie schlugen auf das Tier ein, damit es zur Seite ging, doch der sture Gaul bewegte sich nicht, sondern legte die Ohren an und drohte mit seiner mächtigen Hinterhand. Fluchend gaben sie die Suche auf und schwuren zugleich, dass sie die Kinder fanden, damit auch die Teufelsbrut im Höllenfeuer verbrennen würde. Harsche Flüche ausstoßend verließen sie die durchwühlten Stallungen, um der Vernichtung der Hexe beizuwohnen. Gleich darauf hallte ein entsetzlicher Schrei durch die Straßen. Der Knabe riss seine steingrauen Augen auf. Er wusste, dass diese Schreie nur den Tod seiner Mutter bedeuten konnten. Dann herrschte ein Moment verheißungsvolle Stille, gefolgt von tosendem Jubel über die geköpfte Hexe. Die Leute schrien, dass man den Körper der Teufelshure verbrennen müsse. Gelähmt vor Angst und Entsetzen hielten beide Kinder sich im Schatten des Ackergauls aneinander fest. Nie zuvor hatte der Junge solche Furcht verspürt. Dann hörte er die festen Schritte seines Vaters in den Stallungen. In der Hoffnung auf Trost und Sicherheit sprangen die Kinder auf, aber statt Erleichterung, seine Kinder wohlauf vorzufinden, stand nur Abscheu in den nassen Augen des Mannes, der eben den Kopf seiner Frau über die Straße hatte rollen sehen. Sofort wichen die Geschwister zurück. Der Junge verbarg seine Schwester hinter seinem schmächtigen Körper. Doch der Vater packte ihn bereits gewaltsam am dünnen Arm. Mit aller Kraft schlug er seinem Sohn ins Gesicht. Nicht wie sonst, mit der flachen Hand, sondern gar mit der Faust prügelte er auf das schreiende Kind ein. Die Schwester flehte den Vater um Nachsicht an, doch auch sie stieß er gewaltsam zurück in die Bucht, des nun doch unruhig werdenden Ackergauls. Er beschimpfte den Knaben als Teufelsbrut, als Satansbraten, gar als den Teufel selbst, während er unaufhörlich auf den zusammengekrümmten Jungen einschlug. Das gottlose Kind hatte den Tod der Mutter sowie die Entehrung des bereits angeschlagenen Familiennamens heraufbeschworen. Nur dieser gezeichnete Knabe war an dem Unheil schuld, dabei hatte er ihn trotz der Zeichnung durch den Teufel als seinen eigenen Sohn großgezogenen. Sogar den Hof wollte er dieser Höllenfrucht vererben. Aber jetzt wünschte er nur noch, dass es ihn niemals gegeben hätte. Diese Ausgeburt der Unterwelt sollte samt seiner Schwester verschwinden und auf ewig in Vergessenheit geraten. Doch plötzlich trat der nervösgewordene Junggaul mit der Hinterhand gegen den prügelnden Vater. Beide Hinterhufe schleuderten den wutberauschten Mann durch die Stallung in die aufgeregten Schweine hinein. Geistesgegenwärtig sprang der verwundete Junge auf und hinauf auf das nervös trampelnde Tier. Mit der blutenden Hand riss er seine Schwester ebenfalls zu sich hoch. Sie krallte sich an ihm fest, während er die langen Fahrleinen nahm und das Pferd daran herumriss. Voller Schmerzen, doch mit der Angst vor dem Vater, der seinen Sohn jetzt unter allen Umständen totprügeln wollte, gab er dem Ackergaul die Fersen. Sofort sprang es hinaus und überrannte den Vater. Mit aufgerissenen Augen galoppierte es mit den beiden Kindern quer über das gepflegte Kohlfeld. Der Schneeschlamm spritzte hinauf bis zu den Gesichtern der Geschwister. Immer weiter trieb der Knabe das verschreckte Tier an. Mit aufgeblähten Nüstern galoppierte es zwischen den Dorfhütten den Hügel hoch. Der Schneeregen prasselte dem geprügelten Jungen wie tausend Nadeln in sein aufgeschlagenes Gesicht. Noch nie hatte der Knabe wahrhaftig geritten, aber es war, als hätte er nie etwas anderes in seinem Leben getan. Seine Schwester krallte sich so sehr an ihm fest, dass es ihm auf den gebrochenen Knochen die Luft nahm. Nie hatte er einen Ackergaul so schnell laufen gesehen, dass es einem der feinen englischen Herrenpferde gleichen könnte. Es hatte sogar seinen Schweif in die Höhe gereckt, als würde es demonstrieren, dass es einem solch edlen Ross entsprach. Bevor der wütende Mob sich auf seine eigenen Pferde schwingen konnte, damit sie die Verfolgung der Teufelsbrut aufnehmen konnten, waren die Kinder mit dem geschirrten Gaul im Wald verschwunden. Immer weiter hetzte der Junge den Junghengst durch den halbverschneiten Forst. Es sprang trotz des schweren Kummets über die gestürzten Bäume. Unaufhörlich flüchteten die Kinder mit ihrem vierhufigen Retter. Erst als das Tier der Erschöpfung nahe war, ließ der Junge es in den Trab übergehen. Die ganze Nacht hindurch trug der Ackergaul die Geschwister auf dem breiten Rücken durch den dichten Wald. Auf unbekannten Wegen, doch als kannte es einen sicheren Pfad, brachte es die Halbwaisen in Sicherheit. Noch nie waren die beiden Kinder so weit von ihrem Dorf entfernt gewesen. Im Inneren wusste der Junge, dass er seine Heimat niemals mehr wiedersehen würde. Irgendwann brachte das Tier die Geschwister auf eine Lichtung. Erschöpft blieb es stehen, steckte seine Nase in den Schnee und fraß die wenigen Grashalme, die es aus dem matschigen Weiß befreien konnte. Zitternd vor Kälte rutschten die beiden Kinder von dem breiten Rücken. Die Schwester erschrak, als sie das aufgeschwollene Gesicht ihres Bruders sah. Fürsorglich nahm sie den kühlen Schnee in ihre steifen Finger, um ihm über die blauen Schwellungen das Blut von seiner Stirn und den Wangen zu wischen. Er ließ sie gewähren, obwohl die Berührungen schmerzten. Besorgt betrachtete er seine kleine Schwester. Ihr geflochtener Zopf war zerzaust, sodass einige der hellbraunen Strähnen in ihr verdrecktes Gesicht fielen. Der schöne Wollmantel war von Schlamm überzogen und ihre ledernen Stiefelchen kaum noch zuerkennen. Auch seine Kleidung war von der Flucht und den Schlägen...




