Byatt | Das Buch der Kinder | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 896 Seiten

Byatt Das Buch der Kinder

Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401645-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 896 Seiten

ISBN: 978-3-10-401645-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



A.S. Byatt - Booker-Preis Gewinnerin und von der Queen ernannte ?Dame Commander of the British Empire? - umspannt in ihrem neuen, opulenten Roman ein Vierteljahrhundert, die Jahre von 1895 bis kurz nach dem 1. Weltkrieg. Im Süden Englands, in London, Paris und im zügellosen Schwabing suchen die Familien Wellwood, Fludd und Cairn am Ende des 19. Jahrhunderts ein freieres und erfüllteres Leben, sie proben neue Wege in Kunst und Politik, Liebe und Erziehung. Immer mit dabei sind die vielen Kinder, die sich mit ihren unterschiedlichen Talenten und Temperamenten einen Weg durch die Lebensexperimente ihrer Eltern bahnen. Aber alle Familien, auch die fortschrittlichsten, haben ihre dunklen Geheimnisse - am Ende drohen Enttäuschung, Verrat und der große Krieg. ?Das Buch der Kinder? schlägt einen weiten Bogen von England bis nach Deutschland und berührt dabei immer wieder im Kleinen, in den intimen Momenten, die ein jedes Leben unverwechselbar machen.

A. S. Byatt, 1936 in Yorkshire geboren, gelangte mit ihrem Roman »Besessen«, der 1990 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, zu Weltruhm. Ihr Werk umfasst neun Romane, zahlreiche Erzählungen und literaturkritische Texte; für ihr Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet und 1999 von der Queen zur »Dame Commander of the British Empire« ernannt. A. S. Byatt starb 2023 in London.
Byatt Das Buch der Kinder jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


2


Sie fuhren mit dem Zug nach Andreden im Kentish Weald, und am Bahnhof nahmen sie eine Droschke. Philip saß gegenüber Tom und seiner Mutter, die sich aneinanderlehnten. Philip fielen immer wieder die Augen zu, während Olive ihm Dinge erklärte, auf die er hätte achten sollen, wie ihm bewusst war. Andred war der alte britische Name für den Wald. Andreden bezeichnete eine Schweineweide im Wald. Ihr Haus hieß Todefright. Sie hatten diesen Namen von Todsfrith abgewandelt, doch etymologisch gab es an der Veränderung nichts auszusetzen. In der alten Sprache des Weald bezeichnete das Wort Fryth Gestrüpp oder Buschwerk am Waldesrand. Im Dialekt von Kent lautete das Wort »fright«. Tod hieß vermutlich Kröte. Philip fragte mit schwerer Zunge, ob es denn Kröten gebe. Massenhaft, sagte Tom. Dicke, fette Kröten. Ihr Laich im Ententeich. Frösche auch und Wassermolche und Fischlein.

Sie fuhren zwischen Weißdorn- und Haselnusshecken hindurch und über gewundene Wege unter Buchen-, Birken- und Eibenbaldachinen. Philip hatte gespürt, wie die Luft sich veränderte, als der Zug die Londoner Dunstglocke hinter sich ließ. Den Rand dieser Finsternis konnte man sehen. Es war weniger schlimm als die stickige dunkle Luft voll heißen Gruses und geschmolzener Chemikalien, die sich aus den hohen Schornsteinen und den Flaschenöfen in Burslem ergoss. Seine Lunge fühlte sich nervös und überdehnt an. Olive und Tom betrachteten die frische Luft nicht als Selbstverständlichkeit. Sie bekundeten rituelle Begeisterung darüber, wie wohltuend es sei, aus dem Dreck herauszukommen. Philip hatte das Gefühl, von Dreck imprägniert zu sein.

Todefright war ein altes kentisches Gehöft aus Stein und Fachwerk. Vor dem Haus lagen Wiesen und verlief ein Fluss, hinter dem Haus erhoben sich bewaldete Hügel, und der Blick reichte weit über den Fluss bis zum Rand des Weald. W. R. Lethaby hatte das Haus behutsam im Arts-and-Crafts-Stil erweitert und modernisiert, hatte eigenwillig geformte Fenster und Dachtraufen, Wendeltreppen, Ecken und Winkel und Dachbalken erhalten (und geschaffen). Die Eingangstür aus massiver Eiche öffnete sich auf die moderne Version eines mittelalterlichen Saals mit Holzbänken und Alkoven, einem großen geschreinerten Esstisch und einer langen Anrichte, auf der Lüsterporzellan schimmerte. Hinter dem Raum befanden sich eine kleine getäfelte Bibliothek, die Olive als Arbeitszimmer diente, und ein Billardzimmer, Humphrys Arbeitszimmer, wenn er zu Hause war. Es gab viele Nebengebäude – Küchen, Spülküchen, Gästehäuschen, Stallungen mit Heuböden, in denen Hühner scharrten und Schwalben nisteten. Eine breite Wendeltreppe führte aus dem Saal in die oberen Stockwerke.

Zahlreiche Kinder und Erwachsene kamen herbeigelaufen und angeschlendert, um Olive und Tom zu begrüßen. Philip beobachtete sie. Eine kleine dunkelhaarige Frau in einem weiten Kleid mit einem Muster großer Kapuzinerkresseblüten auf maulbeerfarbenem Grund brachte Olive ein vielleicht einjähriges Kleinkind, damit sie es herzen und küssen konnte, noch bevor sie ihren Mantel ablegte. Zwei Hausmädchen, mütterlich das eine, mädchenhaft das andere, warteten darauf, die Mäntel entgegenzunehmen. Zwei junge Damen in identischen indigoblauen Schürzen mit langen Haaren bis über die Schultern, dunkelbraun und rotbraun, jünger als Philip, jünger als Tom, aber nicht viel jünger. Ein kleines Mädchen in rotkehlchenroter Schürze drängelte sich an den anderen vorbei und griff nach Olives Rock. Ein kleiner Junge mit blonden Locken und einem Little-Lord-Fauntleroy-Spitzenkragen hielt sich an dem Rock der maulbeerfarbenen Dame fest und versteckte sein Gesicht darin. Olive drückte ihre Nase an den Hals des Kleinkinds Robin, das nach ihren Mohnblüten und ihrer Hutnadel griff.

»Ich komme mir vor wie ein Baum, in dem Vögel nisten. Das ist Philip, der eine Zeitlang bei uns bleiben wird. Philip, die zwei großen Mädchen sind Dorothy und Phyllis. Das ist meine Schwester Violet Grimwith, die alles hier zum Funktionieren bringt – alles, was funktionieren . Dieser kleine Teufel ist meine kluge Hedda, die nicht stillsitzen kann. Der Schüchterne ist Florian, er ist drei. Florian, komm her und sag Philip guten Tag.«

Florian hielt sich standhaft an Violet Grimwiths Rock fest und sagte hörbar in den Stoff, Philip rieche schlecht. Violet hob ihn hoch, schüttelte ihn und küsste ihn. Er trat gegen ihre Hüfte. Olive sagte: »Philip ist von zu Hause weggegangen und hat einen langen Weg hinter sich. Er braucht ein Bad und saubere Kleidung – und ein Bett im Birkenhäuschen, wenn Cathy sich bitte darum kümmern kann. Und Ada könnte vielleicht ein Bad für ihn bereiten – geh mit Ada, Philip, das ist am besten, und wenn du dich erfrischt hast, kümmern wir uns um das Abendessen und planen alles Weitere.«

Violet Grimwith sagte, sie werde Philip etwas zum Anziehen heraussuchen. Er sei vermutlich zu groß für Toms Sachen. Aber in Humphrys Wochenendgarderobe gebe es sicherlich ein Hemd und vielleicht sogar Kniehosen …

Stumm folgte Philip Ada, der Köchin, in den Dienstbotentrakt des Hauses und von dort durch den Hinterausgang und über den Hinterhof zu dem Gästehäuschen, dessen Erdgeschoss aus einem Raum mit Waschbecken und Wasserpumpe bestand und in dessen Speicherraum im Obergeschoss Cathy hörbar Bettzeug ausklopfte. Philip stand linkisch da. Ada holte einen Zinnzuber, zwei Krüge heißen Wassers, einen Krug kalten Wassers, Seife und ein Handtuch. Dann ließ sie Philip allein. Er zog die oberste Schicht seiner Kleidung aus und goss vorsichtig etwas heißes und kaltes Wasser in den Badezuber. Dann legte er die restliche Schutzschicht aus Unterhose und Unterhemd ab. Bäder war er nicht gewohnt. Er war kurze Duschen unter dem kalten Wasser der öffentlichen Pumpe gewohnt. Er hob ein Bein, um den Rand des Zubers zu übersteigen. Violet Grimwith kam herein, ohne anzuklopfen. Philip griff nach dem Handtuch, um sich zu bedecken, stolperte platschend in das Wasser und schürfte sich das Schienbein am Zuberrand auf. Er stieß einen unterdrückten Schmerzenslaut aus.

»Stör dich nicht an mir«, sagte Miss Grimwith. »Zeig mir mal den Kratzer. Es gibt nichts, was ich nicht schon gesehen hätte. Ich habe ihr ganzes Leben lang ihre ganzen kleinen Verletzungen behandelt, ich bin diejenige, an die sie sich wenden, wenn sie Hilfe brauchen, und ich hoffe, auch du wirst das tun, junger Mann.«

Zu seiner beträchtlichen Beunruhigung kam sie näher und brachte die Seife und ein Kännchen warmes Wasser mit, das sie ohne Vorwarnung über seinen Haarschopf ausleerte, so dass ihm Wasser in die Augen und über die Schultern spritzte.

»Mach die Augen zu«, riet sie ihm. »Halt sie fest geschlossen, denn ich schrubbe dir jetzt den ganzen Dreck runter.«

Während sie sprach, bearbeitete sie seine Haare mit Seife und Wasser, klopfte und zerrte an seiner Kopfhaut, massierte sie und tastete mit dünnen Fingern nach den verspannten Nacken- und Schultermuskeln.

»Verkrampf dich nicht«, sagte die erstaunliche Frau. »Wir bekommen jede Ritze sauber und lebendig, du wirst schon sehen.«

Sie sprach mit ihm, als wäre er ein Kleinkind oder vielleicht, vielleicht ein erwachsener und bereitwilliger Mann. Philip entschied sich, die Augen geschlossen zu halten, in jeder Hinsicht. Er presste alle Schließmuskeln zusammen, drückte das Kinn gegen die Brust und spürte, wie die Finger und Handflächen ihn beklopften und bearbeiteten. Im Wasser berührten sie zufällig oder absichtlich kurz und leicht das, was er als seinen Piepmatz bezeichnete.

»Der Dreck von Jahrtausenden«, sagte die strenge Stimme. »Verblüffend, wie Dreck sich ansammelt. Aber jetzt bist du hübsch schweinchenrosa, nicht mehr elefantengrau. Du hast schöne Haare, wenn erst mal der Schmutz und Staub draußen sind. Du kannst die Augen wieder öffnen. Ich habe die Seife weggewaschen, es wird nicht brennen.«

Er wollte die Augen nicht öffnen.

Violet Grimwith forderte ihn auf, sich abzutrocknen, während sie verschiedene Kleidungsstücke vor ihn hinhielt, um Maß zu nehmen. Noch feucht, mühte er sich in eine geflickte lange Unterhose und entschied sich unter den drei Hemden, die sie ihm hinhielt, für ein einfaches geköpertes dunkelblaues. Toms Kniebundhosen waren ihm zu klein. »Das hatte ich mir schon gedacht«, sagte Violet. Eine braune Cordhose, vermutlich aus dem Besitz des Hausherrn, war etwas zu weit, konnte aber, wie Violet vorschlug, mit einem breiten Gürtel zusammengehalten werden. Sie förderte ein Bündel Nadeln und Garnspulen zutage, befahl Philip, stillzuhalten, und machte in Höhe seiner Hüften an beiden Seiten der Hose Abnäher; sie nähte schnell und sicher. »Ich weiß, wie junge Leute sind, sie schämen sich, wenn sie und wenn Sachen . Das ist nur ein Notbehelf, aber es erfüllt seinen Zweck. Jetzt musst du nicht denken, die Hose wäre zu weit. Eine Sorge weniger für dich.« Sie fasste ihn mit beiden Händen an den Hüften und drehte ihn um wie eine Kleiderpuppe. Sie gab ihm ein dickes Paar neue Socken, doch von den Schuhen, die sie mitgebracht hatte, passten ihm keine, und er musste seine schmutzigen alten Stiefel wieder anziehen, nachdem Violet sie abgebürstet hatte. Eine Tweedjacke mit Lederbesätzen vervollständigte seine Garderobe. Violet gab ihm sogar ein sauberes Taschentuch. Und einen Taschenkamm aus weißem Bein, mit dem sie ihm durch die Haare fuhr, bevor sie ihn in seine Jackentasche steckte. Im Birkenhäuschen gab es keinen Spiegel, und Philip konnte das Ergebnis ihrer Arbeit nicht betrachten. Er schüttelte sich; die Unterwäsche bereitete ihm Unbehagen. Violet fuhr mit kundigen Fingern innerhalb des Hosenbunds...


Walz, Melanie
Melanie Walz, geboren 1953 in Essen, wurde für ihre A. S. Byatt-Übertragungen mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt Übersetzerpreis ausgezeichnet. Außerdem übersetzte sie Jane Austen, Charles Dickens, F. Scott Fitzgerald, Marcel Proust, Michael Ondaatje, Lawrence Norfolk, Annie Proulx und viele andere mehr.

Byatt, A.S.
A. S. Byatt gelangte mit ihrem Roman ›Besessen‹, der 1990 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, zu Weltruhm. Ihr Werk umfasst neun Romane, zahlreiche Erzählungen und literaturkritische Texte; für ihr Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet und 1999 von der Queen zur ›Dame Commander of the British Empire‹ ernannt. A. S. Byatt kam 1936 in Yorkshire zur Welt, hat drei Töchter und lebt in London.

A.S. ByattA. S. Byatt gelangte mit ihrem Roman ›Besessen‹, der 1990 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, zu Weltruhm. Ihr Werk umfasst neun Romane, zahlreiche Erzählungen und literaturkritische Texte; für ihr Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet und 1999 von der Queen zur ›Dame Commander of the British Empire‹ ernannt. A. S. Byatt kam 1936 in Yorkshire zur Welt, hat drei Töchter und lebt in London.
Melanie WalzMelanie Walz, geboren 1953 in Essen, wurde für ihre A. S. Byatt-Übertragungen mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt Übersetzerpreis ausgezeichnet. Außerdem übersetzte sie Jane Austen, Charles Dickens, F. Scott Fitzgerald, Marcel Proust, Michael Ondaatje, Lawrence Norfolk, Annie Proulx und viele andere mehr.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.