E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Callanan Ich erfinde dir Paris
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-455-00407-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-455-00407-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liam Callanan ist Autor und Journalist, u.a. schreibt er für Wall Street Journal, New York Times und Washington Post. Er gibt außerdem Kurse für Schriftsteller an der University of Wisconsin-Milwaukee. Ich erfinde dir Paris ist sein erster Roman in deutscher Übersetzung. Er lebt mit seiner Frau und seinen Töchtern in Wisconsin.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für die, die ich [...]
»Wenn wir jemanden wirklich [...]
Prolog
Paris, Wisconsin
Paris, Frankreich
Dank
Über Liam Callanan
Impressum
Prolog
Einmal in der Woche folge ich Männern, die nicht mein Ehemann sind.
(Trotz allem tue ich das noch immer.)
Das sollte ich nicht, aber ich tue viele Dinge, die ich nicht tun sollte – rauchen, eine Buchhandlung besitzen, Französischunterricht bezahlen, den zu schwänzen ich immer einen Grund finde –, und eben das. Ich bringe meine Töchter zur Schule, starre an den Eltern vorbei, die an mir vorbeistarren, und beginne meine Suche nach dem Mann des Tages.
Manchmal fange ich direkt dort an und verfolge einen Vater, der sich gerade aus der Schar vor dem massiven Schultor löst. Meistens begebe ich mich in die belebte Rue Saint-Antoine und durchsiebe die vorbeiziehende Menge. An manchen Tagen finde ich ihn ganz schnell. An manchen Tagen brauche ich den ganzen Vormittag. An manchen Tagen folge ich jemandem eine Weile, normalerweise jemandem, der meinem Mann ähnelt, oder ihm so ähnlich ist, wie es eben geht oder wie ich es ertrage – das tintenschwarze Haar, die schmalen Schultern, die Hände, die nicht in den Taschen bleiben können, der Kopf, der nicht aufhören kann, sich nach allem außer nach mir umzudrehen –, nur um das Interesse zu verlieren, wenn mich ein unstimmiges Detail ablenkt. Mein Mann würde nie eine blaue Brille tragen. Mein Mann würde nie einer schwangeren Frau nicht das Taxi überlassen. Mein Mann würde nie eine Zeitschrift vom Kiosk klauen, einen Apfel vom Gemüsehändler, ein Buch von einem Mein Mann würde nie eine Frau küssen, die nicht seine ist.
An manchen Tagen finde ich ihn nicht. Das überrascht mich jedes Mal, obwohl mich eher all die Tage überraschen sollten, wenn alles passt, wenn ich im Radius von einem halben Kilometer einen Mann finde, dem ich eine Weile folgen möchte.
Diesen Männern zu folgen sollte schwieriger sein, als es ist. Ist es nicht. In Paris ist es voll. Voller, als Werbespots und Poster vorgaukeln, und ich – na ja, obwohl ich hübsch bin, lange Beine habe und unfreiwillig die Distanz ausstrahle, die Männer so lieben, bin ich zweiundvierzig, ungefähr doppelt so alt wie jede beliebige Frau, für die Männer sich hier interessieren.
So ist es eben. Unsichtbarsein gefällt mir, kommt mir entgegen.
Gelegentlich, zu oft, spricht die Polizei Warnungen aus, Ermahnungen: Wir sollen wachsam sein. Und das bin ich, und andere sind es auch, doch ich habe festgestellt, dass ich nie unsichtbarer bin als im Windschatten solcher Warnungen. Ich sehe nicht aus wie jemand, den irgendjemand glaubt, im Auge behalten zu müssen.
Auch an solchen Tagen, an allen Tagen, kann es heikel werden, wenn der Mann, dem ich folge, von den Hauptstraßen in schmalere einbiegt. Auf den belebten Boulevards habe ich mich jemandem schon auf ein oder zwei Meter genähert, nah genug, um die Dichte seines Haars zu erkennen (das von meinem Mann, so dicht), sein Rasierwasser einzuatmen (mein Mann, keins, niemals), den Rauch in seinen Kleidern zu riechen (mein Mann leugnete immer, dass er geraucht hatte, doch ich entlarvte seine Lüge auf diese Weise, ein Schnüffeln, ein Schnuppern – aber ich war gewarnt: Ja, er konnte lügen).
In den ruhigeren Gassen gehe ich einen Block oder mehr auf Abstand. Dann überlege ich, was ich tun würde, wäre es wirklich mein Mann: ihn umarmen, seine Hand nehmen, ihn festhalten, während ich ihn trete, ohrfeige, frage und und
Aber er ist es nicht, er ist es nie, deshalb schaue ich in die Schaufenster, ich schaue auf mein Handy, ich lese die Gedenktafeln, damit der Mann, den ich verfolge, keinen Verdacht schöpft:
Einmal (und nur einmal) passierte es schließlich. Ein Mann, dem ich folgte, stellte mich.
Das war sechs Monate nach unserer Ankunft. Gar nicht lange her. Lange genug; damals war ich anders. Paris auch.
Trotzdem hätte ich es wissen müssen. Ich es – ich hatte von Anfang an gewusst, dass es Ärger geben würde, weil er meinem Mann sehr ähnelte. Dasselbe Haar, dieselbe Brille, dasselbe Lächeln. Dieses Lächeln schenkte er einer Frau im Apple Store unter dem Louvre (fast so beliebt, so überfüllt wie das Museum darüber), und da sprang es mir ins Auge, das schiefe Grinsen. Ich hatte nicht bemerkt, dass er der Doppelgänger meines Mannes war, bis ich es sah, und dann konnte ich nicht anders, als ihm zu folgen. Er umkreiste den Zwilling der Louvre-Pyramide, die wie ein Pfeil nach unten zeigt (als wollte sie sagen: hier spielt die Musik – was ja auch stimmt), dann lief er unbeeindruckt an allen anderen Versuchungen des unterirdischen Einkaufszentrums vorbei (Kaffee, Spielzeug, Luxustoilettenpapier), bevor er die Stelle erreichte, wo man sich entscheiden muss: tiefer runter in die Métro oder hoch an die Oberfläche?
Und wäre er nach unten gegangen, hätte ich ihn ziehen lassen, denn ich war an jenem Tag nicht auf eine Verfolgungsjagd in der Métro eingestellt. Die Mission war nicht geplant. Ich hatte meinen Töchtern – Ellie, damals sechzehn, und Daphne, vierzehn – nur neue Ladekabel kaufen wollen. Die Billigkopien, die ich ihnen besorgt hatte, funktionierten nicht. Ich wollte zur Abwechslung mal etwas richtig machen und mit den Kabeln in der Hand zu Hause sein, wenn sie aus der Schule kamen.
Doch er ging nicht runter, er ging hoch, und oben angekommen tat er etwas, das keinen Sinn ergab. Statt auf die belebte Rue de Rivoli ging er zurück ins Einkaufszentrum zwischen den weiten Flügeln des Louvre. Er wollte wohl noch einen letzten Blick hinein werfen.
Und ich auch.
Nach ein oder zwei Minuten schaute er auf die Uhr und wählte dann ein anderen Weg zurück in die Welt, die Passage Richelieu, ein Säulengang durch die Galerie mit den französischen Skulpturen. Glaswände erlauben den Passanten einen Gratisblick ohne Schlangestehen.
Würde er hinsehen? Nein.
Ich konnte nicht anders, doch durch mein Zögern hätte ich ihn beinahe verloren, und ich musste meinen Schritt kurz beschleunigen, um ihn einzuholen, als er auf die Straße trat, sie überquerte und auf der Rue de Valois Richtung Norden ging.
Ich stellte mir erneut ein Ultimatum. Wenn er rechts zur Banque de France abbog, würde ich die Verfolgung sofort abbrechen. Wenn er links in den Palais Royal ging mit seinen prächtigen Gärten und stattlichen Baumreihen, würde ich ihm folgen.
Er ging nach links. Ich auch. Er ging schneller. Ich versuchte, es nicht zu tun. Er verließ das Gebäude durch einen Säulenwald in der nordöstlichen Ecke. Erst nach Westen, dann nach Norden. Wir gingen durchs Tor der Bibliothèque Nationale Richelieu, auf deren Hof schwarz gekleidete Wissenschaftler und Mitarbeiter plauderten, rauchten und aus winzigen Plastikbechern Kaffee tranken. Weiter. Die alte Börse. Banken. Cafés. Münzhändler und , und ich dachte schon, er würde bis Montmartre laufen, und ich auch. Einfach so.
Selbst ich gebe zu, dass Paris ein Theater ist, verschnörkelt, vergoldet (obschon an den Ecken leicht abgestoßen), und wenn man hier lebt, verbringt man die meiste Zeit damit, draußen zu warten, dass man reingelassen wird, oder, wenn man drin ist, zu warten, dass sich der schwere rote Vorhang hebt. Und dann passiert etwas. Das Licht verdunkelt sich, ein Raunen geht durchs Publikum, irgendwo regt sich etwas, und man weiß, die Vorstellung beginnt endlich.
Ich rede von den üppigen Blumen, die hoch oben in den versteckten Seitenstraßen aus Balkonkästen quellen. Vom überfüllten Museumsflur, in dem du das Gefühl hast, dass eine Statue dich anstarrt, nur dich, und dass ihr Lächeln auch nach Jahrhunderten noch verschmitzt ist. Von der Mahlzeit, deren einfachste Zutaten vor dir auf dem Teller (vielleicht hast du sie selbst zubereitet, bist den überschwänglichen Anweisungen des Metzgers aufs Genaueste gefolgt) sich zu dem Besten vereinen, was du je gegessen hast. Man wartet und wartet, dass der Vorhang sich hebt, gerade weil man nicht weiß, wann er sich hebt, wo er sich hebt oder was zum Vorschein kommen wird.
Ein Mann, vielleicht. Dein Ehemann.
Ich schrieb Ellie eine SMS. Dass ich mich verspäte, dass sie den Laden aufschließen soll, das Schild auf OUVERT – GEÖFFNET drehen, um einen der seltenen Kunden anzulocken.
Und an dieser Stelle unterbrach mich der Mann, dem ich folgte.
, fragte er.
Kein Hallo. Ich war mit meinem Handy beschäftigt gewesen. Ich war zwar weitergegangen, aber unaufmerksam. Und da stand ich nun, und dieser Mann sprach mich an, was noch nie vorgekommen war.
Er kam zu nah. Sein Atem roch scharf. Passanten, Hunde, Lieferanten, wirbelten um uns herum, Felsen in der Brandung.
, sagte ich. , obwohl ich hätte sagen sollen, und zwar auf Englisch. Aber war mir vertrauter als jedes andere französische Wort, und deshalb hielt er mich für eine Einheimische. Er senkte die Stimme, als er auf Französisch fragte, warum ich ihm folgte.
Was ich nicht sagte: dass ich meinen Mann verloren hatte, dass ich in den ersten Monaten die von diversen Broschüren und Internetseiten und zu vielen Büchern prophezeiten Phasen der Trauer durchlaufen hatte – Schock, Leugnen, Verhandeln, Schuld, Zorn, Verzweiflung – nur dass ich sie immer und immer wieder durchlief und doch nie die versprochene Akzeptanz eintrat.
Bis ich es doch zu dieser letzten Phase schaffte, oder sagen wir eher, bis ich schließlich etwas anderes akzeptierte, nämlich dass die provisorische Lösung, die ich für meine Familie...




