Cast Kalonas Fall
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-403137-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine House of Night Story
E-Book, Deutsch, Band 4, 208 Seiten
Reihe: House of Night Story
ISBN: 978-3-10-403137-8
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
P.C. Cast ist die Autorin der zwölfbändigen House of Night-Serie. Sie wuchs in Illinois und Oklahoma auf und arbeitete viele Jahre als Lehrerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Bücher erreichten eine Gesamtauflage von über zwanzig Millionen Exemplaren und erschienen in mehr als vierzig Ländern. Die Autorin lebt mit ihrer Familie und ihren geliebten Katzen, Hunden und Pferden in Oregon.
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Eins Aus Interesse wurde Neugier und aus Neugier Erkundungsdrang …
Einst, vor langer, langer Zeit, war die göttliche Energie des Kosmos alles, was existierte. Sie war weder gut noch böse, weder hell noch dunkel, weder männlich noch weiblich – sie war schlicht und einfach da, ein Strudel von Möglichkeiten, die aufeinanderprallten, sich verbanden und wuchsen. Indem sie wuchs, entwickelte die Energie sich weiter. Und begann zu erschaffen.
Zuerst erschuf sie die Gefilde der Anderwelt – unendliche Landschaften, erfüllt mit den Traumbildern des Göttlichen. Deren Schönheit regte die Energie zu weiterem Schaffen an, und so entstanden als Abbilder der Alten Magie, die jedem der anderweltlichen Reiche innewohnte, eindrucksvolle Sonnensysteme.
So gut gefielen der göttlichen Energie des Kosmos ihre Schöpfungen, dass eine Veränderung mit ihr vorging. Wie Schmetterlinge lösten sich aus ihr kleine Strudel der Macht, angezogen von den verschiedenen Universen.
Ein Teil dieser Energien verhielt sich ruhig, auf ewig gebunden in einem wirbelnden Gefüge aus Sternen, Monden und hübschen, doch leblosen Planeten.
Ein Teil dieser Energien war sich selbst genug und vernichtete seine Schöpfungen.
Und ein Teil dieser Energien hörte nicht auf, sich zu verändern, zu entwickeln und zu erschaffen.
In einem der anderweltlichen Reiche war die göttliche Energie besonders wissbegierig, wagemutig und rastlos, denn sie hatte unbändige Sehnsucht nach Gesellschaft. Also schuf sie aus den saftigen Wäldern und saphirglitzernden Seen der Anderwelt fantastische Wesen und hauchte ihnen Leben ein. Der Lebenshauch des Göttlichen verlieh den Wesen Bewusstsein und Unsterblichkeit, und das Göttliche gab ihnen Namen: Götter, Göttinnen und Feen. Die Götter und Göttinnen setzte es zu Herren über alle anderweltlichen Reiche ein; die Feen bestimmte es zu ihren Dienern.
Viele jener unsterblichen Wesen schwärmten aus und verloren sich in den Weiten der Anderwelten, doch an denjenigen, die blieben, fand das Göttliche großen Gefallen. Ihnen allein gewährte es die Herrschaft über ein zusätzliches Reich: einen Planeten in seinem Sonnensystem, der sein Interesse geweckt hatte, da er die blaue und grüne Schönheit der Anderwelt widerspiegelte.
Aus dem Interesse wurde Neugier und aus der Neugier Erkundungsdrang, und schließlich konnte das Göttliche nicht widerstehen, über die Oberfläche des grün-saphirnen Planeten zu streichen. Da erwachte der Planet und gab sich selbst den Namen Erde. Die Erde lud das Göttliche ein, ihre üppigen Landmassen und süßen, kühlen Gewässer zu erkunden.
Voller Staunen sahen die Göttinnen und Götter zu.
Entzückt von seiner eigenen Schöpfung verband sich das Göttliche mit der Erde. In ihr fand es große Erfüllung, doch sich dauerhaft zu binden ist gegen die Natur jeglicher Energie. Die Erde verstand und akzeptierte sein Wesen, und ihrer Liebe zu ihm tat es keinen Abbruch. Ehe das Göttliche von ihr Abschied nahm, um in den Weiten des Universums nach weiterer Gesellschaft zu suchen, schenkte es ihr das Kostbarste, was es besaß: die Magie, der es gegeben ist zu erschaffen.
Die junge Erde, fruchtbar und heißblütig, machte sich ans Werk.
Über alle Lande und Ozeane streute sie ihre Gabe aus, und daraus entstanden so viele Lebewesen, dass die staunenden Götter und Göttinnen sie nun oft besuchten, um sich an der Vielfalt des lebendigen Planeten zu ergötzen.
Die Erde hieß die Kinder des geliebten Göttlichen herzlich willkommen. Sie war ihnen so zugetan, dass diese sie zu einer ganz besonderen Schöpfung inspirierten. Aus sich selbst heraus erschuf sie genaue Abbilder der Götter und Göttinnen, hauchte ihnen ihren Lebensatem ein und nannte sie Menschen. Zwar vermochte die Erde den Menschen nicht die Gabe der Unsterblichkeit zu verleihen – dies war allein das Privileg der göttlichen Energie. Doch schenkte sie jedem von ihnen einen Funken der ihr verliehenen Göttlichkeit und sorgte so dafür, dass ihr Bewusstsein – mochte ihr Körper auch immer wieder zu dem zerfallen müssen, woraus er genommen war – in Form von Geist auf ewig weiterbestehen konnte, auf dass sie der Erde, ihrer Mutter, wieder und wieder neu geboren werden konnten.
Die Götter und Göttinnen waren begeistert von den Kindern der Erde, ihren Abbildern. Sie schworen untereinander, diese zu beschützen und die Anderwelt mit dem göttlichen Geist in ihnen zu teilen, wenn das Unvermeidliche geschah und ihre Körper sterben mussten.
Zunächst war alles in bester Ordnung. Die Menschen gediehen und vermehrten sich. Alle Kulturen waren der Erde dankbar und hielten sie in hohen Ehren. Oft besuchten die Göttinnen und Götter die Kinder der Erde, und die Menschen verehrten diese als höhere Wesen.
Die Erde sah zu und achtete darauf, welche der Unsterblichen gütig waren und welche ungerecht. Welche versöhnlich waren und welche nachtragend, welche liebevoll und welche grausam.
Die gütigen, versöhnlichen und liebevollen Unsterblichen gefielen ihr, und sie zeigte ihr Wohlwollen durch fruchtbares Land, reichlichen Regen und üppige Ernten.
Von den ungerechten, nachtragenden und grausamen Unsterblichen wandte die Erde sich ab, und es herrschten Dürre, Hunger und Seuchen.
Die ungerechten, nachtragenden und grausamen Unsterblichen konnten mit den Dürren, Hungersnöten und Seuchen nichts anfangen und wurden es bald leid, die Erde zu besuchen.
Da war die Erde zufrieden, und müde von den Anstrengungen der Schöpfung zog sie sich in ihr Innerstes zurück und fiel für viele Zeitalter in einen tiefen Schlaf. Als sie erwachte, hielt sie Ausschau nach den Kindern des Göttlichen, fand aber kaum noch Anzeichen für ihre Anwesenheit.
Sie rief das Element Luft herbei und sandte mit seiner Hilfe eine Botschaft in die Anderwelt, worin sie die Kinder des Göttlichen bat, sich ihres Schwurs zu entsinnen und zurückzukehren.
Nur eine Unsterbliche gehorchte ihrem Ruf.
Sie erschien in einer klaren Nacht, kurz vor Vollmond, auf einer noch namenlosen zerklüfteten Insel. Als die Erde der Göttin gewahr wurde, saß diese am Rande eines Wäldchens und streckte eine zierliche Hand nach einer neugierigen Wildkatze aus.
»Wo sind die anderen Kinder des Göttlichen?«, flüsterte die Erde mit dem Wind in den Weißdornbüschen.
Die Göttin hob die Schulter auf eine Art, die erstaunlich kindlich wirkte. »Weg.«
So bestürzt war die Erde, dass der Boden leise erbebte. »Alle? Wie können sie alle fortgegangen sein?«
Die Göttin schüttelte den Kopf, und ihr langes, helles Haar schimmerte im Mondlicht mal blond, mal silbern. »Sie sagten, ihnen sei langweilig, und sie wurden rastlos.«
Traurig erzitterte das Laub des Wäldchens. »Genau wie ihr Vater. Warum müssen mich alle verlassen?«
Die Göttin seufzte. »Ich weiß es nicht. Ich verstehe nicht, wie sie sich hier je langweilen konnten.« Sie streichelte die Wildkatze, die sich zärtlich zu ihren Füßen zusammengerollt hatte. »Hier geschieht jeden Tag etwas Neues. Stell dir vor, noch gestern wusste ich nicht, dass dieses wundervolle Wesen existiert.«
Erfreut legte die Erde etwas Wärme in den Wind, der ihre Stimme vom Hain heranwehte. »Du musst aus einem seiner beständigeren Träume erschaffen worden sein.«
»Ja«, sagte die Göttin wehmütig. »Ich wünschte nur, mehr von seinen Träumen wären wie ich. Es ist so …« Sie zögerte, als könnte sie sich nicht entschließen, weiterzusprechen.
»Es ist so …?«, fragte die Erde nach.
»Einsam«, gab die Göttin leise zu. »Vor allem, da es weit und breit niemanden wie mich gibt.«
Die Erde spürte ihre Traurigkeit und empfand Mitleid mit ihr. Da erweckte sie den Hain zum Leben und nahm aus Moos und Krume, Blättern und Blüten greifbare Gestalt an.
Die Göttin lächelte. Die Erde lächelte zurück, zart wie ein Schmetterlingsflügel, und fragte: »Wie ist dein Name, Göttin?«
Die Göttin strich ein letztes Mal über das Fell der Wildkatze, richtete sich auf und breitete die Arme aus. »Die Menschen haben mir viele Namen gegeben. Manche nennen mich Sarasvati.« Ihre Gestalt veränderte sich. Die helle Haut wurde dunkler, das mondlichtfarbene Haar schwarz wie Rabenfedern, und plötzlich besaß sie ein zweites Paar schlanker Arme. Noch immer lächelnd fuhr sie fort: »Nidaba ist ein anderer Name, den deine Kinder in ihren Gebeten flüstern.« Wieder veränderte sie sich, Flügel sprossen ihr aus dem Rücken, und ihre Füße wurden zu Pranken. »Und nicht weit von dieser Insel kennt man mich als Breo-saighead, Gebieterin über Feuer und Recht.« Mit diesen Worten nahm die Göttin wieder Frauengestalt an, herrlich mit flammend rotem Haar, die schneeweiße Haut mit leuchtend saphirnen Stammestätowierungen geschmückt.
Entzückt schlug die Erde die Hände zusammen, und schlafende Schmetterlinge erwachten und tanzten um sie herum. »Dann kenne ich dich! Diese Göttinnen habe ich jahrhundertelang beobachtet. Du bist gütig, friedfertig und gerecht.«
»Das bin ich. Und ich bin allein.« Das Feuer wich aus ihrem Haar, und wieder schien die Göttin ein silberhaariges junges Mädchen zu sein, voller Unschuld und süßer Trauer.
»Wie soll ich dich nennen?«, fragte die Erde, um sie von ihrer Melancholie abzulenken.
Die Göttin dachte nach und gab dann etwas schüchtern zu: »Einen Namen gibt es, den ich lieber als alle anderen mag: Nyx. Er erinnert mich an die Nacht, und diese liebe ich so sehr – ihre Ruhe und das wunderschöne Mondlicht.«
Die Erde...




