De Cataldo | Der Agent des Chaos | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

De Cataldo Der Agent des Chaos


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-99037-091-9
Verlag: Folio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-99037-091-9
Verlag: Folio Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1960er-Jahre: Woodstock, Blumenkinder, rebellische Jugend - ein Agent soll sie manipulieren. Die westliche Jugend ist in Aufruhr, sie ruft nach einer neuen Gesellschaftsordnung. Eine unsichtbare Macht will die Bewegung vernichten. Der amerikanische Anwalt Flint kontaktiert einen römischen Autor und erzählt ihm die 'wahre' Geschichte eines Mannes: Jay Dark. Dieser soll Chaos stiften und die Szene der Rebellierenden mit Drogen über?uten, damit sich der Protest im LSD-Rausch verliert. Wer ist Jay Dark? Superhirn, Agent Provocateur, Hand des Bösen? Flint entfaltet ein Szenario von internationaler Dimension: fehlgeleitete Nachrichtendienste, alte Nazis als Strippenzieher, Menschenhändler, Terroristen und korrupte Polizisten - Sex, Ideale, Rock 'n' Roll und Drogen.

Giancarlo De Cataldo, geboren 1956 in Taranto; lebt und arbeitet als Richter am Berufungsgericht in Rom. Verfasser erfolgreicher Romane und Drehbücher. Mit 'Romanzo Criminale' und 'Suburra' hat er mehrfach verfilmte realitätsbezogene Politthriller über Roms Verstrickungen von Kriminalität, Politik und Vatikan geschrieben. Zuletzt auf Deutsch bei Folio erschienen die Bestseller 'Suburra' (2015) und 'Die Nacht von Rom' (2016) (gem. mit Carlo Bonini) sowie 'Der Vater und der Fremde' (2017).
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Rom, heute

– Tot? Jay Dark? Haha! Meiner Meinung nach ist der Hurensohn noch immer quicklebendig. Wie immer richtet er irgendwo Schaden an.

Anwalt Flint hatte eine heitere, wohlklingende Stimme. Er war ein großer, hagerer älterer Herr, trug einen eleganten grauen Anzug und eine gestreifte Regimentskrawatte, hatte dichte schneeweiße Haare und blaue Augen, sein Blick war abwechselnd kalt und spöttisch. Er war entweder sechzig und schon etwas gebrechlich oder fünfundsiebzig und in Hochform. Behände lief er über die Wege des Monumentalfriedhofs Verano und rauchte eine lange kubanische Zigarre. In der Hand hielt er die englische Ausgabe meines letzten Romans: .

Wir trafen uns zum ersten Mal persönlich.

Einige Zeit davor war ich zufällig auf die Geschichte von „Jay Dark“ gestoßen. Über sein abenteuerliches Leben gab es zwar zahlreiche Geschichten und Gerüchte, doch sehr wenige Aussagen aus unmittelbarer Kenntnis. Die Quellen, wenn man sie überhaupt so nennen wollte, waren zumeist zweifelhaft und aus dritter Hand, sie bestanden fast ausschließlich aus Blogs, die von Anhängern der wildesten Verschwörungstheorien betrieben wurden. Von Leuten, die glaubten, Neil Armstrongs Mondlandung sei ein von der NASA inszenierter Betrug, oder der Mossad habe den Terroranschlag 9/11 in Auftrag gegeben, um Osama Bin Laden, einem Unschuldslamm, das Verbrechen in die Schuhe zu schieben.

Allerdings gab es zu „Jay Dark“ auch seriösere Dokumente. Amtliche Feststellungen. Gerichtsprotokolle. Ermittlungsprotokolle. Ermittlungen der Behörde zur Bekämpfung des Terrorismus. Publikationen von Experten für nationalen und internationalen Terrorismus.

Doch auch die waren mit Vorsicht zu genießen. Die offiziellen Quellen schienen zirkulär zu sein: Eine Information, die von drei oder vier unterschiedlichen Autoren bestätigt wurde, stammte aus ein und derselben Quelle.

Irgendwann hatte die italienische Polizei diesen Typ festgenommen, der mit einem Koffer voller Drogen herumlief und die Telefonnummern hoher Tiere vom Geheimdienst, den Freimaurern und der Politik in der Tasche hatte. Einige Tage nach seiner Festnahme stellte sich heraus, dass sein Pass weder gestohlen noch gefälscht, er in Wirklichkeit jedoch Amerikaner war. Demnach hieß er „Jay Dark“ und sprach elf Sprachen.

Seine Herkunft war ungewiss, bis zu seiner Festnahme hatte er mehr als zwanzig verschiedene Identitäten benutzt. Die DEA, die amerikanische Drogenbehörde, hatte ein Kopfgeld von zweihunderttausend Dollar auf ihn ausgesetzt, sie hielt ihn für den größten LSD-Dealer des Westens. Dennoch hatten die Amerikaner nie seine Auslieferung beantragt. Im Gegenteil. Während seiner vierjährigen Haft in Italien hatte ihm das amerikanische Konsulat Unterstützung, Zuspruch und Geld zukommen lassen. Er war wegen Drogenbesitzes zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden, dann war ein neuer Haftbefehl wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung gegen ihn erlassen worden. Als der Untersuchungsrichter erkannt hatte, dass der „Terrorist“ einem verbündeten Geheimdienst angehörte, hatte man ihn freigelassen. Sobald er frei war, war er verduftet und, wie mir schien, bald darauf gestorben.

Nun, ich hielt das für eine sehr interessante Geschichte und schrieb einen Roman darüber. Mit dem Titel , das war der Name einer Geheimdienstoperation, von der mir ein paar junge Journalisten erzählt hatten.

Das Ziel der Operation soll darin bestanden haben, die Straßen Italiens mit Heroin zu überschwemmen und so den revolutionären Furor einer ganzen Generation zu brechen. Mit dieser Aufgabe habe das System, wie man in den Sechzigerjahren zu sagen pflegte, Figuren wie eben diesen „Jay Dark“ betraut.

Als mir die jungen Journalisten von dieser These erzählten, war ich skeptisch. Drogen waren zweifellos die große Geißel meiner Generation, doch meiner Meinung nach hatte es keiner Verschwörung bedurft. Heroin war schnell zu einer Mode geworden, zu einem „Must“, wie man in den Jahren darauf sagte.

In Wirklichkeit glaubten die armen Teufel einfach daran. Im Klima dieser Jahre glaubte man an Rauschgift wie an viele andere Utopien: an den bewaffneten Kampf, die bevorstehende Revolution, dass es keine psychischen Krankheiten gab, dass die Kriminellen unsere Brüder waren, blablabla. Unmöglich, dass ein derart verbreitetes Phänomen die schmutzige Idee einer Truppe kaltschnäuziger Spione gewesen sein sollte.

Aber dieser ominöse „Jay Dark“ war irgendwie spannend, und die Idee einer weltumspannenden Geheimdienstoperation kam mir mehr und mehr wie ein guter Plot für einen Roman vor.

In meinem Roman hatte ich einen jungen mutigen, natürlich von demokratischen Idealen beseelten Polizisten namens Paco Durante erfunden, der hinter dem unaufhaltsamen Siegeszug des Heroins die Handschrift von Spionen erkannt hatte. Paco macht einen geheimnisvollen Großdealer ausfindig, den ich der Einfachheit halber JD nannte (ein kleines Spiel mit der Wirklichkeit schadet nie der Auflage) und mithilfe eines alten, genauso mutigen, wenn auch etwas zynischen Richters gelingt es ihm, den Dealer festzunageln. Als er ihn festnimmt, sind sie einander sympathisch. Als ob sie ein merkwürdiger Einklang einte. Als Aldo Moro entführt wird, bittet der Polizist JD um Hilfe. Der gibt ihm einen Tipp, warnt ihn aber auch: Wenn man bei gewissen Geschichten zu sehr nachforsche, riskiere man Kopf und Kragen. Prompt stoppt jemand Durantes Untersuchungen. Und da der Kriminalist nicht klein beigibt, wird er mit der bewährten Methode des Verkehrsunfalls beseitigt. JD wird aus der Haft entlassen. In der Folge ist er noch in andere dunkle Geschichten involviert. Die italienischen Staatsanwälte suchen ihn und wenden sich an die Amerikaner um Unterstützung. Die Antwort ist kurz und bündig: ein Totenschein.

Adieu. JD. Finis.

Damit wir uns recht verstehen: Ich hatte mich zwar auf einige wenige Fakten gestützt, doch war ein Roman mit sehr dünnen Wurzeln in der Wirklichkeit. Einen Paco Durante hat es nie gegeben. Doch ein Polizist war bei seinen Untersuchungen tatsächlich durch einen geheimnisvollen Verkehrsunfall umgekommen. Verkehrsunfälle waren jahrzehntelang tatsächlich das Erkennungszeichen unserer Geheimdienste.

Einige Tage nach Erscheinen der englischen Ausgabe hatte ich eine Mail von einer Anwaltskanzlei in Los Angeles erhalten. Beziehungsweise von Anwalt Flint. Er hatte das Buch gelesen und fragte mich, ob ich die Absicht hätte, mich noch einmal mit Jay Darks Geschichte zu beschäftigen.

Mit einen schnellen Blick auf die Website der kalifornischen stellte ich fest, dass es eine Kanzlei Flint & Loewenstein tatsächlich gab, sie hatte ihren Sitz in einer Suite der Lonegan Apartments am Wilshire Boulevard. Ich wählte die in der Website angegebene Nummer, und nachdem ich auf unzählige Anrufbeantworter gesprochen hatte, war endlich Anwalt Alwyn Flint am anderen Ende der Leitung. Flint sprach hervorragend Italienisch, er verteidigte nämlich viele Landsleute von mir – wie er mir nach den einleitenden Floskeln sagte. Zu meiner nicht geringen Verwunderung erklärte er mir, seine Kanzlei kümmere sich um die Interessen der , die vor Jahren von Jay Dark höchstpersönlich gegründet worden war. Unternehmenszweck der Stiftung sei unter anderem, die Berichte über Mr. Darks Aktivitäten, egal in welcher Form, zu kontrollieren. Laut Flint durfte also keine TV-Sendung, kein Film, kein Theaterstück und kein Roman Darks Leben und Wirken zum Thema haben, sofern die Stiftung, also Flint, nicht ihren Segen dazu gab. Ich sagte zu ihm, er solle sich an meinen Anwalt wenden, gab ihm jedoch auch entschieden zu verstehen, dass mein Jay Dark, also JD, eine fiktive Figur und jedwede Forderung somit absurd sei.

Flint hatte meine Aussage hingenommen und wir hatten uns verabschiedet.

Nach zweimonatigem Schweigen rief er mich wieder an. Er sei in Rom und wolle mich kennenlernen.

Ich sagte ihm klipp und klar, dass die Frage der Rechte geklärt sei und ich ihm gegenüber überhaupt keine Verpflichtungen habe. Ich duldete keine Einflussnahme auf meine Arbeit, wenn er anderer Meinung sei, solle er wieder meinen Anwalt kontaktieren.

Ich höre noch immer das Echo des sonoren Lachens, mit dem Flint auf meinen entrüsteten Tonfall reagierte.

– Sie verstehen nicht. Ich möchte, dass Sie die wahre Geschichte Jay Darks erzählen. True Crime statt romantischem Noir.

Nun standen wir einander im ägyptischen Tempel auf dem Friedhof Verano gegenüber, wo die verabschiedet werden, die nicht ans Jenseits glauben. Flint offenbarte mir, warum er sich für diesen ungewöhnlichen Ort entschieden hatte: An einem Sommernachmittag vor dreißig Jahren hatte Jay Dark auf einem anderen römischen Friedhof das Privileg genossen, dem eigenen Begräbnis beizuwohnen.

– Ihrer...



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