Chopin | Das Erwachen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Chopin Das Erwachen


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03820-868-6
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-03820-868-6
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kate Chopins beru¨hmtester Roman gilt als Meilenstein der feministischen Literatur und nimmt die Klassiker des Modernismus vorweg. Wir tauchen tief ein in das Bewusstsein der jungen Mutter Edna Pontellier, die in einem Sommerurlaub am Meer allmählich beginnt, ihr konventionelles Leben zu hinterfragen. Während ihr Mann weiter seinem Beruf nachgeht, verbringt Edna den Großteil ihrer Zeit im Gespräch mit anderen Frauen am Strand. Sie lernt schwimmen, beginnt wieder zu malen – und verliebt sich in Robert, der jedoch bald aus ihrem Leben verschwindet.
Nach dem Ende der Sommerferien kehrt Edna verändert in ihr altes Leben zuru¨ck. Sie möchte die neuentdeckten Freiheiten nicht aufgeben und entfremdet sich immer mehr von ihrem Mann, beginnt schließlich sogar eine Affäre. Doch sie kann Robert nicht vergessen, den sie bei ihrem nächsten Aufenthalt am Meer tatsächlich wiedersieht. Aber Edna und Robert mu¨ssen sich trennen – und Edna gibt sich der Verzweiflung hin.
Einer der größten Texte der amerikanischen Literatur – in einer furiosen Neuu¨bersetzung von Melanie Walz.
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VII


Mrs. Pontellier neigte nicht zu Vertraulichkeiten, sie widersprachen ihrer Natur. Schon als Kind hatte sie ihr kleines Eigenleben ganz in sich selbst gelebt. Sehr früh im Leben hatte sie intuitiv die Doppelseite des Lebens erfasst – die äußere Existenz, die sich anpasst, und die innere, die Fragen stellt.

In diesem Sommer auf Grand Isle begann sie, die Hülle der Verschlossenheit, die sie immer umgeben hatte, ein wenig zu lockern. Es mag – es muss – Einflüsse gegeben haben, unterschwellig und erkennbar, die sie auf je verschiedene Weise dazu brachten, dies zu tun, doch der offensichtlichste Faktor war der Einfluss Adèle Ratignolles. Der unübersehbare körperliche Zauber der Kreolin hatte sie sofort angezogen, denn Edna war auf sinnliche Weise für Schönheit empfänglich. Und die Offenheit der ganzen Existenz dieser Frau, die jeder erkennen konnte und die einen so auffallenden Gegensatz zu Ednas gewohnter Reserviertheit bildete – das hätte eine Verbindung schaffen können. Wer weiß, aus welchen Metallen die Götter das zarte Band schmieden, das wir Zuneigung nennen und ebenso gut Liebe nennen können.

Die beiden Frauen gingen eines Morgens zusammen zum Strand, Arm in Arm, unter dem großen weißen Sonnenschirm. Edna hatte Madame Ratignolle überreden können, die Kinder zu Hause zu lassen, konnte sie aber nicht dazu bewegen, auf eine winzige Rolle Nähzeug zu verzichten, die in die Tiefen ihrer Tasche versenken zu dürfen Adèle gebeten hatte. Auf nicht erklärbare Weise waren sie Robert entkommen.

Der Weg zum Strand war nicht unbeträchtlich, ein langer sandiger Pfad, auf den sporadisches Unkrautgewirr häufige und unerwartete Einfälle unternahm. Kamillenwiesen blühten gelb zu beiden Seiten. Weiter entfernt dehnten sich Obstgärten aus, unterbrochen von kleinen Plantagen mit Orangen- und Zitronenbäumen. Die dunkelgrünen Laubkronen glitzerten von Weitem im Sonnenlicht.

Beide Frauen waren groß gewachsen, Madame Ratignolle mit der weiblicheren und mütterlicheren Figur. Den Zauber von Edna Pontelliers körperlicher Erscheinung nahm man nur unmerklich wahr. Ihre Figur war schlank, gerade und symmetrisch, ein Körper von bisweilen beeindruckender Haltung. Ein zufälliger und uninteressierter Beobachter hätte im Vorbeigehen keinen zweiten Blick darauf geworfen. Doch mit mehr Sensibilität und Unterscheidungsvermögen hätte er die edle Schönheit der Figur und die anmutige Strenge von Haltung und Bewegung erkannt, die Edna Pontellier aus der Menge heraushoben.

Sie trug an diesem Morgen kühlen Musselin – weiß, mit einer in vertikalen Wellen verlaufenden braunen Linie durchsetzt –, einen weißen Leinenkragen und den großen Strohhut, den sie von dem Haken neben der Tür genommen hatte. Der Hut saß schräg auf ihrem gelbbraunen Haar, das leicht gewellt und schwer war und sich eng an ihren Kopf schmiegte.

Madame Ratignolle, mehr auf ihren Teint bedacht, hatte sich einen Gazeschleier um den Kopf gebunden. Sie trug Handschuhe aus Hundsleder mit Stulpen zum Schutz ihrer Handgelenke. Sie war in reines Weiß gekleidet, mit flatternden Rüschen, was ihr gut stand. Das Ornamentale und Flatternde ihrer Kleidung passte zu ihrer üppigen, wollüstigen Schönheit, wie schlichtere Schnitte es nicht vermocht hätten.

Den Strand entlang gab es mehrere Badekabinen, ungefügig, aber solide gebaut, mit kleinen Galerien zum Wasser. Jede Kabine enthielt zwei Abteile, und jede Familie bei Lebruns hatte ein eigenes Abteil, ausgestattet mit allem Badezubehör und anderem Komfort, den die Besitzer wünschen mochten. Die zwei Frauen wollten nicht baden; sie waren nur für einen Spaziergang zum Strand gewandert, um allein und am Wasser zu sein. Die Abteile der Pontelliers und der Ratignolles befanden sich nebeneinander in derselben Badekabine.

Mrs. Pontellier hatte aus reiner Gewohnheit ihren Schlüssel mitgebracht. Sie schloss die Tür auf, ging hinein und kam mit einer Matte zurück, die sie auf dem Boden der Galerie ausbreitete, und mit zwei großen Kissen aus grobem Leinen, die sie an die Wand lehnte.

Die beiden setzten sich im Schatten der Galerie nebeneinander, im Rücken das Kissen und die Beine ausgestreckt. Madame Ratignolle nahm den Schleier ab, wischte sich das Gesicht mit einem zierlichen Taschentuch und fächelte sich mit dem Fächer, den sie immer, an einem langen schmalen Band irgendwo an ihrem Körper befestigt, bei sich trug. Edna legte den Kragen ab und öffnete ihr Kleid an der Kehle. Sie nahm den Fächer von Madame Ratignolle entgegen und begann sich und ihrer Gefährtin zu fächeln. Es war sehr warm, und eine Zeit lang begnügten sie sich mit Bemerkungen über die Hitze, die Sonne und deren Gleißen. Aber eine Brise war aufgekommen, ein rüttelnder steifer Wind, der das Wasser zu Schaum aufwirbelte. Er fuhr in die Röcke der Frauen, sodass sie damit beschäftigt waren, ihre Kleider zu ordnen, zu sichern, Haarnadeln und Hutnadeln festzustecken. Einige wenige Leute ertüchtigten sich in einiger Entfernung im Wasser. Zu dieser Stunde waren am Strand keine menschlichen Geräusche zu hören. Die Dame in Schwarz las auf der Galerie der Nachbarkabine ihre Morgengebete. Zwei junge Liebende tauschten ihre Herzenssehnsüchte in dem Zelt der Kinder, das sie leer vorgefunden hatten.

Edna Pontellier hatte hierhin und dorthin geblickt und ihren Blick zuletzt auf dem Meer ruhen lassen. Es war ein klarer Tag, der den Blick so weit trug, wie der blaue Himmel reichte; über dem Horizont hingen müßig vereinzelte weiße Wolken. Ein dreieckiges Segel war in der Richtung von Cat Island sichtbar, und andere weiter im Süden sahen in der großen Entfernung fast bewegungslos aus.

»An wen – an was denkst du?«, fragte Adèle ihre Gefährtin, deren Gesicht sie mit etwas amüsierter Aufmerksamkeit betrachtet hatte, gebannt von dem verträumten Ausdruck, der das ganze Mienenspiel ergriffen und in statuengleiche Ruhe versetzt hatte.

»An nichts«, erwiderte Mrs. Pontellier aufgeschreckt und fügte sogleich hinzu: »Wie dumm! Aber mir scheint das die Antwort zu sein, die wir instinktiv auf so eine Frage geben. Lass mich sehen«, fuhr sie fort, legte den Kopf zurück und verengte ihre schönen Augen, bis die Pupillen wie zwei lebhafte Lichter funkelten. »Lass mich sehen. Ich war mir gar nicht bewusst, an etwas gedacht zu haben; aber vielleicht kann ich meine Gedanken zurückverfolgen.«

»Ach! Schon gut!«, sagte Madame Ratignolle und lachte. »So viel will ich nicht von dir verlangen. Diesmal soll Gnade vor Recht ergehen. Es ist außerdem viel zu heiß zum Denken, vor allem, an das Denken zu denken.«

»Aber um des bloßen Vergnügens willen«, beharrte Edna. »Zuallererst war der Anblick des blauen Wassers, das sich so weit hinaus erstreckte, und der reglosen Segel vor dem blauen Himmel ein so herrliches Bild, dass ich einfach nur dasitzen und es betrachten wollte. Der heiße Wind auf meinem Gesicht erinnerte mich – ohne dass ich eine Verbindung herstellen könnte – an einen Sommertag in Kentucky und eine Wiese, die dem sehr kleinen Mädchen so groß wie der Ozean vorkam, als es durch das Gras ging, das ihm bis zur Brust reichte. Beim Gehen streckte sie die Arme aus wie beim Schwimmen und schlug gegen das hohe Gras, wie man die Arme im Wasser bewegt. Oh, jetzt sehe ich die Verbindung!«

»Wo war das, als du an dem Tag in Kentucky durch das Gras gingst?«

»Ich weiß es nicht mehr genau. Ich ging schräg über eine große Wiese. Mein Sonnenhütchen versperrte die Sicht. Ich konnte nur die grüne Fläche vor mir sehen, und mir war, als müsste ich immer weitergehen, ohne je an ein Ende zu kommen. Ich weiß nicht, ob ich mich gefürchtet oder gefreut habe. Ich muss abgelenkt gewesen sein.

Wahrscheinlich war es ein Sonntag«, sagte sie lachend, »und ich bin vor den Gebeten weggelaufen, dem presbyterianischen Gottesdienst, den mein Vater in so düsterem Geist abhielt, dass es mich heute noch schaudert, wenn ich daran denke.«

»Und bist du seitdem jemals wieder vor den Gebeten weggelaufen, ?«, fragte Madame Ratignolle amüsiert.

»Nein! O nein!«, beeilte Edna sich zu sagen. »Ich war damals ein kleines gedankenloses Ding, das einfach einem irreführenden Impuls folgte. Im Gegenteil hat die Religion in einer Zeit meines Lebens mir großen Halt gegeben; nach meinem zwölften Lebensjahr und bis – bis jetzt, nehme ich an, obwohl ich nie viel darüber nachgedacht habe – aus bloßer Gewohnheit. Aber weißt du«, unterbrach sie sich, wandte ihre lebhaften Augen zu Madame Ratignolle und beugte sich etwas vor, um dem Gesicht ihrer Gefährtin näher zu sein, »manchmal kommt mir dieser Sommer vor, als ginge ich wieder über die grüne Wiese; müßig, ziellos, gedankenlos und mir selbst überlassen.«

Madame Ratignolle legte ihre Hand auf Mrs. Pontelliers Hand. Als die andere Hand nicht zurückgezogen wurde, umfasste sie sie fest und warm. Sie streichelte sie sogar ein wenig liebevoll mit ihrer anderen Hand und flüsterte:

Das war zuerst für Edna etwas verwirrend, aber sie überließ sich schnell der sanften Zärtlichkeit der Kreolin. Einen offenkundigen und unverhüllten Ausdruck von Zuneigung war sie nicht gewohnt, weder bei sich selbst noch bei anderen. Sie und ihre jüngere Schwester Janet hatten aus unglücklicher Macht der Gewohnheit viel gestritten. Ihre ältere Schwester Margaret war matronenhaft und würdevoll, vermutlich weil sie mütterliche und hausfrauliche Verantwortung zu früh im Leben übernommen hatte, nachdem die Mutter sehr früh gestorben war. Margaret war nicht liebevoll, sondern praktisch veranlagt. Edna hatte hin und wieder eine Freundin gehabt, aber...


Walz, Melanie
Melanie Walz, geboren 1953, hat u.a. Jane Austen, Honoré de Balzac, A. S. Byatt, Charles Dickens und Virginia Woolf übersetzt und wurde vielfach ausgezeichnet. Für ihre Neuübersetzung von George Eliots Middlemarch wurde sie 2020 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Chopin, Kate
Kate Chopin (1850–1904) wurde in St. Louis, Missouri geboren; später lebte sie u.a. in New Orleans und im ländlichen Louisiana. Ihre Vorfahren stammten aus Irland und Frankreich, weshalb sie katholisch erzogen wurde. Mit zwanzig Jahren heiratete sie Oscar Chopin, bekam sechs Kinder und verwaltete gemeinsam mit ihrem Mann eine Baumwollplantage. Nach dem Tod ihres Mannes musste Kate Chopin dieses Geschäft aufgeben und litt zeitweilig unter Depressionen. Auf Empfehlung ihres Arztes begann sie Kurzgeschichten zu schreiben. Mit vierzig veröffentlichte sie ihren ersten Roman, doch ihr größter Erfolg, The Awakening, erschien erst neun Jahre später. Chopin hat mit ihrem Werk nicht nur den amerikanischen Su¨dstaaten ein literarisches Denkmal gesetzt, sondern auch unvergessliche Frauenfiguren geschaffen.



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