E-Book, Deutsch, 394 Seiten
Clarke Die Blume von Cornwall
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-728-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - Ein ergreifender historischer Liebesroman vor der Kulisse des Englischen Bürgerkriegs
E-Book, Deutsch, 394 Seiten
ISBN: 978-3-96655-728-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben. Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.
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Kapitel 1
»Ist es noch weit?« fragte sie. Ein kalter Wind blies ihr ins Gesicht und peitschte ihre Röcke gegen ihre Beine, die eiskalt waren.
Endlose Meilen eines ermüdenden Fußmarsches lagen hinter ihr; das Ödland von Dartmoor, wo sie sich verlaufen hatten; das trostlose Exeter, wo sie keine Unterkunft gefunden hatten; Taunton, wo man sie bestohlen und sie die einzige Erinnerung an ihre Mutter verloren hatte: das dünne Goldkettchen mit dem Medaillon. In elenden, stinkenden Karren hatte man sie mitgenommen, Seite an Seite mit Schweinen, die für den nächsten Markt bestimmt waren. Der kalte Regen und die unerbittlichen Märzwinde hatten ihnen übel mitgespielt; meistens mußten sie auf Heuböden oder in Scheunen übernachten. Nur selten baten sie die Leute in ihre Häuser, an einen wärmenden Kamin.
Ihr Vater sagte: »Noch etwa eine Meile bis Redcliffe Gate. Wir müßten vor Sonnenuntergang da sein.« Seine Gestalt sank vor Erschöpfung in sich zusammen; Schweiß rann über sein Gesicht. Sein Kopf war leer, eine Nachwirkung seiner kürzlich überstandenen Krankheit.
Während Vater und Tochter den Hügel zum Dorf Bedminster hinabstiegen, wurden die Schatten der frühen Aprilsonne länger. Zu ihrer Linken wand sich der Avon tiefblau durch sein Bett aus Felsen.
»Ist Bristol ein großer Ort? Größer als Exeter?« wollte sie wissen, und ihr Vater nickte. Zum Sprechen war er zu erschöpft. »Größer als Plymouth?« beharrte sie. Plymouth war die größte Stadt, die sie vor dieser Reise kennengelernt hatte.
»Sie ist die zweitgrößte Stadt im Königreich. Doch wir werden wahrscheinlich nicht viel davon sehen, wenn Mistress Hazard bereits alles für unsere Überfahrt arrangiert hat.«
»Ich begreife immer noch nicht, warum wir diesen weiten Weg machen mußten. Wenn wir schon nach Amerika fahren müssen, warum haben wir uns dann nicht in Plymouth eingeschifft?«
Charles Pengelly seufzte. Er wußte nur zu gut, daß Lilias England nicht verlassen wollte und daß die Wiederholung dieser Frage nur eine Umschreibung ihrer Gefühle darstellte, da sie ihn zu sehr liebte, um ihre Empfindungen auszudrücken. »Wir hätten in Plymouth nicht an Bord gehen können«, wiederholte er geduldig wenigstens zum zehnten Mal, »weil dort zu viele Wachen des Königs sind und weil es dort niemanden gibt, der uns geholfen hätte. Doch in Bristol gewährt uns Mistress Hazard nicht nur Unterschlupf und gibt uns Nahrung, sie hat auch viele Freunde unter den Schiffseignern und Kapitänen, die uns dann heimlich an Bord schmuggeln können.« »Als blinde Passagiere!« sagte Lilias verächtlich mit der ganzen Geringschätzung, die Sechzehnjährige gegenüber geheimen Machenschaften hegen.
»Ja, blinde Passagiere«, stimmte Charles Pengelly resigniert zu. »Aber solange König Charles die Emigration nach Neuengland für illegal erklärt, haben wir keine andere Wahl.« Er zog seinen Mantel enger um seine schmalen Schultern, die Kälte durchdrang ihn bis auf die Knochen.
»Wir hätten in Cornwall bleiben sollen«, sagte Lilias, als das letzte Haus von Bedminster hinter ihnen im Dunst verschwand.
»Und unser ganzes Leben lang den Geboten der Kirche von England gehorchen, wie der König es wünscht? Niemals! Das ist nicht die Freiheit, für die unsere Vorväter gekämpft haben.
Dafür starb Sir John Eliot im Tower; dafür schnitt man Prynne die Ohren ab.«
Lilias gab sich damit nicht zufrieden. »Du sagtest doch, daß sich die Lage jetzt ändern könnte, da wir nach langen Jahren wieder ein Parlament haben.«
»Vielleicht.« Charles Pengelly wurde von einem Husten geschüttelt. Ein leichter Regen hatte zu fallen begonnen. »Aber dieses Mal machen wir einen völlig neuen Anfang. Massachusetts! Das mußt du dir immer vor Augen halten, Lilias! Und mein alter Freund John Winthrop hat uns seine Hilfe versprochen.«
Lilias antwortete darauf nicht. Sie mußte an das kleine Dorf in Cornwall denken, wo sie aufgewachsen war. An den wilden Schrei der Seevögel und den Salzgeruch des Meeres, das Branden der Wogen an die langgestreckte Küste und die kleine, windumtoste Kirche oben auf dem Kliff, wo ihr Vater einst Hilfspfarrer gewesen war. Ihre Kindheit hatte sie glücklich und behütet verbracht. Aber nach dem Tod ihrer Mutter vor acht Jahren war alles anders geworden, oder vielmehr, ihr Vater hatte sich verändert, seine Stellung aufgegeben und sich den Separatisten angeschlossen, war im Norden Cornwalls herumgezogen und hatte das Wort des Herrn verkündet, wobei er auf die Mildtätigkeit anderer angewiesen war.
Aber Lilias liebte ihren Vater und würde nie etwas sagen oder tun, das ihn verletzen könnte. Sie hatten sich immer sehr nahegestanden. Er hatte ihr das Schreiben und Lesen beigebracht und die Grundbegriffe der Arithmetik. »Mädchen brauchen keine Erziehung«, pflegte ihre Mutter zu protestieren, aber Charles Pengelly hatte darüber nur gelacht. In jenen Tagen hatte er oft gelacht, denn er war ein glücklicher Mann, wie alle seine Gemeindemitglieder wußten. Das hatte sich jedoch mit seiner Bekehrung geändert, wie viele andere Dinge auch, und seine Freunde hatten sich einer nach dem anderen von ihm abgewandt. Lilias hatte stets zu ihm gehalten, selbst als sie von äußerster Armut heimgesucht wurden und sogar noch, als ihr Vater beschloß, die geliebte Heimat zu verlassen und ein neues Leben in Massachusetts zu beginnen.
Sie hätten schon vor zwei Monaten aus Cornwall abreisen sollen, aber kurz vor ihrem Aufbruch war die Pest in ihrem Dorf abgebrochen. Lilias und ihr Vater waren unter den wenigen gewesen, die die Seuche überlebt hatten.
Doch Charles Pengelly war noch nicht völlig gesund. Der Arzt hatte ihn gewarnt, eine derart anstrengende Reise zu Fuß von Plymouth nach Bristol zu unternehmen, aber er hatte es eilig. Denn er wußte, wie ungern seine Tochter das Land verließ, und wollte seinen Entschluß so schnell wie möglich verwirklichen. Heute jedoch, auf diesem mühseligen Marsch, fühlte er sich am Ende seiner Kräfte.
Der Salon von Dorothy Harards Haus in der Broad Street war zum Bersten voll. Aller Augen richteten sich auf Pfarrer Pennill, der sich mit erhobenen Armen an seine faszinierten Zuhörer wandte.
»Sind wir nicht das auserwählte Volk Gottes?« fragte er. »Sind wir nicht die Nachkommen der Stämme Israels?« Alle nickten. »Haben wir nicht mit Gott ein neues Bündnis geschlossen, wie Moses es tat am Berge Sinai?« Einstimmig rief die Gemeinde: »Halleluja!«
Pfarrer Pennill räusperte sich und fuhr fort: »Jahrhundertelang war dieses Land unter der Knechtschaft der Hure Roms. Dann kamen Luther und Calvin und wiesen uns den Weg zum Licht. Aber nun wollen böse Männer uns wieder korrumpieren, uns auf den Pfad Roms zurückführen. Sie wollen, daß wir an die schlimmste aller Ketzereien glauben, an die Wandlung!« Seine Zuhörer stöhnten. »Aber«, schrie Pfarrer Pennill und rollte die Augen gen Himmel, »Gott läßt sich nicht lästern! Er hat seinem auserwählten Volk ein neues Gelobtes Land geschenkt! Ein neues Zion! Ein neues Eden! Ein neues England!« Dorothy Hazard, die in der ersten Reihe saß, neigte zustimmend den Kopf. Alles an ihr, angefangen von dem strenggeschnittenen schwarzen Kleid mit dem schmucklosen weißen Kragen bis zu ihrem schmallippigen Mund, drückte die Puritanerin aus. Vor zwei Jahren hatte sie sich der Sekte angeschlossen, obwohl ihr Mann, Reverend Matthew Hazard, noch immer im Dienst der anglikanischen Kirche stand. Diese unterschiedliche Einstellung zur Religion schadete ihrer Ehe nicht, denn der Reverend hatte gegenüber den Dissidenten eine weitaus großzügigere Einstellung als die meisten Priester seiner Kirche.
Pfarrer Pennill war fast am Ende seines Sermons angelangt, als einer der auf der Straße herumlungernden Bengel, die ihren Lebensunterhalt als Botenjungen verdienten, sich einen Weg durch die Anwesenden bahnte und etwas in Dorothys Ohr flüsterte. Sie nickte, wartete auf das abschließende Amen und wandte sich dann an ihre Freundin, Regina Stillgo.
»Sie sind da. Entschuldige mich bei Pfarrer Pennill und erklär ihm, warum ich nicht bleiben konnte.«
Regina ergriff Dorothys Arm. »Sei vorsichtig«, bat sie.
»Ich bin immer vorsichtig.«
»Du hast immer Glück gehabt«, verbesserte Regina sie. »Das ist ein Unterschied. Vergewissere dich, daß dich keiner der Wachposten sieht.«
»Pah! Die Hälfte der Wachen in dieser Stadt gehört zu den Puritanern. Sie haben vor allen meinen Aktivitäten stets die Augen verschlossen.«
»Aber die andere Hälfte gehört nicht dazu. In Bristol gibt es noch genug Königstreue, die dich gefangennehmen, wenn sie auch nur das Geringste ahnen.«
»Deine Besorgnis rührt mich zutiefst«, entgegnete Dorothy belustigt, »vor allem, weil du nicht einmal Puritanerin bist, Regina, sondern diese Zusammenkünfte nur meinetwillen besuchst. Aber ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen. Nun vergiß nicht, mich bei Pfarrer Pennill zu entschuldigen. Ich weiß, er versteht meine Beweggründe.«
Es war bitterkalt, als sie die Broad Street entlangging, wo sich zwei Gestalten im Windschatten an eine Mauer drückten.
»Mr. Pengelly? Mr. Charles Pengelly?«
»Euer Diener, Madam. Meine Tochter Lilias.«
Dorothy nickte Lilias kurz zu. »Folgt mir bitte, und erregt keine Aufmerksamkeit.«
Es war noch nicht die Zeit des Abendläutens, trotzdem waren nur wenige Leute auf der Straße, als die drei Gestalten dahineilten, bis sie den Garten des St. Ewen’s-Pfarrhauses erreicht hatten. Eine halbe Stunde später aßen Charles und Lilias Pengelly eine einfache, aber nahrhafte Mahlzeit in einem der oberen Räume des Pfarrhauses.
Dorothy spähte suchend aus dem Fenster, ehe sie die schweren Vorhänge wieder...




