E-Book, Deutsch, 169 Seiten
Compter Schwabengold
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7584-9177-1
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 169 Seiten
ISBN: 978-3-7584-9177-1
Verlag: epubli
Format: EPUB
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Hans Compter wurde 1959 in Ulm an der Donau geboren. Nach dem Studium in Heidelberg und Ulm lebt er heute als Arzt in Biberach in Oberschwaben. Er ist begeisterter Mountainbiker und Kanusportler, wo er als Trainer seine Erfahrungen im Wildwasser und im Stand-Up-Paddling weitergibt. Von Kindesbeinen an ist er im Allgäu, in den Alpen und auf der Alb unterwegs - im Sommer mit Bike oder Bergstiefeln, im Winter mit Ski oder Schneeschuhen. Neben der heimatlichen Region gilt seine große Leidenschaft der Einsamkeit Nordskandinaviens und Schottlands, wo er ausgedehnte Expeditionen zu Fuß oder im Kajak unternimmt. Nach den beiden Romanen 'Der Donner bringt den Tod' und 'Johannifeuer', die im Allgäu spielen, hat er mit 'Schwabengold' die Idee eines Krimis in seiner schwäbischen Heimat verwirklicht.
Autoren/Hrsg.
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Montag, 30. Mai
Eins
Florian
Die ganze Stadt schlief. Nur wenige Straßenlaternen beleuchteten notdürftig die schmalen Gassen im Zentrum. Die Lichter der Schaufenster in den Geschäften waren längst erloschen. Selbst die tagsüber allgegenwärtigen Tauben hatten sich irgendwohin verzogen. Unwillkürlich kam ihm ein Märchen in den Sinn. Dornröschen. Mit der Prinzessin war das ganze Schloss in einen hundertjährigen Schlaf gefallen.
Das Gebäude, das Florian Rauscher ansteuerte, war allerdings kein Schloss, sondern der Hospital zum Heiligen Geist. Andererseits war er selbst auch kein Prinz, sondern nur ein einfacher städtischer Angestellter, und sein Ziel keine holde Jungfrau, sondern eine Sonderausstellung wertvoller Kirchenkunst im Museum.
Er lächelte zufrieden und kontrollierte die digitale Zeitanzeige am Armaturenbrett seines Passats. 1:37 Uhr am frühen Montagmorgen. Perfekt. Die letzten Nachtschwärmer waren längst zu Hause, die Frühaufsteher lagen noch in den Federn. Biberach, die Kreisstadt in Oberschwaben, tankte Kraft für die kommende Woche.
Knapp eine Stunde würde er benötigen, um einige Kunstschätze der Ausstellung „Kirchen und Klöster – 800 Jahre christliche Kunst in Süddeutschland“ in die sechs Betonwannen zu packen und auf der umgeklappten Rückfläche seines Fahrzeugs zu verstauen. Anfangs hatte er geplant, sich für den Raubzug einen Kastenwagen auszuleihen, war aber rasch von der Idee wieder abgerückt. Ein Mietwagen hinterließ immer eine Spur, die die Polizei zurückverfolgen konnte. Sein eigener Volkswagen dagegen war im Spitalhof des Museums ein vertrauter Anblick. Sicherheitshalber hatte er die Kennzeichen ausgetauscht gegen Nummernschilder, die er wenige Stunden zuvor am Langzeitparkplatz des Stuttgarter Flughafens abgeschraubt hatte. Die Familie, die einen nahezu identischen Passat dort abgestellt hatte, war offensichtlich auf dem Weg in den Urlaub gewesen. Unwahrscheinlich, dass sie deren Fehlen in der nächsten Woche bemerken würde. Außerdem würde er die Beute vorläufig nur ein paar hundert Meter weit transportieren müssen. Das sichere Versteck, das er ausfindig gemacht hatte, befand sich nämlich in der Nachbarschaft zum Museum.
Die Goldschmiedearbeiten, Reliquien, Handschriften und Buchmalereien waren auserlesene Schätze von immenser historischer Bedeutung und dementsprechend wertvoll. Allerdings stellten die meisten Gegenstände keine lohnende Beute dar. Entweder, weil sie nur mit einer dünnen Goldschicht überzogen waren oder weil sie Edelsteine enthielten. Die Klunker wären zwar leicht zu transportieren und besonders teuer, verloren auf dem Schwarzmarkt jedoch fast ihren ganzen Wert. Rubine, Amethysten oder Lapislazuli mussten aufwändig erst neu geschliffen werden. Der Stuttgarter Hehler, den er vorab aufsuchte, hatte deshalb dazu geraten, sich auf die Gegenstände mit einem möglichst hohen Feingoldanteil zu beschränken. Eingeschmolzen war Gold nicht mehr zurückzuverfolgen, was seinen Wiederverkaufswert erhöhte.
Die infrage kommenden Kunstschätze hatte er sorgfältig anhand des Katalogs ausgewählt. Darüber hinaus hatte die Kuratorin ihm arglos weitere Details zum Goldanteil einiger Stücke verraten. Die knapp neunzig Teile würden gut in die sechs Wannen passen. Fünf Minuten pro Wanne plus den Weg zum Fahrzeug. Leicht machbar. Gegen zwei Uhr dreißig würde das Museum um anderthalb Millionen ärmer, und er um dreihunderttausend Euro reicher sein. Achtzig Prozent betrug die Hehlerprovision.
Vorsichtig steuerte er mit ausgeschalteten Scheinwerfern durch eine Gasse, auf deren linker Seite ein kleiner Bach floss. Kurz darauf erreichte er die Durchfahrt unter einer Glasfront, die in einen Innenhof führte. Am Eingang stand eine bronzene Statue: Anton Braith, der einheimische Kunstmaler, den manche Biberacher fast auf einer Stufe mit Albrecht Dürer sahen. Er selbst hatte bis zu seiner Anstellung im hiesigen Museum noch nicht einmal den Namen gehört gehabt, obwohl er keine fünfzig Kilometer von Biberach entfernt aufgewachsen war.
Rückwärts parkte er sein Fahrzeug an die Treppe zum Nebeneingang des Museums und warf einen letzten, prüfenden Blick in den Rückspiegel. Seinen hellblonden Haarschopf, der trotz seiner zweiunddreißig Lebensjahre bereits ausgeprägte Geheimratsecken aufwies, hatte er unter der Kapuze eines dunklen Hoodies verborgen, obwohl das Museum keine Videoüberwachung besaß. Eine dunkle Jeans und Sneakers komplettierten sein Äußeres. Sollte ihn wider Erwarten jemand sehen, würde die Zeugenaussage keine entscheidenden Erkenntnisse liefern. Eine mittelgroße, schlanke Person. Vermutlich männlich, mutmaßlich zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt. Diese Beschreibung traf alleine im Landkreis Biberach auf zigtausend Personen zu. Ungefährlich also, zumal er nicht einmal in diesem Kreis wohnte.
Leise öffnete er die Heckklappe und entlud die ineinander gestapelten schwarzen Wannen. Zunächst würde er den Haupteingang nehmen, um die Alarmanlage zu deaktivieren und später die Seitentür von innen zu öffnen.
Seit gut einem halben Jahr besaß er einen Schlüssel für das Museum und kannte die Codes sämtlicher Alarmanlagen. Bereitwillig hatte Dr. Astrid Kind, die Kuratorin, ihm beides herausgegeben, nachdem er Interesse an der Ausstellung gezeigt hatte und willens gewesen war, in der Vorbereitung darauf etliche Überstunden zu machen. Sollte dies bei den Ermittlungen herauskommen, würde die blasse und unsichere junge Frau deswegen bestimmt große Probleme bekommen.
Unter den Kollegen und, soweit er gehört hatte, auch innerhalb der Stadtverwaltung und selbst im Gemeinderat war die junge Kunsthistorikerin ein häufiges Ziel für Gespött und Lästereien. Als sie vor zwei Jahren frisch von der Uni ihre erste Stelle im Biberacher Museum angetreten hatte, hatte er fünfzig Euro darauf gesetzt, dass sie die Probezeit nicht überstehen würde. Das verlorene Geld reute ihn bis heute. Allerdings war die Arbeit mit ihr als Vorgesetzte unproblematisch, denn er hatte rasch gelernt, ihre Naivität und Unerfahrenheit zu seinem Vorteil auszunutzen. Während seine Kollegen die ahnungslose, dabei aber manchmal cholerische Kuratorin unverhohlen ihre Missachtung spüren ließen, hatte er sich als loyaler und wissbegieriger Mitarbeiter dargestellt. Frau Dr. Kind hatte in ihrer Gutgläubigkeit rasch Vertrauen zu ihm gefasst.
Erstaunt hatte er nach ein paar Monaten festgestellt, dass die junge Frau trotz ihres jugendlichen Alters offensichtlich über gute Verbindungen in der Kunstszene verfügte. Als er zum ersten Mal von der geplanten Sonderausstellung gehört hatte, war er überrascht gewesen. Die Kuratorin hatte bereits Zusagen für wertvolle Kunstschätze nicht nur aus Bayern und Baden-Württemberg, sondern auch aus Österreich, dem Elsass und sogar aus der Schweiz. Eine Ausstellung dieser Klasse wäre selbst in München oder Stuttgart ein Highlight, für ein Regionalmuseum versprach sie, eine echte Sensation zu werden.
Das Problem der mangelnden Sicherheit hatte Frau Dr. Kind offensichtlich jedoch schlaflose Nächte bereitet. Die Schätze, welche inzwischen seit einigen Wochen präsentiert wurden, waren ungeheuer wertvoll. Die Versicherungssumme belief sich auf fünf Millionen, aber sie hatte ihm vertraulich verraten, dass sie viel zu niedrig angesetzt worden sei. Vermutlich, um an der Prämie zu sparen. Dabei hatte sie auch ausgeplaudert, dass Kunstdiebstähle weitaus häufiger vorkämen, als dies in der Öffentlichkeit bekannt würde. Viele Menschen hätten von dem spektakulären Juwelenraub im Grünen Gewölbe in Dresden gehört, die häufigen kleinen Diebstähle in Museen und Kirchen dagegen würden weder bekannt noch aufgeklärt werden. Das Problem läge in den mangelnden Sicherheitsvorkehrungen und der Tatsache, dass eingeschmolzenes Gold absolut anonym sei. Im Gegensatz zu Edelsteinen oder Geldscheinen mit registrierten Nummern sei die Herkunft des Goldes nicht zurückzuverfolgen.
Ironischerweise hatte seine Chefin ihn genau durch dieses Gespräch überhaupt auf die Idee gebracht, sein Museum auszurauben, und ihm unabsichtlich noch die Adresse eines Hehlers in Stuttgart verraten, der in der Kunstszene allgemein bekannt und gefürchtet sei.
Die Herausgabe des Schlüssels und der Codes für die Alarmanlagen hatte er als gutes Omen aufgefasst und seitdem an seinem Plan gefeilt, der jetzt vollendet werden würde. Natürlich würde die Polizei von einen Insiderjob ausgehen, wenn keine Einbruchspuren zu finden waren, aber sein Schlüssel war nirgendwo registriert. Möglicherweise würde die Kuratorin ihn verdächtigen, aber er vertraute darauf, dass die Frau Doktor ihren Mund hielt. Andernfalls wäre deren Karriere, die gerade erst begonnen hatte, ob ihrer Dummheit schon wieder zu Ende.
Leise glitten die gläsernen Schiebetüren zur Seite, nachdem er den Schlüssel eingeführt und den Türöffner betätigt hatte. Jetzt blieben ihm neunzig Sekunden, um an dem Kästchen hinter der Kasse die korrekte Zahlenfolge einzugeben. Andernfalls würde ein stummer Alarm im Polizeirevier ausgelöst werden. Was dann passieren würde, war allerdings unklar. Seiner Kenntnis nach waren am Wochenende bei Nacht nur zwei oder drei Streifenwagenbesatzungen im gesamten Landkreis im Dienst.
Er tippte die letzte Zahl des achtstelligen Codes ein und das rote Lämpchen im Display erlosch.
Im Gegensatz zum übrigen Museum wies der Eingangsbereich mit dem Treppenhaus eine große Glasfront auf. Deshalb wagte er nicht, die Beleuchtung einzuschalten, sondern schlich im Schein einer kleinen Taschenlampe die Stufen in das zweite Stockwerk hoch.
Die Tür zur Sonderausstellung war massiv und erst vor wenigen Wochen...




