E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Connelly Der Inselcop von L. A.
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70624-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der erste Fall für Detective Stilwell
E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Ein Fall für Detective Stilwell
ISBN: 978-3-311-70624-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach internen Querelen wurde Detective Stilwell vom Los Angeles County Sheriff’s Department nach Catalina Island versetzt. Eine kleine Pazifikinsel keine vierzig Kilometer vor L.A. – und doch eine völlig andere Welt. Statt Morde aufzuklären, schlägt Stilwell sich mit Ordnungswidrigkeiten, Trunkenheit am Steuer und Taschendieben herum. Bis er die Nachricht erhält, dass am Grund des Hafens eine Leiche gefunden wurde, in Plastiksäcke verpackt und mit einer Ankerkette beschwert. Ausgerechnet kurz vor dem ersten richtigen Sommerwochenende und dem Memorial Day, an dem Ausflügler vom Festland auf die Insel strömen. Niemand scheint die tote Frau zu kennen, niemand hat sie als vermisst gemeldet. Zudem entpuppt sich die Meldung über Wilderei in einem Naturschutzreservat als gefährlicher neuer Fall, für den Stilwell in die zwielichtige Vergangenheit eines hohen Tiers von Catalina Island eintaucht. Der Inselcop muss für Gerechtigkeit sorgen und nimmt es dabei mit den Vorschriften nicht immer ganz so genau.
Weitere Infos & Material
1
Die Dunstschicht über dem Meer war so dicht wie Watteund lag wie eine dreihundert Meter hohe Wand vor der Hafeneinfahrt. Die Adjourned hatte sich verspätet, und Stilwell wartete in seinem John Deere Gator an der Zapfstelle hinter dem Casino. Der Hafen war fast leer, und die roten und orangen Anlegebojen trieben in ordentlichen Reihen auf der spiegelglatten Wasseroberfläche. Sobald die Sonne die Dunstschicht wegsengte, wusste Stilwell, würden die Wochenendurlauber über die Insel hereinbrechen. Die Hafenmeisterei hatte für das erste große Wochenende des Sommers volle Auslastung angekündigt. Stilwell war bereit.
Er hörte ein anderes Cart hinter sich anhalten. Ein elektrisches. Kurz darauf schob sich Lionel McKey auf den Sitz neben Stilwell.
»Guten Morgen, Sergeant«, sagte er. »Ich dachte mir schon, dass Sie hier sind. Warten Sie auf die Adjourned?«
»Was kann ich für Sie tun, Lionel?«, fragte Stilwell.
»Gibt es irgendetwas Neues über die Verstümmelungen oben im Reservat? Ich habe noch etwa vier Stunden bis zur Abgabefrist.«
», nicht Verstümmelungen. Eine einzige Verstümmelung. Sie wird noch untersucht, und im Augenblick gibt es noch keine neuen Erkenntnisse. Sobald sich das ändert, sind Sie der Erste, der davon erfährt.«
»Versprochen?«
»Versprochen.«
Stilwells Antwort wurde von einem Nebelhorn unterstrichen, das aus der Dunstschicht dröhnte. An seinem Ton erkannte Stilwell, dass es die Catalina Express war, die gleich aus dem Nebel auftauchen würde. Wie jeden freien Morgen wollte er am Pier sein, um die Neuankömmlinge zu beobachten und die Touristen zu zählen, die in dem Glauben nach Catalina kamen, das Casino sei eine Spielbank, um dann jedoch erfahren zu müssen, dass es nur einen großen Ballsaal und ein Kino beherbergte. An diesem Morgen war es jedoch wichtiger, auf die Adjourned zu warten, als Einfaltspinsel zu zählen.
»Und was wollen Sie in Ihren Bericht reinschreiben?«, fragte er.
»Möglichst wenig«, sagte McKey. »Weil ich nicht wie der letzte Trottel dastehen will.«
»Sehr schlau.«
»Warum? Wissen Sie denn irgendwas?«
»Nein, aber überlegen Sie doch mal, Lionel. Glauben Sie wirklich, das war eine Begegnung der dritten Art?«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Na, sehen Sie. Wann genau ist Ihre Abgabefrist?«
»Um zwei.«
»Falls sich bis dahin noch was tut, sage ich Ihnen auf jeden Fall Bescheid.«
»Okay, danke. Ich werde in der -Redaktion sein.«
»Und ich habe Ihre Nummer.«
»Dann ein schönes Wochenende.«
»Mal sehen. Es wird bestimmt einiges los sein.«
»Allerdings.«
McKey sprang aus dem Gator und ging zu seinem Gefährt zurück. Als er wegfuhr, sah Stilwell die ineinander verschränkten s des -Logos an seiner Seite.
Wenige Sekunden später brach der Bug der Express durch den Nebel und steuerte auf die Anlegestelle der Fähre auf der anderen Seite des Hafens zu.
Die Adjourned folgte ihr in etwa fünfzig Meter Abstand. Es war eine vernünftige Entscheidung gewesen, dem größeren Schiff durch den Nebel zu folgen, statt blind in den Hafen einzulaufen. Der Kapitän der Fähre verfügte über modernste Navigationsinstrumente.
Die Adjourned war eine vierzig Jahre alte Viking 35, die von Judge Harrell hervorragend in Schuss gehalten wurde. Sie war weiß mit blauen Zierleisten und farblich passenden Markisen über den Kajütenfenstern. Stilwell beobachtete, wie sie am Schwimmdock hinter dem Black Marlin Club vorbei und die erste Anlegerreihe entlangglitt, bis sie die letzte orange Boje erreichte. Harrell machte den Motor aus und angelte mit dem Haken eines Gaffs nach der Leine unter der Kugel. Er trug einen Neoprenanzug, woraus Stilwell schloss, dass er nicht mit einem Boot abgeholt werden musste. Der Richter vertäute das Boot mit wenigen Handgriffen, kletterte aufs Heck und sprang in das kalte Wasser.
Stilwell stieg aus dem Cart, schloss die Box auf der Ladefläche hinter den Sitzen auf und holte zwei grün-weiß gestreifte Handtücher heraus, von denen er eines über den Beifahrersitz breitete. Im selben Moment stieg Harrell die Leiter zum Treibstoffdock herauf.
Stilwell warf ihm das andere Handtuch zu. »Ganz schön dicke Suppe da draußen, Judge.«
»Ich bin hinter der Express in den Hafen trojanert«, sagte Harrell.
Bevor er in den Gator stieg, trocknete er den Neoprenanzug mit dem Handtuch ab und schlang es sich um den Kopf.
»Hab ich gesehen«, sagte Stilwell. »Schlau.«
»Trotzdem, sorry, dass ich zu spät komme«, sagte Harrell. »Aber ich habe Mercy angerufen, und sie hat bereits alles vorbereitet.«
Harrell setzte sich auf das Handtuch, das Stilwell auf den Sitz gelegt hatte.
»Ja, Sir«, sagte Stilwell. »Nur ein paar Ruhestörungen wegen Trunkenheit und ein Grenzfall.«
»Was genau hat es mit dem Grenzfall auf sich?«, fragte der Richter.
Stilwell fuhr um das Casino herum zum Justizzentrum der Stadt.
»Rein technisch gesehen, ist es ein Einbruch in ein bewohntes Gebäude in Verbindung mit Entwendung einer Schusswaffe«, sagte Stilwell. »Aber das Gebäude wird von der Ex-Freundin des Verdächtigen bewohnt, und er behauptet, er hätte sich seine Glock nur deshalb von ihr zurückgeholt, weil er Angst hatte, sie könnte sich selbst etwas damit antun.«
»Wie nobel«, sagte Harrell. »Kennen Sie den Mann?«
»Kermit Henderson, hier geboren und aufgewachsen. Arbeitet oben auf dem Golfplatz, fährt die Rasenmäher und hält den Maschinenpark in Schuss. Die Freundin ist Becki Trower, ebenfalls eine Einheimische. Ich dachte, Sie könnten sich mit ihm vielleicht auf einen Deal wie mit Sean Quinlan einigen, damit wir wieder jemanden haben, der sich in der Station um alles kümmert. Sean hat seine Strafe nämlich bald abgebüßt.«
»Okay, wir reden mal mit ihm. Wenn das alles ist, komme ich später vielleicht sogar zum Angeln.«
»Da wäre nur noch das hier.«
Stilwell beugte sich vor, fasste in seine Gesäßtasche und zog ein der Länge nach gefaltetes Dokument heraus, das er am Morgen ausgedruckt hatte. Er reichte es dem Richter, der es entfaltete und zu lesen begann.
»Ein Durchsuchungsbeschluss«, sagte Harrell.
Er wurde still, als er die Zusammenfassung und die Begründung des dringenden Tatverdachts las. Schließlich schüttelte er den Kopf – nicht, weil er mit etwas von dem, was er gelesen hatte, nicht einverstanden war, sondern weil es ihn wütend machte.
»Haben Sie einen Stift einstecken?«, fragte er.
Stilwell nahm den Stift aus der Brusttasche seines Hemds und reichte ihn Harrell, worauf dieser seine Unterschrift in die entsprechende Zeile setzte und Stilwell den Stift zusammen mit dem Durchsuchungsbeschluss zurückgab.
»Ich versuche schon lange nicht mehr zu verstehen, warum Menschen einander die Dinge antun, die sie einander antun«, sagte der Richter. »Aber Grausamkeit gegen Tiere geht mir immer noch extrem nah. Falls dieser Kerl getan hat, was Sie vermuten, dann soll er schon mal zusehen, dass er einen guten Anwalt findet, und hoffen, dass nicht ich den Fall zugeteilt bekomme.«
»Ich weiß«, sagte Stilwell. »Mir geht es genauso.«
Wenige Minuten später trafen sie vor dem Justizzentrum in der Sumner Avenue ein. Stilwell und Harrel gingen in die Sheriff’s Station, wo der Richter seine Kleider und eine schwarze Robe aus dem Schließfach holte. Stilwell schloss ihm die Arrestzelle auf, damit er die Dusche benutzen und sich fürs Gericht umziehen konnte. Kermit Henderson hatte nicht das nötige Geld für seine Kaution aufbringen können und saß in einer der Zellen. Er beobachtete, wie der Richter vorbeiging und nasse Fußabdrücke auf dem grauen Linoleumboden hinterließ.
Von Sean Quinlan war nirgendwo etwas zu sehen. Stilwell textete ihm, das Gefängnis zu wischen, wenn der Richter geduscht und sich angezogen hatte. Es war Quinlans letzte Aufgabe, da der Richter vorhatte, ihn aus der Bewährung zu entlassen.
Stilwell ging in den Gerichtssaal, wo Monika Juarez bereits am Tisch der Anklage saß. Mercy Chapa hatte für ihren wöchentlichen Auftritt dort den Platz der Gerichtsdienerin eingenommen. Den Rest der Zeit war sie Managerin, Disponentin und Mädchen für alles der Sheriff’s Station sowie Stilwells rechte Hand.
Juarez war eine kleine Frau mit brauner Haut, deren schmales Gesicht von schwarzen Locken eingerahmt wurde, die aber die helle Narbe, die sich ihre linke Kieferpartie hinunterzog, nicht vollständig verdecken konnten. Stilwell hatte sie nie danach gefragt, glaubte aber, dass sie mit ein Grund war, weshalb sie Staatsanwältin geworden war. Sie war um die dreißig und dem Superior Court in Long Beach zugeteilt. Wie Judge Harrell kam sie einmal pro Woche nach Catalina, um sich um die Fälle der Insel zu kümmern. Sie reiste jedoch lieber schon am Abend zuvor mit der Expressfähre an, um auf Kosten des County im Zane Grey abzusteigen und am Morgen direkt ins Gericht zu gehen.
»Der Richter ist gleich fertig«, sagte Stilwell. »Wahrscheinlich fängt er mit Henderson an. Danach kommen die geringfügigen Vergehen. Werden Sie mich für die brauchen?«
»Nein«, sagte Juarez. »Sieht alles nach Routinekram aus.«
»Ich habe den Richter im Hafen abgeholt und bereits über Henderson mit ihm gesprochen. Ich glaube, er wird ihm Bewährung anbieten, wenn er sich hier ein paar Monate um alles kümmert.«
»Aber er ist wegen Waffenbesitz angeklagt.«
»Rein technisch gesehen, schon. Aber er hat die Schusswaffe, übrigens seine eigene, gestohlen.«
»Und das nehmen Sie ihm ab?«
»Ja. Das Opfer – seine...




