Conrad | Mit den Augen des Westens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 434 Seiten

Conrad Mit den Augen des Westens


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0783-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 434 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0783-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Mit den Augen des Westens' gehört zu den großen politisch-historischen Romanen des Autors. Anhand der Geschichte des Russen Rasumow erzählt Conrad von Verstrickungen im politischen Wirrwarr der Revolution, Spionage und Gegenspionage, Gewalt und Mord.

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Der Anfang von Rasumoffs Erinnerungen ist mit einem Ereignis verknüpft, wie es für das moderne Rußland charakteristisch ist: mit der Ermordung eines hervorragenden Staatsmannes und noch charakteristischer für die moralische Korruption einer unterdrückten Gesellschaft, in der die edelsten Triebe des Menschen, der Freiheitsdrang, glühende Vaterlands- und Gerechtigkeitsliebe, das Mitleid und sogar die feste Treue schlichter Gemüter der Willkür von Haß und Furcht preisgegeben sind, den unzertrennlichen Begleitern eines nicht hinreichend gefestigten Despotismus.

Das erwähnte Ereignis ist das gelungene Attentat auf Herrn von P., den Präsidenten der berüchtigten Unterdrückungskommmission, die vor einigen Jahren vom Staatsminister eingesetzt und mit außerordentlicher Macht bekleidet worden war. Die Zeitungen schrieben mehr als genug über jene fanatische schmalbrüstige Erscheinung in goldverschnürter Uniform, mit einem Gesicht wie altes Pergament, ausdruckslosen, bebrillten Augen und dem Großkreuz des Prokopius-Ordens um den faltigen Hals. Eine Zeitlang verging, wie man sich erinnern wird, kein Monat, ohne daß sein Bild in irgendeiner der illustrierten Zeitschriften Europas erschienen wäre. Er diente der Monarchie, indem er Männer und Frauen, junge und alte, ins Gefängnis, in die Verbannung oder zum Galgen schickte, mit ewig gleichem, unerschütterlichem Eifer. In seiner mystischen Verehrung des autokratischen Prinzips hatte er es sich zum Ziel gesetzt, im Lande jedwede Spur davon auszutilgen, was an Freiheit im öffentlichen Leben erinnern konnte, und bei seiner rücksichtslosen Verfolgung der neuen Generation schien er es darauf abgesehen zu haben, sogar die Hoffnung auf Freiheit zu vernichten.

Man erzählt sich, daß dieser vielfach verwünschte Mann nicht Einbildungskraft genug hatte, sich über den Haß klar zu werden, den er erweckte. Es klingt kaum glaublich; und doch ist es eine Tatsache, daß er recht wenig Maßnahmen für seine persönliche Sicherheit traf. In dem Leitartikel einer gewissen bekannten Staatszeitung hat er einmal erklärt, daß »der Freiheitsgedanke in dem Werk des Schöpfers niemals existiert habe. Aus einer Vielheit menschlicher Entschlüsse könne immer nur Auflehnung und Unordnung sich ergeben, und diese seien Sünde in einer Welt, die für Gehorsam und Ordnung geschaffen sei. Nicht Vernunft, sondern Autorität sei der Ausdruck der göttlichen Absicht. Gott sei der Selbstherrscher des Weltalls ... « Es mag sein, daß der Mann, der diese Erklärung abgab, glaubte, der Himmel selbst müßte ihn in seinem rücksichtslosen Kampf für die Autokratie auf dieser Welt beschützen.

Zweifellos rettete ihn die Wachsamkeit der Polizei zu verschiedenen Malen. Fest steht aber auch, daß die zuständigen Behörden ihm keine Warnung hatten geben können, als das ihm zugedachte Geschick sich erfüllte. Sie hatten keine Kenntnis von irgendeiner Verschwörung gegen des Ministers Leben; durch ihre üblichen Kanäle war keine Kunde davon gesickert, man hatte keine Anzeichen bemerkt, keine verdächtigen Regungen oder gefährliche Personen.

Herr von P. fuhr in einem offenen, zweispännigen Schlitten nach der Bahnstation, mit Lakai und Kutscher auf dem Bock. Es hatte die ganze Nacht geschneit, und die Straße war zu dieser frühen Stunde noch nicht frei gemacht, so daß die Pferde schwer vorwärts kamen. Der Schnee fiel immer noch in dichten Flocken. Doch der Schlitten mußte genau beobachtet worden sein. Als das Gefährt nach links ausbog, um eine Ecke zu nehmen, bemerkte der Lakai einen Bauern, der langsam auf dem Bürgersteig hinschritt, die Hände in den Taschen seines Pelzrockes und die Schultern im Schneegestöber hochgezogen. Als der Schlitten ihn überholte, fuhr der Bauer plötzlich herum und erhob den Arm. Im Augenblick erfolgte ein furchtbarer Schlag, eine Detonation, die durch das Schneetreiben gedämpft wurde. Beide Pferde lagen tot und verstümmelt auf dem Boden, und der Kutscher war mit einem schrillen Aufschrei tödlich verwundet vom Bock gefallen. Der Lakai, der unverletzt blieb, hatte keine Zeit, sich das Gesicht des Mannes in dem Schafpelz einzuprägen. Dieser entfernte sich, nachdem er die Bombe geschleudert hatte. doch vermutet man, daß er es für klüger gehalten habe, zu dem Ort der Explosion zurückzukehren, da er von allen Seiten eine Menge von Leuten durch das Schneetreiben heraneilen sah.

In unglaublich kurzer Zeit hatte sich eine aufgeregte Masse rings um den Schlitten versammelt. Der Ministerpräsident, ebenfalls unverletzt, war in den tiefen Schnee hinausgetreten, stand neben dem sterbenden Kutscher und sprach zu wiederholten Malen den Leuten mit seiner schwachen, farblosen Stimme zu: »Ich bitte euch, bleibt weg. Um der Liebe Gottes willen bitte ich euch, gute Leute, wegzubleiben.«

In diesem Augenblick trat ein schlanker junger Mensch, der bisher regungslos in einem Torweg zwei Häuser weiter gestanden hatte, in die Straße hinaus, ging rasch ein paar Schritte und schleuderte über die Köpfe der Menge weg eine zweite Bombe. Diese traf den Ministerpräsidenten gerade an der Schulter, während er sich über seinen sterbenden Diener beugte, fiel dann zu seinen Füßen nieder, explodierte mit grauenhafter Gewalt und streckte ihn selbst tot zu Boden, gab dem Verwundeten den Rest und vernichtete den leeren Schlitten in einem Umsehen. Mit einem Schrei des Entsetzens stob die Menge nach allen Richtungen auseinander, mit Ausnahme jener, die tot oder sterbend nächst dem Ministerpräsidenten liegen blieben, und einem oder zwei anderen, die erst niederstürzten, nachdem sie eine kurze Strecke gerannt waren. Die erste Explosion hatte wie durch Hexerei eine Menschenmenge zur Stelle gebracht, die zweite ebenso rasch eine völlige Leere in der Straße geschaffen, für Hunderte von Metern nach jeder Seite hin. Durch den fallenden Schnee blickten Leute von ferne auf den kleinen Haufen von Leichen, die übereinander lagen, neben den beiden Pferdekadavern. Niemand wagte sich in die Nähe, bis ein paar Kosaken von einer Straßenpatrouille angaloppierten, absaßen und die Toten umzuwenden begannen. Unter den unschuldigen Opfern der zweiten Explosion, die man auf den Bürgersteig gebettet hatte, war auch ein Mann in einem bäuerlichen Schafpelz, doch das Gesicht war unkenntlich, in den Taschen seiner ärmlichen Kleidung wurde absolut nichts gefunden, und er war der einzige, dessen Identität niemals festgestellt wurde.

An jenem Tage stand Rasumoff zur gewöhnlichen Stunde auf und verbrachte den Vormittag in der Universität, indem er Vorlesungen hörte und eine Zeitlang in der Bibliothek arbeitete. Bei Tisch in der Mensa academica, wo er sein Mittagsmahl zu nehmen pflegte, hatte er die ersten leisen Andeutungen über irgend etwas wie ein Bombenattentat gehört. Doch diese Andeutungen wurden nur geflüstert, und man war in Rußland, wo es nicht immer rätlich war, besonders für einen Studenten, an gewissen Arten von Geflüster zu viel Anteil zu nehmen; Rasumoff war einer jener Leute, die in einer Periode geistiger und politischer Unruhen leben und dabei instinktiv im normalen, praktischen, alltäglichen Leben Halt suchen. Er war sich der hochgradigen Spannung seiner Zeit bewußt. Er reagierte sogar darauf in unbestimmter Weise; sein Hauptaugenmerk aber war auf seine Arbeit, seine Studien und seine eigene Zukunft gerichtet.

Da er offiziell und tatsächlich keine Familie besaß (denn die Tochter des Erzpriesters war längst tot), so hätten keine äußerlichen Einflüsse auf seine Überzeugungen oder Gefühle einwirken können. Er stand in der Welt so allein wie ein Mann, der auf hoher See schwimmt. Das Wort Rasumoff war nichts als die Spitzmarke für eine einsame Persönlichkeit. Nirgendwo gab es Rasumoffs, die zu ihm gehörten. Seine nächsten verwandtschaftlichen Beziehungen waren mit der Feststellung gegeben, daß er ein Russe war, und diese Beziehung allein konnte ihm alles Gute, was er vom Leben erhoffte, geben oder versagen. Diese ungeheure Verwandtschaft litt unter·inneren Zerwürfnissen. Doch er schreckte instinktiv vor dem Getriebe zurück, so wie ein gutmütiger Mensch davor zurückschrecken mag, in einem heftigen Familienzwist Partei zu nehmen.

Auf dem Heimweg überlegte Rasumoff, daß er nun seine ganze Zeit der Preisarbeit widmen könne, da er mit den Vorarbeiten für die nächste Prüfung fertig sei. Er strebte nach der Silbernen Medaille. Das Unterrichtsministerium hatte einen Preis ausgesetzt, die Namen der Bewerber sollten dem Minister selbst vorgelegt werden. Die bloße Beteiligung mußte höheren Ortes als verdienstvoll angesehen werden, und der Erringer des Preises sollte nach Erlangung des Doktorgrades Anspruch auf eine bessere Anstellung bei der Regierung haben. In einer Anwandlung von Stolz vergaß der Student Rasumoff die Gefahren, die den Bestand der Einrichtungen bedrohten, die Belohnungen und Anstellungen zu vergeben hatten; dachte er aber an den Preisträger des Vorjahres, dann fühlte Rasumoff, der junge Mann ohne irgendwelche Verwandte, sich ernüchtert. Er und einige andere waren zufällig im Zimmer ihres Kameraden anwesend, als diesem gerade die offizielle Verständigung von seinem Erfolg zugestellt wurde. Er war ein ruhiger, anspruchsloser junger Mensch. »Verzeiht«, hatte er gesagt, während er mit einem schwachen Lächeln der Entschuldigung nach seiner Pelzmütze griff, »ich gehe fort und lasse Wein heraufschicken. Zuerst aber muß ich meinen Leuten nach Hause telegraphieren. Ich bin sicher, daß die beiden Alten ein Fest deswegen feiern und die Leute zwanzig Meilen in der Runde zu Gaste laden werden.«

Rasumoff dachte, daß es für ihn...



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