E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Corbett Mission Road
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910918-17-7
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-910918-17-7
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ron Corbett ist Autor, Journalist und Rundfunksprecher. Er unterrichtete Journalismus an der School of Journalism der Carleton University und gewann zahlreiche Auszeichnungen, darunter zwei National Newspaper Awards. Er ist Autor von sieben Fachbüchern. Sein erster Roman 'Ragged Lake', der erste in der Frank Yakabuski Serie, erhielt begeistertes Lob und eine Edgar Allan Poe Nominierung der Mystery Writers of Amerika für das beste Original-Taschenbuch. Die Serie um Frank Yakabuski ist mittlerweile auf vier Romane angewachsen. Ron Corbett ist mit der preisgekrönten Fotografin Julie Oliver verheiratet.
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3
Yakabuski brachte Jayne in eine Verwahrzelle im Keller des Centretown-Polizeireviers und trug dem Diensthabenden auf, ihn dort sitzen zu lassen, bis er wiederkam und den Papierkram erledigen konnte.
»Wie lautet die Anklage?«, fragte der Sergeant.
»Das sage ich dir, wenn ich wieder da bin.«
»Ich muss irgendwas in den Aufnahmebericht schreiben, Yak. Kannst du mir nicht was sagen?«
»Wie wäre es mit Beihilfe in einem Vermisstenfall?«
»Gibt’s das?«
»Sollte es. Schreib es einfach hin, Barry. Ich kümmere mich heute Nachmittag um den Papierkram.«
Der Sergeant nickte und sparte sich weitere Fragen.
Yakabuski nahm den Aufzug in den zweiten Stock, wo eine Sonderbesprechung in Anwesenheit von zwei Strafvollzugsbeamten stattfand, um das zu diskutieren, was auf dem Revier im Augenblick nur »der Fall« genannt wurde, und alle wussten, was gemeint war. Als Yakabuski eintrat, richtete gerade Inspector Mick Lawrence, Leiter der Ermittlungsabteilung, das Wort an die Anwesenden.
»Wir haben heute Morgen noch mehr zu besprechen als sonst, außerdem haben wir Gäste aus dem Strafvollzug, also fasst euch kurz, wenn ich bitten darf. Wir wollen nicht den ganzen Tag hier rumhocken.«
Auf Lawrences Zeichen hin wurde das Licht gedimmt, und auf der Videoleinwand am Ende des Besprechungsraums erschien ein Schwarz-Weiß-Bild der Frachttür eines Flugzeugs. Lautes Stöhnen ertönte.
»Genau das meine ich, Leute«, sagte Lawrence. »Ich weiß, dass ihr das alles schon kennt. Aber wir fangen noch mal ganz von vorn an. Vielleicht ist heute der Tag, an dem wir den Scheißfall knacken.«
Gelächter erklang, und diesmal mahnte Lawrence nicht zur Ruhe. Yakabuski nahm an, es lag an der Art der Reaktion. Mick Lawrence war Ende fünfzig und hatte blondes Haar, das er lang, aber nicht zu lang trug. Er trug eine Brille mit Drahtgestell, dessen Farbe sich mehrmals die Woche änderte.
»Was Sie hier sehen, ist die Frachttür des De-Kirk-Flugzeugs, aus dem am 17. Dezember, während es auf dem Rollfeld des Springfield International Airports stand, Diamanten im Wert von eins Komma zwei Milliarden Dollar gestohlen wurden.«
Lawrence richtete seine Erklärungen direkt an die beiden Fremden im Raum, die mit ihren grauen Uniformen des Strafvollzugs unter den in Zivil gekleideten Polizisten deutlich herausstachen. Auf der Leinwand öffneten sich die Frachttüren und ein Pilot erschien, einen Rollcontainer vor sich herschiebend. Ein schwarzer Econoline-Van mit abgedeckten Nummernschildern fuhr neben das Flugzeug. Zwei Männer mit Fischermützen und schwarzen Sturmhauben stiegen aus, die Gesichter komplett verborgen. Einer der beiden, dessen lange Haare unter der Sturmhaube hervorhingen, verschwand zusammen mit dem Piloten im Flugzeug. Der andere schob den Container in den Laderaum des Vans.
Der Langhaarige tauchte mit zwei weiteren Containern auf und rollte sie an die Frachttür. Die Männer luden sie in den Van und fuhren davon. Es waren genau zwei Minuten und sechsundfünfzig Sekunden vergangen. Der Pilot war nicht wieder zu sehen.
»Wegen all dem anderen, das in Springfield zum Zeitpunkt des Raubs gerade los war«, sagte Lawrence, der das Video anhielt und ein Zeichen gab, wieder Licht zu machen, »glauben wir, dass die Shiners hinter dem Raubüberfall stecken. Wie Sie wissen, ist diese irische Verbrecherbande schon seit dem neunzehnten Jahrhundert eine Schande für die Stadt, als sie damit anfing, die Siedlercamps am Springfield River zu überfallen. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Fahrer des Wagens um Sean Morrissey handelt, den Boss der Shiners. Die Identität des zweiten Diebs haben wir bisher nicht ermitteln können. Wir vermuten, dass Morrissey gemeinsame Sache gemacht hat mit Gabriel Dumont, einem Métis-Anführer, der in der Nähe von Cape Diamond wohnte, wo De Kirk eine Mine betreibt. Er gehörte zu einer Gruppe, die sich Travellers nennt. Der Pilot war einer von Dumonts Männern, er wurde im Flugzeug getötet und Dumont in der Nacht des Überfalls zu Hause ermordet. Morrissey wurde einen Tag später festgenommen und als Tatzeuge in dreitägigen Gewahrsam genommen. In der Nacht vor seiner geplanten Entlassung hat er in der Zelle den diensthabenden Sergeanten verprügelt und wurde zu achtzehn Monaten Haft verknackt. Bei doppelter Anrechnung der Tage in Gewahrsam und der üblichen Zweidrittel-Reduzierung, die wir in diesem Land Verbrechern schon dafür geben, dass sie überhaupt vor Gericht erscheinen, wird er in zehn Wochen auf Bewährung entlassen. Ist das korrekt, Mr. Gallagher?«
»Ja«, sagte der Ältere der beiden grau Uniformierten. »Das Entlassungsdatum ist der dreißigste April. Dann hat er vier Monate abgesessen.«
»Wie verhält sich Mr. Morrissey in Wentworth bisher?«, fragte Lawrence.
»Er ist erst ein paar Wochen da, bisher gab es keine Zwischenfälle. Das Strafmaß ist so gering, dass er nicht in unsere Programme eingegliedert wird. Ich tippe darauf, dass er die Zeit in aller Ruhe absitzen wird.«
»Besucher?«
»Sein Anwalt Tyler Lawson war zweimal da. Sonst niemand.«
»Darf ich etwas fragen?« Das kam von dem zweiten Vollzugsbeamten, einem viel jüngeren Mann. Er hatte die Hand gehoben.
»Nur zu«, sagte Lawrence.
»Der Angriff auf den Sergeanten in Gewahrsam wirkt beabsichtigt. Morrissey schien dafür sorgen zu wollen, dass er in Haft bleibt. Sehen Sie das auch so?«
»Ja. Wir wissen nicht, ob er improvisiert oder das Ganze schon länger geplant hatte. Und wir wissen auch nicht, warum er es getan hat.«
»Aber Sie glauben, dass Morrissey Dumont ermordet hat?«
»Wir denken, er hat den Mord in Auftrag gegeben. Der Täter heißt Cambino Cortez, er hat sowohl mit Dumont als auch mit Morrissey Geschäfte gemacht. Er stammt aus Mexiko, aus einem kleinen Dorf namens Heroica, nicht weit weg vom Grenzübergang Brownsville in Texas. Das letzte Mal wurde Cortez am Morgen des Raubs in Sioux Falls gesehen.«
»Ist er noch in der Gegend?«
»Wir gehen davon aus.«
Der Vollzugsbeamte lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln zurück. Ein cleverer Bursche, der ein paar clevere Fragen gestellt hatte. Yakabuski wusste, dass weitere folgen würden.
»Und was die Frage angeht, was Morrissey nach dem Raub mit den Diamanten gemacht haben könnte«, fuhr Lawrence fort, »gibt es wohl keine Theorie, die ich noch nicht gehört habe. Heute Morgen kam ein Anruf von einem Journalisten aus Florida, der mit mir über eine mögliche Beteiligung von Außerirdischen reden wollte.«
Alle lachten. Lawrence ließ es auch jetzt wieder durchgehen.
»Ich möchte das Ganze einfacher angehen. Bei jedem Raub folgt man immer der Spur des Geldes, in unserem Fall also dem Econoline Van. Ich übergebe das Wort an Constable Donna Griffin.«
Donna Griffin, eigentlich Streifenpolizistin, war nach dem Diamantencoup ins Ermittlungsteam abgestellt worden. Yakabuski hatte sie gebeten, Computerrecherchen zu erledigen, und sie hatte die bisher besten Hinweise zur Ermittlung beigetragen.
»Für die Kollegen vom Strafvollzug fange ich am Flughafen an«, sagte sie, und wieder wurde es dunkel im Raum. Auf der Leinwand erschien ein Standbild, auf dem der Econoline Van durch das Tor des Frachthangars am Flughafen fuhr. Sie drückte Play, und der Van begann zu rollen.
»Wir haben das Video aus allen Sicherheits-, Überwachungs- und Verkehrskameras zusammengeschnitten, die den Econoline Van in jener Nacht irgendwo in Springfield aufgenommen haben. Er verließ den Flughafen um null Uhr sechsundvierzig, die nächsten acht Minuten und siebenunddreißig Sekunden können wir lückenlos nachvollziehen. Dann fährt er in der Doucet Street in ein Parkhaus. Das hat drei Stockwerke, die nicht einsehbar sind; der Van befindet sich elf Minuten und vierzehn Sekunden lang dort. Hier fährt er weiter.« Sie hielt das Video an, zu sehen war ein Econoline Van von anderer Farbe und mit der Aufschrift für einen Klempnerdienst beim Verlassen des Parkhauses.
»Der Van wurde also blitzschnell umlackiert«, sagte der junge Vollzugsbeamte, diesmal ohne erst die Hand zu heben. »Warum klauen sie nicht einfach einen zweiten und platzieren ihn im Parkhaus?«
»Wir denken, die Diebe wollten das Risiko vermeiden, zufällig in eine Verkehrskontrolle zu geraten«, sagte Griffin. »Der Van war nicht gestohlen. Er war auf einen Mann zugelassen, der vor zwanzig Jahren in Cork’s Town gestorben ist.«
»Super Trick.«
»Genau.«
Griffin drückte Play, und der Van fuhr die Doucet Street entlang. »Die nächsten sechzehn Minuten und dreiundzwanzig Sekunden lang haben wir ihn immer im Blick. Keine einzige Sekunde fehlt. Der Van verlässt das Parkhaus und nimmt den Highway 7 in Richtung Osten. Um ein Uhr zwanzig fährt er an der Ausfahrt Mission Road ab und wird drei Minuten später von einer Überwachungskamera an einer Irving-Tankstelle eingefangen. Das ist dann für die nächsten siebenundvierzig Minuten die letzte Sichtung.«
Sie spulte das Video vor und stoppte es bei einer Aufnahme des Vans in Flammen. Sie drückte Play und sagte: »Um zwei Uhr zehn wurde der brennende Van von einer Kellnerin im O’Keefe’s in einer Seitengasse der Belfast Street entdeckt. Sie hat das Video mit ihrem Handy gemacht. Keine Spur der Diamanten im Van. Keine Spur von Morrissey oder dem zweiten Dieb. Die Forensik hat rein gar nichts gefunden, und das wird sich so bald auch nicht ändern.«
Sie...




