E-Book, Deutsch, 336 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 205 mm
Cox Die Tochter des Leuchtturmwächters
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96362-743-9
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 205 mm
ISBN: 978-3-96362-743-9
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amanda Cox ist Theologin und Seelsorgerin. In der langjährigen Beratung und Begleitung von Menschen hat sie Erfahrungen gesammelt, die sie zur Entwicklung der vielschichtigen, facettenreichen und emotional anrührenden Charaktere ihrer Romane inspirierten. Mit ihrem Mann und drei Kindern lebt sie in Tennessee. https://amandacoxwrites.wordpress.com Instagram: https://www.instagram.com/amandacoxwrites/ Facebook: https://www.facebook.com/amandacoxwrites/
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Kapitel 1
Oktober 2007
Copper Creek, Tennessee
Joey Harris erhob sich aus ihrem Liegestuhl und starrte aus dem Fenster ihres Büros im ersten Stock. Goldene Blätter fielen von den Bäumen und blieben auf dem nassen Gehweg am Rand des historischen Marktplatzes kleben. Zwei Frauen mittleren Alters unterhielten sich auf der Straße, gestützt auf ihre Regenschirme. Wenn sie doch nur Joeys Büro betreten würden und sich in die leeren Felder ihres Kalenders eintragen könnten.
Sie trat vom Fenster zurück und ließ die Gardine los.
Ein schrilles Geräusch ertönte und sie wich zurück. Was, wenn sie den Anruf einfach ignorierte und darauf bestand, den letzten vereinbarten Termin wahrzunehmen? Wenn sie sich weigerte zu akzeptieren, dass ihre Dienste von den Einwohnern von Copper Creek in Tennessee nicht länger benötigt wurden?
Sie straffte die Schultern und nahm das schnurlose Telefon aus der Station. »Josephinas Eventschmiede.«
»Hi, Liebling. Ich wollte nur Hallo sagen. Ich stelle dich laut.« Mom. Joey stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte. Straßenlärm und die Stimme eines Navigationssystems drangen an ihr Ohr.
Joey sank auf das kleine Sofa hinter ihr und streifte ihre Pumps ab.
»Sag deiner Tochter Hallo, Ronnie«, zischte ihre Mutter, als könnte Joey nicht jedes Wort hören.
»Ich versuche, dieser neumodischen Navi-Dame zuzuhören und die Spur zu wechseln, ohne dass ich mit meinem Transporter einen Minivan erledige. Bitte sag deiner Mutter, dass ich nur eine Sache gleichzeitig machen kann, Joey.«
Joey unterdrückte ein spöttisches Lachen. »Läuft eure Fahrt bislang gut?«
Früh an diesem Morgen waren ihre Eltern aufgebrochen. Sie waren aus dem Haus ausgezogen, das Joey mit ihrem Vater zusammen gebaut hatte, als sie gerade einmal acht Jahre alt gewesen war. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie es gewesen war, ihm nicht von der Seite zu weichen und ihm jedes Werkzeug anzureichen, das nicht zu schwer für sie war.
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, was ihnen nicht leichtgefallen war, hatte Joey sich gegen den albernen Drang gewehrt, in den mit den Habseligkeiten ihrer Eltern gefüllten Anhänger zu klettern und als blinder Passagier mit ihnen den Neuanfang zu wagen.
»Es sind noch etwa vier Stunden bis St. Petersburg.« Die freudige Erregung in Moms Stimme war ein gutes Zeichen. Dieser positive Ton hatte viel zu lange gefehlt.
»Sonne und Meer, wir kommen!« Dads Ton war munter, aber Joey wusste es besser. Ihre Eltern hatten schon seit Jahren vor, sich in Florida zur Ruhe zu setzen, aber nicht unter diesen Bedingungen.
Joey legte auf und nahm ihren Kalender vom Schreibtisch. All die durchgestrichenen Termine – Spuren von Plänen, die immer noch geschmiedet wurden, nur ohne sie. Geburtstagspartys. Hochzeiten. Jubiläen. Abschlussfeiern.
In einer Kleinstadt zu leben, in der jeder jeden kannte, hatte Vorteile … und Nachteile. Sie klappte den Kalender zu und stand auf.
Sie nahm ihren Schlüsselbund und sah sich noch einmal in dem aufgeräumten Büro um, das jedem, der durch die Tür trat, signalisieren sollte, dass sie einen Blick für Schönheit und Details hatte. Der Standort war erstklassig zwischen einer Wellness-Oase und einer Boutique. Joey seufzte. Sie war noch nicht recht bereit, diesen Traum aufzugeben, aber allmählich fragte sie sich, ob es die Mühe lohnte.
Sie schloss die Tür hinter sich ab und verließ das Gebäude. Draußen schlug ihr der Geruch von nassem Herbstlaub entgegen. Margaret Pierce, die Inhaberin der Pension eine Straße weiter, kam auf sie zu und ihre niedrigen Absätze klapperten auf dem Pflaster. Plötzlich wurde Joey ganz schlecht.
Margaret blickte vom Bildschirm ihres Smartphones auf. Dann nickte sie Joey kurz zu und entschied sich dann für die andere Straßenseite, anstatt direkt an ihr vorbeizugehen.
Joey knurrte innerlich und schluckte die Worte hinunter, die ihr auf der Zunge lagen. Sie hatte vor sechs Monaten zu erklären versucht, dass ihre Familie unschuldig war, nachdem Margaret ihre Nichte dazu gebracht hat, Joey als Hochzeitsplanerin zu feuern. Aber wenn Margaret damals keinen vernünftigen Argumenten zugänglich gewesen war, dann würde sie es jetzt auch nicht sein.
Es fing an zu nieseln, und ohne dass ihre Schritte stockten, öffnete Margaret ihren Regenschirm und hielt ihn sich über den Kopf. Joey riss den Blick von der Frau los und ging zu ihrem Pickup – einem hellrosafarbenen Gefährt mit Joeys Firmennamen auf der Seite. Das Ding war unglaublich hässlich, aber ihre Eltern waren ganz stolz gewesen, als sie es Joey geschenkt hatten, nachdem sie den ersten Auftrag als Eventmanagerin ergattert hatte. Joey musste unwillkürlich lachen. Dad hatte gesagt, sie brauche etwas Praktisches und Hübsches, um Dinge zu ihren Events zu befördern. Aber um unauffällig durch die Stadt zu fahren, war es nicht das richtige Fahrzeug.
Joey stieg auf der Fahrerseite ein und wischte die Regentropfen von ihren nackten Armen, bevor sie die Locken zurückstrich, die sich aus ihrem Knoten gelöst hatten. Joey parkte aus und fuhr einmal um den Marktplatz.
Als Teenager hatte sie immer gerne mit ihrem Vater und ihrem Bruder zusammengearbeitet, während sie jedem dieser historischen Gebäude ein Facelifting verpasst hatten, bevor eine Reihe anrührender Filme dort gedreht werden sollten. Touristen und neu Zugezogene strömten jetzt nach Copper Creek, weil sie die Märchenstadt sehen wollten, die sie im Fernsehen gesehen hatten.
Nur leider hatten die Leute vergessen, dass es Joeys Vater gewesen war, der mit seiner Arbeit die Produzenten der Serie überhaupt erst verzaubert hatte.
Als sie nach Hause fuhr, versuchte Joey, Ideen zu sammeln, wie sie den guten Namen der Harris-Familie wiederherstellen könnte, aber sie sah im Geiste immer nur ihr leeres Auftragsbuch vor sich und die finstere Miene von Margaret Pierce.
In ihrer Wohnung angekommen, holte sie ein Fertiggericht aus dem Gefrierschrank und schob es in die Mikrowelle. Während das Essen kochte, warf Joey sich auf die Couch und zog sich eine verschlissene Patchworkdecke auf den Schoß. Dann klappte sie ihren Laptop auf und tippte in die Suchleiste den Namen des neuen Viertels, in dem ihre Eltern demnächst wohnen würden. Vielleicht hätte sie doch als blinde Passagierin in dem Lieferwagen mitfahren sollen. Trotz des Drucks auf ihrer Brust lächelte sie bei der Vorstellung, mit ihren sechsundzwanzig Jahren in einer Seniorenwohnlage ihre Zelte aufzuschlagen und für den Rest ihres Lebens elegante hundertste Geburtstage und goldene Hochzeiten auszurichten.
Ihre Suche erstreckte sich bald auf Immobilienanzeigen, in denen Häuser an der Küste angepriesen wurden, weit jenseits ihres Budgets. Sie stellte sich vor, wie sie auf der Veranda eines dieser Häuser stand, einen Mann neben sich. Der adrette Holzfäller trug ein kariertes Hemd und hatte das Gesicht ihres Ex-Freundes Paul. Joey schüttelte den Kopf. Das war merkwürdig. Paul trug niemals Flanellhemden und sie hatte auch nie daran gedacht, ihn zu heiraten. Wie kam sie bloß auf diesen Gedanken?
Sie holte ihr Essen aus der Mikrowelle und zum Glück schmeckte es besser, als es aussah.
Ihr Handy klingelte. Sophies Name erschien auf dem Display.
Joey stellte den Karton auf den Beistelltisch und nahm das Gespräch an. Dann lehnte sie sich zurück und starrte zur Zimmerdecke hinauf. »Hi, Soph«, sagte sie seufzend.
»Du brauchst nicht so überschwänglich zu klingen, wenn du mit mir sprichst. Sonst bilde ich mir noch was darauf ein.«
Joey grinste über die trockene Bemerkung ihrer Freundin. »Nimm es nicht persönlich. Ich habe mich heute Morgen von meinem Elternhaus verabschiedet. Mom und Dad sind auf dem Weg in ihr neues Leben in Florida. Außerdem befindet sich meine Firma gerade in einer rasanten Abwärtsspirale und Rettung ist nicht in Sicht, weil der Name Harris hier am Ort verbrannt ist. Oh, und seit wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, hat Paul mit mir Schluss gemacht, weil er eine andere hat.«
Sophie sog scharf die Luft ein. »Autsch.«
»Ja, ich fühle mich großartig.« Joey löste ihr langes braunes Haar aus dem Knoten.
»Was ist passiert?«
»Ich dachte, ich hätte wenigstens zwei vielversprechende Aufträge an Land gezogen und könnte Copper Creek daran erinnern, dass ich keine Betrügerin bin und auch nicht die Tochter von Betrügern.« Joey verdrehte die Augen. »Da ist diese Frau, Cara, die gerade hergezogen ist und einen Geschenkeladen aufmacht. Sie hat mich gefragt, ob ich ihre Eröffnung planen kann.« Joey rieb sich den Nacken, um die beginnenden Kopfschmerzen zu mildern. »Aber gestern hat sie mich auf der Straße angesprochen und gesagt, Ada von der Boutique nebenan hätte gesagt, wenn sie mir den Auftrag gibt, wird niemand kommen. Ich weiß, dass Margaret dahintersteckt, denn ihre Pension wäre beinahe bankrottgegangen, als …«
»Halt mal kurz die Luft an, Jo-Jo. Ich meinte Paul – den Typen, mit dem du immerhin acht Monate zusammen warst. Warum hast du mich nicht angerufen?«
Joey schnaubte. »Irgendwie hat es sich nicht so wichtig angefühlt bei allem anderen, was war.«
»Was ist passiert?«
»Letzte Woche hat er in der Suppenküche, in der seine Männergruppe freiwillig hilft, ein Mädchen kennengelernt, und sie haben sich angeblich blendend verstanden. Er meinte, es sei...




