Crais Unter Verdacht
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15806-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Thriller
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-641-15806-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Robert Crais, 1953 geboren, begann seine Karriere als Drehbuchautor für das amerikanische Fernsehen und wurde unter anderem mit dem Emmy ausgezeichnet.1980 beschloss er, sich ganz dem Schreiben von Romanen zu widmen. Crais wurde mit zahlreichen namhaften Preisen ausgezeichnet (u. a. mit dem Edgar Award und dem Anthony Award), seine Thriller erscheinen in 42 Ländern und belegen regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten. Robert Crais lebt mit seiner Frau, drei Katzen und Tausenden von Büchern in den Bergen von Santa Monica, Kalifornien.
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Maggie starrte Pete mit gespannter, ungeteilter Aufmerksamkeit an. Sein dunkles Gesicht lächelte, seine Hand war verborgen unter der schweren grünen Masse der USMC-Splitterschutzweste, und er redete mit ihr in dieser hohen, gurrenden Stimme, die sie so sehr mochte.
»Maggie, mein braves Mädchen. Du bist das allerbeste Mädchen überhaupt. Und das weißt du auch, mein Babygirl.«
Maggie war ein dreijähriger, achtunddreißig Kilo schwerer schwarz-gelber Deutscher Schäferhund. Ihre offizielle Bezeichnung lautete Militärischer Diensthund Maggie T415, und die Kennziffer, die sie als Mitglied der U.S. Army auswies, hatte man ihr in die Innenseite ihres linken Ohrs tätowiert.
Corporal Pete Gibbs war ihr Hundeführer. Er gehörte ihr und sie ihm, seit sie sich vor anderthalb Jahren in Camp Pendleton zum ersten Mal begegnet waren und ein Team wurden. Derzeit befanden sie sich zu ihrem zweiten Auslandseinsatz in Afghanistan, wo sie Patrouillen absichern und Sprengstoffe aufspüren sollten. Die Hälfte ihrer Stationierungszeit hatten sie inzwischen hinter sich.
Schmeichelnd bereitete Pete sie auf ihren nächsten Einsatz vor.
»Bist du startklar, Kleines? Findest du das böse Ding für Daddy? Bereit für die Arbeit?«
Maggies Schwanz schlug heftig auf den staubigen Boden. Dieses Spiel gehörte zu ihrem Ritual. Sie kannte es und wusste genau, was als Nächstes kam. Ihre Vorfreude war offensichtlich: Maggie lebte geradezu für diesen Augenblick.
Provinz Al-Jabar, 8.40 Uhr, Islamische Republik Afghanistan. Die Temperatur betrug bereits 43 Grad Celsius und würde noch auf 49 Grad steigen.
Die Wüstensonne brannte heiß auf Maggies dichtes Fell, als ein Dutzend Marines aus drei Humvees kletterten und sich in einer lockeren Reihe zwanzig Meter hinter ihr aufstellten. Maggie kannte sie, schätzte sie aber nicht. Tolerierte sie lediglich, solange Pete sich in ihrer Nähe aufhielt und einen entspannten Eindruck machte. So wie jetzt. Die anderen Marines waren zwar keine Fremden, jedoch nicht Teil des Rudels. Pete schon.
Mehr noch: Er gehörte ihr.
Maggie und Pete aßen zusammen, schliefen zusammen und spielten zusammen 24/7. Was bedeutete, sich vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen bereitzuhalten. Also ständig. Sie liebte und bewunderte ihn und fühlte sich verloren ohne ihn. Wenn andere ihm zu nah kamen, warnte Maggie sie mit einem tiefen Knurren. Dafür war sie gezüchtet worden. Zu bewachen und zu beschützen, was ihr gehörte. Und Pete gehörte nun einmal ihr. Sie bildeten ein Rudel.
Auch jetzt. Maggie konzentrierte sich vollkommen auf ihn. Nichts sonst zählte oder existierte für sie. Es gab nur die gemeinsame freudige Erwartung vor dem Spiel, das sie gleich spielen würden.
Von hinten hörte sie eine Stimme.
»Okay, Pete. Wir sind so weit. Auf geht’s.«
Pete warf dem Mann einen kurzen Blick zu und lächelte Maggie breit an.
»Willst du’s sehen, Mädchen? Möchtest du sehen, was ich hier habe?«
Pete holte einen neongrünen Ball unter seiner Splitterschutzweste hervor.
Maggies Augen fixierten ihn, und blitzschnell stand sie da auf allen vieren. Winselte leise, damit Pete endlich den Ball warf. Sie brannte darauf, hinter dem runden grünen Ding herzujagen. Es war ihr Lieblingsspielzeug und ihr Lieblingsspiel. Pete würde ihn ganz weit werfen, und Maggie würde glücklich hinterherrasen, ihn zielstrebig aufspüren, zubeißen, ihn fest zwischen die Kiefer nehmen und stolz damit zurücklaufen. Ihn Pete bringen, der sie wie immer schon erwarten und sie mit Lob und allerlei Zärtlichkeiten überschütten würde.
Doch diesmal warf Pete den Ball nicht, zeigte ihn ihr lediglich als Versprechen auf zu erwartende Freuden. Auch das kannte Maggie und akzeptierte es. Sie musste bestimmte Gerüche finden – genau, wie Pete es ihr beigebracht hatte. Und sobald ihr das gelungen war, würde sie mit dem Ball belohnt. So ging das Spiel.
Pete stopfte den Ball unter seine Weste, und seine Stimme wechselte von hoch und verspielt zu energisch und befehlsgewohnt. Er war das Alphatier und sprach jetzt mit seinem Alphatonfall.
»Zeig mir, was du kannst, Marine Maggie. Finde die bösen Sachen. Such, such, such.«
Such, such, such.
Maggie war ebenso zum Wachhund wie zum Sprengstoffspürhund ausgebildet worden und somit für zwei Aufgabenbereiche einsetzbar. Sie konnte auf Befehl angreifen, flüchtende Personen verfolgen und stellen und war ein Ass bei der Kontrolle größerer Menschenmengen. Im Augenblick jedoch bestand ihr Job vorrangig im Aufspüren von Munition, Artilleriewaffen und selbst gebastelten Straßenbomben, der bevorzugten Waffe afghanischer Rebellen.
Maggie wusste nicht, was IEDs waren, wie Pete das nannte. Improvised Explosive Devices. Aber das war gar nicht nötig. Sie hatte gelernt, die elf gängigsten Bestandteile dieser Sprengfallen zu erkennen, die die Aufständischen verwendeten, darunter Ammoniumnitrat, Zündschnur, Kaliumchlorat, Nitrozellulose, C4 und Hexogen.
Dass diese Substanzen sie töten konnten, entzog sich Maggies Begreifen. Es spielte auch keine Rolle. Sie suchte diese Dinge, um Pete eine Freude zu machen, und das bedeutete für sie mehr als alles andere. Wenn er glücklich war, dann war Maggie es ebenfalls. Schließlich nahm Pete in ihrem kleinen Rudel den Platz des Alphatiers ein.
Weil er den grünen Ball warf.
Auf sein Kommando hin trottete sie bis ans Ende ihrer Leine, die mit einem D-Ring an Petes Hundeführergürtel befestigt war. Sie wusste exakt, was er erwartete, denn Pete hatte sie ausgebildet und den gleichen Einsatz bereits x-mal mit ihr durchexerziert. Ihre Aufgabe bestand darin, zwanzig Meter vor den Marines die Straße entlangzulaufen und IEDs zu finden. Petes Leben, ihr eigenes und das der Marines hingen von ihrer Nase ab.
Maggie drehte ihren Kopf hin und her, prüfte zuerst die Gerüche weiter oben und senkte anschließend den Kopf, um dicht über dem Boden zu schnuppern. Die Menschen vermochten, sofern sie sich konzentrierten, vielleicht fünf oder sechs verschiedene Duftspuren identifizieren. Ihre sensible Schäferhundnase hingegen vermittelte ihr ein umfassendes Geruchsbild, das einem Menschen nicht zugänglich war.
Sie roch den Staub unter ihren Pfoten und die Ziegen, die ein paar Stunden zuvor die Straße entlanggetrieben worden waren, sowie die Ausdünstungen der beiden Hirten. Einen Krankheitserreger, den eine der Ziegen in sich trug, konnte Maggie ebenso riechen wie die Läufigkeit von zwei weiteren Tieren. Sie unterschied Petes frischen Schweiß von dem alten, eingetrockneten, der noch in seiner Kleidung hing. Ihre Nase witterte seinen Atem, den parfümierten Brief, den er in seiner Hosentasche aufbewahrte, und natürlich den grünen Ball, der unter seiner Weste steckte. Das Waffenöl, mit dem er sein Gewehr reinigte, und die Reste von Schießpulver, die sich wie ein feiner Staub des Todes an seine Waffe klammerten.
Besonders intensiv nahm sie jetzt den Geruch des kleinen Palmenhains nicht weit von der Straße wahr. Dort pflegten nachts wilde Hunde zu schlafen und ihre Ausscheidungen und Markierungen zu hinterlassen, bevor sie weiterzogen. Maggie hasste die Streuner und hielt kurz ihre Nase prüfend in die Luft. Sobald sie zu dem Schluss gelangte, dass sie fort waren, ignorierte sie ihre Duftspuren und konzentrierte sich wieder auf die Gerüche, die sie für Pete finden sollte.
Die würden am Ende schließlich den grünen Ball zum Vorschein bringen.
Ihre Aufgabe bestand darin, zunächst einen fünf Meilen langen, unbefestigten Feldweg zu sichern und anschließend in einem kleinen Dorf nach versteckten Waffen zu suchen. Die Marines würden dort Stellung beziehen, damit Maggie und Pete ungestört ihrer Arbeit nachgehen konnten, und am Ende sämtliche Waffen oder Sprengstoffe bergen, die sie beide entdeckt hatten.
Die Meilen zogen sich endlos hin, ohne dass Maggie die Gerüche, auf die sie angesetzt war, gefunden hätte. Die Hitze wurde immer unerträglicher und brachte ihr Fell zum Glühen. Als sie die Zunge heraushängen ließ, spürte sie einen sanften Zug an ihrer Leine, und Pete kam zu ihr.
»Ist dir heiß, Baby? Hier …«
Maggie setzte sich und trank durstig aus der Plastikflasche, die er ihr anbot. Die Marines hinter ihnen blieben ebenfalls stehen. Ganz nach Vorschrift.
»Ist mit ihr alles okay?«
»Im Moment genügt das Wasser. Aber sobald wir das Dorf erreichen, muss sie eine Weile aus der Sonne raus.«
»Verstanden. Noch anderthalb Meilen.«
»Alles klar.«
Nach einer Weile erreichten sie eine Palmengruppe, aus der sie die Dächer dreier Steingebäude herausragen sahen. Die ersten Häuser des winzigen Ortes. Wieder ertönte von hinten eine Stimme.
»Achtung. Dorf vor uns. Aufpassen, dass wir nicht unter Beschuss geraten.«
Sie hatten sich gerade wieder in Bewegung gesetzt, als Maggie hinter einer Kurve Glockengeklimper und Blöken hörte. Sie hielt inne und spitzte die Ohren. Pete stand abwartend neben ihr, während die Marines nach wie vor ein gutes Stück zurück waren.
»Was ist los?«
»Maggie hat irgendwas bemerkt.«
»IEDs?«
»Nein, sie spitzt die Ohren. Irgendein Geräusch.«
Maggie reckte witternd die Nase in die Luft, schnupperte mehrfach schnell hintereinander, und dann tauchte auch schon die erste Ziege in der flirrenden Hitze auf. Gefolgt von einer kleinen Herde, neben der auf der rechten Seite zwei...




