E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Cramer Bekenntnisse eines Wall-Street-Süchtigen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86470-847-3
Verlag: Börsenbuchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-86470-847-3
Verlag: Börsenbuchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jim Cramer ist Mitbegründer von TheStreet.com. Nach einem Jurastudium an der Harvard University und Aktivitäten als Zeitungsreporter arbeitete er bei Goldman Sachs. Im Jahr 1987 gründete er Cramer Berkowitz, einen privaten Hedgefonds, den er bis zum Jahr 2000 betrieb. Jim Cramer ist Börsenberichterstatter bei CNBC. Seit 2005 hat er seine eigene Show 'Mad Money'.
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Goldman
Im Winter 1982/83, nachdem ich fünf Monate mit Martys Geld getradet hatte, konnte ich den Gedanken nicht ertragen, im Sommer wieder in eine Anwaltskanzlei gehen zu müssen. Ich wusste, dass ich das Recht hasste. Ich hasste Prozesse. Ich hasste die Arbeit für Unternehmen. Ich hasste das Korrekturlesen. Ich hasste es, vor anderen zu kriechen. Ich hasste es, für armselige und gemeine Partner zu arbeiten. Ich wusste, ich würde das niemals durchhalten. Ich wusste, dass ich Geschäfte liebte, und ich wollte im Geschäft sein, nicht in der Justiz. Also entschloss ich mich, den entscheidenden zweiten Sommer bei einer Kanzlei sausen zu lassen und mich bei allen größeren Investmentbanken der Stadt zu bewerben, um zu sehen, ob ich etwas bekommen würde. Ich ging wieder in die Bibliothek der Harvard Business School. Ich suchte die größten und besten Investmentbanken heraus und bewarb mich bei jeder einzelnen. Innerhalb einer Woche hatten alle abgesagt, außer der besten, Goldman Sachs, die ernstlich interessiert zu sein schien. Ich erhielt ein Schreiben von Goldman, dass sie mich für das Ausbildungsprogramm im Sommer in Betracht ziehen würden, ich mich aber gegen Hunderte anderer Bewerber durchsetzen müsste. Rückblickend glaube ich, das war eine Absage, die ich als Zusage betrachtete.
An den schwarzen Brettern in der Bibliothek der Harvard Business School hingen Zettel, auf welchen die Studenten zu einer Cocktailparty ins Bostoner Ritz-Carlton eingeladen wurden, um eventuell einen Platz bei Goldman zu bekommen. Ich mogelte mich durch den Empfang, indem ich meine „Zusage“ vorzeigte, und das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich den Menschen gegenübersaß, welche die Bewerbungsgespräche führten. Ich rechnete mir aus, dass ich aufgrund meines Jurastudiums und meiner Vorliebe für Aktien für einen jener tollen Finanzjobs infrage kommen würde, die in den Businessschools das Angesagteste überhaupt waren. Ich wollte die Rolle der gelehrten Banker übernehmen, die bei den Geschäftsabschlüssen, an denen ich bei Fried Frank teilgenommen hatte, die Anwälte herumkommandierten. Ich wollte die Chance haben, ein hochbezahlter, arroganter Spezialist für Unternehmensfinanzen oder für Fusionen und Übernahmen zu werden. Ich stellte mir vor, dass das zu jemandem mit meinen Fähigkeiten perfekt passen würde. Und dann war ich mit den Menschen in einem Raum, die entscheiden, wer solche Jobs bekommt. Ein paar Minuten nach meinem Eintreffen unterhielt ich mich mit einem baumlangen Mann, welcher der regierende Goldman-Bonze zu sein schien. Und das war er wirklich: Ich war Richard Menschel vor die Füße gestolpert, dem Chef der Abteilungen Wertpapiere, Verkauf und Handel. Er war einer der einflussreichsten Partner, die jemals für Goldman gearbeitet haben. Ich war wild entschlossen, ihm zu sagen, dass die Unternehmensfinanzen meine neue Heimat werden müssten. Nach kurzem Scherzen sagte er, er müsse mir eine sehr wichtige Frage stellen. Er wollte wissen, wieso ein Student der Harvard Law School bei Goldman Sachs Aktien verkaufen wollte. Ich dachte eine Sekunde nach. Hm, Verkauf, also, nun ja, Verkauf – wovon redet der überhaupt? Verkauf? Ich will in die Unternehmensfinanzierung. Bin ich hier nicht bei der Veranstaltung für Unternehmensfinanzierung? Waren die Verkaufsleute bei Goldman Sachs so wie der Broker, der meinem Vater National Video verkauft hatte? Gab es bei der geschätzten und erhabenen Gesellschaft Goldman Sachs so etwas wie Broker?
Aber noch bevor ich sagen konnte, „Haut mich ja total um, Kumpel“, kam ich zur Besinnung und sagte einfach nur: „Weil ich glaube, dass ich für den Verkauf von Aktien wie geschaffen bin.“ Er fragte mich, was mich vor der Masse auszeichne, welche die Jobs ebenfalls haben wollte. Ich dachte einen Moment nach und sagte, ich sei das am stärksten unterbewertete Wertpapier in diesem Raum; wenn er mir eine Chance geben würde, würde ich meinen Wert schon noch beweisen. Ich sagte, ich sei wie Exxon, übersehen und unterbewertet. Er lachte und meinte, vielleicht würde ich eine Chance bekommen. Ich dachte, ich wäre drin, aber ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwartete. Wenn eine Stelle bei Goldman schon für die Besten von der Harvard Business School ein Spießrutenlauf war, dann war sie für einen von der Harvard Law erst recht unmöglich zu schaffen.
Nicht lange, nachdem ich für eines jener quälenden Bewerbungsgespräche bei einer Kanzlei in New York war, die ich in der Hinterhand behielt, falls das Goldman-Spiel nicht aufging, trat ich bei Goldman Sachs zu der Stunde an, die mir der Personalchef mitgeteilt hatte, nachdem Menschel über mein Schicksal entschieden und nicht schlichtweg Nein gesagt hatte. Die Empfangsdame setzte mich etwa um 11:00 Uhr in einen Raum von der Größe zweier Telefonzellen. Ich wartete geduldig und las ein paar Jahresberichte, wie mir schien, stundenlang. Und es waren tatsächlich Stunden. Niemand kam. Kurz nach 17:00 Uhr sagte mir eine Putzkraft, alle seien gegangen und ich sollte lieber nach Hause gehen, wenn ich nicht über Nacht eingeschlossen werden wollte. Ich zog diese Möglichkeit kurz in Betracht und ging dann hinaus.
Die sechs Stunden in der Telefonzelle nahm ich als Zeichen, dass es wohl ein bisschen schwieriger werden würde, als ich gedacht hatte, den Sommerplatz bei Goldman zu bekommen, dass ich mich aber nicht entmutigen lassen sollte. Als ich wieder in Cambridge war, schrieb ich noch einmal und bat um ein Gespräch. Der Verantwortliche für das Sommerprogramm befürchtete, ich hätte die Botschaft meines ganztägigen Wartens wohl nicht begriffen. Ich sagte, doch, das hätte ich, Goldman sei ein raues Pflaster und nur diejenigen, die einen ganzen Tag in einem fensterlosen Raum Däumchen drehend warteten, würden es in die nächste Runde schaffen. Ich sagte dem Personalbeauftragten, der Test sei bisher zwar äußerst kräftezehrend, aber ich sei an dem Verkaufen von Aktien mehr interessiert als je zuvor.
Eine Woche später saß ich wieder in der Zelle. Aber diesmal wechselten sich ein Dutzend junger Mitarbeiter dabei ab, den Burschen von der Law School zu triezen. Jeder von ihnen versuchte, mich aus der Fassung zu bringen, indem er mich nach einem halben Dutzend Aktien fragte, die mir gefielen, sowie nach ihren Kursen, ihren Kurs-Gewinn-Verhältnissen und ihren Buchwerten – ja, es ist schon lange her. Ich dachte, ich wäre gestorben und im Himmel. Ich war dafür geboren, solche Fragen zu beantworten. Nachdem ich die Kurse aller Aktien, ihre 52-Wochen-Tiefs und -Hochs sowie ihre Multiplen und meine Gewinnschätzung für das nächste Jahr genannt hatte, kritisierte ich eifrig ihre Aktien und erwähnte ein paar, von denen ich dachte, dass sie mehr bringen würden als die in der Empfehlungsliste von Goldman enthaltenen.
Ich fühlte mich nach der ganztägigen Serie von Gesprächen so gut, dass ich meinen Mantel aus der Garderobe im Empfangsraum im vierten Stock nahm und aus Goldman hinausrannte, als wäre ein Feuer ausgebrochen. Erst als ich zur Brücke an der 59th Street kam, stellte ich fest, dass ich den falschen Mantel gegriffen hatte – versehentlich war ich in dem Regenmantel des letzten Mitarbeiters gegangen, der mich befragt hatte –, und dachte mit Schrecken, ich würde deswegen die Stelle nicht bekommen. Fünf U-Bahn-Stationen später hängte ich den Mantel gerade wieder auf den Bügel, als der Mitarbeiter gehen wollte. Er schaute mich an und staunte, dass ich noch so lange geblieben war, nachdem ich weggeschickt worden war. Ich meinte, ich könnte mich nicht vom Ort des Geschehens trennen. Er sagte, diese Eigenschaft gefalle ihm, er finde es gut, wenn jemand nicht weiß, wann er aufhören muss.
Kurz danach bekam ich den begehrten Sommerplatz. Ich sollte der Harvard-Law-Typ für Verkauf und Handel sein. Noch nie war ein Student der Harvard Law School so begeistert davon, in die Verkaufsabteilung zu gehen, wie ich. Ich wusste, dass ich nach diesem Ereignis nicht mehr zur Juristerei zurückkehren würde.
In jenem Sommer bekam ich einen Vorgeschmack auf die Grundausbildung von Goldman Sachs. Goldman war das komplette Gegenteil einer Anwaltskanzlei. Bill Gruver, der strenge Leiter des Programms, ging mit uns sofort an die vorderste Front. Als wir da waren, wurde ich sofort in das Verkaufsbüro gesteckt. Dort musste ich die Anrufe von Arbitrageuren entgegennehmen, die im Zuge einer Übernahme Diamond Shamrock kaufen wollten. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat. Die Menschen taten den ganzen Tag nichts anderes, als mich anzubrüllen, was für ein Depp ich wäre. Ich war nicht sicher, ob ich am nächsten Tag wiederkommen sollte. Aber ich kam wieder und setzte mich an den gleichen Platz und wieder wurde ich den ganzen Tag angeschrien, bis mich jemand an einen anderen Schreibtisch bat, und dann wurde ich dort den ganzen Tag angeschrien. Sie nannten mich einen Idioten, einen Trottel, einen blöden Deppen, aber ich konnte froh sein, dass sie nicht wussten, dass ich von der Harvard Law School kam, denn dann hätten sie so richtig ihren...




