Crombie Von fremder Hand
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-10577-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 7
Reihe: Die Kincaid-James-Romane
ISBN: 978-3-641-10577-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Glastonbury in Somerset ist eine Pilgerstätte für New-Age-Apostel, denn an diesem Ort soll sich das sagenhafte Avalon befunden haben. Hier beginnt der Architekt Jack Montfort, in einer fremden Handschrift kryptische Botschaften zu verfassen. Während eine Gruppe von Laien versucht, die Botschaften zu entschlüsseln, wird die Lage allerdings zunehmend mörderisch ...
Deborah Crombies höchst erfolgreiche Romane um Superintendent Duncan Kincaid und Inspector Gemma James von Scotland Yard wurden mit dem »Macavity Award« ausgezeichnet und für den »Agatha Award« und den »Edgar Award« nominiert. Die Autorin lebt mit ihrer Familie im Norden von Texas, verbringt aber viel Zeit in England, wo ihre Romane angesiedelt sind.
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1
Die Fantasie ist eine großartige Gabe, eine göttliche Geisteskraft, und es ist möglich, sie solchermaßen zu üben und auszubilden, dass sie nur dasjenige aufnimmt, was wahr ist.
Frederick Bligh Bond, aus: Das Tor der Erinnerung
Die Schatten sickerten langsam in Jack Montforts kleines Büro und tauchten die Ecken in angenehmes Dämmerlicht. In letzter Zeit verspürte er immer eine gewisse Vorfreude auf die Stunden am Ende des Tages, die er für sich allein hatte. Er sagte sich, dass er mehr erledigt bekam, wenn das Telefon nicht läutete und keine Kunden vorbeischauten, aber vielleicht, so dachte er mit leiser Bitterkeit, lag es auch nur daran, dass er herzlich wenig Grund hatte, nach Hause zu gehen.
Er stand an seinem Fenster, blickte auf die Fußgänger herab, die auf beiden Seiten der Magdalene Street vorüberhasteten, und überlegte beiläufig, wohin sie wohl alle an diesem Mittwochabend so eilig unterwegs waren. Die Tore der Abtei gegenüber waren um fünf Uhr geschlossen worden, und er beobachtete, wie der Wächter die letzten Nachzügler hinausließ. Es war ein wolkenloser Märztag gewesen, jedoch mit einem schneidenden Wind, und Jack konnte sich vorstellen, dass jemand, der sich vom Sonnenschein zu einem Spaziergang um den Fischteich des Abts hatte verleiten lassen, inzwischen bis auf die Knochen durchgefroren sein musste. Nun würden sich die Umrisse der verbliebenen Strebepfeiler der großen Kirche gegen das helle Rosa des östlichen Himmels abzeichnen, eine angemessene Belohnung für diejenigen, die der Kälte getrotzt hatten.
Er konnte sich glücklich schätzen, die beiden Büroräume im ersten Stock bekommen zu haben, mit Blick auf den Marktplatz und den Eingang zur Abtei. Es war eine erstklassige Lage, und die Auflagen, die mit der Renovierung eines denkmalgeschützten Gebäudes verbunden waren, hatten ihn nicht abgeschreckt. Durch seine Jahre in London hatte er reichlich Erfahrung im kreativen Umgang mit Vorschriften gewonnen, und es war ihm gelungen, die Räumlichkeiten zu seiner Zufriedenheit zu modernisieren, ohne sein Budget zu überschreiten. Er hatte eine Sekretärin eingestellt, die über seinen neuen Empfangsbereich herrschte, und sich an die langwierige Aufgabe gemacht, ein Architekturbüro aufzubauen.
Und wenn eine kleine Stimme immer noch gelegentlich flüsterte: Wozu das Ganze?, dann tat er sein Bestes, sie zu ignorieren, und machte weiter, so gut er eben konnte, auch wenn ihn die letzten Jahre gelehrt hatten, dass alle Pläne letztlich nur flüchtige Entwürfe waren. Schon als Kind hatte sein Lebensweg für ihn festgestanden: Universitätsabschluss, eine erfolgreiche Laufbahn als Architekt ... Ehefrau ... Familie. Was er nicht mit auf der Rechnung gehabt hatte, war die Weigerung des Lebens, dabei mitzuspielen. Jetzt waren sie alle nicht mehr da: seine Mutter, sein Vater ... Emily. Mit vierzig fand er sich wieder in Glastonbury. Es war ein Schritt, der vor zwanzig Jahren für ihn unvorstellbar gewesen wäre; aber hier war er nun, allein in dem alten Haus seiner Eltern in der Ashwell Lane, bedrängt von Erinnerungen.
Er krempelte die Hemdsärmel hoch, setzte sich an seinen Schreibtisch und rückte einen leeren Bogen Papier in den Lichtkegel seiner Architektenlampe. Nur dazusitzen und in Selbstmitleid zu schwelgen würde ihm auch nicht weiterhelfen, und schließlich gab es da einen Bauherrn, der für morgen ein Angebot für den Umbau eines Wohnhauses erwartete. Wenn er seine Arbeit rasch erledigte, konnte er sich vielleicht sogar auf ein Abendessen mit Winnie freuen.
Er dachte daran, wie unerwartet Winifred Catesby in sein Leben getreten war, und musste lächeln. Nachdem die wohlmeinenden Freundinnen seiner Mutter einmal entschieden hatten, dass eine angemessene Trauerzeit verstrichen sei, hatte er sich vor arrangierten Rendezvous kaum retten können, und die Willensanstrengung, die es ihn gekostet hatte, mit liebeshungrigen geschiedenen Frauen Konversation zu machen, hatte er bald als noch deprimierender empfunden als das Alleinsein. Er hatte sich so oft herausgeredet, dass seine Wohltäterinnen ihn endlich zu einem hoffnungslosen Fall erklärt und in Ruhe gelassen hatten.
Solchermaßen befreit von unwillkommenen Verpflichtungen, war er in der Folgezeit immer häufiger die acht Kilometer bis Wells gefahren, um sich die Wohltat des Abendgottesdienstes in der Kathedrale zu gönnen. Die Nähe zum Chor der Kathedrale war einer der Gründe, weshalb es ihn wieder nach Glastonbury gezogen hatte. Als Student hatte er in der Domschule gesungen, und dieser Erfahrung verdankte er seine andauernde Begeisterung für Kirchenmusik.
Und dann, eines Abends vor einem Monat, als er seinen angestammten Platz im Chorgestühl der Kathedrale eingenommen hatte, war sie plötzlich neben ihm aufgetaucht – eine Frau von angenehm gewöhnlichem Äußeren, Mitte dreißig, mit hellbraunem Haar, das unter einem weichen Samthut hervorlugte, und einer leichten Stupsnase. Sie fiel ihm nicht besonders auf, er nickte ihr nur beiläufig zu, als sie sich hinsetzte, wie man das bei Fremden tut. Der Gottesdienst begann, und genau in dem Moment, als die ersten hohen Töne der Sopranstimmen ihm einen Schauer über den Rücken jagten, trafen sich ihre Blicke, und sie lächelte.
Anschließend plauderten sie angeregt und ganz natürlich miteinander, und als sie zusammen aus der Kathedrale ins Freie traten, vertieft in eine Diskussion über die Vorzüge verschiedener Chöre, da lud er sie spontan zu einem Drink im nahe gelegenen Pub ein. Den Priesterkragen bemerkte er erst, als er ihr aus dem Mantel geholfen hatte.
Emily, die ihn immer wegen seiner konservativen Einstellung gerügt hatte, würde sich über seine Verblüffung köstlich amüsiert haben. Und Emily, da war er sich sicher, hätte Winnie sympathisch gefunden. Er streckte einen Finger aus und berührte das Foto auf seinem Schreibtisch, und Emily blickte ihn an mit ihren dunklen Augen, aus denen Humor und Intelligenz leuchteten.
Seine Kehle zog sich zusammen. Würde der Schmerz seines Verlusts immer so dicht unter der Oberfläche liegen? Oder würde er sich eines Tages zu einer leisen, kaum bewussten Empfindung verflüchtigen, so vertraut und alltäglich wie eine raue Stelle auf der Haut? Aber wollte er das denn wirklich? Würde er weniger er selbst sein, wenn Emily nicht mehr ständig in seinen Gedanken gegenwärtig war?
Er musste unwillkürlich lächeln. Emily würde ihn ermahnt haben, nicht so sentimental zu sein und sich lieber an die Arbeit zu machen. Mit einem Seufzer blickte er auf das Blatt Papier herab, und dann kniff er überrascht die Augen zusammen.
Er hielt einen Stift in der rechten Hand, obwohl er sich nicht erinnern konnte, danach gegriffen zu haben. Und der Bogen, der noch einen Augenblick zuvor leer gewesen war, war nun mit einer fremdartigen Handschrift bedeckt. Er runzelte die Stirn und sah nach, ob darunter vielleicht noch ein anderes Blatt läge. Doch da war nur dieser eine Bogen, und als er ihn näher in Augenschein nahm, bemerkte er, dass der in einer kleinen, exakten Handschrift geschriebene Text anscheinend auf Latein war. Als er genug von seinem Schullatein zusammengekramt hatte, um eine grobe Übersetzung anzufertigen, wuchs seine Verblüffung.
Wisset denn, was wir... Jack rätselte einen Moment, bevor er sich für erbauet haben entschied; es folgte etwas, was er nicht entziffern konnte, und dann ging es weiter ... in Glaston. Sollte das Glastonbury sein? Es war schön wie... nur irgendein irdisch Ding, und hätte ich es nicht über die Maßen geliebt, so würde sich mein Geist nicht klammern an die Träume von all dem, was entschwunden ist.
Ihr liebet wohl, was wir geliebt. Die Zeit... Hier war Jack gezwungen, zu dem zerfledderten Lateinwörterbuch in seinem Bücherschrank zu greifen, und nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass der Satz etwas mit Schlaf oder Schläfern zu tun hatte, fuhr er ungeduldig fort: ... zu erwecken, auf dass sich Glaston gegen die Finsternis erhebe. Wir haben... irgendetwas ... lange auf euch... es liegt in euren Händen.
Auf diesen Satz folgte ein sich verjüngendes Gekrakel, beginnend mit einem E – es mochte sich um eine Unterschrift handeln, möglicherweise »Edmund«.
War das vielleicht irgendein Scherz, eine Zaubertinte, die sichtbar wurde, sobald sie dem Licht ausgesetzt wurde? Aber seine Sekretärin machte auf ihn nicht den Eindruck, als neige sie zu albernen Streichen, und schließlich hatte er das Blatt aus einem neuen Stapel genommen, den er eben erst eigenhändig ausgepackt hatte. Es blieb nur die Erklärung, dass er diese Zeilen zu Papier gebracht hatte – in einer fremden Handschrift und einer fremden Sprache. Aber das war absurd. Wie hätte er so etwas tun können, ohne dass es ihm selbst bewusst war?
Die Wände von Jacks Büro schienen auf ihn einzustürzen, und die Stille, die sonst so beruhigend war, schien vor Spannung zu vibrieren. Das Atmen fiel ihm schwer, es war, als ob die ganze Luft in dem kleinen Zimmer aufgebraucht sei.
Wer waren »sie«, die in Glastonbury gebaut hatten und Lateinisch schrieben? Die Mönche der Abtei, nahm er an – eine logische Antwort. Und »er«, der »es ... über die Maßen geliebt« hatte, dessen Geist sich »klammerte... an die Träume von all dem, was entschwunden ist«? Der Geist eines Mönchs? Das wurde ja von Minute zu Minute schlimmer.
Was bedeutete »sich gegen die Finsternis erheben«? Und was hatte all das mit ihm zu tun? Die ganze Sache war vollkommen verrückt; er weigerte sich, weiter darüber nachzudenken.
Er knüllte das Blatt zusammen, schwang seinen Stuhl herum und hatte schon die Hand erhoben, um es in den...




